Das Rostocker Volkstheater hat ein sehr hohes Niveau

Rostock – mon amour!

Ich habe in der letzten Zeit sieben großartige Theateraufführungen im Volkstheater Rostock angesehen, das Volkstheater ist ein Vierspartentheater mit Anbindung an die HMT, der Hochschule für Musik, Theater und Tanz, die dort in der Altstadt, in einem alten Kloster ansässig ist. Ich hatte dort zu tun und gelangte nur in Abständen in die Aufführungen, zuerst im November, da sah ich: Die Ratten, sehr gut inszeniertes und gespieltes Sozialstück von Gerhard Hauptmann, die Parallelen zu heute berühren einen tief, es wurde mit sehr viel Einfühlung in den heutigen Pauperismus und die unter ihm leidenden Personen gegeben, die man sich, erschreckend aktuell, sehr gut vorstellen konnte. Ist es wahr, dachte man, dass die Abtreibungsfreiheit für Frauen immer noch nicht erreicht hat, ganz im Gegenteil, immer mehr eingeschränkt wird?

Dann sah ich im Januar das Vierspartenstück Amadeus, über den Mythos der Mozartvergiftung durch Salieri, ein wunderbares Kostümtheater mit einem verzweifelten Salieri und einem lustigen Mozart, auch sehr tiefgründig gespielt, vor allem, weil Neid, Missgunst und Rachsucht allgemein menschliche Probleme sind, und diese hier sehr gründlich ausgeleuchtet wurden. Im Februar sah ich die wunderbare Komödie von Ben Johnson, einem völlig unbekannten Shakespeare-Zeitgenossen, Volporone, oder der Fuchs, über Geld, Geiz und Gier, unfassbar gut gespielt, wo die Charaktere durch Tiere symbolisiert wurden, einzigartig gut gespielt, die Spieler haben wirklich alle Charaktereigenschaften, die durch Aussicht auf Geld ausgelöst werden können, in ihren Figuren ausgedrückt, außerordentlich! Leider wurde es nur sehr kurz gespielt.

Dann im März sah ich das Musical Anatevka, werkgetreu und tragisch gegeben, mit einer großen Verbeugung vor den osteuropäisch-jüdischen Dorfgemeinschaften, die immer wieder vertrieben und schließlich im Holocaust für immer vernichtet wurden, mit einer berührenden, ganz kurzen Versöhnungsszene zwischen den jüdische Dörflern und den russischen Soldaten im gemeinsamen Tanz. Ausgesprochen gut besetzt, mit einem nachdenklichen, weichen, seine eigenen Maximen immer wieder infrage stellenden Tevje, wunderbar kraftvoll gespielt von Frederic Böhle, der wie geschaffen für seine Rolle war, sogar mit eigenen Beziehungen zur Klezmer-Musik, genial die Ausgestaltung seines Zweifelns, seiner Gedankenspiele, seiner Worte, die er mit Gott spricht, sein Mut, der sich immer wieder aufrichtet, aber auch seine Trauer, sehr unsentimental inszeniert, eine einzige Verbeugung vor der Geschichte und dialektischen Debattenkultur des jüdischen Volkes. Auch sehr genial wurde hier Jente gegeben, die Heiratsvermittlerin, Katrin Heller verlieh ihrer Figur etwas köstlich Hexenhaftes, was trotzdem etwas Humoristisches hatte, sie war im Grunde die Gegenspielerin von Tejve, die die alte Zeit in aller Starrsinnigkeit verkörperte und trotzdem liebevollgestaltet wurde. Die Vielschichtigkeit und Widerspräcuhlichkeit, die ein Spielender in seiner Figur ausdrücken kann, macht die Qualität aus, denn das kommt dem Menschlichen am nächsten, hier ist es wunderbar gelungen!

Dann war ich im April auf der kleinen Bühne im Ateliertheater, bei Fischers Fritz, einem Kammerstück, in dem das brisante Thema der häuslichen Pflege komödiantisch, mit viel ernstem Witz, sehr realitätsnah, auf die Bühne gebracht wurde und im Mai war ich in der „Road Opera“ Tschick, wo Ludger Vollmer schwere, an Schönberg angelehnte Musik, in der Adaptation eines Jugendfilms, tatsächlich schafft, 14-jährigen nahezubringen. Dazu wurde das Medium Video-Installation äußerst feinfühlig und originell in die Theaterszenen, sozusagen „eingewebt“. Denn es wurden nicht irgendwo hinten oder seitlich, flimmernde Filmszenen laufen gelassen,  die Filmszenen traten in die Szene ein, gingen aus ihr hervor, die Schauspieler wanderten durch die Leinwand, wie durch einen Nebel, es war ein ästhetischer Hochgenuss, den die Jugendlichen auch staunend bewunderten. (Man merkte es daran, wie still sie wurden)   

Was ich da zufällig und nur in einem kleinen Ausschnitt ansah, denn es gibt 20 Premieren in jeder Spielzeit, war einfach umwerfend. Die Stücke, Opern, Komödien, Dramen werden nicht nur toll gespielt, inszeniert, musikalisch und künstlerisch begleitet, sondern auch passend zur Tagespolitik und gesellschaftlichen Situation ausgesucht, immer mit einem sozialkritischen Blick, immer mit einem Anreiz zum Nachdenken, zur vertiefenden Erkenntnisgewinnung gegeben, so dass die Stücke wirklich zu einem Hochgenuss des Denkens und Empfindens werden. Die Schauspieler, die dort arbeiten, sind legendär, es sind einzigartige Charakterschauspieler unter ihnen, wie Katharina Paul, Bernd Färber, Frank Buchwald, Malin Steitz, Ulrich K. Müller und Hagen Ritschel, um nur einige wenige zu nennen, die absolut herausstechen, sie tragen die Stücke mit ungeheurer Professionalität, mit Einfallsreichtum, Witz, Dramatik, Ernsthaftigkeit, mit so viel Würde, geistiger und körperlicher Präsenz, so viel Kompetenz, dass es für jeden Regisseur eine Freude sein muss, hier zu arbeiten. Man gewinnt sie lieb, sie bekommen standing-ovations bei jeder Aufführung. Sie wechseln die Dialekte, die Sprachen, die Typen, die sie spielen, sie können auf der Klaviatur der Gefühle wirklich alles ausdrücken, und schaffen es, ihre Figuren mit scheinbarer Leichtigkeit, und trotzdem Tiefe und Authentizität zu geben, eine große Kunst!

Rostock lohnt sich! Das ist die einzige Empfehlung, die ich jedem Kulturinteressierten geben kann! Das Volkstheater mit seiner großen, und mit seinen kleinen Bühnen, Ateliertheater und Warnemünde, aber auch die Bühne 602, mit ihrem vielfältigen Angebot, ihren Winter- und Sommerstücken im Klostergarten und mit dem ungeheuer vielfältigen Musikangebot steht dem in nichts nach, dann gibt es noch drei Kabarettbühnen in Rostock und weitere Veranstaltungsstätten mit Schauspiel, Musik und Kunst über das ganze Jahr verteilt, einfach eine wunderbare Kulturstadt!

Anja Röhl

Foto: Volkstheater: Frederic Böhle als Tevje, großartig in Anatevka

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