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	<title>Hans Fallada &#8211; Anja Röhl</title>
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	<title>Hans Fallada &#8211; Anja Röhl</title>
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		<title>Hans Fallada &#8211; Autor der Moderne</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Apr 2025 16:20:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hans Fallada]]></category>
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					<description><![CDATA[Hans Fallada - Dichter der Moderne vorgestellt und vorgelesen von Anja Röhl]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Als ich 1982 an der Freien Universität Berlin-Dahlem im Fachbereich Germanistik studierte, fanden sich in der Unibibliothek gerade mal drei Bücher von Fallada. Als ich meine Examensarbeit über &#8222;Jeder stirbt für sich allein&#8220; schreiben wollte, sprachen die Professoren abfällig von Trivialliteratur. Begründung: Seine hohen Verkaufszahlen, sein verständliches Schreiben. Ich kannte schon mit 20 Jahren das gesamte Werk von ihm und hielt ihn für einen Schriftsteller von großer Bedeutung. Mich faszinierte seine uneingeschränkte Sympathie für die Kinder, Jugendlichen, Schwachen, Armen und Verlierer, seine leichte Ironie, seine durchgehende Kritik an autoritären Strukturen, seine packenden Dialoge und seine episch breite Erzählweise, in die man wie in eine ganze Welt eintauchen konnte. Ich hielt ihn schon damals für einen großen Autor der Moderne, einen, der Zeitgeschichte für alle und doch gegen den Strom erzählt hat. Oft wurde Hans Fallada nicht etwa seine gutbürgerliche Herkunft, wohl aber sein Scheitern daran vorgeworfen, er sei selber ein &#8222;kleiner Mann&#8220; hieß es und dass man sich ernsthaft mit seiner Kunst beschäftigt, schien anrüchig. Heute ist die Zeit über dieserlei Fehlurteile hinweg gegangen, schließlich wirft heute keiner Mozart sein bürgerliches Scheitern, Balzac seine finanziellen Fehlhandlungen, Kafka seinen Autismus und Brecht seine Frauengeschichten vor.  Jedoch konnte noch vor 10 Jahren ein einfacher Psychiater Hans Fallada über seine Krankengeschichte definieren. Er sei ein &#8222;konstitutionell psychopathologisch&#8220; erkrankter Mensch gewesen, schrieb er, was soviel bedeutet, wie erblich bedingt krank, und niemand protestierte. Niemand kritisierte, dass er hier Begriffe der NS-Medizin-Terminologie unkritisch und ohne Anführungszeichen in einem heutigen literarischen Fachbuch als Verhaltens-Zuschreibungen eines weltberühmten Autoren postuliert wurden. Doch es hilft nicht, Falladas Werk wird gelesen, in Deutschland und auf der ganzen Welt. Es ist interessant, auch die Biografie eines Dichters zu lesen und dadurch zu erfahren, dass er ein ganz normaler Mensch war, mit Stärken und Schwächen und in welchen Situationen er zum Schreiben gekommen ist, aber wenn es an das Werk geht, so tun wir gut daran, es von seiner  seiner Kunst, Wahrheit abzubilden, seiner Fähigkeit packende mitreißende Geschichten zu erzählen, seiner Fähigkeit Allgemeinmenschliches beizutragen, von seiner Nützlichkeit für den Leser, (hilft es ihm die Welt besser zu ertragen?) her zu beurteilen. </p>



<p>Ich beteilige mich mit unregelmäßigen Lesungen aus Falladas Werken und dem Schreiben von Fachaufsätzen daran, diesen Dichter lebendig zu erhalten und bin in der <strong><a href="https://fallada.de/" title="Hans-Fallada-Gesellschaft">Hans-Fallada-Gesellschaft</a> </strong>mit anderen dabei, immer weitere neuere Forschungsaspekte und Archivfunde der Öffentlichkeit vorzustellen.</p>



<p><strong>Ich lese aus Kurzgeschichten und Kindergeschichten des Dichters Hans Fallada, habe drei Programme zur Auswahl und freie Termine ab Juni 2025, anmelden über: anjairinaroehl@gmail.com</strong></p>



<ol class="wp-block-list">
<li>Frühe Kurzgeschichten</li>



<li>Kindergeschichten</li>



<li>Letzte Geschichten</li>
</ol>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Der verkehrte Tag“, eine Geschichte mit Hintersinn?</title>
		<link>https://anjaroehl.de/der-verkehrte-tag-eine-geschichte-mit-hintersinn-anja-roehl/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Aug 2018 16:47:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hans Fallada]]></category>
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					<description><![CDATA[Literaturwissenschaftlicher Text über die Kindergeschichte vom verkehrten Tag von Hans Fallada]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong><a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/geschichten-aus-der-murkelei/978-3-351-03795-6" title="Falladas Kindergeschichten">Falladas Kindergeschichten</a></strong> kommen wieder auf, man sieht sie in hellen, bunten Ausgaben, in Hörbuchform und Bild-geschmückt in den Buchläden ausliegen.&nbsp; Das war nicht immer so. Als ich 1982 an der Freien Universität Berlin-Dahlem im Fachbereich Germanistik studierte, fanden sich in der Unibibliothek gerade mal drei Bücher von Fallada, seine Kinderbücher waren nicht dabei. Diese konnte man, wenn man großes Glück hatte,&nbsp; in abgegriffenen, dunklen Ausgaben mit Stockflecken in Antiquariaten finden. &nbsp;Die Professoren sprachen auch bei den drei vorhandenen Werken von Trivialliteratur. Ich möchte mich heute mit einer seiner Kindergeschichten näher beschäftigen. Es dreht sich um die Geschichte vom verkehrten Tag: Hat sie einen Wert, der über eine bloße Verwechslungskomödie hinausgeht? &nbsp;Ist diese kleine Kindergeschichte von Hans Fallada künstlerisch, entfaltet sie eine fesselnde und bedeutsame Wirkung über Familie Ditzens Essensrunde hinaus, und wirkt sie auch über die Zeit hinaus, in der sie entstand? &nbsp;Oder ist sie, wie es oft heißt, als ein Produkt inneren Ausweichens entstanden, also eine Anpassungsleistung an seine Zeit, Einknicken gegenüber den Mächtigen? Ich wende mich also der Frage der künstlerischen Qualität zu, verbunden mit der Frage der politischen Bedeutung der Geschichte in seiner Zeit.</p>



<p>Ob eine Kindergeschichte künstlerisch wertvoll ist, entscheiden vielerlei Kriterien. Fassen wir es mit Tucholsky zusammen, der sagte: „Ich möchte nicht gelangweilt werden“. Künstlerisch wertvoll ist also etwas, dass zwar an den Erfahrungen der Leser anknüpft, (sonst würde es ja nicht gelesen werden, ihre Sympathie hervorruft, aber ihre Vorerwartungen übertrifft, überrascht, also eben nicht einfach nur erfüllt, sondern&nbsp; Neuerungen, Besonderheiten, Kreativität anbietet, die den Leser zu einem Perspektivenwechsel, &nbsp;mglw. auch Horizontwechsel anregen<sup>1)</sup>.&nbsp; „Lesersympathie“ muss erworben und „Leseraktivität“ muss angeregt werden, dann ist etwas Kunst und nicht nur Trivialliteratur<sup>2)</sup>. Damit handelt es sich um mehr als bloßes Konsumieren eines Lesestoffes, denn es entspringt geistige Aktivität und Anregung, Überwindung eines Althergebrachten daraus. &nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Damit eben langweilt man nicht, sondern fesselt. Beispiel dafür ist Astrid Lindgrens weltweite Milliardenauflage mit ihren absolut unkonventionellen Figuren (Pippi Langstrumpf) und Themen (Tod, Kindesverwahrlosung und Krankheiten).&nbsp;Für Kinderliteratur höchst bedeutsam ist, wie Gansel<sup>3)</sup> erarbeitet hat, aus welcher Perspektive sie an Kinderthemen herangeht, aus der Erwachsenenperspektive, bei der es um „Erziehung“, „Anstand“, „gutes Benehmen“ und „Manieren“ geht, also Zeigefingermoralisierend, wie zB im Struwelpeter, oder aus der Kinderperspektive, wie es Lindgren u.a. taten, die eine empathisch-Selbstwertstützende sein sollte, und Kenntnisse kindlicher Entwicklung und Bedürfnisse voraussetzt. Selbstredend ist die zweite Variante unter Kindern beliebter, erreicht sie besser und kann damit mehr in ihnen bewegen als die erste, die Kinder einerseits einschüchtert, andererseits langweilt. &nbsp;Man kann also letztendlich auch moralisch mit der zweiten Variante, auf indirektem Wege, mehr erreichen. In diesem Fall lesen wir schon in Falladas Vorwort Ungewöhnliches, er schreibt, dass er Kinder über dieses Buch hat entscheiden lassen. Wir lesen, indem er sich direkt an seine mit Klarnamen genannten Kinder als Hauptzielgruppe (!) wendet, dass Uli&nbsp; es sich gewünscht hätte, dass aus den Geschichten ein Buch entstünde.<sup>4)</sup> &nbsp;„Onkel“ Rowohlt meinte, die Geschichten seien wertvoll, nachdem er sie anderen Kindern und <em>dann erst</em> (!) Erwachsenen zu lesen gegeben hatte.</p>



<p>Mag es so gewesen sein oder nicht, Fallada ist ein hochprofessioneller Gestalter seiner Texte und wählte gezielt diese Einführung.&nbsp; Kinder haben laut offiziell damals gültiger Nazi-Doktrin in dieser Zeit niemals Entscheidungen treffen können, sie haben zu reden, wenn sie gefragt werden, sie sollen unfrei bleiben und gehorchen lernen. Kinder über Erwachsene zu stellen, wie es hier schon in den ersten Sätzen geschieht, widerspricht einmal der Lesererwartung und zum zweiten der offiziellen Politik, denn Kinder sollen in der Zeit vor allem durch Angst eingeschüchtert werden<sup>5)</sup>.&nbsp; Bücher, die den Namen „Der Giftpilz“ tragen, erklären den Kindern in bunten Bildchen, dass sie sich dafür dann anderen überheblich fühlen dürfen, da der Jude kein Mensch ist und man mit ihm daher kein Mitleid haben darf.</p>



<p>Hans Fallada verortet also schon in den ersten Sätzen sein kinderliterarisches Werk in den Bereich der empathisch-Selbstwert stützenden, der kinderperspektivischen Literatur. Damals eine Seltenheit unter den Kinderbüchern. Im ersten Satz der Einführung zu den Geschichten aus der Murkelei gibt er nun als sein profanes Ziel an: Die Geschichten seien dazu gemacht, dass das Essen besser rutsche und nicht so langweilig sei <sup>6)</sup>. Auch in diesem Satz ein Widerspruch zur damals herrschenden Lesererwartung und Erwachsenen-Auffassung, nämlich die, dass man bei Tisch nicht reden darf und dass Kinder unter Strafandrohung, wie zB in der Episode vom Suppenkasper im Struwelpeter, &nbsp;zum Essen gemahnt und gedrängt werden müssen. Es handelt sich also um einen realistischen Beginn. Hier herrscht Klarheit über das tatsächliche Geschehen, der Pappa hat sich die Geschichten ausgedacht. Auch dieser Ansatz ist typisch für eine moderne Auffassung von &nbsp;Kinderliteratur, die damals schon einen Ansatz verfolgt, der sich auch nach 45 in Ost und West nur zögerlich, erst durch die 68iger-Autoren (Volker Ludwig, Frederick Vahle, Janosch, Leo Lionni u.a.) durchzusetzen begann. Ein realistischer Einstieg, im Gegenteil von verschwommen &#8211; märchenhaften Einstiegen lässt Kinder nicht im Dunkeln darüber, ob das Erzählte wirklich passiert oder erfunden ist. So wird zB in der „Erwachsenenperspektiv-Kinderliteratur, unter dem „erzieherischen Ziel“ größtmöglicher Folgsamkeit und Angstmacherei die Illusion, dass fremde und unheimliche Hexen, Geister und Bösewichte wirklich existieren, eher betont. Schauen wir nun in die Geschichte hinein, ob er diesen Ansatz weiter verfolgt oder wieder fallen lässt.</p>



<p>Da wacht die „Mummi“ in der ersten Szene „am frühen Morgen auf, während sie sieht, dass der Pappa noch schläft“<sup>7)</sup>. Dass es sich hier auch schon um etwas „Verkehrtes“ dreht, können nur die unmittelbaren Familienmitglieder oder regelmäßige Fallada-Leser als Witz begreifen, denn aus zahllosen anderen Büchern weiß der Leser: Mummi war eine notorische Langschläferin und der Pappa war immer der erste, der wach war.&nbsp; Hier wird zunächst die Lesererwartung über die treusorgende immer früh aufstehende Mutter erfüllt, am Ende aber, durch die überraschend realistische Wendung wieder aufgelöst, denn da ist es die Mutter, die sich nach dem „Traum“ die Augen reibt und der Uli, der sie mit einem Waschlappen endlich einmal wecken geht.&nbsp;&nbsp;Dass der Pappa sich mit dem Bettvorleger zugedeckt hat und die Bettdecke unter sein Bett getan, dazu „fein säuberlich“, enthält eine Anspielung gegen preußische Tugenden, wie das fein säuberliche Zusammenlegen von Sachen. Es wird witzig durch den Fußboden (der ja meist nicht unbedingt sauber ist) und führt so das „fein-säuberliche“ Zusammenlegen ad absurdum.</p>



<p>Der Ausspruch der Tochter: „Ich bin aber keine grüne Gurke“, erhält seinen Witz aus der Rätselhaftigkeit, scheint aber eine innerfamiliäre Anspielung auf Faulheit oder eine eher hängende Körperhaltung zu sein. Liest man nämlich die „Geschichte vom getreuen Igel“ nur wenige Seiten weiter im selben Erzählband, ist mehrmals die Rede von grünen Gurken, man sieht sie dort vom Kompost herabhängen<sup>8)</sup>, schließlich mysteriöserweise herabfallen, dann sind sie nach Aufklärung der Sache, nochmal erwähnt<sup>9)</sup>. Es wird also etwas zur Entschlüsselung dieses Bildes angeboten. Doch auch hier dominiert, selbst im Halbschlaf, das Kind, denn es wehrt sich mit seinem Ausspruch offenbar gegen eine scherzhaft-aufziehende Erwachsenenzuschreibung.</p>



<p>Bei Uli im Bett ist die „Decke ganz geschwollen“ und der Junge ist nicht zu sehen, stattdessen findet die Mutter unter der Decke eine Kuh, die flugs personalisiert wird, als „Frau Kuh“ angesprochen und mit Namen genannt (Erikuh). Die geschwollene Decke, unter der die Kuh schläft, &nbsp;ist nun sicher für Kinder ein höchst unerwartetes und daher sehr witziges Bild. Dass das aber die Mummi nicht besonders dramatisch findet, ist der zweite Teil des Witzes. Lediglich erschöpft setzt sie sich, doch der Stuhl vermenschlicht sich und beginnt die Erschöpfte in die Küche zu fahren.&nbsp; Der Reiz dieses Bildes rührt wahrscheinlich aus der Erfüllung des heimlichen Wunsches der Mutter, nicht mehr selber gehen zu müssen, sondern gefahren zu werden.&nbsp; Dort reitet Uli auf dem Zeiger der Uhr und verstellt diese. Er ist also flugs zu einem Däumeling geworden, der die Zeit schneller stellt.</p>



<p>Jeder Witz lebt durch die in ihm enthaltene Wahrheit und hier könnte dieses &nbsp;als ein Sinnbild für das Temperament des Sohnes gemeint sein, der damit positiv besetzt, als aktiv, schnell und beweglich beschrieben wird. Das anschließende Helfen beim Frühstückmachen wird zu einem köstlich kindgerechten Bildwitz, da statt Kohlen das Wasser angezündet wird, und nicht über der Pfanne, sondern über die Kohlen die Eier zerschlagen werden. Man sieht also unten aus dem Ofen Wasser fließen und oben Eier über die Kohlen zu einer braunen Pampe verbrennen.&nbsp; Dagegen ist die Beschreibung der Küche und des Backens bei Pippi Langstrumpf geradezu nüchtern angelegt.</p>



<p>Der reale Gehalt hinter diesem absurden Bild ist der, dass hier kindliche Leseaktivität augenblicklich provoziert wird, noch dazu im Sinne eines indirekten moralischen Einflussnehmens. Die zuhörenden Kinder werden sofort&nbsp; den wirklichen Hergang des Kochens aus ihrer Erinnerung aktivieren und gegen dieses Bild setzen, in dem Sinne, dass sie unter Lachen und Kreischen zu dieser Sequenz,&nbsp; laut kommentierend, noch während des Erzählens, rufen werden: „Nein, nicht das Wasser,…die Kohlen!“, und: „Nein, nicht das Ei über die Kohlen, sondern über die Pfanne!“ Somit haben sie hier wie nebenbei ihre Kenntnisse über das Kochen gefestigt. Mit dem anschließenden Streit über Setz- und Spiegelei wird ebenfalls Leseraktivität bei den Kindern geweckt, denn dass es zwei Begriffe für ein und dasselbe gibt, und Kinder dies schon entschlüsseln können, provoziert sie sofort zur Teilnahme, da sie beweisen wollen, dass sie das schon wissen und eventuell, noch vor Auftreten des Vaters, in die Geschichte hinein schreien: „Ist doch dasselbe!“ </p>



<p>Dass die Kuh Eri mglw. wissen kann, wo Uli ist, lässt den Leser eventuell auch den Gedanken haben, dass die beiden befreundet sind, also Uli die Kuh gern hat, weshalb er sie auch in seinem Bett schlafen lässt. Hier könnte auch ein relativ typischer kindlicher Ausspruch eines noch kleineren Uli einmal vorgekommen sein, der da lauten könnte: “Warum muss die arme Erikuh bei solcher Kälte draußen im Stall schlafen, ich will sie mit in mein Bett nehmen!“ Dies entspricht der magischen Phase kindlicher Entwicklung, in der Kinder Tiere vermenschlichen, sich mit ihnen auf eine Stufe stellen und sie lieb gewinnen können. Eine weitere Leseraktivität könnte in Bezug auf erwachsene Hans-Fallada-Leser auftreten, die sein Frühwerk kennen, wo er selbst eine Kuh vermenschlicht und sie als große Mama dargestellt hat, freudianisch assoziiert mit: Dick, warm, lieb, gemütlich, Bauch, treuen Augen, Müdigkeit, Geborgenheit, weichem Fell.</p>



<p>Der eintretende Schimmel ist eindeutig der Pappa, (Fallada, der du hangest), dieser widerspricht durch sein: „Streitet euch nicht!, sagt er gemütlich“,&nbsp; sämtliche zeitbezogene Vaterreaktionen auf Kinderstreits. Erwartet würde hier ein cholerisch herein brausender Vater, der Angst machen würde.&nbsp; Der Schimmel, und auch noch so gemütlich, und selbst als er sagt: „Sonst kriegt ihr Haue“, macht nun keinerlei Angst. Ist gleich darauf sogar mütterlich-fürsorglich: „zieht euch schön warm an<sup>10)</sup>. &nbsp;</p>



<p>Dass „Miezi“ keine Hauskatze, sondern ein Hausmädchen&nbsp; ist, wird dem unkundigen Leser erst klar durch das Plattsprechen des Mädchens, es soll aber sicher eine über den Namen hinausreichende Verwandtschaft durchaus assoziiert werden. Als eine echte Katze auftritt, muss sich der verblüffte Leser dies wiederum selbstaktiv erschließen, denn die später in Zusammenhang mit Tante Palitzsch auftretenden „Peggy“, die zuhause bleiben musste, könnte zunächst auch ein Hausmädchen sein. Hier wird stark assoziativ gearbeitet und der Leser in immer neue Verblüffungen und Rätsel geschickt, die sich zt, wie hier, sozusagen über kreuz auflösen (hat man erst herausgefunden, dass Miezi die Hausangestellte ist, dann erschließt sich, dass Peggy die Katze ist, und umgekehrt, erkennt man, dass Peggy eine Katze ist, spätestens bei der Aufgabe, dass sie den Fußboden ablecken soll, so erschließt sich plötzlich rückwirkend, dass Miezi also keine Katze, sondern das Hausmädchen war). Auch das Katzenauge der Tante Palitzsch bleibt zunächst rätselhaft, bis sie einmal ihre Augen schließt, der Wachtmeister dann sofort davon ausgeht, es gäbe kein Katzenauge, die Familie „ins Gefängnis werfen will“, und damit dem Leser klar wird, dass es sich um die geöffneten Augen der Tante handeln muss, die entweder so schmal wie Katzen oder so rot wie ein Katzenauge am Auto sein müssen, wahrscheinlich beides, damit die Assoziation doppelt hält.</p>



<p>Aber auch der echte Pappa, der nun vom Schimmel vor den Wagen gespannt wird, wieder mit „hängendem Kopf“ sich aber als ungeschickt erweist, rückwärts irgendwo hineinfährt, später in der Pfütze suhlt und schließlich vom Schimmel in den Wagen verfrachtet wird, wie einer, der nichts taugt, verbirgt nicht wenige Anklänge an Falladas Selbstbild, wie er es immer wieder gern gepflegt hat. Dies auch seinen Kindern frei und offenlegte. (Sicher auch zur Rechtfertigung seines für Kinder manchmal kaum verstehbaren Verhaltens während seiner Depressionen). &nbsp;Auch hiermit wird das traditionell und damals politisch opportune autoritäre Vatermuster komplett durchbrochen. Statt Angst machend wird der Vater als bedauernswert beschrieben.</p>



<p>Vor des Gemeindevorstehers Haus sträubt eine Akazie wild ihre Wurzeln. Ein schönes Bild, das Haare sträuben assoziiert, in Verbindung mit einer „Amtsperson“ und vor dessen Haus, bei Ansicht all dessen, was sich dort eventuell administrativ zu der Zeit tut, könnte dies für Erwachsene eine kritisch-ironisch gefärbte Anspielung zumindest gegen Staatsvertretung im Kleinen bedeuten und Kindern Angst vor Behörden nehmen. Desgleichen die Szenen mit dem Wachtmeister, der für eine Kleinigkeit die Familie ins Gefängnis bringen will. Vorher, sagt die Wirtin vom Deutschen Haus, bei der sie eigentlich Einkehr erwartet hatten, müssten sie aber noch spülen und zeigt ihnen unübersichtliche Massen von dreckigem Geschirr.&nbsp; Der Wachtmeister will dabei sogar mithelfen, womit seine gefängnisbedrohliche Rolle für die Kinder wieder etwas abgeschwächt, er selbst aber gleichzeitig nochmal lächerlich gemacht wird.</p>



<p>Nun kulminiert die Verrücktheit in der letzten Sequenz in einer großartigen Stärkeszene des kleinen Uli, der hiermit fast als Hauptperson der Geschichte enthüllt wird. (Im Alter und Temperament Anklänge an „Michel in der Suppenschüssel“, von Lindgren): Sie werfen das zu Gummi gewordene Geschirr in einer Art anarchistischer Rebellion in den See und nun kommt Ulis Großtat, dem zum zweiten Mal Übernatürliches geschieht: Er wirft die Suppenterrine so hoch, dass sie zum Mond am Himmelsfirmament wird, in das dann die ganze Familie an einem Strahl hochsteigt und sich die Welt dort zwischen glitzernden Sternen von oben beguckt, bis dann durch wildes Schaukeln die Strahlen reißen und alle zusammen in den See fallen und nass werden. So nass, wie die Mummi sich fühlt, als sie schließlich aufwacht aus ihrem Traum, den der Uli ihr mit einem Waschlappen aus dem Gesicht wäscht. Die Geschichte ist am Ende aus der Welt der Wunder und Absonderlichkeiten wieder in die Realität zurückgekommen, Mummi wacht als Letzte auf, der Tag beginnt erst.</p>



<p>Man kann die Geschichte vom verkehrten Tag durchaus mit Autoren wie Astrid Lindgren in Verbindung bringen, aber sie darüber hinaus mit der weitaus späteren, der emanzipativen und anarchistisch angehauchten Kinderliteratur der 60-iger Jahre (West) vergleichen, bei der auch, wie Volker Ludwig (Grips-Theater) und andere immer gefordert haben, auf realistischer Grundlage in witziger Form, den Bedürfnissen und Wünschen der Kinder nachgegangen wird. Dabei sollen sie unterstützt werden, sich selbst viel zuzutrauen und sich von Autoritäten wie Vätern, Polizisten, Gemeindevorstehern möglichst keine Angst machen zu lassen. Dem Kind wird also, um mit Monika Hernik zu sprechen: „Autonomie zugebilligt und das Recht auf Kindsein“<sup>11)</sup>. Auch das ist das Gegenteil der im Nazireich herrschenden Maxime, Kinder eingeengt, unfrei, in Angst und Schrecken zu halten.</p>



<p>Nimmt man alles zusammen, sind von Fallada in dieser Geschichte zahllose Leseraktivitätsanreize gesetzt worden, die kreativ und beweglich assoziiert werden können, es wird viel Unerwartetes an erwartete Lesersympathien gebunden und wird in keinster Weise ein autoritäres Weltbild bedient. Kindern wird Entscheidungsfreiheit, Größe, Kraft und Stärke zugeschrieben und zugebilligt. Es handelt sich also mE auf keinen Fall um ein opportunistisches Werk ohne künstlerischen, ohne aufklärerischen Wert. Stattdessen beweist Fallada an zahllosen Stellen Einfühlung in kindliche Bedürfnisse und Entwicklungsstufen, nimmt also in dieser Geschichte ausschließlich die für heutige Kinderliteratur geforderte Kinderperspektive ein.</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Anja Röhl in: <strong><a href="https://fallada.de/salatgarten/" title="Salatgarten">Salatgarten</a></strong> Nr 1/2015, S.31ff</em></p>



<p><em>Anmerkungen:</em></p>



<ol class="wp-block-list">
<li><em>Angelika Kieser-Reinke: Techniken der Leserlenkung bei Hans Fallada, Bern 1979, S.10</em></li>



<li><em>Ebenda, S. 44</em></li>



<li><em>Carsten Gansel: Moderne Kinder- und Jugendliteratur, Praxishandbuch für den Unterricht, Cornelsen 1999, S. 13ff</em></li>



<li><em>Hans Fallada: Geschichten aus der Murkelei, Aufbau 2004, S.7</em></li>



<li><em>Erika Mann: 10 Millionen Kinder, über Erziehung im Nationalsozialismus, München 1986 (Erstauflage 1938), S. 19</em></li>



<li><em>Hans Fallada: Geschichten aus der Murkelei, Aufbau 2004, S.8</em></li>



<li><em>Hans Fallada: Geschichte vom verkehrten Tag, in Geschichten aus der Murkelei, Aufbau 2004, S. 40</em></li>



<li><em>Hans Fallada: Geschichte vom getreuen Igel, aus: Geschichten aus der Murkelei, Aufbau 2004, S.54</em></li>



<li><em>Ebenda S.57: „abgefallene Gurken</em></li>



<li><em>Hans Fallada: Geschichte vom verkehrten Tag, in Geschichten aus der Murkelei, Aufbau 2004, S. 41</em></li>



<li><em>Monika Herink: Hans Fallada als moderner Erzähler für Kinder (S.113ff) in Gansel/Liersch: Zeit vergessen, Zeit erinnern, Carwitzer Tagungsband, Göttingen 2008,S. 119</em></li>
</ol>
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			</item>
		<item>
		<title>Erstaunlich offen für seine Zeit &#8211; zu Falladas Roman &#8222;Der junge Goedeschal&#8220;</title>
		<link>https://anjaroehl.de/erstaunlich-offen-fuer-seine-zeit-zu-falladas-roman-der-junge-goedeschal/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/erstaunlich-offen-fuer-seine-zeit-zu-falladas-roman-der-junge-goedeschal/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Feb 2018 17:15:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hans Fallada]]></category>
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					<description><![CDATA[Literaturwissenschaftlicher Text zum ersten Roman Hans Falladas, in dem dieser eine schwere Kindheit und Jugendzeit vor dem ersten Weltkrieg exemplarisch beschrieb]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Erstaunlich offen für seine Zeit</strong></p>



<p><strong>Die Kaninchenmordszene in Falladas Roman <em>Der junge Goedeschal. Ein Pubertätsroman</em></strong></p>



<p>Nicht wenige Literaturwissenschaftler, wie zum Beispiel Jürgen Mantey, haben den Roman <em>Der junge Goedeschal</em> nur unter autobiografischem Aspekt untersucht, den expressionistischen Stil als 1921 nicht mehr zeitgemäßen bezeichnet und das ganze Werk als Epigonen abgewertet, „unecht und künstlich“<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a>.&nbsp; Fallada schreite, so Manthey, den gesamten expressionistischen Themenkreis aus: „Großstadtphobie“, „Hässlichkeitskult“, „Dämonisierung des Geschlechtlichen“, „Dirnen-Verehrung“, „Tierszenen“, „Ich-Verzückung“.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a>&nbsp; und bediene auch formal sämtliche Merkmale des expressionistischen Stils: „Vorliebe für Partizipienreihungen“, „elliptische Verknappung“, „Nominalstil“.</p>



<p>Erst um die Jahrtausendwende setzte sich – auch dank der Untersuchungen von Marion George und Carsten Gansel – mit der Fokussierung auf poetologisch- erzähltechnische und gesellschaftspolitische Aspekte in Falladas Frühwerk eine neue Sicht auf den <em>Goedeschal </em>durch, die den Roman gleichberechtigt neben andere Adoleszensromane der Moderne stellt und keineswegs als epigonales Werk abwertet. Zeitgenössische Kritiker taten das ohnehin nicht.&nbsp;</p>



<p>Fallada hat erstaunlich lange an seinem Roman gearbeitet, und ich bezweifle, dass er nur einen Zeitstil nachgeahmt bzw. in dem Werk nur ein therapeutisches Tagebuch gesehen hat, mit dessen Hilfe er sich von seinem pubertären Trauma befreien konnte. Meiner Meinung nach wollte er etwas Wichtiges, Erhaltenswertes und Exemplarisches an die Leser weitergeben.</p>



<p>Ich möchte als Beispiel die Kaninchenszene aus dem Roman herausgreifen, die ich für eine starke Sequenz halte, eine geradezu symbolhafte Szene, in der sich aus dem Inneren des jugendlichen&nbsp; Protagonisten etwas Fremdes, Unkontrollierbares, also Unbewusstes<strong><sup> <a id="_ftnref3" href="#_ftn3"><strong>[3]</strong></a></sup></strong> erhebt, über den Protagonisten herrscht, und sein Verhalten bis zu einer Tötungshandlung hin bestimmt, die seinem eigenen Willen, seinem eigenen Gefühl und seinen eigenen Wünschen zuwiderläuft und psychoanalytisch unschwer als Über-Ich-bestimmte, erotisch eingefärbte Abwehr- und Selbstbestrafungsaktion zu erkennen ist<a id="_ftnref4" href="#_ftn4">[4]</a>. Das dominierende Thema des Romans ist die erwachende Sexualität und deren unbewusste Kraft, die sich –&nbsp; zeitgemäß durch Unaufgeklärtheit und Schuldangst gehemmt – in krankhafte, eigenartige und vor allem aggressive Impulse gegen den Willen des Ich des Protagonisten durchsetzt, bis hin zu starken Triebdurchbrüchen.</p>



<p>Schon unmittelbar nach der Herausgabe des <em>Goedeschal</em>, ist die Kaninchenszene offenbar als eine zentrale Szene des Buches wahrgenommen worden, denn der Autor, Lektor und Literaturkritiker Heinz Stroh, der gerade an einem Sammelband arbeitete, mit dem Titel: <em>Die Einsamen. Kindheitsnovellen</em>, entschied sich, unter dem Titel <em>Verzweiflung</em> Falladas Kaninchenszene als ersten Textausschnitt seiner Novellensammlung voranzustellen<a id="_ftnref5" href="#_ftn5">[5]</a>. Der 1921 bei Kiepenheuer erschienene Sammelband <em>Die Einsamen</em> vereint novellenartige Textausschnitte aus größeren, schon veröffentlichten und noch heute bekannten Werken renommierter Schriftsteller wie Hermann Hesse, Robert Musil und Stefan Zweig. Diese Auszüge sind mit neu gewählten Titeln montagehaft nebeneinander gestellt und erfüllen dabei die klassischen Merkmale von Kurzgeschichten: Unmittelbarer Beginn, offenes Ende, kurze Zeitdauer, nur wenige Figuren, keine Charakteristik, Reduktion auf das Wesentliche, problemfokussiert. Ihr gemeinsamer Nenner sind kindliche und jugendliche Nöte und Leidenschaften sowie unerklärliche, rätselhafte, aggressive und autoaggressive Verhaltensweisen von Jugendlichen, die von den Autoren als Folge unbewusster Triebkräfte dargestellt werden.</p>



<p>Heinz Stroh deutet die Problematik gleich mit seinen einleitenden Sätzen an: „Blicken wir in uns, so schauen wir die Kinderzeit und erschrecken ob der Unaufrichtigkeit dessen, das später kam. Und prüfen wir uns, so erkennen wir, daß das süßeste und bitterste, daß das stärkste Erleben in ihr war.“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6">[6]</a> Er appelliert also an den Leser, das Beschreiben und das Aufdecken unbewusster Kräfte in den literarischen Texten als ehrlich, bitter, süß und starkes Erleben anzunehmen und einer Unaufrichtigkeit entgegenzusetzen, die später, wenn die Kindheit und Jugend überstanden ist, diese Kräfte wieder zudeckt, und deren Präsenz verleugnen möchte. Man sehne sich aber, führt er weiter in seiner Vorrede aus, dorthin zurück: „Sind wir ehrlich, so müssen wir den Wunsch aussprechen: einmal wollen wir, einmal möchten wir – so gerne! – wieder Kind sein.“<a href="#_ftn7" id="_ftnref7">[7]</a></p>



<p>Es bestehe also ein Drang, auch als Erwachsener wieder in die Ehrlichkeit, Süße und Bitternis dieser Zeit zurückzugehen und sich aus dem, was er Unaufrichtigkeit nennt, zu befreien. Da Stroh Falladas Textstelle, nachdem das Buch schon konzipiert war, nicht ans Ende oder irgendeine andere Stelle, sondern an den Anfang seiner Anthologie gestellt hat, nehme ich an, dass sie auf ihn einen großen Eindruck gemacht hat, wie übrigens der gesamte Roman, den er auch sehr freundlich rezensierte. Überdies schien die Kaninchenszene genau zur Intention seines Buches zu passen, so dass er sie leitmotivisch als Einstig benutzte. Fallada selbst erfuhr davon erst 1925, denn sein Verleger hatte ihm Strohs Ersuchen nicht mitgeteilt und den Abdruck, der ja durchaus in Falladas Interesse lag, eigenmächtig genehmigt<a href="#_ftn8" id="_ftnref8">[8]</a>. Im Folgenden werde ich die Szene losgelöst vom Roman betrachten, so wie sie in Strohs Sammelband publiziert und von den Lesern wahrgenommen wurde:</p>



<p><strong>Zusammenfassung und Analyse der Kaninchenmordszene</strong></p>



<p>Ein Mensch wacht auf, der etwas vergaß, und sich über die Waschschüssel gebeugt, langsam daran erinnert. Es geht um einen Hans, da wird etwas beschworen: „Und Hans? Hans! Nicht an ihn gedacht, er allein, im dunstigen Dunkel des Kohlenkellers, ihnen ausgeliefert.“<a href="#_ftn9" id="_ftnref9">[9]</a> Der Mensch wird im weiteren Verlauf der Handlung als bei seinen Eltern lebendes Kind auf der Schwelle zum elternkritischen Jugendlichen erkennbar, denn er bildet sich „flüsternde Schatten der Eltern“ ein, die er bezichtigt, heimlich gegen ihn zu spionieren und die sogar, wie er seinem inneren Monolog verächtlich hinzufügt, „auf Zehenspitzen gingen“, obgleich sie wussten, dass er in der Schule war und sie ihn bei ihrem Spionieren nicht entdecken konnten.<a href="#_ftn10" id="_ftnref10">[10]</a></p>



<p>Aber im nächsten Moment erfüllen ihn ganz andere, nämlich weiche Gefühle, er versichert sich, dass sein Hans doch ganz sicher noch da sei. Nun erst offenbart sich dem Leser, dass es sich um ein Tier handeln muss, denn der Protagonist sieht im Geiste, wie Hans „die Schnauze an das Drahtgitter gepreßt“ <a id="_ftnref11" href="#_ftn11">[11]</a>, darauf wartet, mit Kohlblättern aus seiner Hand gefüttert zu werden. Danach sieht man ihn Treppen hinabjagen, „im Mund süßen Geschmack“ durch „umsonst gefühlte Angst“<a id="_ftnref12" href="#_ftn12">[12]</a>.&nbsp; Im Keller angekommen, tasten seine Hände in „beschmutzen Winkeln“, „fühlen „staubig erstarrten Koks“, „befeuchten sich“ mit der „verschlickten Nässe des Backsteinbodens“ im vergeblichen Suchen seines Tieres. Zunächst findet er nichts, kein „wolliger Anprall des …sehnsuchterfüllten Tierleibes an die Käfigbretter“, er erschrickt und fühlt sich in „unbegreifliche Tiefe stürzen“, er sieht sich allein, getrennt von den „Menschlichkeiten der anderen“, nochmals hinabstürzen in etwas, aus dem es keine „Rückkehr ins Alleinsein“ gibt.<a id="_ftnref13" href="#_ftn13">[13]</a> Man fragt sich als Leser, wie seltsam sind diese Gefühle? Offenbar hat der Protagonist Grund anzunehmen, dass die Eltern seine heimliche Obsession für ein kleines wolliges Tier in einem Käfig entdeckt und ihm damit das Einzige, was ihm Halt gab, weggenommen haben. Die Wahl des Ortes, an dem er das Tier in einem Käfig gefangen hält – ein Keller –, weist unschwer auf das Unterbewusste hin, wie es von Freud oft beschrieben wurde. Unzählige Male kommt in Träumen von Patienten das Sexuelle im verdrängten Unbewussten als Keller vor, der dunkel, schmutzig, feucht und glitschig ist. Gleichzeitig ist dies auch eine Methapher für das weibliche Genital, das dem Unaufgeklärten Angst macht und als ebenso Verbotenes in den Keller verdammt wird. Eingesperrt in einen Käfig neben den Kohlenhaufen, befindet sich nun dort ein Tier, das für das Es der sexuellen Triebe des jugendlichen Helden steht, die zum Durchbruch drängen und zu einer Entdeckung streben, vor der dieser berechtigterweise Angst hat.</p>



<p>Mag dies zu viel der Deutung sein, gibt das Folgende mir in allem recht. Der noch namenlose Protagonist spricht nun von rätselhaften Puppen, die sie ihm fortgenommen, und folgert, dass sie nun auch diesen, „seinen Hans“ ihm genommen hätten. Daraufhin geht er zur Kellertreppe zurück, die nach oben führt und schreit zu den oberen Räumen hinauf: „Wie ich euch hasse! […] Ach, Ihr wisst nichts von Reinheit, die ihr alles durch Teilhaben beschmutzt!“<a href="#_ftn14" id="_ftnref14">[14]</a>, was sich wohl auf seine Gefühle dem Tier gegenüber bezieht, die seine Eltern offenbar nicht normal, natürlich und rein finden, sondern, wie er glaubt, ihm verbieten würden, wie vorher schon die Puppen. Daraufhin hört er das Echo des Wortes „Reinheit“ in einer Art halluzinatorischer Verkennung wie einen Spott hinter sich, dreht sich um und entdeckt, dass das kleine Tier, das sich durch ein feines Kratzen bemerkbar macht, doch noch vorhanden ist. Er stürzt sich daraufhin vor den Käfig, zerreißt sich in der Hektik die Fingernägel am Schloss, befreit das Tier, nimmt es auf seine Knie und genießt seine „ölige Wolle“ in den Händen. Gleichzeitig liest er einen Zettel am Käfig, den seine Eltern offenbar dort befestigt hatten: „Du darfst ihn behalten!“<a href="#_ftn15" id="_ftnref15">[15]</a>! Und während ihn noch ein seltsamer Zustand von „Hingebung“ im Wiederfinden des Tieres „durchtränkt“, spricht er zu ihm: „Ich war schlecht zu dir, nun bist du doch wieder da, mein Hans“<a href="#_ftn16" id="_ftnref16">[16]</a>.</p>



<p>Daraufhin passieren zwei gegenläufige Dinge: Das Tier kommt ihm immer näher, was Fallada bildhaft-sinnlich beschreibt: da drängt die „spürende Nase des Tieres in seine Handfläche“, und auf bewusster Ebene wird ihm klar, dass seine Eltern ihm das Tier nun geschenkt haben. Die Konsequenz dieses Geschenks sieht er voraus – sie würden nach dem Hasen fragen, ihn möglicherweise drängen, das Tier nach oben zu bringen, also an seinen Gefühlen teilhaben wollen. Er ruft daher aus: „Jetzt bist du nicht mehr mein!“<a id="_ftnref17" href="#_ftn17">[17]</a>, woraufhin eine Szene beschrieben wird, die zeigt, warum er nicht möchte, dass die Eltern Anteil nehmen. Der Protagonist gerät durch das Tier noch einmal über ein Gefühl von wohliger Hingabe in eine sexuelle Erregung mit orgiastischer Entladung: Der Leser weiß: Er hockt schon, nun beginnen sich die Gefühle durch das wollig-warme Tier in ihm auszubreiten. Fallada beschreibt dieses ausführlich, das Tier dabei als „es“ bezeichnend: „Vom aufzuckenden Bein ins Wanken gebracht, von den Knien im Hinabgleiten aufgehalten, füllte es nun Kais Schenkel mit nur ihm geltender Wärme; im festeren Zusammenpressen ging zages Sträuben der Tiermuskeln auf, das seine Nerven mit nie geahnter elektrischer Wärme tränkte – flimmernd schienen sie in seinem Leibe zu segeln wie Wasserpflanzen, durchkämmt von der Strömung eines Baches, feierlich schleppten sie und bebend in ihm gleich jenen an Quallen hängenden Spürfäden. Dann aber, ganz verloren an den <em>trunken peinigenden Rausch</em> dieser Minuten, sahen seine verwirrten und schmerzlichen Blicke auf die plötzlich erwachten Hände….“<a id="_ftnref18" href="#_ftn18">[18]</a>. Hier hat eine sexuelle Erregung mit Entladung stattgefunden und der Leser weiß nun, warum ihm so viel an dem wollig-warmen Tier liegt und auch, warum er mit ihm im tiefen Keller allein bleiben und nicht entdeckt werden will. Der damaligen Zeit gemäß ist es ihm nur möglich, die verbotenen Gefühle der Sexualität in einem dunklen schmutzigen Keller und allein mit einem kleinen Tier zu erleben, die natürlichen Gefühle (Es) drängen dabei gegen die Onanie-Verbote an, die die elterlichen Kontrollen wahrscheinlich bereits durchgesetzt haben. Sofort nach dem Akt regt sich denn auch sein elterlich-moralisches Über-Ich, beschreibt den eben durchlebten Rausch als „peinigend“, also schambesetzt, er hebt die „plötzlich erwachten“ <a id="_ftnref19" href="#_ftn19">[19]</a>, ins Oberbewusstsein zurückgekommenen Hände und führt mit ihnen eine ungeheuer brutale, sehr überraschende Tat aus: Er erwürgt das Kaninchen<a id="_ftnref20" href="#_ftn20">[20]</a>.</p>



<p>Auch das geschieht aber scheinbar ohne sein Zutun, aus dem Unterbewussten gesteuert, er sieht das, was er tut, als sei es nicht er selbst, der es ausführt.&nbsp; Dabei ist er „überströmt von Tränen“, „verzweifeltem Schmerz ausgeliefert“, schaut sich dabei wie fremd und fasziniert den „Tanz seiner Finger“ an<a id="_ftnref21" href="#_ftn21">[21]</a> und spürt während seiner mehrmaligen Versuche, das zappelnde Tier gänzlich zu erwürgen, erneut sexuelle Erregung, diesmal beim Töten. Es ist die Rede von „elektrischen Funken“ und „Sensationen“&nbsp; im Inneren seiner gewölbten Hände und an den Fingerspitzen, wo es ihn wie mit Nadelspitzen durchsticht<a id="_ftnref22" href="#_ftn22">[22]</a>. Die Erregung, die bisher vom weich-warmen Fell über die sanfte Berührung seiner Hände ihren Anfang nahm, empfindet er nun aufs Neue, diesmal während des leidenschaftlich rhythmischen Zudrückens des Tierhalses. Fallada spricht von einem sich wiederholenden „ totenhaften und starren Spiel“ während des Tötens: „Loslassen, Zupacken, verkrümmen, letzter Atem und neues Hoffen.“<a id="_ftnref23" href="#_ftn23">[23]</a> Ohne Zweifel ist hier eine rhythmisch-konvulsivische Kraft am Werke, ähnlich der während des Sexualakts. Wofür steht das neue Hoffen? Auf Überleben des Tieres, auf endliches Tot sein? Auf einen nochmaligen letzten Orgasmus?</p>



<p>Erst am Ende erlebt er eine Art Verzückung in einer merkwürdig isoliert dastehenden plötzlichen Eingebung, er behauptet, dass nun, da er das Tier getötet hat, „endlich das Leben da“ sei, „nicht fremd, umkämpft“, sondern „von je geahnt“, es, das Leben, „lehnt sich an seine Brust und haucht ihm eine sengende Glut in den Mund, die in den Eingeweiden wie Messer wühlt“, „das Leben, das liebe Leben“<a id="_ftnref24" href="#_ftn24">[24]</a> Diese Empfindung bleibt etwas rätselhaft, er verbindet hier das Töten mit dem Leben und bezeichnet es als lieb (der heutige Leser wundert sich, da er denkt: grausam), dann schränkt er ein: „sengend heiß“, „in den Eingeweiden wühlend“<a id="_ftnref25" href="#_ftn25">[25]</a>, also schmerzhaft und aufwühlend bis zur Übelkeit. Die Szene hat ihn offenbar im Innersten berührt. Trotzdem assoziiert man auch: Liebesleben. Die Tötungshandlung ist erotisiert worden. Assoziationen sind in der Tiefenpsychologie erlaubt, sie sind die heimlichen Boten, die aus dem Unterbewusstsein aufsteigen, um sich erkennen zu geben. „Über den Kadaver fortschreitend“ verlässt Kai, nun wird er mit seinem Namen genannt, den Keller, es bleibt ihm nur noch übrig, sich in der Schule „der Täuschung der Beflissenheit hinzugeben“<a id="_ftnref26" href="#_ftn26">[26]</a>&nbsp;&nbsp;Eine starke Szene, eine starke Kurzgeschichte, die tatsächlich auch ohne Kenntnis des Vorher und Nachher im Roman <em>Der junge Goedeschal</em> begriffen werden kann. Sie erinnert an Kafkas Urteil, ist aber präziser, kürzer, geraffter, sie beschreibt offen körperliche Sensationen. Wo las man zwischen 1900 und 1920 dergleichen jemals? Weder Hermann Hesse noch Robert Musil oder andere kanonisierte Autoren beschreiben in ihren Adoleszentenromanen so explizit sexuelle Probleme. Falladas <em>Goedeschal</em> – ein Epigone? Keineswegs!</p>



<p><strong>Die Bedeutung des Unbewussten in der Kaninchenszene</strong></p>



<p>Die Narration verbindet Realistisches mit Absurdem, bewusste Handlung ist Sklave unterbewussten Getriebenseins. In dieser Hinsicht ist es eine moderne Geschichte, wie sie sich eignen würde für heutige Menschen, deren Kenntnis über das Unbewusste weit stärker ausgeprägt ist als im frühen 20. Jahrhundert, und die daraus eine Ahnung erwerben könnten, wie es Menschen in Zeiten der Unaufgeklärtheit ging. Aber modern auch hinsichtlich dessen, was es heute bedeutet, wenn die natürlich erwachenden Regungen der eben noch kindlichen Sexualität sich zu erwachseneren Formen entwickeln und diese Vorgänge mit Verboten, Tabus, elterlicher Einmischung und Kontrolle belegt sind. Dass Fallada das Unbewusste zum Thema wählte und Heinz Stroh es ebenfalls in seinem Sammelband mit anderen Geschichten zusammenfügte, zeigt, dass das tiefenpsychologische Denken, das damals noch in den Anfängen steckte, eine starke Faszination auf junge, fortschrittlich denkende Menschen ausübte (Stroh war nur sechs Jahre älter als Fallada), zumal, wenn sie problemorientiert und problemaufdeckend arbeiten wollten und nicht zudeckend, vertuschend.</p>



<p>Dieses Denken, durch die Schriften Freuds inspiriert, hatte einen harten Kampf zu bestehen und wurde, kaum dass es sich durchzusetzen begonnen hatte, nach 1933 völlig aus der deutschen Wissenschaft verbannt. Verhalten wurde nun wieder, im Rückgriff auf wilhelminisches Denken, allein schuldhaft im Individuum und dessen ‚starkem‘ oder ‚schwachem‘ Willen festgemacht, der angeblich von Geburt an, also erblich, konstitutionell bedingt, festgelegt war und höchstens durch Strafen und Härte ein wenig beeinflusst werden konnte.</p>



<p>Eltern hatten damit nicht, wie es die Tiefenpsychologie logisch macht, für ein mildes Über-ich zu sorgen, zB. indem sie bestimmte Phasen eines Kindes beachten, bestimmte seelisch-kindliche Bedürfnisse durch Liebe, Zuwendung und kindgerechtes Verhalten möglichst erfüllen sollten , nein, es wurde ihnen sogar verboten diese Liebe, die als „Affenliebe“ diffamiert wurde<a id="_ftnref27" href="#_ftn27">[27]</a>, zu zeigen, sie sollten ihre Kinder „hart“ machen, durch frühzeitige Entbehrungen und Dressur.&nbsp;Erst in der übernächsten Generation, der liberalen Ära der 1968er Jahre, kam es, u.a. auch durch Anknüpfung an die Untersuchungen zum Problem „Autorität und Familie“, das von Erich Fromm<a id="_ftnref28" href="#_ftn28">[28]</a>, Max Horkheimer, Herbert Marcuse schon 1936 herausgebracht wurde<a id="_ftnref29" href="#_ftn29">[29]</a>, zu einer Renaissance der Erkenntnisse aus Psychoanalyse und Tiefenpsychologie in der Politik, der Psychologie, der Medizin und Pädagogik. Man suchte nach psychohistorischen Erklärungen für Auschwitz. Das Modell vom bedrängten, zwischen natürlichen Triebkräften (Es) und elterlich-gesellschaftlich-historischen Anforderungen (Über-Ich) eingekeilten Ich, das sich gegen die unbewussten Kräfte zu befreien strebt, notfalls mit krankhaften Symptomen, bzw. dass vom Über-Ich überwältigt ist und sich nur durch sadistische Triebdurchbrüche,&nbsp; Angst-, Zwangsymptome und Abspaltungen wehren kann, wurde wieder aufgenommen.</p>



<p>Es entsprach dem Erklärungsbedürfnis einer Generation, die das Unheil entschlüsseln musste, dass die Elterngeneration in Form eines bisher einmaligen industriellen Völkermordens heraufbeschworen hatte.&nbsp; Die Erklärungen, die die Psychoanalyse bot (u.a. die Theorie des autoritären Charakters<a href="#_ftn30" id="_ftnref30">[30]</a>), fanden sich in der Praxis bestätigt und es verbreiteten sich in der Pädagogik wieder die reformpädagogischen Konzepte (Korczak-Pädagogik, Montessori-Pädagogik, Freinet-Pädagogik), die zur Zeit der Jahrhundertwende verbreitet waren, wo man das „Jahrhundert des Kindes“<a href="#_ftn31" id="_ftnref31">[31]</a>proklamiert hatte. Psychologisch gesprochen sollte das elterlich-gesellschaftliche Über-Ich milder, verstehender, weniger strafend und stärker anregend vorgehen und damit die Ich-Kräfte des Kindes stärken.</p>



<p>Heute haben wir es erstaunlicherweise mit einem Rollback von erblich-genetischen Erklärungsmodellen von Verhaltensstörungen zu tun. Statt den unterschiedlichsten Bedingungen von kindlichem Verhalten, deren unbewusstem Gehalt nachzugehen, werden immer mehr Kinder unter den Diagnosen Autismus und ADHS subsumiert, obgleich Hirnforschungen, wie z. B die des Neurobiologen Gerald Hüther&nbsp; (geb. 1951), und die inzwischen weltweit anerkannte Bindungsforschung des britischen Kinderarztes und Psychoanalytikers Edward John Mostyn Bowlby&nbsp; (1907 –1990) inzwischen die Entstehung von Störungen durch Bindungstraumata auch empirisch nachgewiesen haben. Gerald Hüther will die Pädagogik seitdem interessanter und spannender machen. Negative Folgen von Angst hat er bis hinein in die Genstrukturen nachgewiesen (Verkümmerung von Hirnstrukturen ). John Bowlby setzt sich für eine symmetrische Kommunikationsstruktur zwischen Säugling und Bezugspersonen ein, seine Forschungen zeigen, dass Nichtbeantwortung kindlicher Appelle, eine Reihe von bestimmten Bindungsmustern, von denen etliche pathologischer Natur sind, nach sich ziehen können.</p>



<p>Fallada hat seinen Goedeschal damals z. T. unter Morphium-Einnahme geschrieben, Morphium ist ein Medikament, bei dessen Einnahme sich das Bewusstsein verklärt und Unterbewusstes leichter hochdrängen kann. Viele Autoren nutzten Ähnliches um sich starker unbewusster Gefühle zu erinnern, sie in Bilder zu fassen und aufzuschreiben. Bei Kafka wurde dies durch Schlafentzug erreicht, bei Baudelaire durch die Einnahme anderer Drogen. Tatsache ist, auf diese Weise können ungehindert unbewusste Inhalte das Bewusstsein überschwemmen und so durch Schreiben aufs Papier und an die Öffentlichkeit gelangen. Dies ist bei Fallada geschehen, er konnte m. E. im Goedeschal die sexuell-emotionalen Nöte des Protagonisten exemplarisch für seine Zeit einfangen und aufzeigen. Dabei hat er sogar die unterdrückende Haltung der Eltern eher abgeschwächt, die Eltern des Goedeschal stoßen dem Kind gegenüber keine besonderen Drohungen aus, sie binden ihn auch nicht am Bett fest, wie es im Film „Das weiße Band“ beschrieben wird und bis weit in die 60/70er Jahre vorgekommen ist , sie haben ihn nur nicht aufgeklärt und halten dies auch für falsch.&nbsp; Kindern von einer möglichen Auflösung des Rückenmarks durch Onanie zu sprechen, war aber damals weit verbreitete Erziehungspraxis. Falladas Ziel scheint hier zu sein, diese Praxis exemplarisch zu verurteilen, indem er die Leiden eines jungen Pubertierenden bis ins kleinste Detail beschreibt und das erstaunlich offen für seine Zeit. Es gelingt ihm mE durch die profunde Kenntnis unbewusster Vorgänge, die Leser für seinen Helden nicht nur einzunehmen, obgleich er so etwas Unbegreifliches&nbsp; und Gewalttätiges tut, sondern sogar Mitleid mit ihm hervorzurufen. Seine Intention ist dabei unschwer die, die auch Georg Büchner zum Woyzeck inspirierte, nämlich einen einer Gewalttat schuldig gewordenen Menschen verstehbarer und durchschaubarer zu machen. Damit vielleicht sogar einen Weg zu weisen, das Zerstörerische, was sich in seinem Protagonisten andeutet, in Zukunft zu verhindern. Eine aufklärerische Intention also.</p>



<p>Es ist mir unbegreiflich, warum sich mit dieser Tiertötung, die in ähnlicher Art auch im zweiten Frühroman Falladas: Anton und Gerda auftaucht , noch niemand näher beschäftigt hat. Bei Anton und Gerda ermordet er eine kleine niedliche Katze, die auf seinem Arm schnurrend Zuflucht gesucht hat. Er drückt ihr ebenso die Kehle zu wie im Goedeschal dem Kaninchen und auch zu diesem Zeitpunkt, ist ihm gerade die Mutter sehr nah gerückt. Im ersten Fall in Form des Zettels mit der „Erlaubnis“ das Tier behalten zu dürfen, im zweiten Fall in Form eines Briefes, der ihn, mit Vorwürfen traktiert, und, weg von seiner Geliebten, nach Hause zurückruft .</p>



<p><strong>Fazit</strong></p>



<p>Warum ist es auch heute noch bedeutsam, sich mit sexuellen Nöten und daraus folgenden pathologischen Entwicklungen bis zur Gewaltbereitschaft zu beschäftigen? Sexuell-emotionale Unterdrückung schafft abgespaltene Gefühle mit Erkaltung der Empathiefähigkeit, des Mitleids und dem Hang zur Ausprägung eines autoritären Charakters Die Generation der autoritären Charaktere hat sich nicht bewährt, im Gegenteil, sie hat die&nbsp; schlimmsten Verbrechen unserer Zeitrechnung verursacht, sie hat am Ende Eichmann und Hitler hervorgebracht und hat die Nachkriegsordnung in beiden deutschen Staaten noch lange Zeit mit autoritären, gewaltvollen Strukturen durchsetzt. Deshalb sagt Hannah Arendt auch: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ und plädiert für den Aufbau einer mündigen Gesellschaft, die, nach Kant „das Gegenteil von Gehorsam“ sein solle.</p>



<p>Emotionale Übergriffigkeiten von Erwachsenen sind auch nicht selten und meist auch denjenigen nicht bewusst. Sie maskieren sich im Falle von Müttern oft als Sorge. Kinder haben wenig Möglichkeit, sich ihrer zu erwehren. Das Aufzeigen der inneren Befindlichkeit eines unter Sexualunterdrückung und emotionaler Übergriffigkeit von Erwachsenen leidenden Menschen, wie sie im jungen Goedeschal gezeigt, indem die Strukturen seiner pathologischer Entwicklung offen gelegt werden, bis hin zur stellvertretenden Gewalttat an einem Ersatzsubjekt, kann vielleicht ein kleines bisschen dazu beitragen, ähnliche Phänomene besser zu verstehen. Diese aufklärerische Bedeutung von Falladas Frühwerk, die ins Tiefenpsychologische spielt, hat nicht seinesgleichen, es gibt sie in keinem anderen seiner Romane, allein deswegen gehören die beiden ersten Romane Falladas, die er in der Nazi-Zeit komplett zurückhielt, ins Heute hinein und haben durchaus eine nachträgliche Beachtung und vor allem künstlerische Würdigung verdient.</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Anja Röhl im <strong><a href="https://fallada.de/salatgarten/" title="Salatgarten">Salatgarten</a></strong> Nr.2/2016, S. 30</em></p>



<p><strong>Literaturverzeichnis</strong></p>



<p>Adorno, Theodor: Studien zum autoritären Charakter, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1182, Neuauflage 1995</p>



<p>Ahrendt, Hannah im Rundfunk-Interview mit Joachim Fest 1964: <a href="http://www.hannaharendt.net/index.php/han/article/view/114/194">http://www.hannaharendt.net/index.php/han/article/view/114/194</a> (abgerufen am: 22.10.16)</p>



<p>Bowlb, John: Bindung (1987) in: Grossmann, Klaus E. und Karin (Hrsg): Bindung und menschliche Entwicklung, Klett-Cotta, Stuttgart 2009</p>



<p>Bowlby, John: Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung, Kindler, Hamburg 1982</p>



<p>Chamberlain, Sigrid: &nbsp;Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Psychosozialverlag, Gießen 2000</p>



<p>Chamberlain, Sigrid: Zur frühen Sozialisation in Deutschland zwischen 1934 und 1945, im Jahrbuch für Psychohistorische Forschung, 2001, S. 235–248 Mattes Verlag, Heidelberg</p>



<p>Caspar, Günter (Hrsg.): Falladas Frühwerk in zwei Bänden, Bd 1, Aufbau Verlag 1993, darin: Fallada, Hans: Anton und Gerda, S. 281-540</p>



<p>Caspar, Günter (Hrsg.): Falladas Frühwerk in zwei Bänden, Bd 1, Aufbau Verlag 1993, darin: Fallada, Hans: Der junge Goedeschal, S. 5-280</p>



<p>Erikson, Erik: Der vollständige Lebenszyklus; Frankfurt a.M. 1988; 2. Aufl. 1992</p>



<p>Freud, Anna: Das ich und die Abwehrmaßnahmen, Wien 1936</p>



<p>Freud, Sigmund: Das Ich und das Es (1923), daraus Abschnitt III: Das Ich und das Über-Ich (Ichideal), in: Studienausgabe, Bd.III: Psychologie des Unbewußten, Fr/M., Fischer 1975,&nbsp; S.296-307</p>



<p>Freud, Sigmund: Das Ich und das Es (1923), in: Studienausgabe, Bd.III: Psychologie des Unbewußten, Fr/M., Fischer 1975, S. 273-330</p>



<p>Freud, Sigmund: Das Unbewusste (1915), in: Studienausgabe, Bd.III: Psychologie des Unbewußten, Fr/M, Fischer 1975, S. 119-174</p>



<p>Fromm, Erich: Sozialpsychologischer Teil. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Alcan, Paris 1936, S. 77-135.</p>



<p>Horkheimer, Max, Fromm, Erich, Marcuse, Ludwig u.a.: Studien über Autorität und Familie, Reprint der Ausgabe von 1936, 2. Auflage im Kampen Verlag, 1987</p>



<p>Horkheimer, Max:&nbsp; „Autorität und Familie“, in: <em>Gesammelte Schriften</em>, Band 3: Schriften 1931–1936, Frankfurt a.M. 1988.</p>



<p>Hüther, Gerald: Biologie der Angst, Vandenhoeck&amp;Ruprecht, Göttingen 2012&nbsp;</p>



<p>Key, Ellen: Das Jahrhundert des Kindes, Berlin, S. Fischer 1903</p>



<p>Manthey, Jürgen:&nbsp; Hans Fallada in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlts Monographien. Hg. von Kurt Kusenberg. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. 1963.</p>



<p>Röhl, Anja: Die Frau meines Vaters, Nautilus-Verlag Hamburg 2013</p>



<p>Stroh, Heinz (Hg): Die Einsamen. Kindheitsnovellen. Potsdam: Kiepenheuer 1921, S. 7–16.</p>



<p><strong>Anmerkungen: </strong></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Manthey 1963, S. 51</p>



<p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Ebd.,S. 52</p>



<p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Freud 1975, S.119</p>



<p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Ebd, S.205</p>



<p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Stroh 1921, S. [5]</p>



<p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Am 24. März 1925 hatte Fallada, nachdem er – wahrscheinlich von Rowohlt oder Mayer von dem Abdruck erfahren hatte – einen Brief an den ihm unbekannten Stroh geschrieben, den Mayer an diesen weiterleitete. Damit begann der kurze Briefwechsel zwischen Stroh und Ditzen/Fallada. Ditzens erster Brief an Stroh ist nicht erhalten, aber der Antwortbrief Strohs vom 26.&nbsp;3.&nbsp;1925. Darin geht es um den Band „Die Einsamen“. Heinz Stroh schreibt u.&nbsp;a.; „Als ich Rowohlt um die Erlaubnis bat, aus dem ‚Goedeschal‘zu drucken, sagte ich ihm, dass es kein Entgeld gibt.“HFA Sign. S&nbsp;972.</p>



<p><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Stroh 1921, S. [11].</p>



<p><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Ebd., S. 12</p>



<p><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Ebd, S. 13</p>



<p><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Ebd,S. 14</p>



<p><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Ebd., S. 15</p>



<p><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Ebd., S.15f</p>



<p><a href="#_ftnref21" id="_ftn21">[21]</a> Ebd., S. 16</p>



<p><a href="#_ftnref22" id="_ftn22">[22]</a> Ebd., S. 16</p>



<p><a href="#_ftnref23" id="_ftn23">[23]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref24" id="_ftn24">[24]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref25" id="_ftn25">[25]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref26" id="_ftn26">[26]</a> Ebd.</p>



<p><a href="#_ftnref27" id="_ftn27">[27]</a> Chamberlain, Sigrid, 2001, S. 236</p>



<p><a href="#_ftnref28" id="_ftn28">[28]</a> Fromm, Erich, Sozialpsychologischer Teil. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Alcan, Paris 1936, S. 77-135.</p>



<p><a href="#_ftnref29" id="_ftn29">[29]</a> Horkheimer, Fromm, Markuse, 1987 (Reprint der Pariser Ausgabe von 1987)</p>



<p><a href="#_ftnref30" id="_ftn30">[30]</a>Adorno, Theodor: Studie zum autoritären Charakter, 1995</p>



<p><a href="#_ftnref31" id="_ftn31">[31]</a> Key, Ellen: Das Jahrhundert des Kindes 1903</p>
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		<title>Christkind verkehrt-Weihnachtsgeschichten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Jun 2017 17:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hans Fallada]]></category>
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					<description><![CDATA[Literaturwissenschaftlicher Text zur Kurzgeschichte von Hans Fallada: "Christkind verkehrt" ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong><a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-digital/christkind-verkehrt/978-3-8412-0279-6" title="Weihnachten aus Falladas Sicht">Weihnachten aus Falladas Sicht</a></strong></p>



<p>Um Weihnachten herum hört man es nun wieder, wie wichtig und gut die Tradition des lieben, guten, bärtigen Mannes doch sei, der die Kinder in den Wohnstuben besucht. So zum Beispiel von einem Kollegen, der sich im Nebenberuf als „Weihnachtsmann“ Geld verdient, oder einer Cousine, die ihrem vierjährigen Töchterchen mit schmunzelndem Seitenblick zu uns vom Weihnachtsmann erzählte, und dabei so tat, als ob sie den Alten persönlich kenne, aber auch von der der jungen Frau, die bislang noch ohne Kind ist, aber behauptet, dass man Kindern etwas zerstöre, wenn man ihnen den Glauben an den Weihnachtsmann nähme.</p>



<p>Es gibt ein neuzeitliches Wiederaufleben des Weihnachtsmann-Glaubens, nachdem er schon einmal gänzlich aus der Mode gekommen war. Kaum jemand, so scheint es, zweifelt ernsthaft daran, dass man Kindern damit etwas Gutes tue. Man führt ihnen einen verkleideten Götzen vor und bringt ihnen bei, an dessen übernatürliche Existenz zu glauben. Was mir dabei schon als Kind unklar war, wenn ich davon aus Bilderbüchern erfuhr (bei uns war es nicht üblich, einen Weihnachtsmann aufmarschieren zu lassen), das war die Tatsache, dass er überall gleichzeitig bei Tausenden von Kindern auftauchen sollte, folglich musste er millionenfach existieren. Dafür lieferten die Erwachsenen, wie ich fand, keine logische Erklärung. Nachzufragen schien mir auch nicht ratsam, denn ich wollte niemandem den Spaß verderben.</p>



<p>Es scheint mir heute, wo der christliche Glaube eines symbolhaften Gedenkens an die Geburt Jesu vielfach zurückgedrängt und nicht mehr tradiert wird, dass der Weihnachtsmann eine Art spiritueller Ersatz dafür geworden ist. Er wird am Tag des Festes der Liebe häufig als ein reines Erziehungs- oder Unterhaltungsmittel gebraucht. Dies wird mit Vorsatz und einer gewissen Hinterlist ins Werk gesetzt: Manche Eltern mieten sogar für teures Geld einen Fremden, der den Weihnachtsmann spielt. Sie übergeben ihm eine lange Verfehlungs- und ebenso lange Wunschliste, ihre Kinder betreffend, und er kann dann Allwissenheit vortäuschen. Die Kinder reagieren, wenn sie entsprechend klein und noch nicht hinter das Betrugsmanöver ihrer Eltern gekommen sind, mit freudiger Erregung. Logisch, da man ihnen monatelang den Weihnachtsmann als etwas Bedeutendes angekündigt hatte. Währenddessen und nachher sieht es meist anders aus. Kinder verstecken sich unter dem Tisch, hören atemlos zu, wenn der allwissende Bärtige weiß, was sich des Nachts in ihrem Schlafzimmer abgespielt hat (Du nuckelst ja immer noch am Daumen !!) und was sie irgendwann einmal zu ihren Eltern gesagt haben, obgleich da kein anderer dabei war. Sie können dann leicht Angst bekommen.</p>



<p><strong>Die Entdeckung, dass Angst für die Kindesentwicklung schädlich ist</strong></p>



<p>Die schweizerische Psychologin Alice Miller (1923–2010) hat in den 1970/80er Jahren in ihrem Buch „Das verbannte Wissen“ überaus differenziert auf dieses Problem aufmerksam gemacht und die Gefahr des Aberglaubens auf die Kinderseele ausführlich erläutert.<a href="#_edn1" id="_ednref1">[1]</a> Sie hat dabei auch festgestellt, dass die Eltern erstaunlich blind darin sind, dieses Phänomen zu erkennen. Sie sehen und spüren nicht die Ängste, die ihre Kinder erleiden. Das passiert ihrer Meinung nach besonders stark dann, wenn die Eltern in ihrer Kindheit selbst nicht genug ernst genommen wurden, wenn sie Angst zeigten. Sie haben ihre eigene Angst auf gleiche Art verdrängen müssen. Das ist der Grund dafür, dass die meisten Erwachsenen eine eventuelle Angst ihrer Kinder vor dem Weihnachtsmann nicht wichtig nehmen.</p>



<p><strong>Falladas „Christkind verkehrt“ als Gegenentwurf</strong></p>



<p>In Falladas Geschichtenband „Christkind verkehrt“ kommt überraschenderweise überhaupt kein Weihnachtsmann vor, auch kein Nikolaus, also kein allwissendes, über den Kindern stehendes mysteriöses Vaterimago, dass Erwachsenenbedürfnisse über Kinderbedürfnisse stellt und bewusst diese Perspektive als strafende Instanz einnimmt. Stattdessen wird mitgeteilt, dass es sich bei den Personen, die Weihnachten organisieren, vor allem um Eltern handelt, die ihren Kindern ein so schönes Weihnachtsfest wie möglich bereiten wollen, was jedoch oft gar nicht so einfach ist. Dadurch aber, dass eben nicht immer alles reibungslos klappt, wird Spannung aufgebaut, Abenteuerliches eingeflochten und Handlungsverzögerung, wie im klassischen Drama erzielt. Fallada erfüllt also mit seinen Weihnachtsgeschichten auch wesentliche Forderungen des italienischen Kinderbuchautors Leo Lionni (1910–1999): Kindergeschichten sollen selbst für die Kleinsten die Kriterien des klassischen Dramas erfüllen, sollen helfen, Realität zu verarbeiten, sollen sorgfältig geschrieben sein und Kinder ernst nehmen. Die Moral, die sie enthalten, müsse, so Lionni, indirekt wirksam werden, denn die Kinder sollen durch eigenes Denken Erkenntnisse gewinnen.<a id="_ednref2" href="#_edn2">[2]</a> Es gibt auch eine Geschichte von Astrid Lindgren mit dem Titel „Lotta kann alles“, in der der Vater dreier Kinder, das jüngste von ihnen ist Lotta, vergessen hat, rechtzeitig einen Weihnachtsbaum zu besorgen, und die ganze Familie schon bangt, dass sie keinen mehr bekommen werden. Es ist dann schließlich Lotta, die nach mehreren Abenteuern und zum Staunen aller, einen von einem Lastauto herunter gefallenen Weihnachtsbaum auf ihrem Schlitten nach Hause bringt.</p>



<p>Ähnlich baut Fallada seine Geschichten auf: Die Eltern haben viel zu tun, den Eltern geht etwas schief, die Eltern wollen den Kindern eine Freude machen, die Eltern verwechseln Geschenkwünsche, Kinder entdecken Geschenke und müssen danach Freude heucheln, Eltern haben nicht genug Geld, stattdessen Sorgen, die aus Kinderblickwinkel manchmal witzig sind. Es sind Alltagsgeschichten, sie enthüllen Hintergründe, sie erfüllen die Kriterien moderner Kurzgeschichten. Bei den Kindern wird dabei in witziger Weise um Verständnis für die Eltern gebeten, und damit kommen Eltern vom hohen Ross der Unfehlbarkeit herunter und werden zu Menschen, in die sich das Kind einfühlen lernt. Damit erfüllen diese Weihnachtsgeschichten die Kriterien Alice Millers an ein Weihnachten ohne Angst, und das macht sie auch heute noch zu einer für Kinder wertvollen Literatur, wo Empathie, Aufklärung und Demokratieverständnis in der Kinderliteratur wichtiger sind als Zeigefinger-Moral und Erziehung durch Angst. Astrid Lindgren hat einmal als Ziel ihrer Literatur für Kinder formuliert, dass sie den Kindern Vertrauen in die Welt, den unverlierbaren Schatz der Phantasie und Freude in Bezug auf die Zukunft geben und die Angst vor den Menschen nehmen will. Außerdem wollte sie die Kinder „kritisch machen gegenüber großen Worten und Parolen“.<a id="_ednref3" href="#_edn3">[3]</a></p>



<p>Das erreicht Fallada auch, seine Geschichten sind phantasievoll, indem sie wunderbare Schilderungen kindlicher Freude, Sehnsucht und Erwartung in Bezug auf die Geschenke, den Geruch und die Glitzerlichter zu Weihnachten beschreiben, sie geben Vertrauen in die Eltern und Gesellschaft, denn sie schildern und beschreiben die Eltern nicht wie ferne Götter oder strafende Instanzen, sondern wie fehlerhafte Menschen, die im Grunde ganz ähnlich wie die Kinder fühlen, sondern nur bestimmte Probleme zu lösen haben.</p>



<p><strong>Einige Beispiele aus Falladas Erzählungen</strong></p>



<p>Fallada gibt den Kindern mit seinen Geschichten Mut und Zuversicht, er zeigt in vielen konkreten Situationen die Wirksamkeit kindlicher Tätigkeiten, so gleich in der ersten &nbsp;Geschichte, wo Kinder im Nebel einer Küstenlandschaft am Meer „Lüttenweihnachten“ feiern, ein vom Pfarrer verbotenes Fest, bei dem ein „Tannenbaum“ im Freien für die Tiere aufgestellt wird.<a href="#_edn4" id="_ednref4">[4]</a> Und als sie endlich da ankommen, was sehen sie? Dass derjenige, vor dem sie am meisten Angst hatten, der Förster, selber dort einen großen Baum für die Tiere aufgestellt hat. In dieser Geschichte findet sich Einleitung, Entwicklung, Konflikt und Lösung, wie es in einem klassischen Drama sein soll, dazu die Erkenntnis für die kleinen Leser, woher der Brauch des Baumaufstellens eigentlich herrührt. Mit großer Sorgfalt ist die neblige Meereslandschaft, sind die Wildgänse beschrieben, vor denen die Kinder sich einerseits fürchten, deren wehklagendes Schreien ihnen aber auch leid tut.</p>



<p>In der Titelgeschichte „Christkind verkehrt“ wird aus Kindersicht von einer Verwechslung der Geschenke erzählt. Der Bruder hat das Puppenhaus und der Ich-Erzähler die Robinsoninsel bekommen. Die Eltern hatten es gut gemeint, sie wollten einmal Abwechslung in die Spielleidenschaft ihrer Kinder bringen, der Ich-Erzähler beschreibt minutiös und feinfühlig die einzelnen Stadien der Enttäuschung, die die Kinder durchleben, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass sie seltsamerweise später niemals so sehr auf dem Eigentumsrecht ihres Spielzeuges beharrten, wie auf diesem „verkehrten“ Geschenk. Eine Lehre wird unmerklich transportiert: Ein überraschendes Geschenk, von den Kindern nie gewünscht und also nicht erwartet, kann sogar interessanter werden als das den Eltern angesagte lang Ersehnte. Vollkommen klar ist auch, dass kein Weihnachtsmann, sondern die Eltern die Geschenke ausgesucht haben. Fallada macht den Kindern also nichts vor. Auch hier ist er seiner Zeit weit voraus, denn noch 1988 beschreibt Alice Miller in ihrem Werk zahllose Situationen, in denen Kinder über das Weihnachtsfest belogen, getäuscht und betrogen werden, alles im Namen des Brauchs und der Tradition, die dem Kind angeblich so viel Spaß bringen. In Wahrheit aber ist es eine neuzeitlich-strafende Zeigefindermoral, die nach Ansicht der Verhaltenstherapie (vgl. Alfred Bandura, Nachahmungslernen) nur dazu führt, das genau das gelernt wird: Betrügen, belügen, täuschen und natürlich Angst verdrängen, und damit einher geht die Gefahr der Unfähigkeit, ein empathischer Mensch zu werden.</p>



<p>In der Geschichte „Der gestohlene Weihnachtsbaum“ dient die Mär vom Weihnachtsmann als Ausrede der Kinder und Erwachsenen, um den Diebstahl der Kinder zu vertuschen, Die Familie ist arm und das Weihnachtsbaumabschlagen verboten, aber Kinder kommen nicht ins Gefängnis, also müssen sie den Weihnachtsbaum schlagen, das Verbotene tun. Dass es dabei glimpflich abgeht, nimmt diesem kindlichen Abenteuer die Schärfe und führt, deutliches Anliegen des Autors, zur weihnachtlichen Versöhnung. Wunderbar auch die Geschichte der Sechsjährigen, (Beberbeinchen-Mutti), die ihrer Mutter Schuhe „organisiert“, indem sie das militärische Lederkoppel ihres aus dem Krieg heimkommenden Vaters zum Schuster trägt. So wird aus Kriegsgerät wieder Friedensware und aus etwas zum Zwecke der Tötung von Menschen Hergestelltes etwas, dass dem Schutz der Menschen dient.</p>



<p>Eine Episode, die nur die Probleme der Erwachsenen schildert (Fünfzig Mark und ein fröhliches Weihnachten), scheint ein Nebenprodukt von „Kleiner Mann, was nun“ gewesen zu sein, die Frau „Itzenplitz“ und der Ich-Erzähler ähneln jedenfalls dem Kleinen Mann und Lämmchen aufs Haar. Es zeigt: Auch Erwachsene haben Weihnachtswünsche, die sie sich gern, besonders, wenn sie sich lieb haben, gegenseitig erfüllen wollen. Dass sie dafür Geld brauchen, was manchmal nur schwer zu kriegen ist, ist hier das Thema, was in sehr amüsanter und in geradezu kabarettistischer Form die gesellschaftliche Realität mit familiären Bedürfnissen kontrastiert. Die Botschaft ist: Man muss sich nicht immer alles gefallen lassen.</p>



<p>Wie sich Erwachsene gegen ihre Chefs und Kinder gegen Krankheiten u.a. wehren müssen, um es recht schön zu Weihnachten zu haben, wird in der Geschichte: „Weihnachtsfriede“ beschrieben, in der sowohl der Chef uneinsichtig, als auch die Tochter Karla krank ist: „<em>Unser </em>Weihnachtsfest wollen wir bestimmt feiern. Was du vorhast, Maxe, mit Steueramt und Gaugarten und der Kiesow, das ist alles ganz schön, und ich bin damit einverstanden, wenn ich auch nicht weiß, ob es wirklich hilft. Aber es dauert viel zu lange. Übermorgen ist Weihnachten, und <em>unser </em>Weihnachtsfest feiern wir, das weiß ich bestimmt!“<a href="#_edn5" id="_ednref5">[5]</a></p>



<p>In der letzten Geschichte „Familienbräuche“ geht es noch mal um einen Vater, der den Weihnachtsbaum nicht rechtzeitig genug heranschaffen kann. Alles in allem ist „Christkind verkehrt“ ein modernes Weihnachtsgeschichten-Buch, würdig im GRIPS-Theater dramatisiert zu werden!<a id="_ednref6" href="#_edn6">[6]</a></p>



<p class="has-text-align-left"><em>Röhl, Anja im <strong><a href="https://fallada.de/salatgarten/" title="Salatgarten">Salatgarten</a></strong> Nr.2/2015, S.57</em><br><br><strong>Anmerkungen:</strong></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="#_ednref1" id="_edn1">[1]</a> Vgl. Miller, Alice: Das verbannte Wissen. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1988, S. 3 ff.</p>



<p><a href="#_ednref2" id="_edn2">[2]</a> Vgl. Lionni, Leo: &nbsp;Frederick, Du bist ja ein Dichter, gesammelte Bilderbuchgeschichten, Middlehauve Verlag 1991</p>



<p><a href="#_ednref3" id="_edn3">[3]</a>Lindgren, Astrid:</p>



<p><a href="#_ednref4" id="_edn4">[4]</a>Fallada, Hans: Lüttenweihnachten. In: Christkind verkehrt. Berlin: Aufbau 1999, S. 5.</p>



<p><a href="#_ednref5" id="_edn5">[5]</a> Fallada, Hans: Weihnachtsfriede. In Christkind verkehrt, S. 86.</p>



<p><a href="#_ednref6" id="_edn6">[6]</a> Der Name GRIPS soll Spaß am Denken symbolisieren. Das Kinder- und Jugendtheater entstand 1966 im damaligen West-Berlin.</p>
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