Penthesilea und Achill auf der Museumsinsel Rezension

junge welt/ 3.9.10/ Feuilleton

PentesileaAn der Hinterfront einer schmucklosen Fassade, die an eine Gefängnismauer erinnert, sitzt das Publikum eingequetscht auf Treppenstufen, mit Blick durch einen Kreuzgang auf eine Seitenmauer des Alten Museums. Der Begriff „Freiluft“ scheint, anlässlich des viereckigen Stück Himmels, dass  hoch über den Köpfen der Zuschauenden sichtbar wird, übertrieben, stattdessen ist der hinterste Winkel der preußischen Machtarchitektur wie geschaffen für die Kriegsszenarien dieses Stückes.

Auftritt der Männer: In Soldatischen Regenmänteln und Schaftstiefeln durchaus neuzeitlich gekleidet, seitlich angeleuchtet von der untergehenden Sonne, klagen die Soldaten über die nun schon 10 Jahre dauernde Zeit des ihnen „aufgezwungenen“ Krieges, in den sich neuerdings die Amazonen auf Seiten Troyas eingemischt hätten. Das Konkurrenzproblem zwischen Agamemnon und Achill wird kurz angeschnitten, da kommt auch schon die Rede auf die Hauptsache,  Achill wurde beinahe von Penthesilea geraubt, der Amazonenkönigin, doch sie stürzte und sie ritten danach eine Zeit lang gemeinsam. Dies wird fassungslos berichtet, die Männer sind aufgebracht, sie wüten, denn sie ahnen, was passiert sein könnte. Auftritt Achill, sein nackter schwarzer Oberkörper drückt Anmut, Schönheit und Sinnlichkeit aus, die Abendsonne lässt ihn kurz aufschimmern, er scheint mit den Gedanken woanders, schwärmt alsbald von der Königin, für die die Soldaten nur Hohn und Spott übrig haben. Achill soll von den Frauen lassen, befiehlt man ihm, doch er träumt „nach Osten“ mit der Königin, zu ziehen. Erwiderung des Antilochus: „Viele zogen schon nach Osten, jedoch der Osten hat schon vielen Männern ihre Träume zerstört“ Lachen im Publikum.

Dann Ruf der Männer: „Schafft den Peliden weg!“ Die Soldaten sehen in der aufflammenden Liebe des Achill zur Amazonenkönigin eine tödliche Gefahr für ihren Krieg, sehen als Verrat an, was sich anbahnt. Gesang der Soldaten: „Ich bin so allein..“

Auftritt der Frauen: Die Choreografie ihres Auftritts ist fein durchgestaltet, die Körpersprache unterscheidet sich enorm vom herkömmlichen weiblich üblichen Bewegungsbild, nichts an ihren Bewegungen ist zierlich, zurückhaltend, klein und doch bilden sie einen starken Gegenpol zu den Soldaten, sie wirken nicht männlich, nur stark, aufrecht, ihre Gruppe ist keine Zwangsgemeinschaft, die über Sinnlosigkeit klagt, sie sind ganz sie selbst, stehen in Solidarität zusammen. Dies wird allein durch den Tanz ihres ersten Auftritts vermittelt, eine starke Szene.  Insofern besiegen sie auch in der nachfolgenden Schlachtszene, Schlachtruf der Frauen: „Der Hunger versammelt sich auf der Straße! Antwort der Männer: Wessen Straße ist die Straße, wessen Geld ist das Geld?“,  die Männer ohne Probleme, die alsdann, ihrer Schilde behoben, mit gesenkten Köpfen und nach vorn zusammengehaltenen Händen als ihre Gefangenen vor ihnen stehen.

Wie gehen die Frauen mit ihren Gefangenen um?  Humaner als die Soldaten mit den Frauen ihrer besiegten Völker. Sie benutzen dabei zwar auch die Sexualität als Waffe der Demütigung, aber da sie die Männer als “Samengeber” ihrer künftigen Töchter noch nutzen wollen, fällt ihre Brutalität vergleichsweise sanfter aus. Mit Tritten und Griffen in die Weichteile des Mannes sowie durch ein Nachhintenziehen der Haare zwingen sie die Männer unter sich und es wird sehr deutlich, dass sich Begehren durchaus gern mit Macht und Verletzenwollen mischt. Sexualität kann gewalttätig, demütigend, gemein und brutal sein, Liebe aber niemals und das ist der Unterschied. Penthesilea gelingt diese alte Haltung gegenüber Achill nicht mehr, das ist das Thema des Stückes, Liebe stimmt milde, macht schwach und möchte sich eher selbst unterwerfen als den anderen. Das macht sie kampfuntauglich und daher unterliegt sie und lässt sich  verletzen.  Doch auch Achill reut seine Tat, er trägt sie auf seinen Armen vorsichtig davon und rettet sie dadurch, „..man führt sie röchelönd, mit zerrissener Brust davon..“ Die Szene wird erbost erzählt von den Kriegerinnen, die, nun ähnlich beunruhigt wie die Soldaten über Achill, wütend über ihre Königin sind und als diese sich erholt hat, ihr schwere Vorwürfe machen, die Szene anders erzählen als sie sich abgespielt hat und damit hoffen, Penthesilea wieder stärker gegen Achill einzunehmen. Der auf später verweisende Satz: „Hetzt alle Hunde auf ihn..“ wird hier von einer erwachenden Penthesilea das erste Mal ausgesprochen. Hier spricht schon die eher liebesmäßig Verwundete.

Penthesilea ist in einem Zwiespalt, sie weiß, dass die Liebe sie schwächen wird: „Empfing ich jemals einen Mann, den mir das Schwert nicht zugeführt?“  In einer eindrucksvollen Gruppenszene wird die Geschichte des Amazonenvolkes erzählt, dass sich nach einer fürchterlichen Kriegs- und Ausrottungsphase der Männer gebildet hatte, als bewusste Entscheidung fortan, zur Rettung ihrer Nachkommen, ohne Männer zu leben und sich niemals mehr einem männlichen Wesen zu beugen.

Die Truppe lässt die Hauptpersonen von insgesamt drei Frauen und drei Männern abwechselnd spielen, so wird dem Zuschauer jede Möglichkeit zur Personifizierung des Problems genommen, er muss es allgemein sehen.

In einer der letzten Kampfszenen, diesmal sind es die Frauen, die unterliegen, bellen die Männer die Frauen wie Hunde an, der Hund als Symbol von Wut und eruptiver männlicher Gewalt wird schließlich von Penthesilea als Macht und Waffe ihrer Rache gewählt.

Einmal noch treffen Achill und Penthesilea aufeinander im kurzen Gespräch, er will sie „als Königin“ zu sich führen, doch im Volk der Männer wird sie trotzdem eine Unterlegene bleiben, sie will ihn zu sich als ihren Gefangenen mitnehmen, doch auch das scheint unmöglich, Achill: „Gefangen, ich, Dir?“ Liebe kann nur in wahrer Freiheit leben und die gibt es hier auf keiner der beiden Seiten. So scheiden sie in Zwist und Missverständnis voneinander. Diese Szenen werden jeweils vom Chor erzählt, was dem Pathos sehr entgegenwirkt.

Sehr stark die anschließende Szene, wo die verletzte Königin von ihren restlichen Freundinnen auf den Schultern getragen wird, zum Gesang eines traurigen russischen Revolutionsliedes. Stolz, Trauer, aber kein Aufgeben der Hoffnung. Nun schwört Penthesilea Rache: „Verflucht sei die Luft, die ihn weiterbringt!“  Die Soldaten singen derweil ein deutsches Soldatenlied: „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe!“, sie triumphieren jetzt schon über den Sieg, über die Schwäche, die sich die Königin, stellvertretend für alle Frauen, gab. Sie haben aber Angst, dass Achill, der auch infiziert ist, sich ihr kampflos gefangen geben wird: „Die, deren Liebe zu groß ist, verlieren!“

Beide Gruppen verlangen, dass man die Liebenden aufhalte. Das Kriegsuntaugliche der Liebe wird deutlich und offenbar. Das Gute: Kein Kitsch, kein Pathos, immer wieder wird durch nüchternes Berichten das Gefühlige gebrochen und die reine Erkenntnis herausgestellt: Was unterscheidet die demütigende Eroberungssiegersexualität von der Liebe? Dass die Letzere sich disfunktional auf kriegerisches Handeln auswirkt.

Doch Penthesilea rast, denn nun holt die schnöde Wirklichkeit und Unmöglichkeit die Liebe zu leben sie ein, tödlich gekränkt durch sein Ansinnen, sie zu sich führen zu wollen, dass sie für Ablehnung hält, weiß sie also, dass sie, solange sie liebt, ihm unterliegen wird im Kampf. Umso stärker nun ihr Hass. Erzählt wird, während das Licht blau wird und dunkel, Geräusche ertönen: Sie kommt „mit Hunden und mit Elefanten“, er geht ihr entgegen „unbewaffnet“, so treffen sie aufeinander, er wird zerfleischt, sie sieht ihn sterben und stürzt sich „Zahn in seiner Wange“ auf ihn, Begehren wird im Moment der Vergeblichkeit von Liebe zum Besitzenwollen, das wird zum Verschlingen gesteigert.  Dies wird nicht gespielt, jegliche Brutalisierung vermieden. Ein unglaublicher Stoff, einzigartig umgesetzt von der Truppe „Aufbruch – Gefaengnistheater.de“

In den Gesichtern der Frauen, im realen Leben Gefangene oder Ex-Gefangene heutiger Gefängnisse, scheint sich diese alte Geschichte widerzuspiegeln, sitzen doch die meisten Frauen in Gefängnissen wegen heimtückischem Mordes an ihren Ehemännern ein. Haben also möglicherweise erlebt, was hier gezeigt wird. Männer können im Strafrecht meist Affekt geltend machen, folglich kommen sie mit einigen Jahren beim selben Vergehen davon, Frauen müssen, da sie als körperlich unterlegen sozialisiert sind, zu Gift oder List greifen, so dass meist lebenslänglich folgt.  Die Amazonen faszinierten durch eine spezifische Art von Kraft, die aus der Erkenntnis erwuchs, dass sie auch ohne Männer, zum Schutz alles Lebenden, überleben können, das nicht nur persönlich, als Einzelperson, sondern auch als gesellschaftliche Gruppe, ihr Körperbau wurde kräftiger, ihre Haltung stolz, ihr Blick: Niemals unterwürfig. Dabei strebten sie nicht den Männern nach. Es war eine eigene, besondere Stärke, in der auch Weiches lag. Das faszinierte die Nachwelt, das machte sogar begehrlich.

Und nicht nur Penthesilea konnte nicht lieben, ohne zu verlieren, auch Achill konnte es nicht, deshalb hat Kleist in seinem bewegenden Werk ihn zuerst sterben lassen. Nicht durch sie, sondern durch die Hunde, Symbol des Krieges und der Aggression, mit jeglicher Liebe kollidierend. Absolut lohnenswert! Kleist wird hier sichtbar als Klassiker, der weit über Goethe steht, der mit diesem Stück rein gar nichts anfangen konnte.

Regie: Peter Atanassow, Premiere: Do, 1.9.10, weitere Aufführungen: Museumsinsel bis 12.9.10

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