<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Pädagogik &#8211; Anja Röhl</title>
	<atom:link href="https://anjaroehl.de/category/paedagogik/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://anjaroehl.de</link>
	<description>Autorin</description>
	<lastBuildDate>Sun, 05 Apr 2026 22:31:05 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.9.4</generator>

<image>
	<url>https://anjaroehl.de/wp-content/uploads/2026/02/cropped-ChatGPT-Image-14.-Feb.-2026-20_57_57-32x32.png</url>
	<title>Pädagogik &#8211; Anja Röhl</title>
	<link>https://anjaroehl.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Kinder der Kriegs- und Führerkinder</title>
		<link>https://anjaroehl.de/kinder-der-kriegskinder/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/kinder-der-kriegskinder/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Apr 2026 22:31:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=2558</guid>

					<description><![CDATA[Kriegs- und Führerkinder nennen wir die  Kinder, die von 1938 bis 1945 in der Zwangsorganisation der Hitlerjugend sein mussten und davon traumatisch geprägt wurden]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Vortragsauszug, gehalten am 30.3. 12, auf dem 26. Jahreskongress der GPPP:</strong></p>
<p><strong>Aus: Die Wohlgesinnten, Littell</strong>: <em>„Man hat in Russland nie von den KZs in Lublin oder Schlesien gehört, aber der einfache Straßenbahnschaffner in Berlin oder Düsseldorf  weiß, dass dort Menschen verbrannt werden. Ganz Deutschland ist ein riesiges Gespinst von Gerüchten…. Ermutigend ist,  dass die Menschen trotzdem die Partei und den Staat unterstützen, sie glauben noch an den Führer und den Endsieg. Und was beweist das? Das der nationalsozialistische Geist zu <strong>der Wahrheit</strong> im Alltag unseres Volkes geworden ist, &#8230; bis in den letzten Winkel vorgedrungen. Daher wird er überdauern, selbst wenn wir den Krieg verlieren. (Littell, S. 768)</em></p>
<p><strong>Immer noch Krieg – Eine biografische Sicht</strong></p>
<p><strong>Ich bin ein Kind von Kriegs- und Führerkindern, meine Eltern pflegten zu sagen, dass der Krieg ihnen die Jugend genommen hätte. Meine Kindheit verlief unmittelbar und unbedingt unter dem von meinen Eltern erlebten Faschismus- und Kriegsvorkommnissen, ohne die Erziehung zum Krieg meiner Eltern und ihrer Zwangs-Organisierung von 1939-1945 in der Hitlerjugend wäre meine Kindheit anders verlaufen. </strong></p>
<p>Ich werde ihnen jetzt hier etwas von meinen Eltern erzählen. Keineswegs will ich diese damit bloß und als schlechte Menschen hinstellen. Sie sollen hier nur Beispiel sein. Sie stehen hier stellvertretend.  Ich nehme sie und mich als Studienobjekte, da ich sie und mich in den ersten 15 Jahren meines Lebens besser als alle anderen Menschen der Welt kennengelernt habe.</p>
<p>Ich nehme sie als Studienobjekte für das, was Erika Mann in ihrer Untersuchung: „10 Millionen Kinder“ vorausgesagt hat, nämlich die unglaublichste Charakterverbiegung der Kinder durch <a href="_wp_link_placeholder" data-wplink-edit="true"><strong>die besondere Nazi-Erziehung zum Hass und zum Krieg</strong></a>. Ich will ihnen etwas davon erzählen, wie das im Konkreten entstanden sein mag und beleuchte dann kurz, wie es sich ausgewirkt hat. Zum ersten berufe ich mich auf meine persönlichen Erkundungen, Schlussfolgerungen und Vermutungen, zum zweiten nehme ich mich selbst als Studienobjekt. Sie sehen, ein durch und durch subjektiver Bericht, der keine Allgemeingültigkeit behauptet.</p>
<p>Meine Eltern, das ist mein Fazit, handelten durchaus folgerichtig, ihrer Zeit, ihren Einflüssen und ihren Erlebnissen entsprechend. Sie gingen den Weg einer unbewussten Verarbeitungsstrategie. Sie stehen hier stellvertretend für eine Generation, die eine Kindheit im prosperierenden Nazi-System verlebte, in die ein lange vorausgesagter Krieg wie etwas Selbstverständliches einfiel, der sich zu einer zunehmenden Katastrophe mit unvorhersehbaren Folgen für sie auswuchs. Ihre Namen sind austauschbar, und doch ist es eine ganz persönliche, ganz private und ganz konkrete Geschichte.* Nicht der Krieg mit seinen Bomben hat das Leben meiner Eltern bestimmt, von ihnen waren sie sogar  weitestgehend verschont geblieben, sondern der Krieg als Einstellung, als Lebenshaltung, als Ziel, als Sinn, als Pflicht, als Angst, als die Vorstellung von grässlichen Feinden, die ihre Familie, ihr Land und ihr Zuhause bedrohen, als Vorstellung, dass man unbedingt „siegen“ müsse, als etwas die gesamte Gesellschaft sozial Durchziehendes, als etwas, mit dem sie schon in den ersten Schuljahren aufwuchsen, eng mit der Ideologie von Stärke und Kampf, Waffen und Sieg verknüpft, mit dem Gefühl einer unbedingten Notwendigkeit für die Obrigkeit einzutreten, da diese schon wisse, was sie täte und mit wachsamem Misstrauen, imaginären Feinden gegenüber, verbunden mit der Bereitschaft, in jedem Feind, wie verlangt, übermenschliche Bösartigkeiten zu entdecken. Unklar vernebelt hat sich dies mit dem immer gegenwärtigen, aber abstrakt gebliebenen Gefühl des Sterbens verbunden, sowohl des eigenen, als heldenhafte Tat, für etwas unklar Wichtiges, als auch das des Feindes, das man als „notwendig“, als erleichternden Ausweg aus einer Bedrohung phantasierte.</p>
<p><strong>Beide wuchsen sie seit ihrem Kindergartenalter im Gefüge der Nazi-Kriegspropaganda heran und die Werte der Nazis, sowie die ständige Propaganda für einen Krieg wurde ihnen zum dauerhaften Kindheitsbegleiter. Erst als ständige Bedrohung, gegen die man sich wappnen müsse, dann als real eingetretener Ernstfall, der nun immer und überall herrschte&#8230;</strong></p>
<p><em>Der vollständige Text (33.000 Zeichen) im Tagungsband:  26. Jahrestagung der </em><a href="http://www.psychohistorie.de/">Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie, GPPP</a><em> </em></p>
<p><em>Kontaktadresse: Prof. Dr. Winfried Kurth und Dipl.-Soz. Heike Knoch Georg-August-Universität Göttingen Büsgeninstitut – Abteilung Ökoinformatik Büsgenweg 4, 37077 Göttingen Telefon (0551) 39-9715, (0172) 5664458, Fax (0551) 39-3465 E-Mail: wk@informatik.uni-goettingen.de Internet: www.uni-goettingen.de/de/72781.html</em></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/kinder-der-kriegskinder/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ausgewählte Texte der Journalistin Ulrike Meinhof zur Heimkampagne &#8211; ab 1965</title>
		<link>https://anjaroehl.de/texte-der-journalistin-und-initiatorin-der-ersten-heimkampagne-in-der-bundesrepublik-deutschland-ulrike-meinhof-zum-thema-heimerziehung-und-frauenungleichbehandlung/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/texte-der-journalistin-und-initiatorin-der-ersten-heimkampagne-in-der-bundesrepublik-deutschland-ulrike-meinhof-zum-thema-heimerziehung-und-frauenungleichbehandlung/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Apr 2020 09:19:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://anjaroehl.de/?p=5969</guid>

					<description><![CDATA[Kleine Bibliographie von Texten der Journalistin Ulrike Meinhof im Vorfeld der Heimkampampagne 1968]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Die deutsche Journalistin Ulrike Meinhof ist zwischen 1965 und 1969 mit mehreren Investigativ- Veröffentlichungen katastrophaler Gewaltzustände in der Heimerziehung der Bundesrepublik Deutschland bekannt geworden und gilt seither als Initiatorin der ersten Heimkampagne in der Bundesrepublik Deutschland. </strong><em>(Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn, S. 169,173)</em></p>



<p>Ausgewählte Texte: <strong>Heimerziehung und Frauenungleichbehandlung</strong>: </p>



<p><em>»Heimkinder in der Bundesrepublik. Aufgehoben oder abgeschoben?</em>«, in: Frankfurter Hefte.<br>Zeitschrift für Kultur und Politik, 21. Jahrgang, Heft 9, Sept. 1966</p>



<p><em>»Schlußlicht Hilfsschule. Ein Bericht über Hilfsschulkinder«</em>, in: Radio Bremen (Hrsg.) Radio<br>Bremen. Hausbuch 1967, Bremen: Carl Schünemann Verlag 1967, S. 113-134</p>



<p><em>»Die Barbarei der sozialen Ungleichheit. Ein Bericht über Hilfsschulkinder«</em>, in: Walter Dirks<br>(Hrsg.) Frankfurter Hefte. Zeitschrift für Kultur und Politik, 22. Jg, Heft 11, Nov. 1967, Hermann<br>Luchterhand Vlg., Neuwied, S. 763-772</p>



<p>Samad Behranghi <em>Der kleine Schwarze Fisch.</em> 24 Stunden Wachen und Träumen. Zwei Märchen<br>aus dem persischen Widerstand, Berlin: S.E.M.T. o. Jahr (ca. 1968) (Der kleine schwarze Fisch<br>wurde 1968 von Ulrike Meinhof überarbeitet)</p>



<p><em>»Falsches Bewußtsein«</em>, in: Christa Rotzoll Emanzipation und Ehe, München: Delp’sche<br>Verlagsbuchhandlung 1968, S. 33-50</p>



<p><em>Mädchen in Fürsorgeerziehung, </em>Reihe werkstatt manuskripte Nr. 1, 2. Aufl., Saarbrücken:<br>Werkstatt-Koop (Hrsg.) 1971</p>



<p><em>Bambule. Fürsorge – Sorge für wen?</em> Ausgaben von 1971, 1972, 1975,1976, 1980, 1987,<br>Neuausg. und erweit. Ausg. v. 1987, Neuausg. von 1994, alle: Berlin: Verlag Klaus<br>Wagenbach</p>



<p><em>»Eine Sklavenmutter beschwört ihr Kind«</em>, unveröff. Manuskript, o. Dat., gefunden am<br>10.12.1971</p>



<p><em>»Fürsorgeerziehung«</em> in: Zwiebel Almanach 1973. Westberlin: Verlag Klaus Wagenbach 19733</p>



<p><em>Bambule. Fürsorge – Sorge für wen?</em> Schauspiel Frankfurt Kammerspiel, Frankfurt: Schauspiel<br>Frankfurt (Hrsg.)</p>



<p><em>»Flucht aus dem Mädchenheim«</em>, in: konkret 9/1966, S. 18-23</p>



<p><em>»Jürgen Bartsch und die Gesellschaft.«</em>, in: konkret 1/1968, S. 2/3</p>



<p><em>»Frauenkram«</em>, in: konkret 7/1968, S. 24-27/52</p>



<p><em>»Doof – weil arm« Hilfsschulkinder«</em>, (1. Teil), in: konkret 5/1969, S. 38-42</p>



<p><em>»Doof – weil arm« Hilfsschulkinder«</em> (2. Teil), in: konkret 6/1969, S. 34-37</p>



<p><em>»Sozialwohnungen« </em>Fernseh-Feature, Panorama, NDR, 24.5.1965</p>



<p><em>»Ausgestoßen oder Aufgehoben? – Heimkinder in der Bundesrepublik«</em>, Radio-Feature, HR,<br>vermutl. 9.12.1965</p>



<p><em>&#8222;Mädchen in Fürsorgeerziehung“</em>, Radiofeature, Erstausstrahlung der Radiosendung am 7.11.1969 im Hessischen Rundfunk</p>



<p><em>»Arbeitsplatz und Stoppuhr« </em>Fernseh-Feature, Panorama, NDR, 9.8.1965</p>



<p><em>»&#8217;Frauen sind billiger&#8216;.</em> Ein Bericht über Frauenarbeit in der Industrie«, Radio-Feature, WDR<br>1967</p>



<p><em>»Schlusslicht Hilfsschule« </em>Reihe: Das Kind in der Gesellschaft, Radio-Feature, Co-Prod. SWF,<br>SR, RB, 11.7.1967</p>



<p><em>»Keine Gleichberechtigung ohne Emanzipation oder die Frauenfrage heute«</em>, Radio-Feature,<br>WDR, 19.8.1967</p>



<p><em>»10 km südlich von Kassel« Eine Dokumentation über ein Heim für Mädchen in<br>Fürsorgeerziehung,</em> Radio-Feature 2.12.1969</p>



<p><em>»&#8230; was hab’ ich davon, wenn ich Trebe gehe«</em> Fürsorgeerziehung aus der Sicht von drei<br>ehemaligen Berliner Heimmädchen, Radio-Feature, 24.9.1969</p>



<p><em>»Jynette, Irene, Monika« Fürsorgeerziehung aus der Sicht von drei ehemaligen Berliner<br>Heimmädchen,</em> Radio-Feature, WDR, 2. und 8.12.1969</p>



<p><em>»Bunker &#8211; Bunker« </em>Radio-Feature, SFB, 26.12.1969</p>



<p><em>»Bambule«,</em> Fernsehspiel, Regie: Eberhard v. Itzenplitz, SWF, 1970 (dieser Film wurde, nach öffentlicher Fahndung, wegen Verdacht auf RAF-Mittäterschaft, nicht mehr gesendet)</p>



<p><a href="http://www.jutta-ditfurth.de/ulrike-meinhof/Material/Ditfurth-Meinhof-BIBLIOGRAFIE-20071222.pdf" title="">Quelle</a> mit weiteren Texte Ulrike Meinhofs zu anderen Themen, aus:  <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrike_Meinhof" title="">wikipedia: Ulrike Meinhof</a>, zusammengestellt von Jutta Ditfurth</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/texte-der-journalistin-und-initiatorin-der-ersten-heimkampagne-in-der-bundesrepublik-deutschland-ulrike-meinhof-zum-thema-heimerziehung-und-frauenungleichbehandlung/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kinder sind keine Tyrannen</title>
		<link>https://anjaroehl.de/kinder-sind-keine-tyrannen/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/kinder-sind-keine-tyrannen/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Aug 2013 21:05:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=3053</guid>

					<description><![CDATA[Kinder weinen nicht, weil sie die Eltern tyrannisieren wollen, sondern, weil sie Angst haben, verzweifelt sind, Hunger haben oder andere normale kindliche Bedürfnisse]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>1.6.13 / junge welt / Beilage Kinder</em></p>
<p><strong>Um Kleinkinder nun überall eilig in Großgruppen mit gering bezahltem Personal unterbringen zu können, müssen sie gehorchen, um ein altes Wort zu gebrauchen, was die heutigen Verteidiger autoritärer Erziehungsprinzipien sich als „hören“ schönreden. Oft müssen sie sogar aufs Wort gehorchen, wie Hunde in einer Hundeschule, weil man sonst nicht &#8222;durchkommt&#8220;, den Ablauf nicht &#8222;schafft&#8220;.&nbsp; Sie müssen auf Kommando essen, spielen, austreten, schlafen und ruhig sein.<br />
</strong></p>
<p>Das lernen sie durch strenge Eltern und Erzieher eher als durch nachsichtige, die dafür als zu weich gelten. Dies alles wird mit dem Ruf nach Konsequenz heute wieder gerechtfertigt, obwohl als erwiesen gilt, dass Kinder, wenn sie mitbestimmen können, also angehört werden, Entscheidungen also ausgehandelt, statt angeblich konsequent angeordnet werden, viel weniger negative Verhaltensänderungen zeigen.</p>
<p><strong>Erziehung ist ein Produkt gesellschaftlicher Bedingungen</strong></p>
<p>Jedes Gesellschaftssystem entwickelt sich seine eigenen, für die Zwecke, die in dieser Gesellschaft gebraucht werden, nötigen und passenden Erziehungsmethoden. So dass also die&nbsp; Erziehungsmethoden, die jeder als etwas ganz Eigenes, Privates empfindet, auf die er selbst durch eigenes Nachdenken gekommen zu sein glaubt, ein Produkt gesellschaftlicher Bedingungen sind. Dies funktioniert nicht, indem es sich ein Bösewicht ausdenkt und dann die Medien bewusst in diese Richtung lenkt, und alle nickend mitmachen, sondern indem gesellschaftliche Normen und Bedingungen sich schleichend, ausgehend von den Grundbedürfnissen, wie Arbeit, Wohnen, essen, schlafen, lieben, durch all diese Bereiche ziehen und zwar, indem sie einander beeinflussen. Der Mensch möchte sich in einer Gruppe Gleichgesinnter aufgehoben fühlen, und das umso mehr, je zersplitterter sein Alltag wird. Demnach ist er suggestibel, also beeinflussbar und zwar in höchstem Maße. In einem viel höheren Maße übrigens, als es ihm selbst bewusst ist, daraus besteht gerade die Kunst, zB in der Werbung, aber auch in der Medizin, dem Journalismus, der Kunst, aber auch der Liebe, die Menschen über das Unbewusste in ihnen zu erreichen. Es hat vor etwa 150 Jahren eine Heilkunst gegeben, die überaus erfolgreich war, sie nannte sich Magnetismus. Stefan Zweig hat darüber in seiner Freud-Biografie geschrieben. Ein Arzt hatte herausgefunden, dass Magnete in Wasser, wenn Menschen sich darüber an den Händen halten, Leiden lindern. Er war selbst verblüfft als er die Wirkung, selbst bei schwersten Krankheiten, beobachtete. Er forschte lange Jahre, um den Mechanismus zu entdecken, als er bemerkte, dass die heilende Wirkung auch ohne die Magnete eintrat, die Menschen mussten aber daran glauben. Eine psychosomatisch erkrankte Christin machte daraus später eine Heilkunst ohne Berührungen, nur durch Selbstsuggestion, Freud nahm sich dieser Kraft an und untersuchte eingehend seine verschiedenen Wirkmechanismen, mit dem Ziel, den Menschen daraus zu befreien und sein kritisches Ich zu stärken.&nbsp; Heute erarbeiten professionelle Callcenter-Firmenchefs, wie Wallraff aufdeckte, in Inbound- und Out-bound-Geschäften unter Ausnutzung dieser Suggestivkraft Milliardengewinne, allein durch Betrügereien, die sich die Menschen aufschwatzen lassen von gedungenen Untergebenen.</p>
<p><strong>Wird das gesteuert?</strong></p>
<p>Durch die Geschichte hinweg können wir beobachten, dass immer, wenn eine Gesellschaft irgendwo Angriffs- und Eroberungskriege führt, die Regierenden dem Volk einreden, dass es Verteidigungskriege seien. Gleichzeitig entwickeln sich auch repressivere Erziehungsmethoden. Das war in Sparta so, im Wilhelminischen Deutschland, und im Faschismus. Wie geht das zu? Wird das immer systematisch gesteuert? Durch Hintermänner, Geheimdienste, blutige Diktatoren? Vielleicht, mag sein, zB weiß man, dass die Computerspiele zuerst beim CIA Ende der 60-iger Jahre entwickelt wurden, als die Auswirkungen des Vietnam-Desasters die Wehrdienstfreiwilligenzahlen absinken ließen. Natürlich steckte die Hoffnung dahinter, die Kriegs- und Gewaltbegeisterung wieder etwas anzufachen. Das allein reicht aber als Erklärung noch nicht aus.</p>
<p>Noch etwas ist wichtig: Wenn ein Staat soweit ist, dass er Eroberungs- und Angriffskriege führt, meist um dem Land seine Rohstoffe abzugaunern und deren Absatzmärkte auf die eigenen Produkte umzulenken, dann hat er zuhause schon eine Krise, also meist zu wenig Rohstoffe und zu wenig Absatz, im Kapitalismus entsteht wie man weiß, solch eine Situation durch ungebändigtes Privat-Kapitalwachstum bei einigen wenigen Nutznießern, verbunden mit Massenarbeitslosigkeit und Erhöhung des Arbeitsdrucks auf der Seite der Ausgebeuteten. Es sammelt sich dann frei flottierendes Kapital und begibt sich woanders auf die Suche. Zuhause fallen Menschen in Armut, die bessere Zeiten gesehen haben und sich daran berechtigterweise nicht persönlich schuld fühlen, was Hilflosigkeit, Wut, Ungerechtigkeits- und Demütigungsgefühl und massenhaft Aggressionen sich entwickeln lässt.</p>
<p><strong>Kinder sind an der gesellschaftlichen Situation völlig unschuldig</strong></p>
<p>In solch eine gesellschaftliche Stimmung werden Kinder hineingeboren. Diese sind völlig unschuldig und können für diese Situation gar nichts. Sie wurden weder vorher gefragt, noch können sie ihre kindlichen Bedürfnisse, die inzwischen eingehend erforscht wurden, abstellen oder umändern.&nbsp; Sie können auch nichts dafür, dass sie als menschliches Neugeborenes noch ein Jahr brauchen, bis sie auf eigenen Füßen sich von den Bezugspersonen entfernen oder auf sie zulaufen können, und nicht als Fohlen zB schon am gleichen Abend die ersten Schritte tun. Sie sind stattdessen darauf angewiesen, dass man sie ein Jahr lang aufnimmt, wenn sie schreien und sie an den Körper drückt, damit sie sich nicht verlassen, also dem Tod ausgesetzt fühlen. Sie sind darauf angewiesen, dass man ihnen Nahrung, Schlafplatz und Zärtlichkeiten gibt, sie sind darauf angewiesen, dass man sie badet und sauber macht. Ebenso sind sie darauf angewiesen, dass sie bei Schmerzen Hilfe und Trost bekommen, außerdem brauchen Neugeborene vertraute Personen um sich sicher zu fühlen, wiederkehrende Ansprache um die menschliche Verständigungsart zu lernen, vielfältige Anregungen um das Neugierverhalten in Gang zu setzen, denn nur dadurch kann das Gehirn, das bei der Geburt noch kaum strukturiert ist, zur vollen Leistungsfähigkeit gelangen.</p>
<p>Nun fragt sich, wie die momentan so deprimierende gesellschaftliche Stimmung auf dieses Kind im Konkreten durchschlägt. Zunächst führt der relativ hohe Aggressionspegel, konfrontiert mit der Frequenz der wiederkehrenden Säuglingsbedürfnisse dazu, dass es sehr häufig zu Geduldsproben, häufiger noch zu aggressiven Durchbrüchen dem hilflosen Kind gegenüber kommt. Das trifft denjenigen stärker, der seltener mit dem Kind zu tun hat, da ein gegenseitiger Adaptationsvorgang im Normalfall zu einem veränderten, nämlich milderen, empathischeren Gefühl verhilft, zB ist nachgewiesen worden, dass eng mit Kindern zusammenlebenden Menschen in den Bereichen Empathie und Flexibilität Gehirnzellen wachsen (Synapsenvernetzungs- und damit Hirnvergrößerung bei Müttern in den ersten drei Monaten).</p>
<p>Da aber nun die Arbeitshetze sowohl bei den aus dem Arbeitsleben an Behörden weitergereichten Arbeitsamtskunden, als auch bei denen, die noch im Arbeitsleben drin sind, derart angezogen hat, wie es Günter Wallraff und andere investigative Journalisten immer wieder anschaulich beschreiben und als frühkapitalistisch geißeln, dass man immer länger für immer weniger Geld arbeiten muss und dass sich daher allein die Zeit, die man mit dem neugeborenen Kind real verbringt, extrem stark verringert hat. Alarmierend sind zB Berichte von Tagesmüttern, (die ich selbst seit 2006 in Mecklenburg-Vorpommern ausbilde), sie erzählen davon, dass sie Kleinkinder im ersten Lebensjahr oft täglich bis zu 12 Stunden betreuen, die dann von ihren Eltern nur noch ins Bett gebracht und aus dem Bett geholt werden und ihnen dadurch erfolgreich entfremdet werden. Oft wird dies sogar vom Jugendamt verlangt, angeblich schade das den Neugeborenen und Kleinkindern bis zum 3 Lebensjahr nicht.</p>
<p><strong>Überlastungs- und Aggressionsstimmungen schaffen den Rückschritt</strong></p>
<p>Problem ist nur, dass die oben beschriebene allgemeine Überlastungs-, Wut-, Verzweiflungs- und Aggressionsstimmung, mit Kinderbedürfnissen konfrontiert, die man weniger als zwei Stunden täglich am Stück erlebt, schneller zu aggressiven Durchbrüchen führen kann. Es wirkt dann die Fremdbetreuung nicht mehr als Entlastung, was gut für die Geduld den Kinderbedürfnissen gegenüber sein könnte. Nein, es wird dann eine institutionelle Erziehung meist ebenso gestresster und überlasteter Erziehungspersonen zur Hauptbetreuung, was den Teufelskreis aus Missdeutungen, Kommunikationsstörungen, Mangelerlebnissen und neurotisierenden Faktoren in Bezug auf die Eltern noch um ein Weiteres anfacht.</p>
<p>Gutsituierte Mittelstandseltern und deren Kinder merken von dieser Verschärfung der Situation auf dem Gebiet der Kindererziehung meist nicht so viel, da sie sich noch Nischen suchen können, innerhalb derer den Bedürfnissen der Kleinkinder noch besser nachgegangen werden kann. Für die anwachsende Zahl derer, die sich jeder Arbeit fügen müssen, um nicht in Hartz IV zu landen, ist dies aber trauriger Alltag.</p>
<p>Was sind nun die Missdeutungen, Kommunikationsstörungen, Mangelerlebnisse und neurotisierenden Faktoren und wieso bewirken diese eine allmählich sich stärker restaurativ und also wieder mehr repressiv sich ausrichtende Erziehungspraxis und-theorie?</p>
<p><strong>Kinderbedürfnisse werden missdeutet</strong></p>
<p>Missdeutungen finden vor allem auf dem Gebiet der vollkommen natürlichen und einfachen Kinderbedürfnisse statt, die weltweit von Entwicklungsforschern nachgewiesen wurden und in Abwandlung eine Art Säugetiermuster darstellen, man findet sie auch ähnlich bei unseren nächsten Verwandten, den Affen. Meist werden diese neuerdings als Bindungsmuster bezeichnet. Rene´Spitz entdeckte sie schon1911 im Rahmen seiner Hospitalismusforschung und John Bowlby beobachtete und filmte sie auf jedem Kontinent, in den abgelegensten Gegenden der Erde. Fazit seiner Forschungen: Je geborgener und einfühlsamer den Befindlichkeiten eines Säuglings in einer bestimmten Weise nachgegangen wird, desto früher werden diese sicher gebundenen Kinder frei und unabhängig, je früher sie aber aus dem Nest gestoßen, ihre Geborgenheitsbedürfnisse nicht oder höchst unzulänglich sie befriedigt werden, desto anhänglicher und aufdringlich-distanzloser, also unfreier werden diese Kinder.</p>
<p>Ungeduld, nur geringes Kennen und Verstehen der eigenen Kinder, eigenes Gestresstsein und unterdrückte Wut führt also zunächst immer häufiger dazu, dass diese natürlichen Bedürfnisse, wie zB einen 10-fach höheren Bewegungsdrang als Erwachsene, in Richtung willentliches Ärgern und Absichtlichkeit interpretiert und vorwurfsvoll unterbunden werden. In dem Zusammenhang wird Weinen als „Bocken“ bezeichnet und dem Kind als absichtliches&nbsp; „Nerven“ angelastet, nur weil es angeblich etwas „haben“ wolle, worum es dem Kind meistens gar nicht in Wahrheit geht. Angeblich scherzhaft gemeinte Schimpfworte wie Scheißerchen, Schieter, Pubser usw. dienen allein der eigenen Wutabfuhr, aber nicht dem Kind, über die derjenige sich lustig machend erhebt, statt ihm in Würde zu begegnen.</p>
<p>Sehr oft wird das Kind auch „verarscht“, also scherzhaft angelogen, mit seiner Eigenart Gefühle im Gesicht noch sichtbar zu machen, aufgezogen, Kinder werden auf offener Straße lauthals beleidigt, ihre Unruhe und Langeweile wird als mutwilliges Erwachsenennerven, die Fremdheit und Schüchternheit als Unhöflichkeit und die Verzweiflung und Trauerwut über die langen Trennungen als Ungezogenheit interpretiert.</p>
<p>Derart missverstandene Kinder sehen sich ständig bei den Erwachsenen in einer Dauerschuld, gegen die sie versuchen sich zu wehren, was dann zu übertriebenem Trotzverhalten führt, welches dann die Miss-Interpretationen der Erwachsenen nur noch weiter zu stützen scheint.</p>
<p><strong>Trendliteratur in der Pädagogik greift das auf<br />
</strong></p>
<p>In dieser Situation treten dann selbsternannte Experten auf den Plan, die weniger durch psychologisch-pädagogische Forschung, als durch den Wunsch geleitet werden, massenweise gehört und gelesen zu werden, also Umsatz zu machen. Sie greifen die von ihnen beobachteten Massenphänomen auf und machen daraus Bücher, die Absatz finden und sich selbst eine Karriere, die sie anders nicht zustanden bringen. Daraus entstehen Trends.</p>
<p>So wurde zB der Trend mit dem „Grenzen setzen“ geboren, wegen der angeblich so großen Gefahr des „Verwöhnens“, von dem man letztens mitten im Nazideutschland gesprochen hatte, sowie der Trend, jede Unruhe, jede Konzentrationsstörung eines Kindes, für die es Millionen verschiedene Gründe geben kann, denen man differenziert nachgehen müsste, zB überfordernde Erlebnisse, als ADHS zu interpretieren, also dem Kind ursächlich als Krankheit anzulasten.&lt;</p>
<p>Dieses stützte besonders die Pharmaindustrie, die dadurch ihre chemischen Präparate in Millionenumsätze bugsieren konnte. Auf der Strecke blieben alle pädagogisch-psychologischen und soziologischen Ursachen, damit aber auch all diese Einflussnahmen, so dass unruhige Kinder heute wieder auf Gedeih und Verderb medizinisch pathologisiert werden.</p>
<p>Auch so ein harmloser Trend, die Kinderwägen mit Tüchern zuzuhängen, angeblich gegen die Sonne, die Babys eng und bewegungsarm zu wickeln, angeblich gegen die Unruhe, sind rückwärtsgewandte Trends, die einer repressionsreichen, also eher unfrei machenden Pädagogik zuzurechnen sind.</p>
<p>Solche Ideen setzen sich dann durch, wenn ihre Zeit gekommen ist. Die Kinder werden heute auch deshalb schneller als unruhig empfunden, da die Menschen in immer kleineren Wohnungen auf immer engerem Raum zusammen leben müssen. Aber vor allem, weil ihre Eltern unzufriedener mit ihrem Leben sind und daher schneller die Geduld verlieren.</p>
<p>Kinder müssen heutzutage früher lernen, dass ihr Schreien niemand heranholt, weil ihre Eltern einfach zu kaputt abends sind, um noch die Geduld für solch selbstlose Tätigkeiten im Namen der Empathie zu entwickeln.</p>
<p>Und damit Eltern und Erziehungspersonal deswegen keine Schuldgefühle entwickeln, haben sich allein aus diesem Erwachsenenbedürfnis heraus entlastende Trend-Theorien entwickelt, die sich dann bis in die Wissenschaft hinein entwickeln. Diese suggerieren den Eltern zB , sie hätten zuhause kleine Tyrannen sitzen, die ihnen das Leben ordentlich schwer machen wollten.</p>
<p>Auch hier ist es in seltensten Fällen gesteuerte Absicht konservativer pädagogischer Kreise, sondern die pädagogische Trendlektüre entspricht einfach den aktuellen gesellschaftlichen Erfordernissen und erreicht dann auch dieses spielend: Die Eltern in solchen gesellschaftlichen Situationen von Schuldgefühlen befreien, weshalb die Trendtheorien dann auch begierig aufgesogen werden.</p>
<p><strong>Krisen schaffen Rückwärtsentwicklung<br />
</strong></p>
<p>So entwickeln sich schleichend repressivere Erziehungsmethoden besonders in gesellschaftlichen soziologisch bedenklichen kapitalistischen Krisen und fördern massiv Rückwärtsentwicklungen und Fachleute fragen sich fassungslos, wer denn damit eigentlich angefangen hat. Zunächst erwidern die seit Jahren das Gegenteil erforschenden Professoren noch die Trendlektüre und beschäftigen sich in umfangreichen Promotionen mit haufenweisen Gegenargumenten, aber sie werden nicht zur Kenntnis genommen. Im Trend liegt das Gegenteil und was viele denken und tun, wovon alle ständig reden, das scheint dann bald das Übliche zu sein, und dem folgt man, allein um dazuzugehören. Und die Lüge wird durch die hundertste Wiederholung allmählich zur angenommenen Wahrheit.</p>
<p>Auch hier mögen Steuerungen zugrunde liegen, zB die hohen staatlichen Förderungen der Gentechnik, aber im Wesentlichen trifft auch dieser Trend auf das gesellschaftliche Bedürfnis der unter Druck stehenden Bezugspersonen, sich von Schuldgefühl zu entlasten, und des Staates, sich vor der Übernahme von gesellschaftlich teurer Erziehungsarbeit und also Verantwortung für die nächsten Generationen zu drücken.</p>
<p>Dass also momentan überall, besonders in den ärmeren und unzufriedenen, prekarisierten Schichten repressive Erziehungsmethoden und konservative Erziehungstheorien wieder fröhliche Triumphe feiern, wie man überall sehen, hören und lesen kann, dafür braucht es also gar keine Verschwörungstheorie, das kommt ganz von allein, ist Ergebnis der schleichend die Gesellschaft durchziehenden Gifte der staatlich geförderten Enteignung, Verarmung, Entwurzelung, Entsolidarisierung, Verrohung und Verzweiflung.</p>
<p><strong>Was ist zu tun?</strong></p>
<p>Kann man also gar nichts tun? Wie war es in anderen Jahrhunderten? Selbst unter&nbsp; den schlimmsten gesellschaftlichen Bedingungen gab es immer welche, die eine andere Auffassung hatten als die Masse und der Trend vorschrieb. Es gab immer auch welche, die sich der Kinder annahmen. Oft weil sie selber eine schwere Kindheit hatten und dadurch Empathie entwickeln konnten, die besten Impulse gingen oft auch von denen aus, die besonders den ärmsten, den sogenannten „gestörten“ Kindern zu helfen versuchten.</p>
<p>Comenius, Rousseau, Itard, Montessori, Wichern, Pestalozzi, Freinet, Korczak u.v.a. haben versucht und aufgeschrieben: Sie trafen verzweifelte, vermauerte, zuckende und apathische Kinder, Kinder, die einnäßten und sich unsozial verhielten, Kinder, die verschlagen und grausam waren – und die dann lernten, sich sozial zu verhalten, einzig durch Liebe und Ermutigung und Anregung. Sie lernten, weil die Erwachsenen an sie glaubten. Pädagogische Projekte, Häuser, Heime, Schulen entstanden, in denen diese Kinder erweckt wurden, aufatmeten, fürs Leben ermutigt wurden.</p>
<p>Dieserart mutige Menschen, die es wagten sich gegen den Trend zu stellen, sowie gegen amtlich propagierte Haltungen agierten, haben immer wieder entdeckt und erforscht, dass Kinder, die sich ihrer Bedürfnisse nach Geborgenheit Liebe, Zuwendung und fördernder Anregung, dadurch dass sie sie von liebevollen Erziehern bekommen, bewusst sind, unter repressiven Umständen stärker quengeln, unruhig bis aufmüpfig werden und also dann genau diejenigen als besonders schwierig gelten, die im eigentlichen Sinne gesünder sind als die übrigen, die Angepassten. So war den Reformpädagogen, die sich von jeher gegen autoritäre Erziehungstrends in der Geschichte gestellt und immer für den Einzelnen stark gemacht haben immer klar, dass man also im Bereich der Schwierigen ansetzen müsse. Da, wo ein Ansatz&nbsp; von Gegenwehr zu erahnen ist, da wo Symptome, freigelegt, den Wunsch sich aufzulehnen, enthüllen. Da muss man ansetzen um den herrschenden Restaurationsentwicklungen gegenzusteuern. Die 68-iger beschrieben Ähnliches in ihren Randgruppendiskussionen. Sie befreiten Heimkinder und ließen eingesperrte Menschen mit Behinderungen frei. Wo welche Hilfe brauchten, legten sie Wert auf Stärkung statt Schwächung der kindlichen Persönlichkeit.</p>
<p><strong>Abwertungen von Kindern entgegentreten</strong></p>
<p>Darauf sollten wir uns rückbesinnen und uns wieder den problematischen Kindern zuwenden. Sie sind unschuldigsten Opfer der Akkumulationskrisen des Kapitals. Aufgabe der Pädagogen ist es hier, wieder den Umweltaspekt zu stärken und den Trend nach Konsequenz, Härte, Abwertung von Kindern und ihren natürlichen Bedürfnissen nicht mitzumachen, bzw. an jedem Punkt unserer Arbeit mit Kindern gegenzusteuern. In Praxis und Theorie.</p>
<p>Dabei muss man ermutigen, anregen und an die Kräfte der Kinder glauben. In den meisten Kindern ist eine enorme Kraft angelegt. Sofern sie nicht von Anfang an gebrochen wird, ist sie die Quelle, aus der der Pädagoge schöpfen, anstatt dass er sie unterdrücken muss. Von den Bedürfnissen der Kinder her muss Pädagogik aufbauen, von den Ideen der Kinder her, von ihren Gefühlen herkommend Lösungen anbieten. Gehen wir in der Erziehung diesen unkonventionellen&nbsp; Weg, so werden es unsere Kinder uns einmal danken, da sie dadurch freier werden und sich besser gegen Unfreiheiten wehren können, gehen wir diesen Weg nicht, laufen wir Gefahr, dass wir und unsere Kinder vom herrschenden gesellschaftlichen Mainstream überrollt werden, der dazu beiträgt, dass wir alle immer gefügiger werden. Das ist gegen das Denken und gegen den Fortschritt und gegen jegliche Weiterentwicklung.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/kinder-sind-keine-tyrannen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Inklusion nicht als Sparmodell</title>
		<link>https://anjaroehl.de/inklusion-nicht-als-sparmodell/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/inklusion-nicht-als-sparmodell/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Aug 2012 09:32:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=3072</guid>

					<description><![CDATA[Inklusion war als ein Modell menschlicheren Umgangs mit andersfähigen Menschen gedacht, in Deutschland wird es oft als Sparmodell umgesetzt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Inklusion ist eine gesamteuropäische Bewegung, die unmittelbar auf die Integration folgte.</strong></p>
<p>Die Integration war etwas, das die Sonder- und Heilpädagogik seit 1945 in dieser und jener Weise anstrebte. Seitdem innerhalb von nur wenigen Jahren unter den Nazis allein in Deutschland 70.000 Menschen mit Behinderungen und Besonderheiten, sowie arme Menschen sofort und weitere 200.000 als „erbkrank“ und damit als „lebensunwert“ eingestuft und von den Nationalsozialisten systematisch ermordet wurden (erst T4-Aktion, dann wilde Euthanasie), bemühten sich die wenigen übrig gebliebenen Berufsverbände, die Hochschulen, die christlichen Verbände (Diakonie) und neu gegründeten Elternvereinigungen (Lebenshilfe) darum, die behinderten und beeinträchtigten Menschen wieder in die Gesellschaft zurückzuholen und sie als vollwertige Mitglieder zu behandeln.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Behinderungen hatte man nicht mehr gesehen</strong></p>
<p class="MsoNormal">Das war nicht einfach, denn das Bewusstsein in der Bevölkerung musste sich zunächst erst einmal wieder heben. Behinderungen hatte man nicht mehr gesehen, oder man hatte sich bemüht, sie zu verstecken, man hatte auch Angst vor behinderten Menschen und konnte sie sich nur weit entfernt von den Städten in geschlossenen Anstalten vorstellen. Die übrig gebliebenen Institutionen waren von abwertenden Vorstellungen aus der Nazizeit geprägt und so brauchte es lange Zeit, das betrifft Ost- und Westdeutschland gleichermaßen, bis sich in den 60-iger/70iger Jahren durch Umbruchsituationen in der Gesellschaft, Enthüllungsgeschichten aus Heimen und „Anstalten“, beeinflusst auch von Bestrebungen in Italien (Franco Basaglia) langsam die Vorstellungen gegenüber behinderten Menschen ins Humane veränderte und man Berührungsängste ab, und Institutionen anders und wirkungsvoller ausbaute.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Zunächst Standdardverbesserungen 60-iger bis 80-iger Jahre</strong></p>
<p class="MsoNormal">Dabei verbesserte man zunächst den Standard in den bestehenden Einrichtungen, man baute Wohn- und Werkstätten aus, man baute Schwimmbäder, Physiotherapie, Spezialschulen, man förderte, man stellte Fachkräfte ein und baute Ausbildungsgänge aus. All diese Bemühungen richteten sich aber überwiegend an, wie man damals dachte, „förderfähige“  Menschen, man sonderte die „Nicht-Förderfähigen“ von dieser Gruppe immer noch ab und hielt diese eher in geschlossenen Extraabteilungen, in der chronischen Psychiatrie, in abgelegenen Hospitälern. Es herrschte immer noch eher die von der Verhaltenspsychologie beeinflusste Lehrmeinung vor, dass, wenn man von außen keine Reaktion bei Menschen bemerken würde, diese auch innerlich keine Gedanken und<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>Empfindungen haben könnten. Ärzte interpretierten gelegentlich auftretende Reaktionen als „Reflexe“, um die man sich kaum wirklich kümmern müsse.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Aus Skandinavien kam das Normalisierungskonzept</strong></p>
<p class="MsoNormal">Aus Skandinavien kommend, entwickelte sich schon ab Mitte der 70-iger Jahre eine zaghaft entstehende Gegenbewegung, die als erstes in München von Prof. Theodor Hellbrügge aufgegriffen und mit Hilfe einer Elterninitiative ausgebaut wurde, die Integrationsbewegung. Hellbrügge hatte beobachtet, dass sich auch schwerbehinderte Babys in gemischten Kindergruppen besser entwickelten, als wenn sie nur im Umfeld anderer schwerbehinderter Menschen groß würden. So entstanden die ersten Projekte: Die „Schulen der Aktion Sonnenschein“ (München) und die Flämingschule (Berlin). Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Integrations-Bewegung, die sich in den 80-iger Jahren zunächst auf die Grundschulen in größeren Städten ( Berlin, Hamburg, München, Bremen u.a.), wo behinderte Kinder je nach Wohngebiet und Prozentanteil in der Bevölkerung direkt in die Grundschulen aufgenommen werden sollten und in den Hochschulen (Institut für Integration an der FU), gegen viel Widerstand aus Politik und Verwaltung langsam ausbreitete.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Integrationsbewegung war auch schon von Sparzwang bedroht</strong></p>
<p class="MsoNormal">Schon damals war von administrativer- und Verwaltungsseite plötzlich die Rede davon, dass man die teuren Behinderteneinrichtungen dann ja nicht mehr bräuchte. Daher wurde gewarnt vor der Lösung:<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>„Integration als Sparmodell“, denn selbstverständlich müssten die behinderten Kinder auch in den Integrationseinrichtungen individuell und von Sonderschullehrern und Heilpädagogischen Fachkräften assistierend betreut werden.</p>
<p class="MsoNormal">Da man aber die geistig Behinderten von dieser administrativen Phase der Integration damals noch größtenteils ausnahm,  und die Förderschulen als Sammelbecken für Kinder, die oft aus rein sozialen Gründen nicht in größeren Gruppen unterrichtet werden konnten, noch brauchte, wurden die Sonderschulen nicht geschlossen.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Allmähliches Enthospitalisieren der Anstalten und Großkliniken</strong></p>
<p class="MsoNormal">Dafür löste man ab Mitte der 80-iger Jahre im Zuge der aus Italien einwirkenden Anti-Psychiatrie die Großkliniken in Richtung Wohngruppen auf, das schwappte dann nach der Grenzöffnung auch auf die DDR-Institutionen über, wo dieser Prozess ab den 90-iger Jahren dann auch ähnlich anlief.</p>
<p class="MsoNormal">Die Integrationsbewegung in den Schulen blieb allerdings, auch als sie sich etablierte, ständig bedroht von Kürzungen und Einsparungen und eng begrenzt auf die nur lernbehinderte und verhaltensgestörte Kinder (man kürzte hier zB den Lehrerstand pro Klassenschlüssel immer weiter hinunter, die Klassenstärken nahmen zu, was den integrativen, pädagogischen Bemühungen zuwider lief).</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Inklusion, eine neue skandinavische Stufe der Akzeptanzbewegung von Menschen mit Behinderungen</strong></p>
<p class="MsoNormal">Die zweite Welle, die von Skandinavien zu uns überschwappte, inzwischen aber die gesamte europäische Union erreicht hat, war die<strong style="mso-bidi-font-weight: normal;"> Inklusionsbewegung</strong>. Sie entstand aus den Behinderteneinrichtungen heraus, die mit den schwerer behinderten Menschen zu tun hatte. Warum sollten nicht alle Menschen, egal, wie stark oder schwach sie sich äußern oder bewegen konnten, dazu gehören, eingeschlossen sein, von allen anderen Menschen „umarmt“ werden?</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Hirnphysiologische Studien, psychologische  und pflegerische Konzepte</strong></p>
<p class="MsoNormal">Diese Ideen entstanden auch aufgrund der sich weiter entwickelnden hirnphysiologischen Forschung, da man feststellte und auch beweisen konnte, dass Menschen mit einem äußeren Verhalten von Menschen, mit geistigen Behinderungen oft nur stark Äußerungseingeschränkt sind. Ursachen wie Bindungsstörungen, traumatische Erfahrungen in Heimen und Kliniken wurden in den Blick genommen. Das &#8222;verschlossene&#8220; Innere mit unbekannten Fähigkeiten, mit menschlichen Emotionen, mit Gefühlen für Würde und Erniedrigung und unbekannter Intelligenz wurde entdeckt. Das alles wird aber nur durch intensive „Beziehungsarbeit“ und den unerschütterlichen Glauben an das Menschliche sichtbar.  Andreas Fröhlich und Christel Bienstein haben hier viele eindrucksvolle Forschungsarbeit geleistet. (siehe unter dem Stichwort: Basale Kommunikation und Stimulation)</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Die Begriffe &#8222;Normalisierung&#8220; und &#8222;Normierung</strong>&#8222;</p>
<p class="MsoNormal">So begann man nun auch die Menschen mit schweren Behinderungen mit in die Welt der &#8222;Normalität&#8220; einzubeziehen. Man versuchte auch, besonders im heilpädagogischen und Pflegebereich, das aus Dänemark und Schweden kommende Prinzip der „Normalisierung“ ernst zu nehmen und anzuwenden, man gründete Wohngemeinschaften mit Behinderten, die sich in der &#8222;Normalwelt&#8220; befanden, man entwickelte Möglichkeiten, auch Menschen mit geistigen Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Aber auch hier ist größte Vorsicht geboten, dass nämlich auch diese Ansätze nicht zum Anlass genommen werden, dass gut ausgestattete Förderzentren, dass Werkstätten, die ein Arbeiten ohne Arbeitsstress und entfremdete Arbeitsbedingungen ermöglichen,<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>und viele Hilfsmittel, die Erleichterung bedeuten, nicht mit Hinweis auf diese „Normalisierung“ geschlossen und kaputt gespart werden. Denn der Begriff  &#8222;Normalisierung&#8220; kann sehr schnell ausgelegt werden als:  &#8222;Normierung&#8220; und damit heißen: Du bist anders, du passt nicht rein, passe dich an oder du hast keine Chance.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Einfühlsam, wertschätzend und an den Bedürfnissen des Menschen, nicht der Institution ausgerichtet</strong></p>
<p class="MsoNormal">In diesem Zusammenhang müssen wir uns immer klar werden, das Gerechtigkeit nicht heißt: Für jeden das Gleiche, sondern für jeden das, was er braucht, aufgrund seiner ganz individuellen Unterschiedlichkeit. Unterschiedlichkeit in seiner Ausgangslage und in seinen daraus gewachsenen unterschiedlichen Bedürfnissen. In diesem Sinne ist eine gut verstandene Inklusion-Umarmung, eine, die sich einfühlsam, wertschätzend und mit Hochachtung auch mit dem am stärksten eingeschränkten Menschen bemüht. Jeweils individuell die Lösung finden, die nah an den Bedürfnissen dieses Menschen liegt.  Wenn ein Mensch es braucht, mehrmals am Tag gewiegt, in den Arm genommen und ermutigt zu werden, dann muss dafür die Zeit und Personal da sein und darf dies nicht als „Bevorzugung“ oder Verwöhnung angesehen werden, zum angeblichen Nachteil anderer. Personalmangel darf nicht die Methoden unserer Pädagogik und inklusiven Bestrebungen beeinflussen.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Inklusion als Haltung muss in stärkenden Handlungen münden</strong></p>
<p class="MsoNormal">Insofern ist Inklusion weniger eine von oben aufgedrängte Sache, als vielmehr eine humane Haltung und Einstellung, die unabhängig von der Einrichtung überall praktiziert werden kann, die aber sich erst in der Praxis beweisen und bewähren muss, wo Menschen aufeinandertreffen. Unterschiedlichkeiten sollten weniger bewertet, klassifiziert, diagnostiziert und negativ herausgehoben, weniger in Schubladen gesteckt und ein für allemal festgelegt,<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>als vielmehr wahrgenommen, akzeptiert, geachtet und immer wieder neu entdeckt<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>werden.<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>Wenn einer 20 Jahre nicht gesprochen hat, so kann er eines Tages plötzlich doch vielleicht<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>sprechen, wenn er es ganz stark will, wenn einer ihn dazu herausfordert, weil er an ihn glaubt oder ihn als Menschen anspricht. Wenn einer angeblich keine Buchstaben kennt, so probiert man aus, in welchem Schwierigkeitsgrad er es doch schafft, sich selbst damit auszudrücken.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Seine eigenen Beobachtungen immer wieder hinterfragen, nach den Gründen für ein Verhalten suchen</strong></p>
<p class="MsoNormal">Man sollte sich im Zuge der Selbsterziehung angewöhnen, seine Beobachtungen der anderen Menschen jederzeit auch infrage zu stellen, durch Neues ergänzen, immer wieder neugierig und mit ebenso großen Erwartungen an die Menschen mit Behinderungen heranzugehen, als man auch an die Menschen ohne Behinderung herangeht. Immer muss danach gestrebt werden, die Ursachen für ein Verhalten zu erforschen. &#8222;Warum?&#8220; lautet die Kernfrage, die sich ein Mitarbeiter, ein Assistent, ein Begleiter von Menschen mit Enschränkungen immer wieder stellen muss. Alles hat seine Gründe und man muss ihnen nachgehen. Erst dann kann Inklusion ernst genmmen werden. Solange Menschen aber mit Tabletten ruhig gestellt werden müssen, weil Personalmangel herrscht, solange kann von wirklichem Einschließen keine Rede sein kann.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Niemals behaupten, man wüsste was einer nie können wird</strong></p>
<p class="MsoNormal">Es darf also niemals im Kopf der Gedanke sein: Der kann das und das nie, dazu reicht es nicht, das bringt sowieso nichts, sondern es sollte jedem die Chance gegeben werden, sich so, wie er selbst es will, zu entwickeln und seine Interessen herauszufinden, dazu aber braucht es ausgebildetets Fachpersonal, zur Begleitung, zur Anregung.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Nicht Förderdrill und Förderzwang</strong></p>
<p class="MsoNormal">Das ist eine Form der Inklusion, die wir jederzeit praktizieren können, die bedeutet nicht: Förderdrill und Förderzwang, die bedeutet aber, die Hoffnung auf Einfühlung nicht aufzugeben und den Menschen mit Einschränkungen vollständig anzunehmen, eine tief urchristliche Forderung übrigens, die leider oftmals in Vergessenheit gerät.</p>
<p class="MsoNormal">Ich bin sehr skeptisch, wenn sonderpädagogische Schulen über Nacht geschlossen werden und Schüler aus Klassengemeinschaften, Lehrer aus Kollegien herausgerissen werden. Im Mund führen Verwaltung und Politik dazu die Inklusion an, in der Realität diktiert aber meist der Rotstift die Politik.</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Öffnung von Behinderteneinrichtungen</strong></p>
<p class="MsoNormal">Nehmen wir uns Skandinavien zum Vorbild, dort haben sich im Zuge der Inklusion die Sonderschulen sukkzessive für „Normalkinder“ geöffnet, die so von klein auf an mit sogenannten behinderten Menschen zusammen aufwachsen und lernen, deren Unterschiedlichkeiten, ebenso wie ihre eigenen zu akzeptieren und zu lieben.  Die Öffnung der Sondereinrichtungen zu diagnostischen und psycho-sozialen Förderzentren für alle Menschen ist eine Lösung, die zB in Trondheim gefunden wurde, aber auch in Oslo, Stockholm und in Dänemark.  Warum ist soetwas bei uns nicht möglich?</p>
<p class="MsoNormal">Besondere Menschen brauchen mehr Zeit, mehr Personal, besser ausgebildetes Personal, jede Inklusion geht nur so zu realisieren, niemals mit Einsparungen. Wir Heil- und Sonderpädagogen wissen das, weil es uns unsere tägliche Zusammenarbeit mit den besonderen Menschen sagt. Aber die Kommunalpolitiker, die im Zuge der Inklusion gut ausgestattete Förderzentren mit Schwimmbädern zu Hotelanlagen umbauen lassen, um die Schüler in die umliegenden Normalschulen auszusiedeln, die in maroden Plattenbauten mit einer Klassenfrequenz von 33 Schülern dann nur wieder auf der letzten Bank sitzen und verzweifeln, die brauchen unseren ziemlich tatkräftigen Widerspruch.<span style="mso-spacerun: yes;">               </span></p>
<p class="MsoNormal"><em>Lit.-Liste auf Anfrage</em></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/inklusion-nicht-als-sparmodell/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gestützte Kommunikation</title>
		<link>https://anjaroehl.de/gestutzte-kommunikation/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/gestutzte-kommunikation/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Aug 2012 21:39:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=3060</guid>

					<description><![CDATA[Der Schustersohn Braille erfand als Kind die Blindenpunktschrift. Zuerst wurde sie über 40 Jahre lang verboten, heute ist sie in der ganzen Welt verbreitet]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>In: unterwegs 2/2012</em></p>
<p><span style="mso-bidi-font-weight: bold;"><strong>Als der kleine Schustersohn Braille einst die Blindenpunktschrift erfand, die sich fortan unter den Betroffenen wie ein Lauffeuer verbreitete, da tobte die Gelehrsamkeit der alterwürdigen Beamten und alle Lehrer kamen überein, diese Schrift solle verboten werden. </strong></span></p>
<p><span style="mso-bidi-font-weight: bold;">Man sagte, das isoliere den Blinden, überfordere ihn, bzw. täusche dem geistig &#8222;niedrig Stehenden&#8220;<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>hochtrabende Möglichkeiten vor, die derjenige nie und nimmer erreichen könne und schade den Institutionen, der Lehrerschaft und den Hilfsverbänden, weil sie an den Bedürfnissen ihrer Mündel vorbeigehe und sich also Nutznießer auf Kosten der armen Kranken über deren Fähigkeiten lustig machten. Außerdem halte es die Menschen davon ab zu lernen. Insofern sei die Braille-Erfindung nichts als unnütz und gänzlich untauglich, da viel zu schwer und abstrakt, niemals zu lernen. Luis Braille starb mit 40 Jahren, er hat niemals erlebt, wie seine Methode sich über die ganze Welt verbreitete und eben dadurch heute blinde Menschen nicht mehr als geistig behindert angesehen werden, wie es damals noch Stand der Wissenschaft war und üblich zu denken.</span></p>
<p><strong>Wer nicht sprechen kann, versteht Bedeutungen</strong></p>
<p><span style="mso-bidi-font-weight: bold;">Als am Ende des letzten Jahrhunderts begonnen wurde, mit Nichtsprechenden zu kommunizieren, ohne dass diese die Sprechwerkzeuge benutzen mussten, indem man also Möglichkeiten schuf, dass sie sich schriftlich verständigen konnten,<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>zweifelte man damit indirekt an, dass wer nicht sprechen, auch nicht denken und verstehen könne, was man lange geglaubt hatte und zT heute noch glaubt.  Aber warum soll, wer nur unverständlich oder gar nicht sprechen kann oder mag, nicht hören und Sprach-Bedeutungen abspeichern und lernen können, und diese nicht später auch mittels Schriftzeichen und Tasten von sich geben? Denn wer nicht hören und nicht sprechen kann, versteht Bedeutungen durch Sehen, Abschauen, Nachahmen und Schlussfolgern. Und selbst, wer nicht hören, nicht sehen und nicht sprechen kann, der ertastet, erriecht, erfühlt und ein derart also taubblinder Mensch kann durch geeignete Förderung, Liebe und Wertschätzung, in einer Atmosphäre ständiger Ermutigung, wie man am Beispiel Helen Keller sieht, höchste Kulturleistungen mittels Assistenten erbringen.<span style="mso-spacerun: yes;">    </span></span></p>
<p><strong>Ich will kein Inmich mehr sein</strong></p>
<p><span style="mso-bidi-font-weight: bold;">Es waren behinderte Menschen und ihre Eltern (Birger Sellin: Ich will kein Inmich mehr sein / Rohde: Ich Igelkind) ), sowie aufmerksame Krankengymnasten (siehe bei: Tavalaro, Julia: Bis zum Grunde des Ozeans), die eines Tages herausfanden, dass bisher nichtsprechende Menschen, die einen durchaus geistig behinderten Eindruck machten, unter schlimmen Stereotypien litten und viele andere störende Besonderheiten hatten, durch eine bestimmte Methode mittels Tastatur einer Schreibmaschine oder eines Alphabetbrettes, die Schriftsprache und sich damit auszudrücken, erlernen konnten.</span></p>
<p><strong>Facilitated Communication</strong></p>
<p><span style="mso-bidi-font-weight: bold;">Man nannte diese Methode „Gestützte Kommunikation“</span>, sie es ist die deutschsprachige Entsprechung des englischsprachigen Fachbegriffs <em>„Facilitated Communication“</em> (kurz: <span style="mso-bidi-font-weight: bold;">FC</span>). Sie braucht einen Kommunikationshelfer, der die Schriftsprache beibringt, der ermutigt und ermuntert und die betreffende Person, Schreiber oder Nutzer genannt, berührt. Diese körperliche Hilfestellung, die zT nur am Ellbogen stattfinden muss, oder an der Schulter, gibt den Auslöser oder Antrieb, dass der Nutzer die Tasten bedient und etwas schreibt. Es muss ein starkes Vertrauensverhältnis zwischen beiden herrschen, denn der Autist, vielfach hat man es mit Autisten erfolgreich durchgeführt, benötigt eine Sammlung und Konzentrationshilfe auf das Wesentliche, das mit Hilfe der stützenden Berührung gegeben wird.</p>
<p><strong>Beginn bei Menschen mit Cerebralparese und Autismus</strong></p>
<p>In ihrer heutigen Form wurde die Gestützte Kommunikation Ende der 1970er Jahre von der Australierin Rosemary Crossley entwickelt, die einen Weg zur Kommunikation mit einer jungen cerebralparetischen Frau suchte. Später wurde die Methode auch bei Menschen mit Autismus und Down-Syndrom angewandt, heutzutage unabhängig von der medizinischen Diagnose allgemein bei Personen mit einer schweren Kommunikationsbeeinträchtigung. Das Erstaunlichste war nun, dass diese Methode sich ebenso lauffeuerähnlich unter betroffenen Autisten und Nichtsprechenden ausbreitete, wie einst die Blindenschrift, es schien, als hätten Autisten, die jahrzehntelang geschwiegen hätten, nur darauf gewartet, diese distanzierte Kommunikationsmöglichkeit zu nutzen um sich endlich ausdrücken zu können.</p>
<p><strong>Wie Nichtdenken-Könnende behandelt</strong></p>
<p>Im Nu entstanden Bücher, Zeitschriften, Briefwechsel von Betroffenen und ganze Zirkel bildeten sich und es wurden auch Dinge aufgedeckt, die als unschön empfunden wurden, denn die bisher Nichtsprechenden, die ja von ihren Betreuern bis dahin oft auch als Nichtdenken – Könnende behandelt worden waren, beschrieben nun, wie sie behandelt wurden, was ihnen angetan, wie mit ihnen geredet, und umgegangen wurde und da kam eine Menge Kritik an Pflege und Betreuung, an Heimen und Verwahrung auf. Und viel Althergebrachtes wurde in Frage gestellt.</p>
<p><strong>Es kam zu einer Gegenbewegung</strong></p>
<p>US-Forscher aus dem Umfeld der Verhaltensforschung führten Laborexperimente durch, die Stützer und Gestützem unterschiedliche Aufgaben gaben und daher ihr Zusammenspiel verwirrten, so dass am Ende angeblich bewiesen wurde, dass die schriftlichen Aussagen aller gestützten Personen vom Stützer induziert waren und nicht wirklich ein Spiegel des selbständigen Denkens des betroffenen Autisten oder Nichtsprechenden. Es war schwer gegen die Wissenschaft, die mit Vergleichsuntersuchungen, Zahlen und Statistiken auftrumpfte, anzukommen, doch verbreitete sich die Technik dennoch unter den Betroffenen und unerklärlich blieb, warum die Betreffenden denn über Stunden an den Apparaten bleiben sollten, wenn es ihnen nur anbefohlen oder aufgedrängt sein sollte, ebenso unklar blieb auch, warum sich die Betreffenden über ihre Ergebnisse freuten, warum sich Freundschaften über die Briefinhalte, die mittels FC geschrieben wurden, bilden konnten, warum sich zum Teil Symptome von Isolation und Selbstaggression zurückbildeten, Glück und Zufriedenheit und echte Literatur durch das Schreiben und Mitteilen ergaben.</p>
<p><strong>Als Scharlatanerie abqualifiziert</strong></p>
<p>Die Weiterentwicklung der gestützten Kommunikation hat schweren Schaden genommen, man hat die so ungeheuer erfolgreiche Technik als Scharlatanerie abqualifiziert und damit in breitem Maße Mütter, Betreuer, Sonderpädagogen und Krankengymnasten verunsichert. Da, wo sich schon Schulen gebildet hatten, etwa in Süddeutschland, wo Menschen als Stützer an Instituten ausgebildet wurden und werden, wird nun betont, dass ständige Fortbildungen der Stützpersonen und viele andere Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden, damit es zu keiner einseitigen Stützersteuerung kommt. Außerdem wird betont, dass das Ziel immer das Wegfallen des Stützers sei und stetig daraufhin gearbeitet werden solle.<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>Dazu werden in regelmäßigen Abständen Aufgabenstellungen eingebaut, aus deren Antworten sich ableiten lässt, dass diese nur von den FC-Nutzern selbst stammen können.</p>
<p><strong>Kommunikation ist immer ein Interaktionsvorgang</strong></p>
<p>Es wurde nun gegen die Methode angeführt, dass allein schon der Prozess der FC-Anbahnung, automatisch zur Stützersteuerung führe, da es sich immer um ein sensomotorisches Zusammenspiel zweier Menschen handele, das kaum noch voneinander zu trennen sei.<span style="mso-spacerun: yes;">  </span>Dies nun allerdings trifft nach Schulz von Thun, wie jeder weiß, auf jeglichen Kommunikationsvorgang zu, denn Menschen sind keine Maschinen. Jede Kommunikation, von der ersten nonverbalen zwischen Mutter und Säugling, bis zum hochphilosophischen sokratischen Dialog, ist immer ein Interaktionsvorgang, menschliche Kommunikation wächst durch Gegenseitigkeit. Steht auf der einen Seite nur ein mürrischer Mensch, der Befehle herunterleiert, so muss man sich nicht über trotzig-verweigernde Reaktionen, Lügen und unterdrückte Aggressionen wundern, ist da aber einer, der ermutigt, liebt, aufmerksam ist, so findet auch der gegenüber Kraft sich vertrauensvoll auszudrücken, sei es mit Augen, Händen, Armen oder Beinen.</p>
<p><strong>Zutrauen und Ermutigung</strong></p>
<p>Jemanden darin stützen, dass er Zutrauen zu sich selbst fasst und seinen eigenen Gedanken Ausdruck verleihen kann, mag zwar manchmal auch unbequem sein, ist aber mE die einzige Möglichkeit einer inclusiven, menschlichen Umgangsform unter Gleichberechtigten und Gleichwertigen, mit gleichen Rechten ausgestatteten Menschen in einer Welt.</p>
<h2><span class="mw-headline">Literatur</span></h2>
<ul type="disc">
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;">Biermann, Adrienne: <em>Gestützte Kommunikation im Widerstreit.</em> Berlin: Edition Marhold 1999.</li>
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;"><span lang="EN-GB" style="mso-ansi-language: EN-GB;">Biklen, Douglas: <em>Communication Unbound: How Facilitated Communication is Challenging Traditional Views of Autism and Ability/Disability</em>. </span>New York: Teachers College Press 1993</li>
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;">Bundschuh, Konrad/Basler-Eggen, Andrea: <em>Gestützte Kommunikation (FC) bei Menschen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen.</em> München: Ludwig-Maximilians-Universität 2000.</li>
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;">Crossley, Rosemary: <em>Gestützte Kommunikation: Ein Trainingsprogramm.</em> Weinheim, Basel: Beltz 1997.</li>
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;">Dillon, Kathleen M.: <em>Facilitated Communication, Autism, and Ouija</em>, in: <em>Skeptical Inquirer</em> 17 (3) 1993, S. 281-287; dt.: <em>Ouija</em>, in: Randow, Gero von (Hg.): <em>Der Fremdling im Glas und weitere Anlässe zur Skepsis, entdeckt im „Skeptical Inquirer“</em>, Reinbek: Rowohlt 1996, S. 107-121</li>
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;"><span lang="EN-GB" style="mso-ansi-language: EN-GB;">Donnellan, Anne M./Leary, Martha R.: <em>Movement Differences and Diversity in Autism/Mental Retardation</em>. </span>Madison (WI): DRI Press 1997</li>
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;">Eichel, Elisabeth: <em>Gestützte Kommunikation bei Menschen mit autistischer Störung.</em> Dortmund: Projekt-Verlag 1996.</li>
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;">Gmür, Pascale und Schmid, Otmar: <em>Meine Denksprache. Menschen, die nicht reden können, finden Worte. Dokumentarfilm zur gestützten Kommunikation.</em> 2005. 57 Minuten, als DVD und VHS erhältlich. www.fc-zentrum.ch</li>
<li class="MsoNormal" style="mso-margin-top-alt: auto; mso-margin-bottom-alt: auto; mso-list: l0 level1 lfo1; tab-stops: list 36.0pt;">Lang, Monika: <em>Gestützte Kommunikation – Versuch einer Standortbestimmung.</em> In: Geistige Behinderung 2/2003, S. 139-147.</li>
</ul>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/gestutzte-kommunikation/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ausverkauf der Altenpflege</title>
		<link>https://anjaroehl.de/ist-das-gut-fragt-sie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Jul 2011 12:49:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=2047</guid>

					<description><![CDATA[25.7.11 / jw-Feuilleton Da kann man noch so nett sein und wird doch nichts als Hospitalismus produzieren! Wer kämpft mit Brigitte Heinisch gegen den Ausverkauf der Altenpflege? Mit großer Freude las ich am Freitag, daß der Umgang Berlins mit der Altenpflegerin Brigitte Heinisch vor sechs Jahren gegen die Europäische Menschenrechtscharta verstieß. Heinisch war nach Beschwerden...]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>25.7.11 / jw-Feuilleton </em></p>
<p><strong>Da kann man noch so nett sein und wird doch nichts als Hospitalismus produzieren! Wer kämpft mit Brigitte Heinisch gegen den Ausverkauf der Altenpflege?</strong></p>
<p>Mit großer Freude las ich am Freitag, daß der Umgang Berlins mit der <a href="_wp_link_placeholder" data-wplink-edit="true"><strong>Altenpflegerin Brigitte Heinisch</strong></a> vor sechs Jahren gegen die Europäische Menschenrechtscharta verstieß. Heinisch war nach Beschwerden über unzumutbare Arbeitsbedingungen vom landeseigenen Vivantes-Konzern fristlos entlassen worden. Die BRD muß sie nun entschädigen. Dem Bundesarbeits- und dem Verfassungsgericht zum Trotz steht damit fest, daß in den deutschen Altenheimen ein riesiger Reibach auf Kosten von Menschen gemacht wird, die sich nicht wehren können.</p>
<p><strong>Empörung in Handeln umsetzen</strong></p>
<p>Das Strasbourger Urteil sollte ermutigen, gegen die Ohnmacht der Altenpflege aufzubegehren. Über den Ausverkauf ihrer Berufsethik wissen wir auf dem Buchmarkt alles, nur leider sorgt das bisher kaum für Empörung, die in Handeln umgesetzt würde. Wie bekannt, findet hier im Verborgenen etwas so Grauenhaftes statt, das man erst versteht, wenn man mittendrin steckt. Filme wie »Späte Aussicht« oder Bücher wie »Abgezockt« und »Sauber und still« werden fast nur von Betroffenen gelesen. Die Mehrheit scheint sich zu sagen: Alter? Was ist das? Da kommen wir doch gar nicht mehr hin! Von Bedeutung mag auch die neoeugenische Argumentation sein, wir würden leider viel zu alt und das sei eben zu teuer.</p>
<p><strong>Ist das gut? fragt sie</strong></p>
<p>Ich habe kürzlich ein Wohn- und Pflegeheim im reichen Hamburg besuchen dürfen, weil eine gute Freundin nach einem Narkosefall dement geworden und dahin gekommen ist. Ein gerade privatisiertes Heim der Luxusklasse. Eine Angehörige der Freundin versichert mir, daß hier alle nett seien. Ich verbringe vier Stunden mit meiner Freundin. Wir gehen spazieren, schauen Schwäne und Enten an. Im von mir vorstrukturierten Gespräch lacht sie, versteht, adäquat zu antworten, findet manchmal nicht die richtigen Begriffe für das, was sie sagen will, ist etwas langsam; die Irrtümer räumen wir aber immer schnell aus. In Gesprächspausen bringt sie eigene Assoziationen zur Sprache. Wir betreten gegen 17.30 Uhr das Heim, zum Abendessen wird sie in einen kleinen Raum mit Vierertischen gebeten, alle haben Hospitalisierungsstereoty­pien und reden nicht. Sie selbst beginnt auch, kaum sitzt sie an einem Tisch, stereotyp aufzustehen und sich wieder hinzusetzen. Ein Zwang, der ausgelöst wird, sobald man sie mit dem Rollstuhl an den Tisch karrt. Ich sage, daß das gut sei, da sie dadurch ihre Beine trainiere. »Ist das gut?« fragt sie mich erstaunt, als sage man sonst zu ihr, sie solle das sein lassen.</p>
<p><strong>Jahrzehntelang an Literatur herangeführt</strong></p>
<p>Das Essen rollt an. Die es hinstellen, sprechen nur das Nötigste, Deutsch ist auch nicht ihre Muttersprache. Meine Freundin, ein Sprachgenie, war bis vor einigen Monaten noch Gymnasiallehrerin, jahrzehntelang hat sie Abiturklassen an deutsche Literatur und abendländischen Humanismus herangeführt. Meine Gesprächsangebote zu Literatur und Kunst kann sie mühelos aufgreifen, sie lacht mich dabei an und sagt, ich sei ganz die Alte geblieben, sie freut sich, sie versteht. Als ich der Schwägerin versichere, daß sie mich mit der Freundin allein lassen kann, da ich im Erstberuf Krankenschwester sei, sagt meine Freundin, daß sie mir vertraue, aber nicht, weil ich Krankenschwester sei, sondern aufgrund meiner menschlichen Eigenschaften. Mit jedem Thema, das ich ihr vorgebe, kann sie etwas anfangen. Über einen Grammatikfehler bei einem Diavortrag im Heim lacht sie sich kaputt, das weiß sie noch eine halbe Stunde später, mit Geld, Zahlen, Alltagswörtern aber kann sie nicht mehr umgehen.</p>
<p><strong>Hinter hochgezogenen Bettgittern 70 Bewohner</strong></p>
<p>Im Heim haben alle rollstuhlgerechte Einzelzimmer mit Bad, hinter jeder zweiten Tür, die offen steht, sieht man einen Pflegebedürftigen hinter hochgezogenen Bettgittern liegen. Auf dem Weg zum Fahrstuhl treffe ich im Schwesternzimmer auf einen Mann vor einem PC, der seine Worte mühsam suchen muß. Er beschäftigt sich »mit Dokumentationen«, hat »wenig Zeit«, erteilt aber einige Auskünfte. Sie haben auf dem Flur 69 Pflegebedürftige, beinahe alle dement und nicht gehfähig. Er sei »Pflegehelfer«. So nennt man die ohne einjährige Ausbildung zum »Krankenpflegehelfer«. Sie arbeiten zu dritt: zwei Pflegehelfer und eine ausgebildete Kraft auf 70 Bewohner. Seit der Privatisierung seien die Gehälter gekürzt, die Bewohnerzahlen aber erhöht worden.</p>
<p><strong>Übrig bleibt Hospitalismus</strong></p>
<p>Da kann man noch so nett sein, da kann man nichts als Hospitalismus produzieren – unter diesen Bedingungen bleiben die Bewohner immer allein. Für die Gehfähigen werden Referenten eingekauft, die Diavorträge halten. Das ist löblich, aber verwirrte Menschen brauchen Gespräche, einzeln, mit spürbarer Zuwendung. Mehr als das regelmäßige Waschen brauchen sie Menschen, die sie gern haben, die sie kennen oder im Laufe der Zeit kennenlernen könnten. Das ist nicht möglich auf diese Art. Kein Wunder, daß der Alltag in den Pflegeheimen so aussieht wie von der mutigen Brigitte Heinisch am Freitag im Interview mit dem Deutschlandfunk geschildert: Hilflose, alte Menschen, die nichts verbrochen haben, »spielen mit ihren Exkrementen, essen sie und schmieren sie an die Wände wie an Knastmauern«. Was da läuft, ist nicht mal Verwaltung und Verwahrung, sondern die total auf Profit abgestellte Verdinglichung des Menschen.</p>
<p><strong>Statt Preise Konsequenzen!</strong></p>
<p>Welche Konsequenzen Heinischs Triumph vor dem Gerichtshof des Europarats haben wird, liegt auch an uns. Je länger wir Augen und Ohren verschließen, nach dem Motto, was geht es uns an, desto schlimmer werden die Zustände. Wenn wir heute nichts dagegen tun, leiden wir morgen selber in diesem »Pflegesystem«. Sollte es in Deutschland nur eine einzige Frau geben, die das begriffen hat? Von allen Seiten hagelt es nun Preise auf sie herab. Ich glaube, das war nicht ihr Anliegen, sie wollte, daß etwas in den Heimen geschieht, jetzt, sofort, noch heute.</p>
<p><em>Originalartikel </em><a href="http://www.jungewelt.de/2011/07-25/012.php"><em>hier</em></a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mädchen in Rosa</title>
		<link>https://anjaroehl.de/madchen-in-rosa/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/madchen-in-rosa/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Mar 2011 22:44:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=1766</guid>

					<description><![CDATA[Mädchen in Rosa sind niedlich, süß und putzig - farbliche Geschlechtskennzeichnung von Anfang an]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Heute, wohin ich auch blicke: Mädchen in Rosa, alle kleinen Mädchen, vom Säuglingsalter bis zur Jugendlichkeit, tragen heute Rosa, überall oder als Streifen in den Schuhen, in den Söckchen, als Strumpfhose, Pullover, Kleidchen, Rock, Hemd, Unterhose, in der Bettwäsche, im Waschlappen, es muss rosa sein, sonst ist es kein echtes Mädchen. Mädchen sind heute in rosa wie uniformiert, niemals vorher war das derart verbreitet. Selbst unsere Urgroßmütter hatten nicht derart klare geschlechtsspezifische Zuschreibungen für ihre Kinder.</p>
<p>Würde man in einer X-beliebigen Schule alle Mädchen auf der einen Seite des Schulhofs sich versammeln lassen, so würde man ein Meer von rosanen Farben in allen Schattierungen sehen. Dabei ist Rosa eine Unfarbe, ein vorgeschriebenes Muster, was angeblich alle freiwillig wählen, weil „kleine Mädchen Rosa so lieben“, in Wahrheit eine durch Werbung und Industrie produzierte gesellschaftliche Zuschreibung für Mädchen als Glitzergegenstand, als Zierde und Püppchen, als Barbie, rosa Symbol für Zartheit, eine Farbe von der Jungen sagen: IIIIIhhh – Mädchenfarbe !!!! Rosa bringt Jungen dazu, Mädchen als nicht zugehörig anzusehen, bringt sie dazu, mit Mädchen nichts Abenteuerliches machen zu können, denn rosa kann schmutzig werden, rosa muss geschont werden, Rosa ist niedlich, Rosa ist süß, Rosa erfüllt Äußerlichkeit, Ausstellungszweck, Rosa bedeutet weibliche Rollenzuschreibung, Rosa zementiert Ungleichheit, Rosa diskriminiert. Mädchen, die Rosa ablehnen, scheint es in Deutschland kaum noch zu geben und da sie in der Minderheit sind, werden sie schon schief angeguckt.</p>
<p>Woher dieser Rückschlag? 1980 schien Rosa und Hellblau schon mindestens zehn Jahre out zu sein, nur hoffnungslose Spießbürger wählten für Baby- gar für Kindersachen noch die altmodischen Geschlechterfarben, woher die Rückkehr dieser entsetzlichen Gewohnheit, die wir unseren Großeltern zuschrieben, aber niemals gedacht hätten, sie bei unseren Enkeln wiederzufinden?</p>
<p>Unsere Farben waren bunt, kräftig, bestanden aus Grundfarben: rot, blau, gelb, orange, grün, lila und ihrer Mischpalette, unsere Kinder wollten wir nicht ab Babyalter in von der Gesellschaft bestimmte Geschlechterrollen hineinpressen, sie sollten sich ihre Identität frei und auch mal rollenkritisch wählen dürfen, Jungen durften bei uns auch mit Puppen spielen, Mädchen mit Bauklötzern, Mädchen durften auch Abenteuer erleben, darüber lesen, mit dabei sein, Mädchen-Vorbilder waren Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter. Zukünftig sollten auch Mädchen arbeiten und selbstständig sein. Unterordnung und Hausdame war passe´.</p>
<p>Heute saust die Welt im US/EU-amerikanistischen Globalisierungswahn mit Meilenschritten zurück in die Vergangenheit, Barbi ist „in“ und Barbi trippelt auf Laufstegen und sieht schön aus, in rosa. Vergessen Gleichberechtigung, vergessen öffnung der allgemeinen Männerwelt draußen auch für Frauen, Barbi konzentriert die Mädchen wieder auf Modepuppe, was auch praktisch ist, denn man braucht mehr als die Hälfte der Menschheit nicht mehr, was sollen uns da auf dem Arbeitsmarkt noch die Frauen! Die brauchen wir dafür aber zur Ablenkung unserer gefrusteten Männchen, da sie draußen kaum noch etwas gelten, müssen sie wenigstens zuhause eine Rolle spielen, müssen sich über die hilflosen Püppchen erhaben fühlen, geistig sowohl als auch körperlich, sollen immer freundliche Gespielinnen haben, die ihnen das Leben versüßen und haben überhaupt nur zugeschriebene und angewiesene, von anderen festgesetzte Funktionen zu erfüllen, alles ganz freiwillig, versteht sich.</p>
<p>Es steht traurig um die Gleichberechtigung im Jahre 100 nach Einführung des internationalen Kampftages für die Rechte der Frau, Frauen sind die Hälfte der Menschheit, keine Minderheit, sie werden aber versteckt, verprügelt, klein und kurz gehalten und lediglich als Ausstellungsstücke in rosa dürfen sie sich öffentlich zeigen. Frauen haben in den Führungsetagen sämtlicher Berufe nur 1-2 % inne, wie kann da von Gleichberechtigung gesprochen werden? Die Besonderheit in unserer Gesellschaft ist die, dass diese Dinge alle so angeblich freiwillig übernommen werden, denn man kann ja hingehen und andere Sachen kaufen. Aber sind Sie schon mal an einem Fußballweltmeistertag ohne Fußballbemalung durch die Straßen geradelt, ich ja, es ist nicht einfach Nonkonformist zu sein.</p>
<p>Bei den Frauen müssen wir also den Rückschritt aufhalten, während alle uns was vom Fortschritt erzählen, der angeblich erreicht wurde. Dies müssen wir besonders den Jugendlichen erzählen: Boykottiert rosa! Boykottiert konservative Rollenmuster, kämpft um euer Recht auf eine Arbeit in allen Bereichen, nicht nur im Friseur-, Pflege- und Kindererziehungsbereich, kämpft aber auch darum, im Privatleben nicht als Püppchen benutzt zu werden, kämpft um eure Würde und Achtung als gleichwertige Menschen.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/madchen-in-rosa/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Haben Väter nicht auch Pflichten?</title>
		<link>https://anjaroehl.de/haben-vater-nicht-auch-pflichten/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/haben-vater-nicht-auch-pflichten/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Aug 2010 08:10:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=1328</guid>

					<description><![CDATA[Haben Väter nicht auch Pflichten? fragte der neunjährige Sohn einer Freundin nach der erfolgten Trennung seiner Mutter vom Vater, die sie – wie alle Erwachsenen es tun – beschlossen hatte, ohne das Kind zu fragen. Sie hielt die Mischung aus Haß und Hohn, mit der ihr ihr Partner begegnete, einfach nicht länger aus. Seit der...]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Haben Väter nicht auch Pflichten? fragte der neunjährige Sohn einer Freundin nach der erfolgten Trennung seiner Mutter vom Vater, die sie – wie alle Erwachsenen es tun – beschlossen hatte, ohne das Kind zu fragen. Sie hielt die Mischung aus Haß und Hohn, mit der ihr ihr Partner begegnete, einfach nicht länger aus. Seit der Geburt der Kinder, zu denen er lieb und zärtlich war, verspürte er einen extremen gesellschaftlichen Druck, Geld heranzuschaffen, was ihn den ganzen Tag außer Haus trieb. So entfremdeten sie sich. Sie fühlte sich alleingelassen, er zuwenig gewürdigt. Jeder wurde dem anderen auf seine Weise zum Feind. Gegen Ende flehte sie ihn an, wenigstens einen Tag in der Woche für Uni und Arbeit »frei« zu bekommen, um nicht im Abseits zu landen. Darauf wollte er sich nicht einlassen. Aus der großen Liebe war eine stinknormale Beziehungskatastrophe geworden, in der sich jahrhundertealte Rollenmuster verfestigten. Er herrschte sie an, die Beine breitzumachen, drohte: »Du bekommst die Kinder nicht! Was brauche ich denn statt deiner außer Putzfrau und Haushälterin?« Dann kamen Prügelszenen auf. Als sie ihn endlich aus dem Haus bekam, waren die Kinder traurig wie nie zuvor, ständig wütend, weinend. Der Vater kam nur manchmal für Minuten vorbei, um dann im selben Haus Stunden bei der Geliebten zu verbringen, die er schon länger hatte, was das Kind schweren Herzens, mit großer Mühe, der Mutter verschwiegen hatte, damit alles blieb, wie es war. Im elend anstrengenden Zustand der gerade vollzogenen Trennung fragte der Sohn, ob Väter nicht auch Pflichten hätten, seiner aber hatte beschlossen, daß er erst eine neue Frau finden müsse, bevor er seinen Kindern wieder unter die Augen treten könne und daß er Zeit dafür bräuchte.</p>
<p>Einer anderen Freundin lief der Vater des Kindes Wochen nach der Geburt davon, da sie den Säugling, der ewig schrie, seiner Meinung nach durch Hochnehmen und Stillen verwöhnte, keine Zeit mehr für ihn hatte, er nicht gefragt worden sei, ob er überhaupt ein Kind wollte und nun eine Auszeit bräuchte. So ließ er die beiden in einer Hinterhauswohnung in Berlin-Wedding mit der Bemerkung allein, sie solle ja nicht auf die Idee kommen, ihn etwa als Vater angeben zu wollen. Der Vater des Kindes einer dritten Freundin schließlich kam nach fünf Jahren, in denen sie alles allein gemacht hatte, auf die Idee, das Fünfjährige in seine neue Familie zu integrieren, zu der schon jüngere Kinder gehörten. Das würde sich gut machen, meinte er – alles ein Aufwasch. Sein Kind müsse sich allerdings zwischen ihm und der Mutter entscheiden.</p>
<p>Das soll nun alles anders werden?! Am 2.August entschied das Bundesverfassungsgericht, daß Mütter das Sorgerecht für ihre Kinder mit deren Vätern zu teilen haben, ob sie wollen oder nicht, ob sie verheiratet sind oder nicht. Ein Familiengericht muß noch zustimmen, kann aber nun auch gegen die Mutter entscheiden. Die Karlsruher Richter maßregelten mit dem Urteil, das vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angemahnt worden war, eine, wie sie erklärten, »nach neuen Erkenntnissen beträchtliche Zahl von Müttern«, die »ihr angestammtes Sorgerecht nicht mit dem Vater des Kindes teilen wollen«.</p>
<p>Prima, es brechen goldene Zeiten herein. Väter werden ihre Kinder mit Inbrunst pflegen. Sie werden ihre Karriere für Elternzeit opfern, mit ihren Kindern die Hälfte der Zeit verbringen. Sie können ja nun über ein Menschenleben gleichberechtigt mitbestimmen, das neun Monate im Körper der Frau heranwuchs, von ihr unter Schmerzen geboren wurde – dazu müssen sie sich nicht besonders gekümmert haben, nein, es reicht, der Erzeuger zu sein.</p>
<p>Was da als Emanzipation der geschundenen Männer daherkommt, ist in Wahrheit patriarchales Unrecht, denn wie kann einer, der nichts für das Kind auf sich nehmen mußte außer dem Zeugungsakt, die gleichen Rechte an ihm zugesprochen bekommen wie diejenige, die mit dem Kindern von Anbeginn eng zusammenlebt. Warum wurden nicht Lebensverhältnisse als Kriterium geltend gemacht? Da könnte ich mir viele Paragraphen vorstellen, die Unrecht beheben. Warum wurde die »Blutsverwandtschaft« aus der Mottenkiste geholt? Linke sollten es mit Brechts Grundsatz aus dem »Kreidekreis« halten: Die Kinder denen, die für sie gut sind, und nichts anderes gelten lassen als die puren Lebensverhältnisse und deren gemeinsame Bewältigung.</p>
<h3>Das Kind als Sache</h3>
<p>Wie sieht die Realität aus? Väter fliehen vor der Verantwortung, Männer schlagen und mißhandeln – das ist statistisch erfaßt und bewiesen und liegt nicht an den Hormonen, wie es uns konservative Biologisten schmunzelnd weismachen wollen, sondern ist gesellschaftlich bedingt. Es tritt aus Verzweiflung auf, auf Kosten von Frauen. Männer entwickeln diese Überforderungssymptomatik, je schwerer eine Beschäftigung zu finden ist, mit der eine Familie zu ernähren wäre, je größer der Druck ist, der auf ihnen lastet, je tiefer sie sich auf der hierarchisch-patriarchalen Leiter fallen sehen. Leider schließen sich die Betroffenen nicht gegen ihre »Arbeitgeber« in Streiks zusammen, sondern lassen ihre Frauen mit Säuglingen im Stich oder prügeln; die Zahlen bestätigen das.</p>
<p>Hat die Auf-sich-Gestellte das Kleine in den ersten Jahren trotz aller Widrigkeiten lieben gelernt, kommen die Herren Väter zurück und beanspruchen das Kind, sofern es denn mal schön lesen und schreiben und man sich mit ihm sehen lassen kann. Die Gesetzesänderung aus Karlsruhe macht sowas möglich. Über Bord gehen dabei kindliche Grundbedürfnisse nach dauerhafter Bindung, Liebe, Intimität– alles, was ein Kind psychisch stabil und gesund erhält. Seine kontinuierliche und verläßliche Versorgung wird den Bedürfnissen der Männer untergeordnet, deren Recht an ihrem »Eigentum«, dem ehemaligen Samenfaden und jetzigem Kind. Hier wird das Kind zur Sache. Es wird verdinglicht. Dies ist nun per Gesetz legitimiert. War es einer Frau bisher immerhin möglich, den Kindsvater, der kein Talent zum Vater zeigte, nicht zu heiraten, damit er kein Recht an seinen Kindern bekommt, so gehört ihr das Kind nun zur Hälfte einfach nicht mehr, völlig unabhängig von den jeweiligen Umständen. Der Samengebervater, der nie einen Finger krümmte, muß ständig konsultiert werden und kann jederzeit die Kinder zugesprochen bekommen. Er hat alle Rechte an ihnen, als hätte er sie geboren und großgezogen.</p>
<p>Das ist nicht Gleichberechtigung. In unserer Gesellschaft herrscht Frauenhaß und Frauenabwertung. Männer haben die Macht im Staat, die besseren Jobs und sind in vielerlei Hinsicht bevorteilt. Auf ungleicher Grundlage gleiches Recht einzuräumen, schafft größeres Unrecht. Mit der Gesetzesänderung werden sich keineswegs plötzlich alle nicht-zahlenden Kindsväter zu liebevollen Bezugspersonen wandeln. Vielmehr werden Frauen den Kindsvater seltener angeben. Sie werden verschweigen, von wem der Sproß in ihrem Leib ist, mit wem sie nicht leben können oder wollen. Vielleicht können sie so allein bestimmen, was mit ihrem Kind geschieht, aber sie haben keinerlei Unterhaltsgeld mehr zu erwarten. Das wunderbare Gesetz wird den Staatshaushalt auf Nebenwegen um die Millionen nicht geleisteter Unterhaltszahlungen lediger Väter entlasten, für welche bisher das Sozialamt einsprang. Mehr Frauen verarmen. Alleinerziehende Frauen sind schon die ärmste Bevölkerungsgruppe: Noch mehr Kinder wachsen in Armut auf. Frauen sind noch abhängiger von Männern und dem Staat.</p>
<p>Pflichten der Mütter ergeben sich meist unmittelbar durch das Kind. Das fängt an mit dem Ungeborenen, das weder Gift noch Streß abbekommen sollte, geht weiter mit dem Säugling. Pflichten der Väter müssen erst gesellschaftlich festgelegt werden und bleiben meist im Nebel der Beliebigkeit. Wenn mal ein Vater seinen Säugling wickelt, ist das die Sensation modernster Neuzeit und kommt, wie dieser Tage, gleich auf die Titelseiten. Das Bundesverfassungsgericht hat mehr Rechte für Väter durchgesetzt; ich fand eigentlich, sie hatten schon genug. Viele berufen sich jetzt schon auf ihre Rechte, wenn sie ihre mißhandelten Ehefrauen erpressen. Das läßt sich in den Frauenhäusern beobachten und überall nachlesen. Nun können das auch Unverheiratete.</p>
<h3>Nach »Effi Briest«</h3>
<p>Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter hat in Kenntnis der gängigen Praxis am 5. August erklärt: »Damit Väter die gemeinsame Sorge im Sinne des Kindeswohls aktiv wahrnehmen können, müssen nach Auffassung des VAMV einige Voraussetzungen erfüllt sein: Das Kind muß eine Bindung zum Vater haben, d.h. er muß zumindest eine ausreichend lange Zeit mit dem Kind zusammengelebt haben. Der Vater sollte nachweisen können, daß er z.B. die Hälfte der Schulferien mit dem Kind verbringt und auch sonst sein Umgangsrecht kontinuierlich wahrnimmt. Der Barunterhalt für das Kind sollte regelmäßig und in ausreichender Höhe bezahlt werden, damit die existentiell notwendigen Kosten gedeckt sind.« Im übrigen hätten Mütter, die dem gemeinsamen Sorgerecht nicht zustimmen, in der Regel sehr gute Gründe dafür.</p>
<p>Der VAMV appelliert an den Gesetzgeber, sinnvolle Kriterien für die Gewährung eines »Rechts auf elterliche Sorge« zu entwickeln. Sie müssen sich eng am Wohlbefinden des Kindes orientieren und dürfen nicht automatisch zugeteilt werden! Andernfalls nähern wir uns fundamentalistisch-altpatriarchalen Verhältnissen, wie sie Theodor Fontane im Drama um das Kind der »Effi Briest« schilderte. Damals hat das Menschen angerührt. Wenn das heute egal ist: Auf zum Kampf gegen die Frau!</p>
<p><strong>Nachtrag: </strong></p>
<p><em>Es gibt auf diesen Artikel eine Bombardierung von unsachlichen, von Beleidigungen, statt von Argumenten geleiteten&nbsp; Kommentaren, die ich nicht Lust habe auf meiner Seite abzudrucken. Ihr Inhalt läuft darauf hinaus, mir vorzuwerfen, dass ich zu erwähnen wagte, dass das Baby im Bauch der Mutter aufwächst, daher zunächst als ein Teil ihres eigenen Körpers empfunden wird, was ihr einen Vorsprung im Empfinden der Nähe zum Kind vor dem Vater und anderen Bezugspersonen gibt. Die soziale Elternschaft muss erworben werden, sie darf nicht biologistisch festgelegt werden, sondern muss sich am Kriterium der Lebensbedingungen orientieren. Meine Antwort an alle: Ich spreche mich gegen jegliche Biologisierung aus und trete für folgenden Grundsatz ein: Die Kinder denen, die für sie gut sind! Das muss in jedem Falle sorgsam geprüft werden. </em></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/haben-vater-nicht-auch-pflichten/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>5</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sexueller Missbrauch  &#8211;   (k)ein Thema</title>
		<link>https://anjaroehl.de/sexueller-missbrauch-kein-thema/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/sexueller-missbrauch-kein-thema/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 May 2010 19:30:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=1070</guid>

					<description><![CDATA[Ausgehend von einem persönlichen Bericht über sexuellen Missbrauch in der Familie wird das Problem allgemeiner diskutiert]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Siehe auch</em> <a href="http://www.anjaroehl.de/die-zeit-ist-reif-zur-padophiliedebatte/">&#8222;Die Zeit ist reif&#8220;</a></p>
<p>Jahrhunderte hat man über Kindesmissbrauch geschwiegen, dann hat man es als Hirngespinst abgetan, später erfand Freud, da er sich eine solche Menge von sexuellen Übergriffen, wie ihm anvertraut wurden, nicht erklären konnte, den Ödipuskomplex. In den frühen 60-iger Jahren hat die so genannte sexuelle Revolution auch die Pädophilie in ein positives Licht getaucht, sie sollte nur sanft genug vonstatten gehen, aber sanfter Missbrauch zerstört menschliche Seelen auf eine ganz besondere Weise. Es gab ein Mädchen, dass mit 12 Jahren von ihrem Vater auf liebevoll-zärtliche Weise entjungfert wurde, später hat sie ihren Ehemann mit dem Beil erschlagen, als er die Tat aufdecken wollte. Sie blieb ein Leben lang seelisch an diesen Vater gefesselt. Das ist das Drama des sanften Missbrauchs, früher beschönigend Inzest genannt.</p>
<p>In den 80-iger Jahren haben von Missbrauch betroffene Kinder, in der Überzahl Mädchen, erstmalig Menschen gefunden, die ihnen geglaubt haben, dass es negative Folgen gibt, wenn Kinder, bevor sie eine eigene Sexualität haben, mit dem Begehren Erwachsener in Sprache, Handlung und Gewalttat konfrontiert wurden und es waren die feministischen Frauen und Therapeutinnen, die erstmals Schritte der Hilfe zur Selbsthilfe entwickelten, um die ehemaligen Opfer freier und selbstbewusster zu machen.</p>
<p>Sie waren auch die ersten, die überhaupt zugehört haben, ohne Vorwürfe zu machen, wie es in Erziehungsinstitutionen, Heimen, Kirchen, Polizei und Justiz bis dahin allgemein üblich war. Ihre Versuche, das Thema öffentlich zu machen, brachte ihnen aber den Ruf der Hysterie, Männerfeindlichkeit und Übertreibung ein. Es stellte sich dann heraus, dass wer von &#8222;Missbrauch&#8220; spricht, einen &#8222;Gebrauch&#8220; von Mädchen logischerweise richtig finden müsste, seither hat der Begriff &#8222;sexualisierte Gewalt&#8220; den Fokus der sexuellen Übergriffe auf Mädchen und Kinder mit dem der Erwachsenen zusammengedacht und dadurch aus dem Blick genommen und verwischt. In den 90-iger Jahren schien es das Thema öffentlich kaum zu geben, da glaubte man, wenn Kinder fleißig lernen &#8222;Nein&#8220; zu sagen, dann halten sich auch die Tätzer zurück. Seit der Jahrtausendwende fielen die Wildwassergruppen der Missbrauchs-Opferhilfe wie alle von Frauen selbst aufgebauten Sozialeinrichtungen dem Sparwahn zum Opfer, mit nur noch minimalen Möglichkeiten, verschwand ihr Einfluss und ihr Bekanntheitsgrad und mit dem allmählichen Verschwinden und Diskreditieren des Themas aus der Öffentlichkeit, verringerten sich also wiederum die Möglichkeiten, dass Hilfesuchende Hilfe bekamen und dass ihnen geglaubt wurde.</p>
<p>Während all der Zeit konnte sich, weil die Gesellschaft als Ganzes, in Politik und Öffentlichkeit das Thema &#8222;vergessen&#8220; hatte, ein wild wuchernder Frauenhass in einschlägigen Magazinen, auf Videos, später im Internet, in erschreckender Weise ausbreiten, und damit sank die Hemmschwelle auch für derlei Taten gegenüber Kindern. Immer mehr jüngere Mädchen, zu einem kleinen Teil auch männliche Kinder waren und sind betroffen.</p>
<p>Früher glaubte man, nur die brutale Vergewaltigung sei mit Missbrauch zu bezeichnen, heute wissen wir, dass schon sexuelles Berühren von Kindern, schlüpfriges Reden, sich an ihnen aufzugeilen, ihnen Pornografie aufzudrängen, ihre Umgebung zu sexualisieren, das all das schwerste Schäden in der Beziehungs- und Liebesfähigkeit dieser Kinder hinterlässt. Wenn, wie im Fall der katholischen Kirche, wo unter den Kirchenbänken kleine Schriften über die Sünde, sich selbst zu berühren, ausliegen, nun ein Massenmissbrauch von Kindern zutage gefördert wird, der in derlei Institutionen Erzogenen, ja, dass der Vatikan davon durchzogen ist, wie man ja immer schon vermutete, aber nie beweisen konnte, dann ist das gut und nicht schlecht. Denn endlich, endlich trauen sich die Betroffenen zu sprechen, sich zu melden, haben Mut bekommen, sich zu öffnen. Erstmalig wird deutlich, wohin doppelbödige und den Körper verleugnende Ideologien führen, erstmalig wird deutlich, dass da, wo Kinder zu Eigentum werden, wo sich Kinder streng und hierarchisch dem Willen der Erwachsenen beugen müssen, der sexuelle Missbrauch nicht weit ist.</p>
<p>Erstmalig also beginnen sie, es nicht mehr als ihre eigenen Schuld anzusehen, was ihnen Erwachsene angetan haben. Und es scheint sich auszuweiten. Internate, Heime, Erziehungsanstalten. Überall da, wo Familienersatz stattfindet. Wissen wir doch aus der Missbrauchsforschung seit langem, dass die Familie der gefährlichste Ort für Kinder ist, so sind nun erstmalig &#8222;Familienersatzorte&#8220; ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Die Odenwaldmissbräuche sind zwar schon 99 aufgedeckt worden, haben aber jetzt die Öffentlichkeit wie kein anderer Skandal beschäftigt. Kunststück, lässt sich doch hier gleich mit der gesamten Reformpädagogik abrechnen, was man schon seit den Autoritätsthesen des Bueb vorhatte.&nbsp; Da trauen sich nun erstmalig Betroffene im Erwachsenenalter zu sprechen, schon werden sie gegen die gesamte Linke funktionalisiert.&nbsp; Bereitwillig werden nun die Missbrauchsfälle der Alternativpädagogik angehängt.</p>
<p>Das ist ein Fehler, die Alternativpädagogik hat sich immer um Aufklärung von Gewalt und Kindesmissbrauch bemüht, wir wären heute nicht so weit bei der öffentlichen Diskussion um das Wohl des Kindes, wenn es nicht den nichtautoritären Blick auf das Kind, weg von den alten Schuldzuschreibungen (faul, dumm, verdorben) gegeben hätte. Alice Miller hat mit ihren bahnbrechenden Schriften (Das Drama des begabten Kindes, Am Anfang war Erziehung, u.a.) erstmalig den Blick auf das dem Kind durch Erwachsene zugefügte Leid gelenkt und damit die Ödipuskonstruktion ausgehebelt.&nbsp; Aber natürlich ist Missbrauch keineswegs auf katholischen Institutionen beschränkt, auch Internate sind keine bedauerlichen Zufallsorte, sie sind nur abgelegen. Abgelegen und weit weg von Eltern und Hilfsorganisationen, weit weg von Menschen, die den Opfern Glauben schenken könnten.</p>
<p>Doch ist es ein Zufall, dass erstmalig jetzt, wo in so großer Anzahl auch Knaben betroffen sind, Sängerknaben, Messdiener, Chorknaben, diesem Thema eine derart große mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird? Neun von zehn Kindern, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, sind Mädchen. (Kriminologisches Institut Hannover). Doch Mädchenmissbrauch allein hatte es bisher nicht so leicht in die Schlagzeilen zu kommen. Im Falle von Mädchen ist schnell die Rede von Verführung, von Koketterie, vom Ersatz für die Mutter, die die &#8222;sexuellen Dienstleistungen&#8220;&nbsp; &#8222;verweigerte&#8220;. Da finden sich Ausreden und Ausreden.</p>
<p>Es mag ja medienwirksam sein, wenn sich allerorten Kommissionen gründen, Hauptsache daraus folgt auch, dass Politik und Justiz vernünftig handelt. Denn wichtig ist, Selbsthilfegruppen zu institutionalisieren, großzügiger mit Stellen und Geldern ausstatten, in den Schulen Sprechstunden anzubieten, in Kindergärten und Familienberatungsstellen auf Warnhinweise reagieren und nicht, wie vielfach passiert, Augen und Ohren vor dem verschließen was nicht sein darf, nur weil Erwachsene nie zum Opferkreis gehören, ebenso wie Eltern und Väter.</p>
<p>Projekte, die sich diesem Ziel widmen, dürfen nicht am Rande ihrer Selbstausbeutung belassen, sondern müssen gefördert werden. Das wäre wichtiger als medienwirksame Entschuldigungen. Betroffene Kinder müssen sich an kompetente Fachleute wenden können, die sich Zeit nehmen, die&nbsp; ihnen zuhören. Sie müssen konkrete Hilfe bekommen und nicht, allein und ohne Verteidiger durch Prozesse gehen müssen.&nbsp; Eine Hotline „Kindesmissbrauch“ sollte nicht nur eingerichtet, sondern auch mit Menschen bestückt werden, die auf diesem Gebiet spezialisiert sind, es müssen Betroffene Betroffene beraten, nicht aber Auf- und Abwiegler,&nbsp; Behördenmenschen oder Sensationslüsterne.</p>
<p>Acht mal muss ein Kind Menschen erzählen, dass sie so etwas wie „sexualisierte Gewalt“ erlitten hat, bevor man ihr glaubt, selbst die eigenen Mütter gehören zu den am stärksten Abwiegelnden.&nbsp; Als Erwachsene können sie sich die Hilfe selber holen, als Kinder brauchen sie unsere Hilfe. Auch die Täter zur Therapie bewegen, heißt vorbeugen, ihnen überhaupt eine Therapie ermöglichen und zwar eine, wo sie auf die Ursachen ihrer Taten kommen.</p>
<p>Momentan wird Betroffenen geglaubt. Sie machen sich gegenseitig Mut. Eine Zeit der großen Solidarität unter den Opfern.</p>
<p>Doch im Falle der eigenen Väter, wie es leider nur allzu häufig der Fall ist, werden Betroffene, wie eh und je der Lüge und der Verleumdung bezichtigt. Es sind Erwachsene, die an die Öffentlichkeit gehen und gegangen sind. Solange sie klein waren, haben sie sich nicht getraut, denn man redete ihnen ein, dass sie einverstanden gewesen seien, ja, dass sie es selbst so gewollt, es provoziert hätten. Solange sie Kinder sind, schämen sie sich. Das&nbsp; Thema bleibt unsichtbar. Wir müssen aber den Kindern im Moment des Missbrauchs helfen, wir müssen vorbeugen, nachher kann man nur wenig tun.</p>
<p><strong>Sexualität und Macht entkoppeln</strong></p>
<p>Was haben die heute betroffenen Kinder von der öffentlichen Diskussion um den Missbrauch? Dass wir über die Bedingungen nachdenken, die Menschen zu Tätern machen. Nicht um Täter zu be- oder entlasten, sondern, dass wir für Bedingungen kämpfen können, in denen weniger&nbsp; Menschen zu Tätern werden. Die Bedingungen erkennen, die dem Missbrauch Vorschub leisten, diese analysieren, sie bewusst zu machen. Das ist die allererste Bedingung ihrer Infragestellung und Veränderung.</p>
<p>Was also, wäre zu fragen,&nbsp; befördert den sexuellen Missbrauch von Kindern? Zum Beispiel, dass man Kinder, kleine &#8222;Lolitas&#8220;, wie es heißt, abbildet und zum Sexsymbol macht? Natürlich, aber vor allem durch die Kombination von Sexualität und Macht. Wodurch also ändern wir auf lange Sicht etwas? Dadurch, dass Sexualität und Macht entkoppelt wird. Auf allen Ebenen. Konsequent.</p>
<p>Sexualität ist eine Funktion der Liebe, wenn es zu einer Funktion von Macht wird, dann führt das geradewegs zum sexuellen Missbrauch von Mädchen und Kindern. Die Hierarchisierung unserer Gesellschaft hat sich, im Zuge der Kapitalisierung und damit Ausbeutung in sämtlichen Bereichen, wohin man nur sieht, immer auf Kosten Schwächerer, und unter Rückbildung sämtlicher, die Hierarchisierung auffangenen sozialen Maßnahmen, extrem verschärft. Sie wird sich noch weiter verschärfen. Aber diese Aufteilung der Gesellschaft in eine Stufenleiter aus unten und oben, wo jeder steil über sich einen Höheren hat, von dem er getreten wird, führt in eine Unmenschlichkeit, von der die Missbrauchsfälle nur einen kleinen, aber&nbsp; grausamsen, weil so gut versteckten Teil darstellen.</p>
<p>Überall in der Welt ist sexuelle Gewalt in jeder Form zudem mit Krieg und kriegerischen Eigenschaften eng verschwistert. Diesen Eigenschaften wird Vorschub geleistet, in dem Krieg zum Alltag gehören soll und zwar seit Jahren, überall. Auch dem gilt es sich entgegenzustellen.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/sexueller-missbrauch-kein-thema/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>10</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Schwerstmehrfachbehinderte Menschen  &#8211;  verkauft und verraten?    &#8211;    Fernab von Inklusion und Integration</title>
		<link>https://anjaroehl.de/fernab-von-inklusion-und-integration/</link>
					<comments>https://anjaroehl.de/fernab-von-inklusion-und-integration/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Apr 2010 09:35:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.anjaroehl.de/?p=892</guid>

					<description><![CDATA[In der Pädagogik tobt die Debatte: Inklusion versus Integration. Integration reiche nicht. So sagt man an den Hochschulen und schreibt man in den Fachzeitschriften, nachdem man statt Sonder- und Förderpädagogik für jeden eingeführt, dieselbe ganz stillschweigend abgeschafft hat. Nun heißt es, Inklusion müsse her, was soviel heißt wie: Umarmung, Einschluss.&#160; Hört sich gut an, kann...]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-860" title="behindertes Kind im Rolli" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2010/01/behindertes-Kind-im-Rolli.jpg" alt="behindertes Kind im Rolli" width="119" height="94"></p>
<p><strong>In der Pädagogik tobt die Debatte: Inklusion versus Integration. Integration reiche nicht. So sagt man an den Hochschulen und schreibt man in den Fachzeitschriften, nachdem man statt Sonder- und Förderpädagogik für jeden eingeführt, dieselbe ganz stillschweigend abgeschafft hat. Nun heißt es, Inklusion müsse her, was soviel heißt wie: Umarmung, Einschluss.&nbsp; Hört sich gut an, kann aber auch, wie im Falle der Integration, in die Richtung missverstanden werden, dass man keinerlei exklusive Pädagogik mehr für “besondere” Menschen bereitstellt, sondern diese auf Normalmaß herunterspart.</strong></p>
<p>Inklusion will sagen, es darf keine gesellschaftlich ausgeschlossene Gruppe geben, die man „integrieren“ muss, es muss jeder und jede umarmt, einbezogen und mitgenommen werden, daraus folge: Mehr Akzeptanz, ein schöneres gemeinsames Leben, größtmögliche Förderungsmöglichkeit für alle. Klingt gut, aber gilt das auch für Menschen, denen man „Schwerstmehrfachbehinderung“ attestiert hat? Man will meinen ja.&nbsp; Nur leider wissen wir leidvoll aus der deutschen pädagogischen Geschichte, dass immer, wenn blumig von Umarmungen gesprochen wird, sich der Blick auf die Benachteiligten und Behinderten recht ungut einzutrüben beginnt.</p>
<p>Und auch in der Pflege ist die Rede von Stimulation und Anregung,&nbsp; Begleitung, Förderung und Entwicklung von Menschen,&nbsp;Wahrnehmungs- und Verhaltensstörungen begegnet&nbsp;man&nbsp;mit intensiver Zuwendung, mit Liebe, mit Wiegen, mit Musik, mit Streicheln, Snoezelen und vielen anderen besonderen Methoden, die seit Jahren erforscht sind.&nbsp;Auch hier heißt es: Inklusion statt Segregation, Normalisierung statt Hospitalisierung. ( s.u.<em>Christel Bienstein und Andreas Fröhlich: Basale Stimulation und Kommunikation in der Pflege</em>)</p>
<p><strong>Wie sieht es aber in der Praxis aus?</strong></p>
<p><strong>Ich habe mich dort umgeschaut, in der Praxis eines x-beliebigen Heimes&nbsp;für schwerstmehrfachbehinderte Menschen. Von meinen Studierenden weiß ich, dass dieses Heim für viele ähnliche steht, kein Einzelfall ist. Der Träger weist dieses Heim als höchst qualifiziert aus, er wirbt, dass hier die Angehörigen Geborgenheit und ein echtes &#8222;Heim&#8220; vorfänden. Wer gilt als schwerstmehrfachbehindert?&nbsp; Menschen, die den ganzen Tag auf Hilfe anderer Menschen lebensnotwendig angewiesen sind.</strong></p>
<p>Das Heim für schwerstmehrfachbehinderte Menschen in der Stadt G., der Straße K., ist eine durchaus respektable Einrichtung des Z.-Vereins, der ansonsten noch Beratungsstellen, Nachsorgeeinrichtungen, Wohngemeinschaften für ältere Menschen und in einer Studentenstadt ein Behindertenrestaurant führt.</p>
<p><strong>Helle Fensterfront und Gitterbetten</strong></p>
<p>Auf der Station befindet sich ein zu einer hellen Fensterfront geöffneter Mittelraum, hell möbliert mit schönen Sesseln, in der Mitte Tische, gegenüber das geschlossene Schwesternzimmer, verglast, mit zwei angeschalteten Computern. Daneben der Medikamentenschrank, Waschbecken, Desinfektionsmittel, Schreibtischstühle, Blumen auf dem Fensterbrett. Im Zimmer Gitterbetten, holzgebeizt.</p>
<p><strong>Fernseher, Bällchenbad</strong></p>
<p>Es ist eine Stationsschwester im Dienst, sie trägt einen weißen Kittel, sitzt am PC über den Dokumentationen, wo jede Pflegetätigkeit sofort eingetragen werden muss. Eine weitere Schwester hat „draußen“ Dienst, ihr hilft eine unbezahlte Praktikantin. Es gibt keine Heilpädagogin, keinen Spiel-, Bastel-, Beschäftigungs- oder Kunstraum, keinen Sport- oder Entspannungsbereich, keine Bibliothek, kein Buch, keine Zeitungen. Es gibt einen Fernseher, ein Bällchenbad, meist unbenutzt, einen Massagestuhl, ausgesteckert, einen alten zerfetzten, schon tausendmal durchgeblätterten Quellekatalog. Es gibt nur Doppel- und Einzelzimmer und in der Mitte einen Gemeinschaftsraum mit Tischen und Stühlen. Es befinden sich Sofas und Sessel vor einer großen, zum Garten hin offenen Fensterfront.</p>
<p><strong>Gesichtsausdruck angstvoll</strong></p>
<p>Direkt vor dem Schwesternzimmer, im besagten Mittelraum, liegt der junge Mann A., auf einer Art Iso-Matte lang ausgestreckt. Er wirft Kopf und Arme wild hin und her, eine Stereotypie, sich wiederholende Bewegungsmuster, er scheint meine Gegenwart nicht wahrzunehmen, sein Gesicht ist ausdrucksleer. Gegenüber an der Wand ein noch sehr junger, hoch aufgeschossener, anderer Mann mit zarter Haut, rötlichem Haar, in karierter Hose, fast ohne Bewegung, steht er starr, mit großen erschreckten Augen. Ab und an aber schüttelt er sich zitternd, als ob es ihn überlaufe und stößt wilde Schreie aus. Seine Arme, die sonst nach hinten gedreht sind, als hielte sie dort jemand fest, wirft er während des Zitterns und&nbsp; Schüttelns von sich fort, als wolle er sie loswerden. Im Ruhezustand hält er hinter dem Rücken eine dünne Schnur zwischen den Händen, die mehrfach um seine Handgelenke gewickelt ist und die er unablässig zwiebelt, dreht und aufwickelt. Es sieht aus, als spiele er mit Fesseln, die um seine Hände geschlungen sind. Sein Gesichtsausdruck ist angstvoll, gespannt.</p>
<p><strong>Zwei kleine Schlüsselanhänger</strong></p>
<p>Auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers ein etwa mittelalter Mann in Jogginghosen, der auf einem Sessel sitzt und unbeweglich, aber nicht ausdruckslos, vor sich hinschaut, ganz so, als sitze er in einem Cafe, doch wenn man ihn anspricht, reagiert er nicht, auch nicht, wenn Leute an ihm vorüberlaufen. Hinten, am Fenster eine kleine Frau im Rollstuhl, die zwischen ihren Fingern unablässig zwei kleine Schlüsselanhänger-püppchen hin und herschaukelt, diese lacht freundlich und kichert mit dem Fahrer, der sie gerade in den Raum rollt. Sie nickt mir sofort zu, als ich mich vorstelle. Sie spricht sehr leise, fast flüsternd.&nbsp; Sie ist die Einzige dieser Station, klärt mich die Schwester auf, die tagsüber in eine Behindertenwerkstatt gefahren wird und daher “am Tag auch mal was anderes sehe” .</p>
<p>&nbsp;<strong>Als segne sie mich</strong></p>
<p>Eine mittelalterliche Frau in dunkellilanem Kleid kommt auf uns zu, sie spricht etwas undeutlich, aber verständlich, begrüßt mich, hält mich fest und beginnt mir ganz viel zu erzählen. Als ich interessiert erscheine und ihr hier und da beipflichte, sagt sie, dass sie mich liebe und streichelt mein Haar, als segne sie mich. Die Frau läuft mehrmals kreuz und quer durch den Raum an den anderen vorbei, als seien es Holzpuppen und tut sehr geschäftig. Eine jüngere Frau, vielleicht fünfundzwanzig, vielleicht dreißig, P., mit lachendem Gesichtsausdruck und rundem Gesicht mit frischer Gesichtsfarbe kommt mit schnellem Schritt aus einem der Zimmer und läuft auf die Schwester und mich zu. “Mutti, wo ist Mutti?” fragt sie. Keiner antwortet ihr. “Mutti, wo ist Mutti?” fragt sie wieder, geht damit zum Nächsten. Die Leute schieben sie, die wieder dieselbe Frage stellt, recht brüsk von sich weg, was keinerlei Wirkung zeigt, denn sie wird nur massiver: “Mutti, wo ist Mutti?” tönt es lauter und lauter. Keinen regt das auf. Niemand fühlt sich zuständig, keiner geht zu ihr hin.</p>
<p><strong>Ich weiß nicht</strong></p>
<p>Ich fühl mich hilflos und sage zu ihr: “arbeiten” , sie tut, als hätte sie nicht verstanden und stellt ihre Frage noch einmal. Dann aber fragt sie, als wiederhole sie: “arbeiten?” Ich sage: “Ja, arbeiten” Sie fragt: “Wann kommt sie?” , ich antworte wahrheitsgemäß: “Ich weiß nicht”, eine Art Gespräch hat stattgefunden. Ihre Augen blicken mich klar an. Nur für eine Minute, dann verfällt sie wieder in ihre stereotype Fragelitanei. Und bedrängt die Schwestern, die sie von sich schieben, wozu sie ihr einen alten zerfetzten Katalog eines Versandhauses in die Hand drücken, mit dem sie diese dann sanft auf&nbsp; ein Sofa drücken.</p>
<p><strong>So beruhigt er sich immer</strong></p>
<p>Es erhebt sich A., der unten auf der Matte gelegen hatte und stolpert ungelenk durch den Raum, er stößt dabei mit ausfahrenden Bewegungen rechts und links Leute an. Es sieht aus, als schlage er um sich. Als ich ihm zufällig in die Quere komme, kneift er mich mit spitzen Fingern. Ich gebe einen Laut von mir, die Schwester kommt, schimpft mit ihm, legt ihn zurück auf seine Matte. Dann stellt sie sich mit beiden Beinen über ihn hin, so dass ihre Füße rechts und links seiner Hüften auf den Boden zu stehen kommen. ” So beruhigt er sich immer”, sagt sie und tatsächlich, für einen Moment lassen sogar die ausfahrenden Bewegungen nach und er sieht versonnen zu ihr auf, sichtlich beruhigt. Mir kommt die vielleicht abwegige Idee, ob sie ihn wohl da einklemmt, wo früher der Bauchgurt lag?</p>
<p><strong>Decke über dem Kopf</strong></p>
<p>Vorne, ganz am Rand der linken Ecke, hinter einem Schrank, liegt noch jemand, völlig zusammengerollt unter einer Decke. Auf den Knieen, Arme und Beine unter den Körper geklemmt, die Decke über Kopf und Gesicht gezogen, lässt diese Person nicht erkennen, ob sie&nbsp; Mann, oder Frau ist. Die über den Kopf gezogene Decke wirkt gespenstisch.&nbsp; “Nicht, dass&nbsp; Sie denken, wir machten das hier, sie will das so!” sagen mir die Schwestern. Keine Bewegung rührt sich unter der Decke. Später, als es essen gibt, wird sie, denn es ist eine Frau, hochgeholt und an den Tisch gesetzt. Sie bewegt sich schwerfällig, unendlich langsam, macht alles mit, was man mit ihr macht, fällt zusammengesunken auf den Stuhl hinter den Tisch, an den man sie führt und isst, was man vor sie hinstellt.&nbsp; Nachher sinkt sie, wie mit in Blei gegossenen Gliedern wieder auf die Matte zurück, sofort Beine und Arme unter sich ziehend, als müsse sie sich schützen, wie eine Schildkröte sich unter ihren Panzer einzieht.&nbsp; Als sie hochgezogen wurde, waren ihre Bewegungen langsam, ziehend, ihr Gesicht wie in einem Schrei stehen geblieben, der Kopf nach hinten geworfen mit einer Geste grenzenloser Hoffnungslosigkeit, die Arme nach unten hängend, in den Beinen einknickend.</p>
<p><strong>Mit meinem Hund zuhause rede ich auch</strong></p>
<p>Beim Essen sprechen die Schwestern mit den Patienten in Imperativen, sie sagen: “Komm her, setz Dich, nimm den Löffel, trink!”. Die Patienten antworten nicht, sie sitzen und warten. Dann wird aufgetan und alle löffeln. Ein Moment der Stille. die stereotypen Bewegungen hören für Minuten auf. “Das ist das Einzige, was sie alle gern machen: Essen!” sagt die Schwester lachend und laut in meine Richtung. ” Unsere Patienten antworten nicht, aber wir sprechen trotzdem mit ihnen, nicht wahr,” sagte sie und unterbricht kurz, indem sie einem über den Kopf streichelt: ” mit meinem Hund zuhause rede ich ja auch, stimmts? Warum sollten diese hier kein Recht darauf haben?”</p>
<p><strong>Mittagsschlaf ab 11.30 Uhr</strong></p>
<p>Um 15 Uhr hat man sie aus ihren Betten, aus dem Mittagsschlaf geholt. In die waren sie nach dem Mittagessen um 11 Uhr “gesteckt” worden, was man sich durchaus wörtlich vorstellen muss, denn man legt sie in die von oben bis unten vergitterten Betten und schließt sie dort ein. Nach dem Kaffetrinken, was ich gerade beobachte, wird schon nach einer kurzen Pause für die Mitarbeiter, um 16.30 das Abendbrot serviert, dann wird um 18.00 der Abend eingeläutet mit all seinen Geschäftigkeiten: Toilettengängen, Waschorgien, Pampern, Mundpflege, Sondensäubern. Alsdann liegen die erwachsenen Behinderten spätestens um 20 Uhr in den Betten, wo sie, zum Erstaunen und Ärger der Mitarbeiter leider oft nicht ruhig schlafen wollen.</p>
<p><strong>Sperrt man sie in Gitterbetten</strong></p>
<p>Da sie also unruhig sind, sperrt man sie erstens in den Gitterbetten ein, schnallt man sie zweitens dort fest, und gibt ihnen drittens Tabletten. Wir haben keine Leute. Achselzucken. Tür zu. An den PC, an die Akten, alles muss dokumentiert werden. Die Zeit fehlt dann auch noch. Jeder der Menschen dort müsste in den Arm genommen, gewiegt, immer angesprochen werden. Die Schwestern bemühen sich, aber sie können es nicht schaffen. So bleibt nichts, als die Vorherrschaft einer rein medizinisch falsch verstandenen Krankenpflege im Sinne von satt, sauber, still &nbsp;in einer Einrichtung für Behinderte, die etwas&nbsp; anderes brauchen. Doch die hier&nbsp; sind nicht „krank“, sie leben ihr ganz normales Leben. Ein anderes haben sie nicht. Als solches muss es lebenswert gestaltet werden. Durch Fördern, Begleiten, Anregen. All das fehlt hier, die Athmosphäre ist kalt, routiniert, uneinfühlsam, von oben herab, künstlich, süßlich, falsch.</p>
<p><strong>Rüttelt an den Gitterstäben</strong></p>
<p>Als ich langsam die Treppe hinab laufe um&nbsp; das Haus zu verlassen, komme ich an einer anderen Station vorbei, mein Blick fällt auf eine offene Zimmertür, hinter der ein etwa 4-jähriges kleines Mädchen mit großen Augen und blonden, sehr schönen&nbsp;hellen, geschwungenen Locken sichtbar wird. Sie ruft laut und klagend: MAAAMAA!!!! Ich kann nicht umhin, mich zu nähern. Sie sieht mich an, intensiviert ihr Rufen, schreit, rüttelt an den Gitterstäben ihres Bettes, sie sieht aus, als sei sie verwirrt, als hätte man ihr etwas Schlimmes &nbsp;angetan, sie ruft wieder: “MAAAMAAAA!” Ich frage eine Schwester, die vorbeieilt, was mit dem Kind sei. “Die kann ganz schön frech werden, passen sie nur auf!” Damit will sie wohl&nbsp;sagen, ich solle mich fernhalten wie vor einem Raubtier. Tatsächlich&nbsp;wage ich mich nicht mehr weiter ins Zimmer. Das Kind sieht mich feindselig an, schreit und weint, ruft erneut: MAAAMAAA! Es sei erst drei Jahre alt, erst ganz kurz hier. “Was hat es denn?” frage ich, “Keine Ahnung”, ist die Antwort, “das müssen die Ärzte noch herausfinden”, die Mutter sei nicht mehr mit ihr “klargekommen”. Ich stehe an der Tür, das Kind sieht mich an, ich versuche ihm gut zuzusprechen, da wird das Weinen lauter, ich stürze davon.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Dass Behinderte Akzeptanz, nicht Mitleid brauchen, dass sie ernst genommen werden wollen, ihren Fähigkeiten entsprechend, die in jedem Falle und auf allen Gebieten zu wecken und anzuregen sind, dass ihre Behinderungen in uns liegen, denen wir ihnen keine Gelegenheiten zur Entfaltung ihrer Lebensmöglichkeiten geben, dass sie Menschen, keine Gegenstände, dass sie lebendig, nicht tot sind … das alles gilt es, gegen alle Widerstände, seit hundert Jahren und bis heute noch&nbsp; durchzukämpfen. Aber dazu braucht es Brot, nicht schöne Worte, würde Brecht sagen, in diesem Falle vernünftiges Fachpersonal und nicht Luxussanierung mit Mindestbesetzung.</p>
<p><strong>Weiterführende Literatur:</strong></p>
<p>Bienstein, Christel und Fröhlich, Andreas, November 2003: Basale Stimulation in der Pflege</p>
<p>Bienstein, Christel, Book, Wolfgang u.a.:&nbsp; Bewusstlos: Herausforderung für Angehörige, pflegende und Ärzte, vom Bundesverband f. Körper- und Mehrfachbehinderte, 2000</p>
<p><span>Tavalaro, J.</span><span>: Bis auf den Grunde des Ozeans&nbsp; “Sechs Jahre galt ich als hirntod-aber ich bekam alles mit”, </span><span>Freiburg, </span><span><span>&nbsp;</span>2009</span></p>
<p><span>Pandtke, Karl-Heinz: Locked-In – Gefangen im eigenen Körper, </span><span>Mabuse-Verlag</span><span>, 1999</span></p>
<p>Pandtke, <span>Karl-Heinz, Kühn, Christiane,&nbsp; Mrosack, Gudrun und Gerhard Scharbert</span><span>: Bewegen und Wahrnehmen – Grundlagen der Rehabilitation</span><span>, </span><span>2003)</span></p>
<p><span>Bauby, Jean-Dominique</span><span>: Schmetterling und Taucherglocke,&nbsp; März 2008</span></p>
<p><span>Fröhlich, Andreas: </span></p>
<ul>
<li><em>Die Mütter schwerstbehinderter Kinder</em>. Ed. Schindele, Heidelberg 1986</li>
<li><em>Basale Stimulation</em>. Verlag Selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf 1991</li>
<li><em>Basale Stimulation. Das Konzept</em>. Verlag Selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf 1998<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3910095313"></a></li>
</ul>
<p><a href="http://www.amazon.de/Bewusstlos-Herausforderung-Angeh%C3%B6rige-Pflegende-%C3%84rzte/dp/3910095208/ref=sr_1_3?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1265883707&amp;sr=1-3"></a></p>
<div id="NgRectangleStyle" style="display: none; margin: 0px auto;"></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://anjaroehl.de/fernab-von-inklusion-und-integration/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
