Im Schatten des Orangenbaums – Filmrezension

Im Schatten des Orangenbaums (Originaltitel All That’s Left of You; Illi baqi minnak) ist ein Film der kanadischen Filmemacherin Cherien Dabis über ihre eigene Familie mit palästinensischen Wurzeln. Über eine Zeitspanne von 1948 bis in die Gegenwart erzählt sie von den Wandlungen innerhalb dreier Generationen einer palästinensischen Familie, bei der der Großvater einst ein palästinensischer Orangen-Plantagenbesitzer in Jaffa gewesen war. Die Regisseurin spielt selbst eine der Hauptfiguren, eine Mutter, die schildert, wie es zu den Schüssen auf ihren 17-jährigen Sohn bei kam. Im Schatten des Orangenbaums wurde im Januar 2025 beim Sundance Film Festival erstmalig gezeigt und kam Ende November 2025 in die deutschen Kinos. Im Schatten des Orangenbaums wurde von Jordanien als Beitrag für die Oscarverleihung 2026 als bester internationaler Film eingereicht.

Der Film ist ein Film, der einem mit der Faust in den Magen trifft, so ungefähr stelle ich mir die Axt vor, die nach Meinung Franz Kafkas die Literatur sein soll, die „das gefrorene Eis im Inneren eines Menschen“ zerschlagen kann. Hier zerschlägt es den zu Eis gewordenen Knoten des Konflikts zwischen Israel und Palästina, nie, so hatte ich das Gefühl, habe ich dermaßen viel über diesen seit 1948 andauernden Krieg begriffen, mit dem ich sozusagen seit meiner Kindheit aufgewachsen bin. Auch nach einem zweiten Anschauen denke ich noch immer: Es ist einer der besten Filme, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Wie genau hier die Geschichte Palästinas in zwei Stunden tief durchdrungen und gezeigt wird, ist unfassbar gut! Man lernt wirklich, “ in den Schuhen des anderen“ zu gehen, wir durchdringen in diesem Film mit drei Generationen gemeinsam die Geschichte Palästinas, eine ganze Epoche, wir sehen es mit einem gleichzeitig miterlebendem und einem reflektierenden Blick. Hier ist historisch tiefes Unrecht geschehen, dabei ist „menschlich bleiben“ schwer und doch das höchste Ziel, wie ein älterer Mann in einer Moschee rät. Sichere und passgenaue Regiearbeit mit hervorragenden Schauspielern. Auch das Spielteam ist israelisch-palästinensich gemischt. Die Frau des Plantagenbesiters wird von der Israelin Maria Zreik gespielt, Vater und Großvaters des kleinen Noor werden von Mohamed Bakri und Adam Bakri gespielt, auch in Wirklichkeit Vater und Sohn, beide palästinensich-israelischer Herkunft. Dazu spielt auch der Enkel noch mit: Saleh Bakri, eine wundervolle Rolle!

Eine kleine Szene in dem Film, etwa in der Mitte: Auf einer Treppe begegnen sich der palästinensische Plantagenbesitzer, nun Möbelpacker eines Gefangenenlagers und ein aus einem KZ entlassener Neusiedler. Sie begegnen sich und schauen sich an, sie halten inne, sie wissen nicht, sollen sie sich die Hände reichen? Sie erkennen sich im anderen wieder. Beide sind gebrochen. Eine furchtbare Tragik. Der ehemalige KZ-Häftling geht nach oben in seine neue Wohnung und der ehemalige Plantagenbesitzer, nun unter Bewachung von bewaffneten Soldaten, steht am unteren Rand der Treppe, fällt zu Boden…

Unbedingt empfehlenswert! Schon angelaufen!

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