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	<title>Theaterkritiken &#8211; Anja Röhl</title>
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	<title>Theaterkritiken &#8211; Anja Röhl</title>
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		<title>NEIN zum Geld &#8211; in der Compagnie de Comedie in Rostock &#8211; Rezension</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Apr 2026 22:09:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Sehr gut verdichtete, bittere Komödie der französischen Theaterautorin Flavia Coste , bei der es ums Geld geht und was es mit uns macht]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Geld spielt neuerdings täglich eine immer überraschendere Rolle. Es wird überall benötigt und überall ausgegeben, Milliarden für Panzer und Waffen, steigende Gewinne bei Millionären, Verrückte, die so viel Geld haben, dass sie sich ganze Erdteile kaufen können, und immer mehr Menschen, die so wenig Geld haben, dass sie in Abfalleimern wühlen müssen. Steigende Profite, sinkende Einkommen, Ungerechtigkeiten, Verzweiflung, alles geht ums Geld. Überall ist die Rede davon: Geld, Geld, Geld. Kürzungen im Sozialen, bei Theatern, Schwimmbädern, Kultur. Einsparungen bei Schulen, Krankenhäusern, Spielplätzen.</p>



<p>Zu dieser Zeit kann man in der Hafenstadt Rostock, im <strong><a href="https://compagnie-de-comedie.de/" data-type="link" data-id="https://compagnie-de-comedie.de/">Theater Compagnie de Comedie</a></strong>, in der Bühne 602, direkt am Hafen, ein Stück ansehen, das mit GELD, seiner Bedeutung und seiner Bewertung zu tun hat, und dabei vor allem sein schädliches, den menschlichen Charakter ins Schlechte veränderndes Wesen auf frappierende Weise entlarvt. Eine bittere Komödie der französischen Theaterautorin <strong><a href="https://landgraf.de/biografien/flavia-coste/" data-type="link" data-id="https://landgraf.de/biografien/flavia-coste/">Flavia Coste</a></strong>, mit dem Titel: „<strong>Nein zum Geld“,</strong> deren erstes Theaterstück nach der Uraufführung 2017 in Paris, durch eine „beneidenswerte Begabung für einen ideen- und trickreichen Handlungsaufbau, dialogische Situationskomik und genau gezeichnete Charaktere“ von sich Reden gemacht hat.</p>



<p>Es beginnt harmlos, ein junger, mäßig erfolgreicher Architekt mit Frau und Baby, lädt seine Mutter und seinen besten Freund, mit dem er in einem Start-up arbeitet, zum Abendessen ein. Nachdem das Publikum die Protagonisten etwas kennengelernt hat, die Mutter ist von köstlicher Komik, sie erzählt von ihren lustigen Versuchen, Liebhaber zu treffen, über den Arbeitsfreund vermuten sie, kurz bevor er kommt, dass er schwul sei, weil man bei ihm nie eine Frau sieht, seine junge Frau, erfährt man, ist Lehrerin mit festem Gehalt, die das risikoreiche Architektur-Unternehmen der beiden haushaltsmäßig stützt, druckst er herum, er wolle etwas erzählen. Er windet sich dabei und wirkt seltsam, er wolle sein Verhalten während der letzten zwei Monate erklären, sagt er, er liebe sie alle drei und wolle seinen liebsten Menschen etwas Wichtiges mitteilen, er redet und redet, um den heißen Brei. Die anderen stutzen. Was ist passiert? Die Mutter ruft aus: Hast du einen Menschen totgefahren? Endlich soll er reden. Nun sagt er, er habe im Lotto gewonnen. Waas? Wieviel? Und es werden schließlich nur noch Zahlen gerufen: 500? 1000? 10.000? Eine Million? Immer lächelt der junge Mann und zeigt mit den Fingern nach oben. Die drei werden zunehmend nervös und springen auf. Als feststeht, dass er 167 Millionen gewonnen hat, beginnen alle zu schreien, zu brüllen, zu kreischen. Richard als einziger bleibt ruhig, lächelt… Ihr habt vergessen, zu Ende zuzuhören, sagt er, ich habe den Preis nicht angenommen. Die anderen erstarren.</p>



<p>Von hier aus entspinnt sich ein köstliches Feuerwerk spannender Dialoge und Szenen, diese sind voller Überraschungen und Dramatik. Dabei stimmt alles: Dramatisch perfekt verdichtet, spannende, ungeheuer gut passende Dialoge voller Authentizität und Lebendigkeit, unglaubliche Situationskomik und dabei mit tiefernster, wertvoller Botschaft und super gespielt!</p>



<p>Das Besondere, das Publikum kann sich sehr in die drei Erstaunten, Erbosten und zunehmend Entsetzen einfühlen! Denen ist bald jeder Appetit vergangen, die wollen kein Fest mehr feiern, sie haben keine ruhige Minute mehr, und vor Wut auf den Mann, der den Gewinn ablehnen will, geraten sie immer mehr in Raserei. Richard, die Hauptperson, der immer wieder betont, er habe das aus Liebe zu ihnen gemacht, wird dabei zunehmend als verspinnert, verblendet und verrückt wahrgenommen, er gerät ins Abseits. Er beteuert: Ich habe mir alle Lottogewinner der letzten 30 Jahre angeschaut, sie sind alle wahnsinnig geworden, ich will nicht, dass ihr so werdet! Blödsinn, sagt die Mutter, nachdem sie sich von einem Anfall erholt hat: Du hättest an Wohltätigkeitsorganisationen spenden können! Unsere Firma sanieren, sagt der Freund, dem Kind eine gute Schule ermöglichen, sagt die Frau. Und wütend finden alle drei: Keiner lehnt sowas ab!!! <em>„Früher war Geld nur ein Tauschmittel, heute verleiht Geld Macht über alle Menschen. Ich will das nicht! Nicht für mich und nicht für euch! Weil ich euch liebe!“</em> Richard bleibt auch dann stark, als sich herausstellt, dass noch drei Stunden bleiben, um den Schein doch noch einzulösen.</p>



<p>Man denkt, diese Story ist einfach, aber das ist sie nicht, denn in ihr wickelt sich eine böse Methapher ab, etwas passiert, was genau dem entspricht, was Richard voraussah. Es gibt am Ende keine Freundschaft mehr. Und das Publikum wird mitgerissen, zuerst im Lachen, dann im entsetzten Erkennen einer der bittersten Realitäten unserer Zeit. Das kleine Kammerspiel mit vier Spielern ist ein echtes Highlight und unbedingt zu empfehlen! Nach Hause geht man mit Zwerchfellmuskelkater durchs Lachen und einer erfrischend deutlichen Erkenntnisklarheit über das Wesen des Geldes.</p>



<p>Nach der letzten Szene hält das Premierenpublikum zunächst inne, denn der Schluss ist allzu überraschend, aber dann gibt es Standing ovations, immer wieder müssen die Spieler auf die Bühne. Das Publikum nimmt das Stück nun nicht mehr als einfaches Mittelstandsdrama, sondern als Lehre, als Bild über den Wahnsinn unserer Zeit wahr, denn es hat etwas Seltsames erlebt, man konnte sich einfühlen in die drei Menschen, denen plötzlich 167 Millionen über alles gingen. Man hat verstanden, warum sie auf ihren Freund wütend waren, sich von ihm hintergangen fühlten, ihre Freundschaft sich verabschiedet hat. Dabei ist die Besetzung, in der Compagnie de Comedie, die im Sommer eines der besten Freilufttheater Deutschlands im Rostocker Klostergarten anbietet, bestens: Die beiden männlichen Schauspieler, Marcus Müller, der den Richard so herrlich hibbelig, verplant und naiv spielt und Peer Roggendorf, der hier erstaunlich ruhig den typischen Franzosen gibt, geben ihre Figuren super passend, ebenso auch die beiden Frauen Angela Schlabinger als Mutter und Lydia Wilke, als Richards Frau Claire, die mit ungeheuer viel Witz und Echtheit ihre Figuren spielen.  Alle sind dabei sehr aufgeregt, temperamentvoll, aber durchaus dem Gegenstand angemessen, denn, ehrlich gesagt, wem ginge es nicht so, dass er ausrasten würde, wenn ein enger Freund, Mann oder Sohn 167 Millionen gewinnen würde? Die Gefühle der drei sind keineswegs übertrieben, sondern realitätsnah und authentisch getroffen, es geht ja nicht um 100 oder 1000 Euro. Man kann ihnen lange folgen und gefühlsmäßig mitgehen.</p>



<p>Und als dann alles kippt, da wird plötzlich das Stück zur politischen Parabel. Aus dem privaten Kammerspiel wird Ernst. Etwas, was uns alle angeht. Da wird einem klar, es geht nicht mehr nur um den Gewinn des Richard und die Verzweiflung seiner Liebsten, es geht &nbsp;um die Menschheit und ihren Fortbestand, um das, was Geld mit uns macht. Und das letzte Lachen bleibt einem schmerzhaft im Halse stecken. &nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Unbedingt hingehen, lohnt sich. Nicht abhalten lassen. Es gab ungeheuren Applaus bei der Premiere, als die Hände müde wurde, wurde getrampelt. Das Publikum war mehr als amüsiert, es war bewegt worden. Großartig! &nbsp;</p>



<p>Reservierungen: 0381/ 203 60 84<br>Kartenvorverkauf in der BÜHNE 602<br>Warnowufer 55, 18057 Rostock<br>Mo – Fr von 10:00 – 12:00 Uhr<br>Fr von 14:00 – 18:00 Uhr<br>(Keine Kartenzahlung möglich)</p>



<p>oder Online:<br><a href="http://www.mvticket.de/b602shop">http://www.mvticket.de/b602shop</a></p>



<p>NEIN ZUM GELD!<br>Komödie von Flavia Coste<br>Aus dem Französischen von Michael Raab<br>Regie: Angelika Zacek<br>Mit ANGELA SCHLABINGER, LYDIA WILKE, MARCUS MÖLLER und PEER ROGGENDORF</p>
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		<title>Don Quijote im Volkstheater Rostock &#8211; Rezension</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 06:28:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Don Quijote in Rostock - Bis auf Malin Steitz als Sancho, im Ganzen etwas wenig überzeugend ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Komödie von Peter Jordan / Sehr frei nach Miguel de Cervantes</p>



<p>Schon länger läuft in Rostock das Stück Don Quijote in einer freien bearbeitung von Peter Jordan im Ateliertheater der großen Bühne. Sancho Panza tritt dort als Clown auf und will von seinem Herrn weg, weil ihm der ein Fall für den Psychiater zu sein scheint. Mit wunderbarer Körpersprache gewinnt hier Malin Steitz zunächst die Herzen der Zuschauer. Aber das Stück verliert durch eine wenig stringente Handlung und Dramaturgie, Dulcinea als auseinandernehmbares Pferd, Spanientänzerin und strenge in einer roten Phantasie-Uniform steckenden Beamtin tanzt zwar schön, wirkt aber puppenhaft künstlich und der Don als verwirrter Spinner ist nicht mal lustig, die Weltrettungsphantasie glaubt man ihm nicht.<br><br>Peter Jordan hat sich hier in seiner frei nach Cervantes-Bearbeitung des historischen Stoffes mE vergaloppiert. Die drei Spieler:innen, besonders Malin Steitz als Sancho, versuchen durch ihr wunderbar clowneskes Körperspiel alles herauszuholen, was geht, so dass man durchaus interessante Momente hat, denn sie ist eine wirklich begnadete Schauspielerin, aber im Ganzen ist es vergeblich, das Stück berührt nicht, es packt einen nicht, es verwirrt nur und besonders die Bezüge von damals zu heute wirken gewollt, wie angeklebt.</p>



<p>Don Quijote, Komödie von Peter Jordan, sehr frei nach Miguel de Cervantes &#8211; Ateliertehater im Rostocker Volkstheater</p>



<p>Inszenierung: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/don-quijote/simon-jensen/">Simon Jensen</a>, Bühne und Kostüme: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/don-quijote/isabelle-kaiser/">Isabelle Kaiser</a>, Dramaturgie: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/don-quijote/arne-bloch/">Arne Bloch</a>, Regieassistenz und Inspizienz: Karla Prager, Spielende: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/don-quijote/hagen-ritschel/">Hagen Ritschel</a>, <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/don-quijote/malin-steitz/">Malin Steitz</a>, <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/don-quijote/anouk-warter/">Anouk Warter</a></p>
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		<title>Fischer Fritz im Volkstheater Rostock &#8211; Rezension</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Feb 2026 08:57:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Fischer Fritz im Volkstheater Rostock - ein Kammerspiel mit Tiefgang. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>3245 € muss man neuerdings monatlich zahlen, wenn man das Unglück hat, länger als 3-4 Tage zum Auskurieren seiner Krankheit zu brauchen, über 70 Jahre alt, und möglicherweise danach dauerhaft auf Pflege angewiesen zu sein. So schmelzen schwer verdiente Vermögen kleiner Leute weg, so verliert eine Familie in der nächsten Generation Haus und Hof derjenigen, deren ganze Kraft im Leben in dieses Haus gegangen ist, und verdienen tun dabei nicht etwa die Pflegekräfte, sondern diejenigen, die in der Pflege hilfloser ältere Menschen nichts als eine lukrative Geldanlage sehen.</p>



<p>Passend zu diesem Thema läuft im Rostocker Atelier Theater das Kammerspiel: &#8222;Fischers Fritze&#8220; von Raphaela Bardutzky. Gleich zu Beginn wird eine wunderbare Brecht´sche Distanz hergestellt, man sieht eine Pflegefachkraft, Krankenschwester, einen Patienten im Bett, einen älteren Mann, und eine männliche Person, wer sie ist, bleibt noch unklar, aber auch: Hier übt eine Schauspieltruppe. Sie schneiden Fratzen, trainieren ihre Gesichtsmuskeln, üben Zungenbrecher: „Fischers Fritze fischt frische Fische“ . Das Publikum findet das komisch. In der Tat sind die Gesichter, die die drei Hauptdarsteller, Bernd Färber, Lisa Moskalenko, David Stancu, schneiden, urkomisch anzusehen. So bekommen wir einen leichten Einstieg in das traurige Thema des Abends.</p>



<p>Ein Mann in Bayern ist so alt und krank, dass er in ein Pflegeheim muss, aber er weigert sich, der Sohn holt eine Pflegeperson aus der Ukraine, Pauline, und der nicht unproblematische Alltag zwischen Pauline und Fritz, dem früheren Fischer, beginnt.  Der weitere Verlauf des Stückes zeigt auf humorvoll-tragische Weise, wie einsam und problematisch solch eine Pflege-Zwangs-Beziehung ist. Ab und zu kommt auch der Sohn, aber zwischen Sohn und Vater schwelt der Konflikt, dass ersterer das Handwerk des Vaters nicht weitermachen wollte und auch nicht konnte, da die Fischerei umweltbedingt, mit samt ihren Fischen, am Aussterben ist. Der Sohn Franz sollte, nach Meinung des Vaters, die Generation der Fischer von den Urgroßeltern bis zu den Enkeln weiterführen, nun ist er Friseur geworden, unverzeihlich. Jahrzehntealte Aggressionen und Kränkungen vergiften die Kommunikation, die nach jahrelanger Funkstille zwischen Vater und Sohn, nun notgedrungen, wieder aufgenommen werden muss. </p>



<p>Sehr typische Generationenprobleme der Boomer-Generation mit ihren zunehmend betagter werdenden Eltern, werden hier, sowohl ernsthaft, als auch komisch in einzigartiger Weise, spannend, mit spritzigen Dialogen, dramaturgisch gut verdichtet, als ein Feuerwerk an Situationskomik, Gesellschaftskritik und des Mitgefühls dargeboten. Bernd Färber gibt den alten Fischer herausragend, alles stimmt in seinem Spiel, man ist wirklich angefasst davon, wie er den hilfosen Greis ernsthaft und komisch zugleich, ohne jede Überhebung auf die Bühne bringt. Aber auch die junge Lisa Moskalenko versteht ihr Handwerk, manchmal puppenhaft, manchmal automatenhaft, oft auch verzweifelt, schafft sie die verschiedenen Gefühle  wirklich mit ihrer eigenen Person zu verschmelzen und dann wieder nur Spielerin zu sein. Alles wirkt typisch, exemplarisch und daher dient es dem kritischen Blick: Die an Einsamkeit fast erstickende, aus Osteuropa kommende Pflegeperson, die am Ende trotz aller Bemühungen scheitert, der Vater, wütend über die Zerstörung der Welt, der als Fischer, eng mit der Natur verbunden, an dem Leid über die sterbenden Fische zerbricht und der Friseur-Sohn, der seinem Vater durch dessen Unverständnis nicht näher kommen kann, ergeben ein hochexpolsives Gemisch an gegenseitigem Missverstehen, dass aber dann doch teilweise liebevoll durchbrochen wird.</p>



<p>Dieser einfache Inhalt, ist hier durch erstklassige Schauspielkunst und Regie zu einem eindrucksvollen &#8222;Sprechstück&#8220;, zu einem hochsensiblen und trotzdem spielerisch leicht wirkendem Stück, mit tiefem Erkenntniswert geworden, dass man wie festgenagelt auf seinem Stuhl sitzt und fasziniert ist von dem inhalt und dem Minen- und Körperspiel der Darsteller.</p>



<p>Dabei wechseln die beiden ostereuropäischen Darsteller locker die Sprachen, alle drei die Dialekte, dazu die Sprachlosigkeit des Patienten, die die Pflegekraft zu überwinden trachtet, das ist sehr gut auf den Punkt gebracht worden. Dramaturgisch geht es immer hin und her zwischen Spiel-Realität und Reflexionsebene, was dem Spiel eine ganz besondere Note gibt. Der alte Fischer spricht erst in unverständlichem bayrisch, dann kommentiert er im normalen Hochdeutsch seine Rolle, es ist faszinierend, was die kleine Gruppe hier auf die Bühne bringt. Auch die schon lange üblichen Video Bühnenbilder, die, da allzu oft Masche, manchmal zu Tode langweilen, waren diesmal sehr gut gewählt, denn es ging in ihnen um eine andere Bewusstseinsebene. Gedanken, Albträume, das Unbewusste wurde in ihnen ausgedrückt, ein Aquarellbild mit Fischen lag über der Szene, die in doppelter Ausführung als Video über der realen Szene lag. Dazu wurde Wasser geplätschert in einer kleinen Schüssel was sichtbar blieb, einfach, aber genial in der Wirkung. Das Publikum hat entsprechend reagiert, nicht nur das Händeklatschen, sondern auch das Füßetrampeln wurde wirklich lange durchgehalten. Ach, wie viel Kraft kann doch Humor, verbunden mit Tiefgründigkeit hervorbringen, wenn man an einem eiskalten Abend mit trüben Wetter in ein Theater geht, ganz ohne etwas Großes zu erwarten, und dann dermaßen erfüllt und erfreut, nach einigen Stunden wieder auf die Straße tritt!</p>



<p>Die Autorin <strong><a href="https://www.staatstheater-nuernberg.de/kuenstler/raphaela-bardutzky" data-type="link" data-id="https://www.staatstheater-nuernberg.de/kuenstler/raphaela-bardutzky">Raphaela Bardutzky</a></strong> sollte man sich merken, ihre Stücke werden grade an mehreren deutschen Bühnen gespielt, schon gibt es polnische und französiche Übersetzungen, ein großes Talent, und trifft offenbar den Nerv der Zeit.</p>



<p>Inszenierung: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/fischer-fritz/annette-mueller/">Annette Müller</a>, Bühne und Kostüme: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/fischer-fritz/oliver-kostecka/">Oliver Kostecka</a>, Dramaturgie: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/fischer-fritz/sophia-lungwitz/">Sophia Lungwitz</a>, Regieassistenz und Inspizienz: Martha Helms: Schauspieler: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/fischer-fritz/bernd-faerber/">Bernd Färber</a>, <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/fischer-fritz/lisa-moskalenko/">Lisa Moskalenko</a>, <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/fischer-fritz/david-stancu/">David Stancu</a></p>
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		<item>
		<title>Warten auf Godot im Gefangenentheater aufBruch &#8211; Rezension</title>
		<link>https://anjaroehl.de/warten-auf-godot-im-gefangenentheater-aufbruch-rezension/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Jan 2026 14:30:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Eindrucksvolle Umsetzung des absurden Klassikers von Beckett im aufBruch-Gefängnistheater]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Das Warten ist die grausamste Vermengung von Hoffnung und Verzweiflung, durch die eine Seele gefoltert werden kann</em>. <em>Sully Proudhomme, 1922</em></p>



<p><strong>Mit dem Stück &#8222;Warten auf Godot&#8220; (Samuel Beckett, 1953) ist mal wieder ein großer Wurf des legendären Gefängnistheaters aufBruch in Berlin gelungen, das Stück soll überhaupt, laut WELT, das meistgespielte Stück in den Gefängnissen der Welt sein. Kein Wunder, wartet nicht jeder Gefangene tagtäglich 24 Stunden lang? Die Umsetzunmg im aufBruch war entsprechend gut, die Premiere führte zu standing ovations.</strong></p>



<p>Das Stück, normalerweise ein Zwei &#8211; Mann &#8211; Stück zweier Landstreicher, Didi und Gogo, wird hier gekonnt von sieben Schauspielern gespielt. Diese sind, durch lediglich etwas angestaubte schwarze Straßensachen, allerdings nur wenig als Obdachlose erkennbar. Auch das hat seinen Reiz, sie erinnern daher tatsächlich eher an sich selbst, an Gefängnisinsassen. Diese sieben Personen werden nun in wirklich kunstvollen Wechsel-Dialogen miteinander in Kontakt gesetzt und spielen sehr originell, mit großer Körperkraft und originellen Tanz- und Sing-Einlagen. Die Besonderheiten und Originalität der Umsetzung mit dem Gefangenen &#8211; Ensemble des aufBruch-Theaters ist gut gelungen. Das Warten, das Quälende des Wartens, die kleinen Ablenkungen, die Wut, der Frust, die sich aufstauen, die Zeitdehnung, all das wird hier sehr gut dargestellt und die Gefangenen spielen es mit großer Leidenschaft. Die Spieler, alle samt Gefangene aus Plötzensee, bringen das Thema und die sehr abstrakte, schwer zu lernende Sprache, mit großer Authentizität auf die Bühne. Es ist etwas, was uns angeht, wir kennen das, sagt einer der Spieler später auf der kleinen Premierenfeier. </p>



<p>Auch politisch aktuelle Sätze fallen: <em>&#8222;Man ist der Geldwirtschaft satt bis zum Ekel, jetzt beginnt der Cäsarismus, er wächst auf dem Boden der Demokratie</em>, <em>seine Traditionen reichen aber weiter zurück!&#8220;</em></p>



<p>Das Problem des sinnlosen, des hoffnungsvollen und manchmal trostlosen und schrecklichen Wartens findet sonst eher selten im Theater als Quälmethode Erwähnung, wir sehen es in manchen Stücken als Sinnbild von Langeweile, etwa bei Tschechov, aber hier wird vom Ensemble das Quälerische von Beckett betont. Die Erweiterung des Zwei-Mann-Ensemble auf sieben Leute wirkt hierin sehr günstig verstärkend.</p>



<p>Sowohl die Hoffnung auf einen Retter, als auch die Angst vor einem plötzlichen Diktator, als auch das leere Warten ins Nichts hinein bis zum Ende des Lebens wird hier mit sehr fein herausgearbeiteter Intensität, in einzelnen getrennten Episoden dargestellt. Einzelne Talente des Ensembles stechen sehr heraus, Moxx zum Beispiel überzeugt durch eine gleichzeitige Talentiertheit im Ausdruck, in Gesang, Gelenkigkeit, Körpersprache und Pantomime. Wirklich, der geborene Schauspieler! Besser als jeder professionelle Schauspieler. Auch das einfache Schuhe &#8211; an- und Ausziehen entfaltet eine ganz besondere Symbolik. Die Gefangenen sprechen auch eigene Texte, Assoziationen zum Thema Warten: <em>&#8222;Sie sagen, Godot kommt nie, doch wir stehen trotzdem da. Weil das Hoffen uns hält und nicht das, was mal war. Vielleicht sind wir selbst das, worauf wir warten, Gefangene im Kreis aus den eigenen Taten!&#8220; </em>Moxx. Und Alex sagt: <em>&#8222;Ich warte auf ein Leben ohne Türen, die keine Klinke haben. Auf ein Leben, in dem ich entscheide, wann und was ich einkaufe&#8230;warte darauf, endlich nach hause zu können und meine Kinder von der Schule abzuholen&#8220;</em></p>



<p>Das Publikum von Beckett 1953, teilte grausame Kriegserfahrungen, die vergessen und nicht erwähnt werden durften. Beckett schreibt in dem Stück aber keine Zeile über den Krieg. Das aufBruch-theater lässt eine Dia-schau laufen, ein immerwährender Krieg seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Ist der Mensch verdammt zur permanenten Wiederholung von Furchtbarem, weil gelähmt, weil von Autoritäten eingeschüchtert? Der aggressive Pozzo hat diese Rolle, aber auch er ist nicht Godot. Godot tritt nicht auf, weder als Retter, noch als Strafender. Auch Beckett kannte ihn nicht, aber ein Bote scheint ihn zu kennen. Doch ist dieser, ähnlich wie die Boten in Kafkas Schloss, sehr eingeschüchtert.</p>



<p>Eindrucksvolle Gesichter sieht man als Spieler im aufBruch Theater, großartige Qualität der Darstellung. Die Dialoge allesamt bravorös gegeben. Auf einer Leinwand läuft ein kleiner filmischer Parkour durch die deutsche Geschichte bis heute an Kriegen und Gewalt gegeben hat. Schwerpunkt dieser filmischen Szenen liegt auf dem immer wieder Vorkommen der Ungerechtigkeiten, der Verfolgung von Schwächeren, die Gewalt des Krieges und der Gewalt in Gefängnissen. Das Warten wird also in einen dialektischen Bezug zur Gewalt gesetzt, wie es auch Beckett vorgesehen hat. Gogo und Didi erinnern an zwei Kinder, wie auch Kinder sehr häufig oft in sehr langen Warte-Situationen ausharren müssen, ohne dass die Erwachsenen sich darüber überhaupt Gedanken machen, so kennt jeder das zeitziehende Warten eines Kindes auf seine Mutter auf seinen Vater, wenn zum Besuch zu spät kommen, und weil das alle Menschen kennen und die Hilflosigkeit eine stärkere Massenerfahrung ist, als die Selbstwirksamkeit, deshalb fasziniert dieses Stück immer wieder. Das ganze Leben ein Warten. Nie habe ich diese Parabel Becketts besser verstanden als gestern in der Premiere im aufBruch &#8211; Gefängnistheater in Berlin, unbedingt hingehen!</p>



<p>P.S.: Spannendes findet sich übrigens auch im Programmheft. Die Programmhefte im aufBruch-Theater sind immer sehr vielseitig, poetisch, oft philosophisch, niemals beliebig, immer spannend. Dort findet sich diesmal neben anderem Lesenswertem noch eine weitere interessante Episode:    Einst fand eine Aufführung von &#8222;Warten auf Godot&#8220;  in Schweden, in Kumla, mit Insassen eines Hochsicherheitstrakts statt, nachdem die Aufführungen ungeheuer erfolgreich waren, ging die Truppe auf Tour, die Premiere außerhalb des Gefängnisses sollte in Göteburg stattfinden, aber die Schauspieler machten sich nach der Pressekonferenz auf und davon, darüber gibt es einen eindrucksvollen Film. Als der verzweifelte schwedische Regisseur kurz darauf Beckett persönlich in Paris traf und ihm diese Episode erzählte, brach dieser in schallendes Gelächter aus und sagte:<em> &#8222;Das ist das Beste, was meinem Stück je widerfahren ist, seit ich es geschrieben habe&#8220;.</em></p>
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		<title>Theater auf Hallig Hooge</title>
		<link>https://anjaroehl.de/theater-auf-hallig-hooge/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Nov 2025 23:16:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Plattdeutsches Theater auf Hallig Hooge, Laien, die sich sehen lassen können!]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Wer hätte das gedacht, dass es ein Theater auf Hallig Hooge gibt? Und dieses Theater auch noch genau an dem Tag spielt, wo ich dort mit meiner besten Freundin aus Kindergartenzeiten eine kleine Nostalgiereise hin mache.</p>



<p>Aber zunächst: Was ist Hallig Hogge? </p>



<p>Keine &#8222;Insel&#8220; im Wattenmeer, sondern ein Stückchen Land, was oft mehrmals im Monat total überspült wird und nur die Häuser schauen raus. Eine Ansammlung von Warften im nordfriesischem Meer (aufgeschüttete Hügel, auf denen Häuseransammlungen stehen) die bei Ebbe und schönem Wetter durch einen grasbewachsenen Wattboden miteinander verbunden sind, auf dem friedlich Kühe grasen. Kleine Straßen ziehen dort von Warft zu Warft und der Wattgrasboden ist von malerisch schön geschwungenen Prilen durchzogen.  Kaum gibt es einen kleinen Sturm und das Wasser überwindet den kleinen Deich rund um die Hallig, so läuft diese wie eine Suppenschüssel voll mit Wasser, und die Häuser stehen scheinbar allein im tosenden Meer, die Straßen und der Grasboden stehen &#8222;Land unter&#8220;. Das ist für die Halligbewohner ganz normal, jeder hat hier seine Gummihose mit Stiefeln dran im Haus, sie finden sich auch mittels Stöcken in der mit Wasser vollgelaufenden Suppenschüssel zurecht, für die Gäste ein interessanter Gänsehautkick. Gäste gibt es hier reichlich, in diesem, wie ein kleiner Irlandsplitter aussehenden grünen Flecken, wo die Bauernhöfe mit ihren Kühen, Schafen, Pferden, Kleintieren und Federvieh und dem einen Kutschwagen, wie vor 100 Jahren anmuten. Die Gastfreundschaft ist groß, das Erlebnis &#8222;Land unter&#8220;, worauf alle Gäste heimlich lauern,  kommt nicht immer passend zum eigenen Aufenthalt. Wir zum Beispiel hatten es nicht, wir durchwanderten die grüne Flur von rechts nach links und rundherum, besuchten alle Warften, schossen Fotos von grasenden Rindern und bewunderten die glitzernden Himmelsspiegelungen in den malerischen Prilen. Abends saßen wir im &#8222;Friesenpesel&#8220;, tagsüber besuchten wir die  Halligmuseen, und die kleine Schifferkirche, oftmals rutschte uns das verbotene Wort &#8222;Insel&#8220; heraus, das wird hier streng gerügt, denn eine Insel hat nie &#8222;Land unter&#8220;, sondern ist ein festes, niemals überflutetes Stück Land, von dem man nicht alle paar Wochen innerhalb von wenigen Stunden sämtliche Tiere, Autos, Geräte auf die Warft hochholen muss, damit sie nicht ertrinken oder von den Fluten zerdonnert werden. </p>



<p>Neuerdings freuen sich die überaus tapferen Halligbewohner, wie wir fanden, als wir alles über sie gelesen hatten, über Zuwachs (zwei Frauen sind schwanger), im Kindergarten sind grade nur noch zwei Kinder, die freuen sich auch, in die Schulwarft gehen 8 Kinder, das ist eine tolle kleine Lerngruppe, da kann es zu optimaler Förderung aller Talente kommen, und das kulturelle Leben blüht offenbar auch. Es gibt u.a. eine Theatergruppe für die Inselbewohner. Da muss u.U. schon mal der Theaterbeginn um 30 Minuten verschoben werden, weil erst noch ein Kalb auf die Welt geholt werden muss, da muss, auch wegen des Wassers, immer eingeplant werden, dass es so, aber auch anders kommen kann. </p>



<p>Als wir auf der Hallig zu Gast waren, gab es das plattdeutsche Theaterstück der Schweizer Erfolgsautorin: &#8230;. Zum goldenen Uhu, (tu´n güllen Uhu), das an der Rezeption eines Hotels spielt, die Gäste und Gastgeber köstlich auf die Schippe nimmt, und einen kleinen Krimi präsentiert. Die Zuschauer bogen sich vor Lachen und ich verstand tatsächlich jedes Wort, es war nur nötig, sich, wie auf eine Geheimsprache, auf den Code des Plattdeutschen einzulassen. Was mir sehr dabei gefiel, war das völlige Vermeiden jeglicher formalen Aufgeblasenheit, wie man sie an den großen Theatern oft vorfindet, und was sich dort oft als große Kunst ausgibt, manieriert und gekünstelt. Das Gegenteil hier. Unsere Pensionswirtin, die grade noch die Hunde spazieren führte, spielte auch mit, eine Frau, mit der wir noch grade vor ihrem Haus geplaudert hatten, sahen wir auch später unter den Spielerinnen.</p>



<p><strong>De Hooger Speeldeel</strong></p>



<p>Bereits 1912 wurde nachweislich (Niederschrift einer Versammlung) die Hooger Speeldeel erwähnt. Seitdem erfreuen sich die Halligbewohner am Theaterspiel, sowohl als Zuschauer, als auch als Mitspieler. Regelmäßig spielen ca. 10 Halligbewohner mit, dass sind ca 10 % aller Bewohner auf hallig Hooge. Man versuche das mal auf dem Festland zu erreichen!</p>



<p>Das Stück war eine Komödie um ein Hotel, dass Vicki Baum alle Ehre gemacht hätte. Die Autorin ist eine Österreicherische Vielschreiberin, auf ihrer Webseite finden sich zahllose Komödien für kleinere und größere Bühnen. Ohne Probleme hat sie selbst das Stück vom Österreichischen  ins Plattdeutsche übersetzen lassen, was die Muttersprache der Halligbewohner zu sein scheint. Sie spielten es jedenfalls so überzeugend, dass es eine Freude war. Das Beste: Es wurde so lebendig gespielt, dass man auch als Nicht-Muttersprachlerin alles verstehen konnte. Es ging um ein Hotel, in dessen Foyer sich die seltsamsten Menschen treffen,  Titel des Stücks: Tüm güllen Uhu, übersetzt: Zum goldenen Uhu, dem Namen des Hotels. Es gab einige lustige Verwechslungsspiele, einen Mord, den die Mörderin so freimütig zugab, dass ihr keiner glauben mochte, einer Agentin, die als hysterische Diva daher kam und einigen anderen komischen Figuren. Glänzende Dialoge, Spannungsbogen gut gehalten, tolles Stück, brechend voller Saal, standing ovations auf der Hanswarft auf Hallig Hooge. Von der Nachbarhallig Langeness waren an dem Tag auch Besucherinnen rübergekommen. Mit dem Schiff natürlich, sie mussten noch zurück, das schönste war zu sehen, was für eine große tolle Familie die Halligbewohner darstellen, die kurze Zeit später mal wieder Land unter hatten, wo sie dann jede Familie nur noch allein auf ihren Warften sitzen und rundum nur noch das Meer an die Zäune schwappt. Einer spielte einen Selbstmörder, der koordiniert die Spielenden des Theaters, Regie führen sie alle zusammen, und senden an alle Leserinnen und Leser &#8222;Liebe Grüße zum Festland&#8220;, Vorbestellungen für die kommende Spielzeit einfach via facebook oder über Erco (Lars Jacobsen), auf der Hanswarft 19 c, in 25859 Hallig Hooge, Tel. 0 48 49 &#8211; 2 98, E-Mail: <a href="mailto:e.jacobsen@lammliebe.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">e.jacobsen@lammliebe.de</a>, Internet: <a href="http://www.lammliebe.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">www.lammliebe.de</a>, Facebook: <a href="http://www.facebook.com/lammliebe" target="_blank" rel="noreferrer noopener">www.facebook.com/lammliebe</a></p>



<p>Fotos: </p>



<p></p>
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		<title>Die Ratten im Volkstheater Rostock  &#8211; Rezension</title>
		<link>https://anjaroehl.de/die-ratten-im-volkstheater-rostock-rezension/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Nov 2025 13:56:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Grossartiges Stück, glänzend gespielt! ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Das naturalistische Drama aus der wilhelminischen Zeit des Pauperismus feiert nicht nur in der Wirklichkeit des heutigen Berlins, sondern auch im Rostocker Volkstheater neue Triumphe. Armut, Verzweiflung und Wut von Menschen, die ganz unten im soziale Gefüge leben und ihr Irrsinn, sowie dagegengestellt die Albernheit und Aufgeblasenheit sowie unfreiwillige Komik des absinkenden Mittelstands, das alles findet sich im Inneren einer verrotteten Berliner Mietkaserne der 1890er Jahre und ist Inhalt dieses sozialkritischen Stückes der Aufklärung über Armut und Elend. Der Naturalist Gerhard Hauptmann hat sich hiermit auf der Höhe seiner Kunst bewegt, die detaillgetreue Nachahmung der Dialekte, der Gesten, der Mimik, der Lebensumstände dieser Menschen, all das gelingt dem Dichter in einzigartiger Weise um den Zuschauer so nah wie möglich an seine Protagonisten heranzuführen und damit auch mitten in das soziale Elend zu führen und dahin mitzunehmen, wo man freiwillig als Bürgerlicher keinen Fuss hinsetzt. Seine Idee war Kunst mit dem Appell, diese Zustände zunächst einfach mal wahr- und ernstzunrhmen. </p>



<p>Ein heute wieder aktuelles Thema, wenn man bedenkt, wie der Mietraum schwindet, die Reichen sich wie Heuschrecken ausbreiten, die Obdachlosenzahlen sich verdoppeln und verdreifachen und dabei Millionäre und Milliardäre immer reicher und reicher werden. </p>



<p>100 Jahre später noch immer dasselbe Problem: Die Frauen wissen nicht, wie sie ihre Kinder satt kriegen und ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen können, die Arbeiter wissen nicht, wie sie sich eine Zukunft aufbauen können, ohne immer nur von der Hand in den Mund leben zu müssen, obwohl sie die ganze Zeit arbeiten, die bürgerlichen Intellektuellen, die gegen veraltete Lehrmeinungen aufbegehren und veraltete Familienstrukturen sprengen möchten, sind auch dabei, leben aber an den Problemen der elenden vorbei, ohne ihn zu helfen, all das, aktuell wie nie und eine Gesellschaft, die den menschlichen Bedürfnissen optimal gerecht wird, ist immer noch nicht erreicht. </p>



<p>Es war eine Freude zu erleben, wie die großartigen Schauspieler im Volkstheater Rostock dieses noch immer so aktuelle Stück, oder wieder so aktuelle Stück, glanzvoll gebracht haben, wie von Hauptmann intendiert, fühlte man sich wie mitten in das Mietshaus katapultiert, und mit der Nase drauf gestoßen, mitten hinein in die Familien, in das Elend, in die Verzweiflung. Was wurde Hauptmann alles vorgeworfen, dass er keine Auswege bietet, dass er zu wenig Abstand zu seinen Figuren hält, dass er kein politisches Konzept hat, all das kann man auch dieser Aufführung vorwerfen, wenn man nicht wichtig findet, dem Publikum zunächst einmal in die Nähe der Probleme der Menschen im sozialen Elend zu bringen. Diese Nähe wird hier optimal erreicht und lässt einem das Lachen im Halse gefrieren. Und die Schauspieler haben es hier genial geschafft, ihre Typen mit Wahrhaftigkeit und Leidenschaft echtes Leben einzuhauchen. Diese Echtheit des zerstörten Lebens, wo die Menschen kämpfen, um ein ganz kleines bisschen Glück, was die Figuren von vor 100 Jahren genau so wie heute erst streben, ist hier auf der Bühne des Rostocker Theaters 2025 als das Werk eines sehr guten Regisseurs mit excellenten  Schauspielern erreicht. Das Publikum wirkte zum Teil irritiert, gestört in ihrer bürgerlichen Gemütlichkeit, konfrontiert mit dem Elend, was sie nicht sehen wollen, auch das heute noch genau wie vor 100 Jahren. Ein Zeichen, dass wir erneut in einer Phase stärkster Klassen-Widersprüche stecken, diese haben sich dann in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Faschismus entladen,  was wird dieser neuen Epoche weltweiter Ungerechtigkeit der Verteilung gesellschaftlichen Reichtums folgen???</p>



<p><span style="font-size: revert;">Man ging jedenfalls nach Hause und war erfüllt von Trauer. Trauer darüber, dass unsere Gesellschaft nicht geschafft hat, und das in 100 Jahren nicht, das Elend in der Gesellschaft zu beseitigen oder wenigstens zu vermindern</span>, das einzig daher rührt, dass Menschen die in armen Verhältnissen geboren werden,  nicht dieselben Chancen haben wie die Menschen die in reichen Verhältnissen geboren werden, Sie können sich noch so sehr bemühen.</p>



<p>Auch die konkreten Probleme, das Kind eines Mannes der ein prügelt und verlässt, nicht austragen können, deshalb den Lebensmut verlieren, Hass auf diesen Menschen entwickeln, aus Familien zu stammen, die Drogen- und alkoholsüchtig sind und daher keine Geborgenheit erleben und geben können, die Trauer um ein verhungerte Kind, die Sehnsucht nach Liebe, Verständnis, Geborgenheit und menschlichen Mitgefühl, und das Scheitern dessen, war glänzend umgesetzt, ganz großes Theater ! ! ! Danke an das Volkstheater Rostock, was mit diesem Stück seinem Namen wirklich gerecht wird! </p>



<p>Die Spieler waren großartig: Sehr witzig war <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/bernd-faerber/">Bernd Färber</a> als Harro Hassenreuter, der ehemalige Theaterdirektor, <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/frank-buchwald/">Frank Buchwald</a> als John, der Maurerpolier, konnte so gut den schwer körperlich arbeitenden Mann geben, dann hat mir ungeheurer gut <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/katrin-heller/">Katrin Heller</a> als Frau John gefallen, wie sie die Gradwanderung zwischen Verzweiflung und Irrsinn geben konnte, war ganz großes Können! Auch <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/hagen-ritschel/">Hagen Ritschel</a> als Bruno Mechelke, hat den kriminellen Bruder glanzvoll gespielt. Absoluter Star war aber <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/malin-steitz/">Malin Steitz</a> als Pauline Piperkarcka, so leidenschaftlich sieht man selten das Elend einer Frau auf der Bühne! Auch die pantomimisch gespielte Rolle der süchtigen Sidonie Knobbe, gab Starschauspielerin <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/katharina-paul/">Katharina Paul</a> wunderbar lasziv, und auch <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/anouk-warter/">Anouk Warter</a> als Selma Knobbe, ihre Tochter spielte überaus eindrucksvoll und glaubwürdig. </p>



<p>Alles in allem ein Meisterstück! Glückwunsch an das Volkstheater-Ensemble! Inszenierung, Komposition und Video: Max Lindemann, Bühne und Kostüme: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/katja-pech/">Katja Pech</a>, Dramaturgie: <a href="https://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/die-ratten/sophia-lungwitz/">Sophia Lungwitz</a>, weitere Aufführungen hier erfragen: https://www.volkstheater-rostock.de/</p>
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		<title>Titus Andronicus &#8211; AufBruch-Gefängnistheater</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Jun 2025 08:36:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Titus Andronicus von Shakespeare im AufBruch Gefängnistheater &#8211; Einzigartige Darbietung! Weg mit den Streichungsplänen &#8211; Solidarisch mit dem Theater sein Das Publikum stand auf und klatschte eine halbe Stunde lang, standing ovations im Gefängnisinnenhof im Tegeler Männergefängnis. Die Laiendarsteller der aufBruch-Gefängnisproduktion strahlten, erneut war ihnen ein klassisches Theaterstück, an das sich wegen seiner Brutalität nur...]]></description>
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<p><strong><a href="https://www.gefaengnistheater.de/aktuelles-details/titus-andronicus.html" title="Titus Andronicus von Shakespeare im AufBruch Gefängnistheater">Titus Andronicus von Shakespeare im AufBruch Gefängnistheater</a></strong> &#8211; Einzigartige Darbietung! <a href="https://www.gefaengnistheater.de/aktuelles-details/einsparungen-im-justizhaushalt-bedrohen-die-existenz-von-aufbruch-ab-2025.html" title="Weg mit den Streichungsplänen"><strong>Weg mit den Streichungsplänen</strong></a> &#8211; Solidarisch mit dem Theater sein</p>



<p>Das Publikum stand auf und klatschte eine halbe Stunde lang, standing ovations im Gefängnisinnenhof im Tegeler Männergefängnis. Die Laiendarsteller der aufBruch-Gefängnisproduktion strahlten, erneut war ihnen ein klassisches Theaterstück, an das sich wegen seiner Brutalität nur wenige Theater wagen, nicht nur gelungen, sondern außerordentlich gut gelungen. Das Stück, das die Themen Rache und Eskalation verhandelt und in dessen Verlauf zahlreiche Menschen gedemütigt, gequält und ermordet werden, ist zeitlos. Es packt einen grade in heutigen Zeiten, wo uns die Kriege der Welt ständig näherkommen und wir auch in sie auf vielfältige Weise verwickelt sind.</p>



<p><strong>Kriege und Machtspiele: Wo hat es begonnen, was war die erste falsche Handlung? Kinder würden fragen: Wer hat angefangen? Von da aus beginnt sich der Faden der Rache abzuspulen, so stellt es Shakespeare dar und so haben es moderne Autoren, wie Heiner Müller und Friedrich Dürrenmatt, hier als Grundlage verwendet, neu dramatisiert.</strong></p>



<p>Zu Beginn kehrt der siegreiche Feldherr Titus Andronicus aus der Schlacht heim nach Rom. Siegreich war er, aber was mussten die Soldaten dafür bezahlen? Allein er selbst verlor 11 seiner Söhne. Müde und vielfach verwundet kehrt das Herr aus dem Krieg zurück, es schlurft, es kriecht, diegreich, aber müde und verroht. Derweil stehen zuhause neue Machthaber zur Diskussion, die zwei Kaisersöhne, der erste: Saturnin und der zweite: Bassian, wollen den gestorbenen Vater beerben. Titus soll es aber werden, so fordert in der Willkommensstimmung das Volk.  Titus aber ist müde, will ausruhen, lehnt ab. Doch zuvor will er sich an der gefangenen Gotenkönigin Tamora rächen. Der älteste ihrer Söhne wird von seinem Ältesten ergriffen, der erbost und verzweifelt ist, wegen seiner von den Goten getöteten Brüder,  und wird nun seinerseits grausam getötet, Tamora fleht um Gnade für ihn, vergeblich! Der nun neue Kaiser, Saturnin, plant als erstes, den Konkurrenten um die Kaiserwürde, Titus, der, obgleich vom Volk vorgezogen, so dumm war, zu verzichten, für alle Zeiten auszuschalten. Deshalb macht er einen folgenschweren Schachzug, er nimmt sich die versklavte, eben noch zu Tode gekränkte Gotenkönigin zur Frau und setzt sie damit als Kaiserin über alle ein. Nun herrscht die Erzfeindin, der Titus den ältesten Sohn töten ließ, über das ganze römische Volk. Das kann nicht gut gehen und im weiteren Verlauf der Handlung wird man Zeuge einer einzigen Reihe von grausamen Rachehandlungen dieser Königin. Der älteste Sohn Titus´wird im Verlauf dieser Rachehandlungen, die seine Familie fast komplett auslöschen, ebenfalls von der Rachegöttin gejagt, flieht nun seinerseits zu den Goten, sammelt ein Gotenherr und zieht gegen Rom.  Interessant an dieser Konstellation: Der Feind als Spitzel oder Renegat, jeweils an den Machtstellen des anderen Volkes, ist oft von den geringsten Skrupeln geplagt.</p>



<p>Kriege entstehen aus Rache, das wollte Shakespeare schon vor 500 Jahren anprangern, Rache entsteht aus Schmerz, Verletzung, Verzweiflung, und führt zu neuem Schmerz, neuer Verletzung, neuer Verzweiflung, so wird es ein endloses Spiel, bis alles zerstört, alle erschöpft oder tot sind. Nichts in diesem Spiel ist lustig, alles dramatisch und brutal, aber doch ist es mit wenigen Mitteln gelungen, hier „Komödie“ zu gestalten. Allerdings bleibt einem nicht selten das Lachen im Halse stecken. Lehrreich ist es jedenfalls, Politiker der ganzen Welt sollten hier eingeladen werden: Als erstes Putin, Netanjau, Merz. Rache ist aber auch etwas, das schon zu Vorzeiten immer wieder auch bekämpft wurde, durch Versöhnungsversammlungen, durch Gesetze… es ist eine Menschheitsaufgabe, die Ursachen der Gewalt zu bekämpfen und Kriege zu vermeiden, die wichtigste sogar. Und die Hintergründe von allem? Sie werden hier schonungslos aufgedeckt und beschrieben: Machtstreben! Egoismus! </p>



<p>Das Stück wird leidenschaftlich gespielt, die Brutalität mehrfach komisch gebrochen, die Darbietungen der Spieler sind allesamt herausragend! Sehr viele Lieder brechen die Tragik, Unterbrechungen reflektierender Art helfen zu verstehen und einzuordnen. Es ist als ein Lehrstück gespielt worden, ohne Zeigefinger, stattdessen verspielt, witzig, und doch mit Ernst in Bezug auf die eine große Lehre: Rache, Egomanie, Geld- und Ruhmsucht führen in die völlige Zerstörung!</p>



<p>Mit großer Stimmkraft und großer Charakterdarstellungsfähigkeit spielen die Insassen dieses Stück. Es ist, als ob sie um ihr Leben spielten. Als ob sie etwas aus Ihrem Leben spielten, als ob sie etwas von sich selbst spielend preisgeben. Schaut man hoch, so blickt man auf dreifache Stachdrahtrollen auf Dächern und Mauern, die um eine ganze Stadt herum zu liegen scheinen, die Stadt, in der diese leben müssen, weil auch sie nach dem Prinzip der Rache behandelt werden. Diesen Faden nicht aufzunehmen, versöhnlich auf Gewalt, sei sie persönlich, sei sie staatlich, zu reagieren, wird in Zukunft die Aufgabe dieser Spieler im wirklichen Leben sein, ein Leben, was auch bei uns ganze Bevölkerungsschichten von der gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe ausschließt, was manchem nie eine Chance gibt, was Millionäre bevorzugt und den Menschen, der durch seine eigene Hände Arbeit sich etwas aufbauen möchte, benachteiligt.  </p>



<p>Großartig waren alle, aber herausragend: H.Peter Maier C.d.F. als Saturnin und Paul E. als Titus Ältester und Andre´S. als Aaron, der unglaublich eindrucksvoll die Probleme seiner schwarzen Hautfarbe und des damit verbundenden Rassismus darstellte und natürlich auch Atak als Titus, der sehr gut die Gebrochenheit des Feldhern verkörperte. </p>



<p></p>
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		<title>The King´s Speach erfolgreich und grandios in Zinnowitz aufgeführt</title>
		<link>https://anjaroehl.de/the-kings-speach-erfolgreich-und-grandios-in-zinnowitz-aufgefuehrt/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Mar 2025 07:37:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Grandiose Aufführung von The KINGS SPEACH in Zinnowitz in der Blechbüchse, einem eindrucksvollen Theater]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Meine Westfreunde sehen die Wahlergebnisse und die blaue Fläche im gesamten Osten und sie fragen mich: Wie kannst du dort, umgeben von Faschisten, überhaupt noch wohnen? Ich weiß dann nie, was ich antworten soll.</strong> </p>



<p>Da wo ich mich herumtreibe, in Ausstellungen, Kinos, Theatern, &nbsp;Kultureinrichtungen und politischen Treffen, in Frauenzusammenhängen, da begegnen mir meist nur antifaschistisch und antidiktatorisch eingestellte Friedensfreunde, Altlinke und Neulinke, mit beeindruckenden&nbsp; historischen Kenntnissen, keine Faschisten. Ich mag nun einen blinden Fleck im Auge haben, sehe ja selbst, dass alles blau ist auf den Wahlstatistikbildchen, aber in ostdeutschen Großstädten, wie Erfurt, Dresden, Leipzig, Rostock, Stralsund, Greifswald genieße ich bei meinen Lesungen und Vorträgen wirklich aufgeschlossen linke Sozial- und Kulturlandschaften, in Dörfern Meck-Poms und Brandenburgs, wo ich mich auch gelegentlich teilwohnhaft aufhalte, sehe ich freundliche Nachbarschaften, Dorffrauentreffs, interessierte Kulturschaffende, und ich treffe dort durchaus auf sozialdemokratische, linke und sogar christliche Wählerschaft, mit humanistischen Weltbildern. Ich komme aber mit meinem: „Ihr täuscht euch, nicht alle dort denken so!“, bei niemandem durch. &nbsp;Auch traue ich mich niemandem zu erklären, wie sehr mir die Ostdeutschen Ex-DDRler, besonders die 89er – Aufbruch-Bewegten, z.B. die Gundifans, inzwischen ans Herz gewachsen sind, das löst Irritationen in meinem West-Bekanntenkreis aus.</p>



<p><strong>Nehmen wir die Provinz: Die Blechbüchse im Ostseebad Zinnowitz: Im Winter kommt man in einen halbverschlafenen Touristenort mit vielen leeren Häusern, doch gibt es ein sehr ungewöhnliches Theater: Die Blechbüchse, eine orangegelbe, halb auf dem Boden liegende Tonne, ein inovativer, schon äußerlich außergewöhnlich kreativer Theaterraum, direkt neben einer Theaterakademie gelegen, wo junge Menschen aus allen Teilen Deutschlands ausgebildet werden. Die Blechbüchse fungiert als Standort der Vorpommerschen Landesbühne, die, ausgehend von Anklam, die Spielstätten in Barth und Zinnowitz bespielt.</strong></p>



<p>Ich sah dort vor paar Tagen die Aufführung: „Kings Speach“ in so einer hervorragenden Inszenierung und Besetzung, dass ich mich noch tagelang mit den Hintergründen dieses, historischen Tatsachen nachempfundenen Stückes beschäftigte. Aus einer guten Inszenierung kommt man erfrischt, gut gelaunt und vergnügt heraus. Im besten Falle ist man nicht gelangweilt, sondern geistig angeregt, &nbsp;inspiriert und amüsiert worden. Auch wurden tiefe menschliche Gefühle angesprochen, so dass man Mitgefühl und Solidarität für andere Menschen entwickelt hat, übertragbar auf den eigenen Alltag, die heutige Zeit. Dazu wurden vielleicht Ohnmachtsgefühle durch Humor ausgehebelt und die Kraft eines Menschen gezeigt, der trotz vieler Widrigkeiten nicht aufgibt. All das ist hier geschehen. &nbsp;</p>



<p>Der Herzog Albert, zweitgeborener Sohn des Königs George V. von England, der spätere Vater von Queen Elisabeth, eindrucksvoll und sehr passend in Gestalt und Verhalten von Tom Herzog gegeben, leidet unter einem psychogenen Stottern. Es verstärkt sich in der Öffentlichkeit, so dass er diese meist meidet. Ein Gräuel sind ihm aufgezwungene Reden, zum Glück ist er nicht der Thronanwärter. Nun, es kommt, wie es kommen muss, sein Bruder versagt als Königsnachfolger, er muss doch ran. Da sein Stottern mit seiner Frau nicht auftritt, sucht diese einen Sprach-Therapeuten auf und wie dieser den Königssohn langsam heilt, wie sich überhaupt die Beziehung des Königssprosses zu einem Bürgerlichen anbahnt, aufbaut und bis zu einer Freundschaft vertieft, das ist der Inhalt des Stückes.</p>



<p>Aber nicht nur dieses private Problem wird hier verhandelt, sondern das wirkt entscheidend in die Weltpolitik hinein. Am Ende hält der König eine überaus authentische, sehr berühmt gewordene Radioansprache gegen Hitler, die jede angelernte königliche Steifheit abstreift und wirklich nur noch menschlich-human ist. Thema ist also, wie ein steifer, ungelenker, lebensuntüchtig erscheinender Mann mit Extremangst vor der Öffentlichkeit, am Ende vor diese selbst tritt, mit einer tief humanistischen Botschaft, und genau deshalb die Menschen mit einer humanen Botschaft zu erreichen in der Lage ist. </p>



<p>Was war das Besondere an dieser Aufführung? Die gute Gestaltung ihrer Figuren. Diese wurden immer widersprüchlich, immer changierend, nie eindeutig, nie schwarz-weiß, nie karikaturhaft gegeben. Oft haben sie anders reagiert als erwartet, und so wirkten sie echt und nicht maskenhaft. Realistisches Theater, ja, das war es, einfach, ohne formale Überhöhung, ohne Überzeichnung in Kostümierung oder Maske, klar, schlicht. Ich mag sowas. Je einfacher, je besser, finde ich immer, frei nach Brecht. Übrigens das, was am schwersten zu machen ist. Charly Chaplin soll Wochen und Monate an einer einzigen Szene geprobt haben um diese Einfachheit zu erreichen. Man kann das am Kindertheater sehr gut sehen. Es gibt das leider sehr oft überall vertretene schlechte Kindertheater, wo grell geschminkte, künstlich lachende, mit Schleifen versehene Erwachsene wie Puppen über die Bühne hüpfen und lachend Kinder animieren wollen. Beobachtet man da das Publikum, wird man meist stille und eher nachdenkliche Kindergesichter sehen. Das peitscht die Spieler oben zu noch mehr Klamauk auf. Kinder kommen angestrengt und quengelnd aus solchen Vorstellungen heraus. Das kommt: Kinder können keine Lügen ertragen. Es langweilt sie. Erwachsene eigentlich auch nicht, aber sie haben sich manchmal so daran gewöhnt, dass sie Künstlichkeit und Kitsch aushalten, weil sie glauben, es gehöre sich so.  Hier in Zinnowitz, in der orangegelben „Blechbüchse“, da gab es jedenfalls echtes berührendes und beeindruckendes Spiel und weder Kitsch noch Künstlichkeit. Das kam in allem zum Ausdruck, in der Sparsamkeit der Requisite, der genauen Treffsicherheit der Mimik und Gestik der Spielenden, der Auswahl der Kostüme, sowie der gekonnten  Verdichtung des Inhalts. Das hat das Publikum auch gespiegelt, es gab standing ovations für das Ensemble, der Beifall wollte nicht abebben, nochmal und nochmal wurden die Spieler herausgerufen, als die Hände schon müde wurden, kamen Füße zum Einsatz, ein tolles Stück, mit echter, wunderbarer Schauspiel- und Regiekunst prachtvoll inszeniert. Großartig und herausstechend war dabei der Hauptdarsteller Tom Herzog, wie er das Stottern kopierte, war einzigartig. Es war immer etwas überaus Schmerzhaftes darin, nie reizte es zum Drüber-lustigmachen auf. Aber auch alle anderen Figuren waren bis in die kleinste Nebenrolle großartig. Hervorstechend auch Erwin Bröderbauer als Churchill, wie er das Gesicht genau wie sein Original verziehen konnte! Auch die Körpersprache, unglaublich gut! </p>



<p><strong>Regie</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/rike-reiniger/"> Rike Reiniger</a></p>



<p><strong>Bühne &amp; Kostüme</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/spielplan/the-kings-speech-die-rede-des-koenigs-2025-1-11/"> Luisa Lange</a></p>



<p><strong>Choreografie</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/marit-lehmann/"> Marit Lehmann</a></p>



<p><strong>Regieassistenz / Inspizienz / Soufflage</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/andreas-zimmerling/"> Andreas Zimmerling</a></p>



<p><strong>Bertie, Herzog von York</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/tom-herzog/"> Tom Herzog</a></p>



<p><strong>David, Prinz von Wales</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/fiete-drahs/"> Fiete Drahs</a></p>



<p><strong>Elizabeth, Herzogin von York</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/anneke-hoeper/"> Anneke Höper</a></p>



<p><strong>Premierminister</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/timothy-gramsch/"> Timothy Gramsch</a></p>



<p><strong>Lionel Logue, Sprachspezialist</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/heiko-guelland/"> Heiko Gülland</a></p>



<p><strong>König George V, Vater von Bertie und David / Cosmo Lang, Erzbischof von Canterbury</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/felix-neander/"> Felix Neander</a></p>



<p><strong>Winston Churchill, Politiker</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/erwin-broederbauer/"> Erwin Bröderbauer</a></p>



<p><strong>Myrtle, Lionels Frau</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/leonie-mann/"> Leonie Mann</a></p>



<p><strong>Wallis</strong><a href="https://vorpommersche-landesbuehne.de/person/chiara-ruf/"> Chiara Ruf</a></p>
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		<title>Ständig wie Stiefel im Gesicht &#8211; 1984 im aufBruch Gefängnistheater &#8211; Rezension</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Feb 2025 10:00:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[1984 schon heute? Eine super Kraft- und eindrucksvolle Aufführung in Plötzensee, trotzdem droht dem Gefängnistheater aufBruch das Aus]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Foto: Thomas Aurin</em><br><strong>1984 nach George Orwell im aufBruch Gefängnistheater mit dem Ensemble Plötzensee und einige Gedanken zur augenblicklichen Lage des Theaters</strong></p>



<p><strong>1984 nach George Orwell </strong></p>



<p>1984 nach George Orwell ist eine düstere Dystopie in schwarz weiß, vielmehr in schwarz-grau, mit gleichgeschalteten Menschen, die wie Maschinen sind, Gesichter, die im Chor von einer Leinwand schreien: Hass, Hass, Hass, wie eine&nbsp; Beschwörungsformel und eine Gesellschaft, in der Unterdrückung, ständige Beobachtung durch den Geheimdienst, Folter und Krieg herrschen, und wo das Gefühl vorherrscht, dass „ständig Stiefel in ein Gesicht treten“. Es ist eine Welt, in der die Angst regiert. Auch im Knast und unter denen, die dort einsitzen, herrscht oft Gewalt, Unterdrückung und Angst. Auch gehören Angst, Hass, Wut, Unterdrückung und Gewalt zu den Gefühlen, die viele der Straffälligen von klein auf kennen, aus ihren oftmals disfunktionablen Familien, aus ihren sozialen Getthos, aus ihren Diskriminierungserlebnissen auf der Straße und in der Schule. Das Stück eignet sich also, um es im Knast spielen zu lassen.&nbsp;</p>



<p>Das Gefängnistheater Aufbruch hat sich die Inszenierung des Stückes „1984“ von George Orwell in der JVA Plötzensee vorgenommen, just zu einem Zeitpunkt, wo bei uns erstmalig eine rechtsradikale Partei im Aufstieg begriffen ist und vorauseilende Sparmaßnahmen im Kulturbereich das langjährig erfolgreiche&nbsp; Theater selbst vernichten wollen. Kultur mit Ausgegrenzten ist nicht mehr erwünscht, was sie zu sagen haben und künstlerisch ausdrücken, soll nicht mehr existieren dürfen.&nbsp;</p>



<p>Das Bühnenbild ist ein nüchterner weißgrau-viereckig abgezirkelter Raum in dem einige Stühle hin und hergetragen werden. Es ist der Spielraum des Stückes, aber gleichzeitig auch Ausblick auf zukünftige Zeiten: Farblos, kulturlos, düster. Hinten an einer Wand laufen Filmsequenzen. Menschen laufen auf Straßen. Ein Mann schreibt auf eine Türtafel: 2&#215;2=5, aber er kann das nicht,&nbsp; er streicht aus, er will die Wahrheit schreiben und nicht die Lüge. Aber nur die Lüge ist erlaubt.&nbsp;</p>



<p>Winston Schmidt ist ein Naivling, er zweifelt, und gefährdet sich damit. Er ist auch neugierig und fragt herum. Beides ist nicht erwünscht, er wird festgesetzt, es wird ihm weh getan. Seine Individualität trennt ihn von anderen, macht ihn den anderen fremd und einsam. Er bleibt lange der Einzige, bis er auf Julia trifft. Julia und er konnten sich nur erkennen, da sie beide schon zweifelten. Aber Liebe ist ebenfalls nicht erwünscht. Und wird verunmöglicht. Die Versuche, sie zu leben, scheitern. Die Geschichte ist düster, aber das Ensemble bricht diese Düsternis auf. Durch Schlager, durch Witz, durch ausdrucksstarkes Spiel. Ihr Beharren auf individueller Freiheit wird körperlich stark auf die Bühne gebracht, die Spieler kämpfen, die Zweifler geben nicht auf, das überaus authentische Spiel hält das Publikum in Atem. Glänzend in allen Rollen: Winston, gespielt von Harun, aber auch Alain, Tailor, Ilyas, Sadam, Mike Hermann und Steven Mädel, als Julia  verkleidet. Wunderbar einfach und mutmachend wird als Akt des Widerstands ein proletarische Gassenhauer angestimmt, der Gittesong: <em>Ich will alles, ich will alles und zwar sofort!</em>..zum Schluss tritt noch Thomas Brasch auf, auch er ein Winston Schmidt, noch dazu mit einem Vater, der ihn selbst ins Gefängnis warf.  Der aus der DDR gezwungene Schriftsteller, zitiert von der Bühnentreppe aus seinem 1977 erschienenem Buch „Kargo“ eine Pionierleiterin, die glaubt, ihren Vater umgebracht zu haben: <em>Ich habe nie an das geglaubt, was ich den Kindern erzählt habe. Von wegen der schönen Zukunft und so. Ich war nie mit dem Herzen dabei. </em>Das aber ist in Wahrheit das alleinige Ziel: Die Unterdrückten sollen die ihnen aufgezwungenen Lügen nicht nur herausbrüllen und repitieren, sie sollen wirklich an sie glauben, das wird verlangt und solange hört die Gewalt gegen die Abweichler nicht auf.  Lehre daraus: Machthabern reicht es nicht, ferngesteuerte Wesen zu produzieren, die nur Sklavenarbeit leisten, das birgt zuviel Gefahren, sie müssen sich des Inneren der Personen bemächtigen, ihrer Emotionalität, ihrer tiefsten Gefühle, deshalb die Allgegenwart der Angst und die Notwendigkeit der Massensuggestion. Angst muss ständig erregt, aufrecht erhalten und immer neu erzeugt werden, deshalb der Dauerkrieg im großen Maßstab, die Welt voller Feinde, das Misstrauen gegen den Nächsten. Orwell ist es gelungen, die Merkmale moderner Diktaturen, in ihren entscheidenden Bedingungen atmosphärisch dicht einzufangen. Das Plötzensee-Ensemble schafft es erschreckend, dies auch auf heute anwendbar zu machen. Man verlässt den Knast mit Gänsehaut. Super gut gespielt! </p>



<p><strong>Nachtrag aus aktuellem Anlass:</strong></p>



<p>Was das Theater seit 25 Jahren umtreibt, ist, ich zitiere nachfolgend aus dem Konzept der Truppe, den Gefangenen durch „darstellerisches Handwerk auf höchstem Niveau, Sprache, Stimme und Gesicht zu verleihen“. Texte werden so ausgesucht, dass es zu einer „Verzahnung von Persönlichkeit und dramatischem Text“ kommt. Es wird etwas von heute eingeflochten, Assoziationen eingebaut, die die Gefangenen zu den ihnen meist zunächst unbekannten Texten haben.&nbsp; So enthält jedes Stück, schon im Entstehungsprozess etwas, dass mit den Gefangenen selbst und ihrer Situation zu tun hat, und so wird jeder tote Text eines Dichters in den Spielern selbst und für das Publikum auf ganz besondere Weise neu lebendig. Dabei gelingt es dem Regisseur Atanassov immer wieder, grade solche Texte auszusuchen, die in der Lage sind, sowohl Gefangene als auch Publikum aufzubrechen, und frei nach Kafka, die „Axt zu sein für das gefrorene Eis in ihnen“ zu sein, Voraussetzung für höchsten Kunstgenuss. Gleichzeitig eine Möglichkeit von Reflexion, Introspektion, Rehabilitation. Seit über zwei Jahrzehnten erreicht das aufBruch-Theater damit erfolgreich eine künstlerische Vermittlung zwischen der Welt innerhalb der Gefängnismauern und derjenigen außerhalb, ermöglicht&nbsp; „vorurteilsfreie“ Begegnung von Menschen, und „Denkanstöße für individuelle Reflektion“. Straftäter und Bevölkerung werden in der künstlerischen Darbietung „einander näher gebracht“, da beide „Teil einer europäischen humanen Gesellschaft“ sind.&nbsp;Das Theater arbeitet in der „Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel, seit achtzehn Jahren in der Jugendstrafanstalt Berlin, seit elf Jahren in der JVA Plötzensee und vereinzelt bereits auch in der 2013 errichteten JVA Heidering, beides ebenfalls Berliner Justizvollzugsanstalten des geschlossenen Männervollzuges“. Sogar außerhalb Deutschlands inszenierte aufBruch, wie in ihrem Geschichtsrückblick beschrieben, in einer russischen Jugendstrafkolonie und einer chilenischen Haftanstalt. Das aufBruch ist ein „vielköpfiges, ausdrucksstarkes Ensemble aus Inhaftierten auf der Bühne“ und ein „theatererfahrenes künstlerisches Leitungsteam von Draussen, das den professionellen Rahmen garantiert“.&nbsp; Angebote reichen vom Kammerspiel bis zum Open Air.&nbsp;</p>



<p>Dass dieses Konzept gelingt, davon zeugt die ungeheure Beliebtheit des Theaters bei den Gefangenen und einer stetig wachsenden Fangemeinde, die meist schon am ersten Tag der Ankündigung eines neuen Stückes dafür sorgt, dass sämtliche Plätze aller genehmigten Vorstellungen ausverkauft sind. Es würden also, wenn mehr Vorstellungen gespielt würden, weit mehr Besucher noch in das Theater Aufbruch kommen.&nbsp;</p>



<p>Leider ist nun dunkelste Nacht eingezogen, das Justizministerium verweigert die weitere Förderung des Projekts, damit ist eine Arbeit nur noch unter so erschwerten Bedingungen möglich, dass es fast das Aus des Projekts bedeutet. Kein anderes Theater ist daher so schwer von den aktuellen Kultur-Kürzungen betroffen wie das aufBruch, denn ihr wichtigster Förderer ist zusätzlich noch weggebrochen. Das ist ein Skandal und das Gegenteil von Wertschätzung ihrer Arbeit. Das Justizministerium stellt sich damit sogar gegen seine eigenen Institutionen, denn auch Vollzugsbeamte sagten in einer Evaluationsbefragung: <em>„Wir sind hier kein Ort des Schreckens…wir sind alle Menschen, die hier arbeiten oder inhaftiert sind, und wir treten (mittels der Aufführungen) in Kontakt mit Menschen, die von draußen kommen“ </em>und äußerten, dass sie sich auch freuen, vom Publikum nicht nur auf den Vollzugsbeamten reduziert zu werden, sondern <em>„als Menschen angesehen werden, die hier arbeiten und was ermöglichen“.&nbsp;</em></p>



<p><strong>Aufruf</strong><em>:</em></p>



<p>Setzt euch ein dafür, dass das Theater aufBruch weiter arbeiten kann wie bisher und also so bestehen bleiben kann, wie es sich seit Langem in seiner vollen Kraft gezeigt hat: Ausdrucksstark und authentisch. Schreibt Briefe an das Justizministerium, fragt beim Ensemble an, wie die beste Unterstützung aussehen kann, besucht das Gefängnistheater und teilt sein Programm. Es lohnt sich!&nbsp;</p>
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		<title>Schmutzige Hände im Volkstheater Rostock &#8211; Rezension</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Aug 2024 01:38:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Rostocker Theater war schon öfter in der Presse, es warf seinen Intendanten raus, obgleich er einer der inovativsten Deutschlands (Sewan Latchinian) war, das kostete den Rostocker Senat Hunderttausende, und dann wurde es erstmal etwas stiller ums Haus. Nun soll ein ganz neues Haus entstehen. Vorerst noch im alten Haus besuchte ich kürzlich zwei moderne...]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Das Rostocker Theater war schon öfter in der Presse, es warf seinen Intendanten raus, obgleich er einer der inovativsten Deutschlands (Sewan Latchinian) war, das kostete den Rostocker Senat Hunderttausende, und dann wurde es erstmal etwas stiller ums Haus. Nun soll ein ganz neues Haus entstehen. Vorerst noch im alten Haus besuchte ich kürzlich zwei moderne Aufführungen, die mich sehr überzeugten: </p>



<ol class="wp-block-list">
<li><strong>Die schmutzigen Hände, von Jean Paul Sartre</strong>, um Längen besser als die Version desselben Stückes, zeitgleich am Berliner BE. Im BE: Graue, kalte Inszenierung, abstoßende Figuren, keine Auseinandersetzung mit dem Problem des Verhaltens von Menschen im Überlebenskampf des Widerstands gegen eine todesbringende Diktatur. Nichts als Verurteilung, einseitige Charaktere, Langeweile. <strong>Im Rostocker Volkstheater</strong>: Lebendige Menschen auf der Bühne, mit denen eine Identifikation möglich war. Empathie in Menschen, die in existentiellen Konflikten sind. Bühnenbild authentisch durch Kleinigkeiten, die Echtheit der dargestellten Situation zeigen: Hotelszenerie, als Beispiel für die Flüchtigkeit des Lebens im Widerstand. Die Charaktere, allesamt glänzend besetzt, stellen ihre Figuren widersprüchlich, schillernd, mehrdimensional dar. Im Ergebnis: Ein nachdenkliches Publikum, was sich Gedanken nicht nur über historische Ereignisse macht, was über sich selbst nachdenkt. Das Sartre-Stück ist universell wirksam, sagt etwas über „den Menschen“ aus, seine Schwächen, Stärken, Leidenschaften. Das Stück trennt sich vom engen historischen Rahmen, obgleich es ihn sehr genau und authentisch wiedergibt. Im BE nichts davon, nur eisengraue Stimmung und blanker Antikommunismus, Menschen, die wie Maschinen rüberkommen, das wurde Sartre nicht gerecht. In Rostock das Gegenteil: Im Sinne Sartres Philosophie des Existenzialismus gelingt es hier, indem einfach nur seinen Protagonisten Leben eingespielt wird, etwas Wesentliches über den Menschen an sich mitzuteilen, dass er sich bewähren will und muss. Und beides nicht automatisch etwas Gutes nach sich zieht, sondern auch ein Verbrechen sein kann. Und dass das Gute schwer zu machen ist. </li>



<li><strong>Offene Zweierbeziehung</strong> <strong>von Dario Fo</strong>: Zum zweiten sah ich in der kleinen Warnemünder Bühne ein wunderbares Stück von Dario Fo: Offene Zweierbeziehung. Tausendmal gespielt, tausendmal gesehen, aber hier gelungen wie nie. Das lag an der Besetzung, die beiden Hauptdarsteller haben sich das Stück wirklich aus der Seele gespielt. Das Publikum hat auf dem Boden gelegen vor Lachen, kein gemeines Lachen, kein zynisches, sondern ein erkennendes Lachen. Hier wurde etwas von einem selbst gespielt, köstlich. Wirklich sehr gutes Rostocker Theater! <br></li>
</ol>
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