„Paulette“, „Jackie“ und „Die mit dem Bauch tanzen“ – Drei Frauenfilme übers Altern

Es gibt in diesem Sommer drei kleine, leichtere, aber doch interessante Frauenfilme. Alle drei beschäftigen sich mit dem  Altern. Allen drei Filmen ist gemeinsam, dass sie vom Trailer her abschreckend, von der Geschichte her unglaubwürdig und konstruiert erscheinen, frau und man also nie freiwillig reingehen würden, diese Filme aber doch zu empfehlen sind, wie ich finde.

Sowohl anmutig, anrührend und schön, als auch konsequent auf Seiten der Frauen, also denjenigen, denen man doch immer und überall noch nicht die Hälfte des Himmels und der Erde zutraut. Dann sind alle auf Seiten der Schwachen, Unterdrückten, Verarmten, auch haben sie alle etwas Stärkendes, Ermutigendes.

                                                                      Der Film „Paulette“ (von Jerome Enrico)

Paulette kämpft: Eine Frau ist in ihrem Wohnblock in Frankreich alt geworden, während um sie herum das Viertel massiven Veränderungen ausgesetzt war: Unversehens ist aus dem ruhigen Wohnviertel ein Armutsbezirk geworden. Vor dem Haus lungern Jugendliche herum, die der alten Frau fremd sind, Abfall türmt sich, der Fahrstuhl funktioniert nicht mehr, auf dem Markt streitet sie sich mit anderen alten Menschen um Abfallobst und -gemüse, das zum Abtransport aufgestapelt ist. Ihr Leben ist trostlos und einsam. Wenn die Tochter den Enkel bringt, ist sie ungnädig. Dass ihr Enkel einen schwarzen Vater hat, das mag sie nicht, weil sie, wie viele Prekarisierte, glaubt, dass die Farbigen und Zuwanderer an ihrer Verarmung schuld seien.

Ihr Gesicht war damals fröhlich

Die Bilder der Paulette werden unterlegt mit einer Fotocollage aus ihrer Biografie, man sieht sie auf ihrem Hochzeitsfoto, dann Gäste bewirten, auch als Familienmutter. Einst war sie stolze Inhaberin eines Restaurants, bis sie es an einen chinesischen Neuinhaber abgeben musste. Ihr Gesicht war damals jung, fröhlich, unbeschwert, heute hat es den Ausdruck chronischer Wut angenommen, alles reizt sie. Mit ihrem farbigen Schwiegersohn hat sie noch nie ein Wort gewechselt, sie bietet ihm beim Besuch nicht mal Tee an. Er amüsiert sich darüber, sieht das weniger als Ausdruck von Rassismus, sondern nimmt es als witzige Marotte einer alten Frau. Eines Tages beobachtet sie, wie Jugendliche auf der Straße Geschäfte machen. Sie erfährt, dass es sich dabei um „Haschisch“ handelt und man dabei enorm viel Geld machen kann.  Eine moderne Vision der „unwürdigen Greisin“ beginnt.  Paulette entwickelt Geschäftssinn, steigt ins Haschischgeschäft ein und hat Erfolg. Ihre Verkaufskünste lassen den Boss aufmerksam werden, daraus ergeben sich Probleme. Paulette findet außergewöhnliche Lösungen.

Zerstörung ihres innersten Wesens

Ich war skeptisch, da ich Klischeehaftes argwöhnte, aber der Film überrascht. Die Geschichte hat es in sich und sagt etwas aus.  Denn Paulette verändert sich, sie wird freundlicher, zugewandter und einfühlsamer. Nun wird erst klar, was vorher nur indirekt herauskam:  Armut zerstört, indem sie dem Menschen alle Hoffnung und alle Würde nimmt. Erst aus der Veränderung von Paulette wird das Ausmaß der vorherigen Zerstörung ihres innersten Wesens sichtbar. „Warst du hier auch mal mit Mama?“, fragt einmal der Enkel, sie bejaht es und schmunzelt gedankenverloren. Nun kann sie so etwas wieder machen, einfach mal mit ihrem Enkel wegfahren. Wie lange war das schon nicht mehr möglich?

Da ihnen die Gesellschaft nichts mehr gönnt, sind sie missmutig

Der Film thematisiert Altersarmut und Paulettes Kampf dagegen. Schon sprechen die Soziologen wieder von Pauperismus, wie Ende des 19. Jahrhunderts oder zu Dickens Zeiten. Eine  ganze Generation von Wegbereitern aufgeklärterer Lebensformen finden sich wieder als Abfallsammelnde, Mülleimerdurchwühlende, gedemütigt, klein gemacht, im Abseits.  Und da ihnen die Gesellschaft nichts mehr gönnt, sind auch sie geizig und missmutig geworden. 

Doch der Film macht auch Mut außergewöhnliche Lösungen zu finden. Das ist in diesem Fall nichts eindeutig Klassenkämpferisches, aber unkonventionell. Moderne Klassenwidersprüche werden sichtbar. Die ehemaligen Randgruppen haben sich soziologisch verbreitert, diejenigen, die profitieren, haben sich zahlenmäßig ausgedünnt, kassieren aber zehn-, bis tausendfach.

                                         Der Film: Jackie-Wer braucht schon eine Mutter (von Antoinette Beumer)

Der Film „Jackie“ ist ebenfalls etwas über ungewöhnliche Lösungen und Altersarmut:  Ein Roadmovie (mit einem wunderschönen USA-Land- und Leute-Einblicken und einer tollen Hauptdarstellerin (Holly Hunter) mit einem bezauberndem, selten je so gesehenen Lächeln.

Zwei erwachsene Zwillingsschwestern, die bei zwei schwulen Männern in Holland aufgewachsen sind, werden aus einem fernen Krankenhaus kontaktiert, weil dort ihre leibliche Mutter sei, die, da sie niemanden sonst habe, auf ihre sofortige Hilfe angewiesen sei. Problem:  Die Frauen kennen ihre Mutter gar nicht, denn sie hat die Kinder nur für ihre Väter ausgetragen. Doch nun ist sie arm und krank in den USA und muss vom Krankenhaus in eine Rehaklinik gefahren werden.

Nachdem sich die Schwestern vom ersten Schock erholt haben, verabreden sie, für eine Woche frei zu nehmen und die Mutter zu dieser Reha-Einrichtung zu fahren. Das können sie schon für sie tun, denken sie, sind auch etwas neugierig.

Nun ändert allerdings diese Entscheidung alles, denn die Sache ist in einer Woche nicht getan und man wird Zeuge, wie die Zwillinge mit einem alten Campingbus, in dem die leicht verwahrloste Mutter lebt und den sie sich weigert, zu verlassen, mit der Mutter durch endlose Landschaft, unwegsames Gebiet und nächtliche kleine Naturwunder fahren. Das ist abenteuerlich und ihrer Mutter kommen sie dabei auch immer näher. Während der Fahrt entpuppt sich die Mutter trotz Gibsbein und Gebrechlichkeit zudem als imponierend lebenstüchtig.  Eine der beiden traut sich plötzlich das Autofahren, das Singen und Wahrheiten kommen auf den Tisch, die andere streift Verantwortlichkeit ab, beide Frauen befreien sich Stück für Stück von zahlreichen zivilisatorischen und innerpsychischen Zwängen. Der Zuschauer aber wird noch von anderem befreit, nämlich von einer bestimmten, sich im Laufe des Films einstellenden Vorstellung. Überraschung am Ende.

                                                                     Die mit dem Buch tanzen (von Carolin Genreith)

Von der Eifel bis nach Paris mit dem Bauch tanzen:  Eine junge Frau besucht ihre Mutter um etwas übers Altern zu erfahren und kommt zu dem Schluss, dass sie selbst sich älter als ihre Mutter fühlt.  Dieser Film ist der leichteste von allen dreien. Er enthält leider einige Längen, wenn die Mutter und die Freundinnen immer wieder in ihrer recht spießig-gleichförmigen Familienidylle in der Eifel gezeigt werden, aber steuert dann auf ein großartiges Finale zu. Soziale Probleme hat hier irgendwie keiner, alles ist fröhlich, lebenstüchtig, auch bescheiden-wohlhabend, aber, das Alter und die Frauen betreffend, ermutigend. Ganz das Gegenteil von dem Empfinden, welches die Tochter einst von dort wegtrieb. Offenbar hat sich die mittelwestliche Müttergeneration der 80-iger Jahre nach der Familienphase gefangen und ein wenig an die emanzipativen Elemente ihrer Jugend angeknüpft, das wird angedeutet.

Es gelingt ihnen, Freude und Überschwang zu verbreiten

Im Mittelpunkt steht hier Vorurteilsgegensteuerung, in dem Sinne, dass Frauen ab dem 50-igsten Lebensjahr nicht mehr erotisch attraktiv, lebenslustig und beziehungsfähig wären. Hier entdecken die Frauen ihren Körper und präsentieren ihn auf eine eigene, von Männern unabhängige, sich nicht mehr ihnen unterordnende Weise. Es handelt sich um Bauchtanz und wie man mit seiner Hilfe sich selbst wieder Kraft gibt. Die Bauchtanzszenen sind gelungen und kulminieren in einer abenteuerlichen Fahrt nach Paris, wo die jährlich stattfindenden Kurse einmal gemeinsam zum Abschluss hinfahren um dort in Kostümen auf den Straßen und Plätzen sowie in Kneipen und Versammlungsräumen spontan aufzutreten. Das hört sich unbedeutend an, aber wer die Schlussszene gesehen hat, wie es der Truppe gelingt, die Bevölkerung einzubeziehen, wie ihnen gelingt, Freude zu verbreiten und Überschwang, wie alle plötzlich mittanzen und mittun, das hat was Großes und da ist wirklich die Aussage der Filmemacherin berechtigt, wenn frau also so mit 50 ist, dann braucht keine mit dreißig Angst davor zu haben, etwas zu verpassen. 

Warum unsere Jugend aber derart durch ihr von Technik diktiertes Leben rast und soviel Angst vor der Zukunft hat, das wird hier schon gefragt, aber rein persönlich abgehandelt. Das lässt sich leider auch nicht allein durch Bauchtanztruppen verändern, doch ein kleiner Blick auf selbstbefreiende Kräfte hat immer etwas Heilsames.

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