Das Schwein von Gaza – Filmrezension

Ein armer Fischer (einmalig gegeben von Sasson Gabai) scheint vom Pech verfolgt, sein Fang bringt nichts als Plastikschuhe, Flipflops, Müll hoch.

Fische findet er nur Winzlinge, ganz im Gegensatz zu seinen Marktnachbarn, von denen je einer einen Riesenfisch, ein anderer einen Oktopus neben seinem Stück Zeitung ausbreitet, logisch kauft keiner die Makrelen des Fischers.

Oben auf dem Dach schwerbewaffnete israelische Besetzersoldaten

Ein Reicher fährt mit Protzwagen und Chauffeur auf den Markt, zeigt jeweils nur herrisch auf die Dinge, die sein Diener dann eilfertig kauft und einpackt, während unser armer Fischer vor dem reichen Söhnchen mit seinen Fischchen Kunststücke zeigt. Erfolglos. Danach sieht man ihn zu einem Haus hin radeln, auf dem eine jüdische Fahne weht, der erste Hinweis darauf, wo man sich befindet. Er geht hinein und es stellt sich heraus, dass in einer Ruine unten sein Haus ist und oben auf dem Dach schwerbewaffnete israelische Besatzersoldaten wachen. Seiner Frau, die Oliven verarbeitet, flunkert er etwas von einem großen Fang vor, das Geld bekäme er morgen. Die Frau ist skeptisch.

Die Grenzen laufen zwischen oben und unten

An einem Tag holt er mit seinem Netz etwas Grässliches hoch: Ein schwarzes Hängebauchschwein. Von diesem Moment an beginnt das Unheil, eine verzwickte Geschichte, in deren Verlauf das Publikum durch das Auge des armen Fischers die Welt in Gaza sieht. Politik kommt hier sachte, unaufdringlich, karrikierend daher, ist aber klar und eindeutig positioniert. Die Grenzen verlaufen zwischen oben und unten, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Geld und Armut, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen denen, die Waffen besitzen und denen, die unbewaffnet leben.

Im Spiegel des Friseurs Posen der Macht 

In einer einzigen Szene ist der arme Fischer selbstbewusst, als er vom Friseur das Gewehr ausgeliehen bekommt, um mit ihm das Schwein zu töten, was er aber nicht kann, wie er feststellen muss. Mit dem einzigen Machtinstrument in der Hand, das internationale Geltung hat, probt er im Spiegel des Friseurs Posen der Macht, wie er sie tausendfach selber erlitten hat. Das Angeberische eines Waffenbesitzes kann nicht besser karrikiert werden.

Statt eines ordentlichen Fensters ein riesiges Loch

In der ersten Einstellung wirft man einen eher zufälligen Momentblick auf die über den Straßen aufgespannten Netze, unter denen im Halbdunkel der Markt im Hocken stattfinden muss, dann zieht am Morgen der Fischer seine Gardinen im Wohnzimmer weg und dahinter wird ein riesiges Loch sichtbar, dass statt eines ordentlichen Fensters dort gähnt.

Irreal, aber wahr, symbolhaft, aber mit Biss

Am Ende wird als Vergeltung für einen Anschlag der einzige Verdienst der Frau, ein Olivenbaum, den sie von ihrem Urgroßvater erbte, gefällt, sie bricht darüber weinend zusammen. Der Checkpoint wird gezeigt, bewacht von Maschinengewehren und Willkür. Die Mauer, die um ein Vielfaches höher und kälter wirkt wie die Berliner Mauer. Die reichen Siedler, die hinter Stacheldraht und Maschinengewehren ein weltfremdes Sektenleben führen. Dazu die palästinensische Oberschicht, die ihr Geld aus dem Waffenhandel und der Rekrutierung von Kämpfern zieht. Verzweifelt, traurig, gefährlich, doch ist der Film eine Komödie und daher irreal, aber wahr, symbolhaft, aber mit Biss.

Der Sieg der kleinen Leute über die Mächtigen

Die Mauer wird von einem Mann mit Huhn unterhöhlt, das verbotene Schwein wird als Schaf verkleidet. Der Witz erinnert an Lubitschs „Sein oder Nichtsein“, er feiert die Siege kleiner Leute über die Mächtigen, zeigt aber auch ihr Elend, ihre tausend Niederlagen. Das Künstlerische besteht in der Vielschichtigkeit der Situationserfassung, in dem Abstand von der Realität, den die Komik schafft, in der menschlichen Größe und der Differenziertheit seiner Hauptdarsteller, die weniger sich selbst spielen, als für etwas stehen, in diesem Fall für den kleinen Mann in seiner vermeintlichen Hilflosigkeit, aber realen Stärke.

Humor ist eine Waffe im Kampf gegen die Resignation

Das Ende wirkt etwas konstruiert, auch nicht ganz geglückt, schon als die Flüchtlinge im Boot miteinander streiten, will der Film plötzlich beginnen das ganze Große auf das winzig Kleine zu reduzieren und verliert damit Boden unter den Füßen. Das Stranden an einem Phantasiestrand wirkt seltsam angeheftet, die Verbrüderung mit dem Tanz der Einbeinigen ist dagegen wieder sehr gut gelungen. Für Liebhaber politisch getönter Komödien, sehenswert, mit der Erkenntnis: Humor ist auch eine Waffe, im Kampf gegen die Resignation nämlich, und einen Schweijk gibt es in jedem Land der Welt, da er durch die Aussichtslosigkeit selbst geboren wird. Und das macht Mut trotz Alledem.

Regie: Sylvain Estibal

Hingehen, schon angelaufen!   

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