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	<title>Verschickung &#8211; Anja Röhl</title>
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		<title>Hände hoch   &#8211;  Und dann bin ich verloren!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anja Röhl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Sep 2009 21:20:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vermischtes, Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Autorin Anja Röhl hat erstmalig 2004 in der Literaturzeitschrift Risse, unter dem Titel: Tante Anneliese, dann 2009 in einem Artikel in der Literaturbeilage der jungen Welt: “Und dann bin ich verloren! Hände hoch: Wie war es auf die Nordseeinsel Wyk verschickt zu werden?“ im Feuilleton der jw, und dann 2013, nochmal ausführlicher, in dem...]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: revert; color: initial;">Die Autorin Anja Röhl hat erstmalig 2004 in der Literaturzeitschrift Risse, unter dem Titel: </span><a href="https://www.risse-mv.de/heft-13/">Tante Anneliese</a><span style="font-size: revert; color: initial;">, dann 2009 in einem Artikel in der Literaturbeilage der jungen Welt: “</span><a href="https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/131114.und-dann-bin-ich-verloren.html">Und dann bin ich verloren! Hände hoch: Wie war es auf die Nordseeinsel Wyk verschickt zu werden?“ </a><span style="font-size: revert; color: initial;">im Feuilleton der jw, und dann 2013, nochmal ausführlicher, in dem autobiografischen Roman: </span><a href="https://edition-nautilus.de/programm/die-frau-meines-vaters/">Die Frau meines Vaters</a><span style="font-size: revert; color: initial;">,  ihre Erlebnisse aus Verschickungsheimen beschrieben und geschildert. 2019 gründete sie die Webseite: </span><a href="https://verschickungsheime.de/">www.verschickungsheime.de</a><span style="font-size: revert; color: initial;"> und initiierte eine breite Vernetzung von Betroffenen und Forschenden zu diesem vergessenen Thema. </span></p>
<p><em style="color: initial;">09.09.2009 / Feuilleton junge welt / Seite 13</em></p>
<p><strong style="color: initial;">Besuch auf einer Insel</strong></p>
<p><img decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-574" title="Föhr" src="http://www.anjaroehl.de/wp-content/uploads/2009/11/Föhr.jpg" alt="Föhr" width="111" height="78" />Diesen Sommer besuchte ich das erste Mal nach 49 Jahren wieder einmal die Nordseeinsel Föhr. Ich war bei einer reizenden Familie eingeladen, am Abend gab mein Sohn mit dem Sohn der Familie ein Jazz-Konzert in der örtlichen Musikschule, am Tag wanderte ich über die Strandpromenade, radelte über die Insel und die Strände entlang, kam leider eine Woche zu früh für das außerordentliche Museum der nordischen Kunst und stieß irgendwann, am Ortsausgang von Wyk, auch auf das unscheinbare Backsteingebäude, das noch immer, 49 Jahre später, als ein Kinderheim fungierte und in dem ich einst, im Alter von fünf Jahren einen äußerst gesundheitsfördernden Aufenthalt hatte. Wir kamen von Hamburg-Barmbek und sollten frische Seeluft tanken, die hanseatische Ersatzkasse war die Geldgeberin, man nannte es „Verschickung“, ein Arzt musste uns vorher begutachten und unser Arzt, Dr. Krille, tat meiner Mutter gern den Gefallen, denn sie war alleinerziehend und brauchte auch Erholung, und ich bot reichlich Anlass, denn ich war sehr oft krank. Unter dem „Verschicktwerden“ konnte ich mir vor dem Aufenthalt in Föhr nichts weiter vorstellen, weshalb ich auch ohne Angst den Zug bestieg. Man hängte uns Karten um den Hals und später legten wir in Zweierreihen den Weg vom Hafen zum Heim zurück. Tatsächlich hatte ich auch diesmal, bei meinem Besuch auf Föhr im Jahre 2009 eine Reihe solcher Kinder in Zweierreihen gesehen, die mit ihren Begleiterinnen vom Schiff über die Hafenvortrasse geführt wurden. Sollte es immer noch solch eine Verschickung geben? Unter uns Barmbeker Kindern gelang später der Begriff „Verschicktwerden“ zu trauriger Berühmtheit, weil er einem Todesurteil gleich kam, wovon die Eltern partout nichts wissen wollten, was unter uns aber zum notgedrungenen Allgemeinwissen wurde, je mehr Kinder diese Erfahrung machen durften.</p>
<p><strong>Die erste Nacht</strong></p>
<p>An die erste Nacht im Heim auf Föhr kann ich mich mit einer Schärfe erinnern, als sei es erst gestern gewesen, was unzweifelhaft durch das intensive Gefühl langsam anwachsender Angst hervorgerufen wurde, das mich bald ganz und gar beherrschte. Es handelte sich um einen riesigen Schlafsaal, auf dem wir in langen Kolonnen in schmale Betten gelegt worden waren, denen sich vom Ende des Saales her mehrere Erzieherinnen, wir nannten sie Tanten, näherten. Diese machten sich geschäftig an jedem Kind zu schaffen, in dem sie sich zu jedem Kind herabbeugten und dessen Hände begutachteten. Dies wäre vielleicht nur seltsam und unverständlich gewesen, erst die zweite Beobachtung machte daraus etwas Angst erregendes, denn manchmal, keineswegs jedes Mal, aber ziemlich häufig, nahmen sie die Hände des jeweiligen Delinquenten nach dem Begutachten hoch, steckten seine Finger bis zum Handgelenk in einen schneeweißen Beutel und banden diesen zu und unter dem Bett an einer Stange fest. Das Kind war daraufhin ans Bett gefesselt.</p>
<p><strong>Totenstille</strong></p>
<p>Keines schrie, im Saal herrschte Totenstille. Aller Augen lagen auf dem langsamen Vorwärtskommen der Tanten in die eigene Richtung. Ich erinnere mich nicht, etwas gedacht zu haben, etwa wie man dann wohl auf Toilette kommen mag, ob das unsere Eltern erlaubt haben würden, oder andere durchaus der Sachlage angemessene  Gedankenverbindungen, ich dachte nur eines: Die kommen auch zu mir und dann bin ich verloren!  Ich erinnere mich genau, dass ich mich nicht mehr zu bewegen traute und sich die Angst in meinem ganzen Körperinneren ausgebreitet hatte. Wie ein sich mit Wasser füllender Krug war in mir nur noch Angst und sonst nichts mehr. Ich spürte an der rechten Hand meinen Daumen und wusste, dass man es sehen konnte, er war kleiner als der andere und durch das lange Lutschen wie ausgelaugt. Ich legte ihn also möglichst weit weg von dem anderen auf die Bettkante. So blieb es eine ganze ewige Weile. Bis ich aus dem Zustand der Erstarrung erwachte, als ich begriff, dass die Tanten an mir vorbei waren, meine Hände wohl begutachtet hatten, ich erinnerte mich vage, sie gesehen zu haben, wie sie sich über mich beugten, aber nicht, etwas gespürt zu haben, was einer Berührung glich, doch hatten sie mich immerhin ungefesselt gelassen, sie hatten meinen Daumen nicht entdeckt. Sie waren auf abgeknabberte Fingernägel aus gewesen, das begriff ich später. Die Angst ließ mich erschöpft, aber erleichtert zurück, so dass die Hauptarbeit, die es für mich nun noch gab, mir ungemein leicht erschien – ich musste wach bleiben – Es war klar, dass ich nicht schlafen durfte in dieser Nacht, denn schlafen konnte ich nur, wenn ich in einem komplizierten Verfahren, was ich mir längst abgewöhnen sollte und für das man schon viel getan hatte, meinen Daumen in den Mund nahm und ihn auf den anderen Arm ruhen ließ, den ich gleichfalls ein wenig besaugte. So blieb ich also im Bett liegen wie eine Salzsäule, rechts und links mit ausgestreckten Armen, und doch wurde mir heiter und wohl ums Herz, anlässlich der Leichtigkeit des Wachbleibenmüssens gegenüber der eben ausgestandenen Angst, für den Rest der Nacht ans Bett gefesselt zu werden. So war das Föhrer Kinderheim.</p>
<p><strong>Nur selten am Meer</strong></p>
<p>Tagsüber waren wir selten am Meer, ich erinnere mich nur an einen Tag, wo ein Bild für die Eltern gemacht wurde und wir alle lächeln sollten. Ansonsten kamen wir täglich nackt in enge, dunkle Räume mit Höhensonnenbrillen auf den Nasen und mussten dort Plumpssack spielen. Wir schämten uns, besonders wenn wir so durchs kalte Treppenhaus geführt wurden und die Jungen trafen, die Erzieherinnen lachten darüber, ich höre es noch heute laut schallend über den Flur tönen, ihr Lachen, mit dem sie uns bedeuten wollten, dass es wohl der drolligste Gedanke sei, den es je gegeben hatte, sich als Kind seiner Nacktheit schämen zu wollen. Die Höhensonnenräume waren bis unter die Decke gekachelt, grün und eng und ohne jedes Fenster und machten auf uns Kinder einen nicht eben Vertrauen erregenden Eindruck. Ich weiß, wie die Erwachsenen uns immerzu zum Spielen treiben mussten, von selbst mochten wir es nicht, standen nur still und stumm und wünschten uns wer weiß wohin, nur weg.</p>
<p><strong>Gedanken an Zuhause kamen nicht auf</strong></p>
<p>Der Gedanken an Zuhause kam in uns nicht auf, nicht wegen Mangels an Phantasie, da war kein Mangel, wir malten uns den ganzen Tag aus, was sich die Erzieherinnen als nächste Strafe auszudenken gedächten, nein, wegen dem fehlenden Trost. Man kann keinen Gedanken an eine Sehnsucht verschwenden, wenn da niemand ist, der einen dafür in den Arm nimmt oder die Möglichkeit eröffnet, irgendwann einmal wirklich wieder  dorthin zurück zu kommen. Da das nicht ging und ich mich allem hier ausgeliefert fühlte, immerhin war ich erst fünf, war in meinem Inneren der Gedanke an mein Zuhause gänzlich verschwunden. Hätte man mich nie mehr nach Hause gebracht, ich hätte es ebenso ertragen, wie die sechs unseligen Wochen dort, an denen ich nicht eine Minute des Tages ohne Angst war. Folterheim dachte und sagte ich später meinen Eltern, als ich unerwarteterweise schließlich doch wieder zurückgeschickt worden war, mit der, wie sich herausstellte, leider vergeblichen Hoffnung, sie würden mich nie wieder in so was „verschicken“, was dann allerdings noch mal, ebenso grausam und schlimmer geschehen war. Ein Heim unter vielen dachte ich später, als viele Jahrzehnte ins Land gegangen waren und ich trotz dieser Behandlung zu einer selber denkenden Persönlichkeit herangewachsen war.</p>
<p><strong>In graue Decken gewickelt auf dem Flur</strong></p>
<p>Bis ich bei meinem Besuch im Föhrer Museum ein Buch in die Hand nahm und darin die Zeilen einer Autorin las, die schrieb, dass die Erfahrungen im Föhrer Kinderheim zu den schlimmsten ihres Lebens gehörten. Sieh mal an, dachte ich, da ist es einer genauso gegangen.Kann es sein, dass es noch mehr Menschen gab, die im Föhrer Kinderheim gelitten hatten? Einem unter vielen oder vielleicht doch einem besonderen?  Damals litt jedes still für sich allein. Ich erinnere mich keiner Freundin, keines Wortes, dass ich je an eine andere Person richtete. Es gab in dunklen Sälen das Essen in Suppenform, Graupen oder Speck, hart wie Schuhsohle schwamm dort drin, ich war froh, es durch mein Kindergartenessen gewohnt zu sein, während andere weinten und das Erbrochene wieder aufessen mussten, wenn sie es schließlich unter Krämpfen hervorgewürgt und auf ihren Teller gespuckt hatten. In graue Decken eingewickelt mussten wir nachts, draußen im Flur, Strafe sitzen, wenn wir etwa geschwatzt hatten oder zur Unzeit auf die Toilette wollten. Letzteres war nur zu ganz bestimmten Zeiten, tief in der Nacht, gestattet, wenn Rotlicht brennt, sagte man uns, aber ich jedenfalls sah nie irgendwo je ein Rotlicht brennen. Hatte ein Kind ins Bett gemacht, wurde es öffentlich lächerlich gemacht, man hängte sein Bett-Tuch quer durchs Zimmer und das Kind bekam irgendetwas nicht, keinen süßen Brei, kein Mitkommen auf einen Ausflug, kein Lesen von Bilderbüchern, Strafe musste sein, das war hier oberstes Prinzip und leise sein, immer mussten wir leise sein. Überhaupt waren wir wie Marionetten. Wir warteten, bis man uns sagte, geht, wir standen still, wenn man uns sagte, steht still, wir bewegten uns, wenn man uns sagte, bewegt euch. Nur mit dem Spielen wollte es nicht so klappen, wenn sie uns sagten, spielt, dann fiel uns einfach nicht ein, was wir wohl spielen konnten.</p>
<p><b>Eine eigene Internetseite mit vielen Infos zum Thema: </b><a href="http://verschickungsheime.de/"><strong><span style="color: #ff0000;">www.verschickungsheime.de</span></strong></a></p>
<p><strong>Zu Jahresbeginn 2021 (März) lege ich zu diesem Thema erstmalig  ein grundlegendes Fachbuch vor: <a href="https://www.psychosozial-verlag.de/3053">https://www.psychosozial-verlag.de/3053</a>, gern kann es jetzt schon vorbestellt werden!  Journalisten wie Experten können sich auch schon jetzt für Besprechungsexemplare vormerken lassen.</strong></p>
<p><b>Die Kommentarfunktion findet sich ab jetzt nur noch hier: <a href="http://verschickungsheime.de/zeugnis-ablegen-erlebnisberichte-schreiben/">http://verschickungsheime.de/zeugnis-ablegen-erlebnisberichte-schreiben/</a></b></p>
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