Kersten Artus: Abstrafung einer linken Betriebsrätin

kersten ArtusBauer feuert Artus

Der Verleger Heinz Bauer wurde vor einiger Zeit im “Spiegel” gefragt, ob es wahr sei, dass er seine Betriebsratschefin (Frau Artus), die seit 25 Jahren im Haus ist, noch nie selbst empfangen habe. Bauers Antwort: “Das kann sein. Ich wüsste auch nicht, worüber ich ein konstruktives Gespräch mit ihr führen sollte. Nun stellt sich aber heraus, dass er ein 150-seiten Konvolut durchaus zu füllen imstande war, mit Vergehen, die ähnlich derer, die einer beherzten Lidl-Mitarbeiterin unlängst vorgeworfen wurden, nur einem Zweck dienen, die scheinjuristische Grundlage zu bilden, um sie endlich, zur Befriedung des Bauer-Konzerns, glücklich loszuwerden.

Reich durch Schmuddelzeitungen

Der Verlag mit über 200 Zeitschriften hat die Bauer-Familie zu einer der reichsten in Hamburg gemacht. Zum Programm gehören Erotik-Titel mit hohem Schmuddel-Image wie Coupé, Klatschblätter wie Das Neue Blatt und Fernseh-Programmzeitschriften wie TV Hören und Sehen – oder die Fernsehwoche, bei der Artus angestellt ist. Ein mächtiger Feind hat sich aufgebaut um eine Fliege loszuwerden. Die muss schon ganz schön hartnäckig gewesen sein. Was steckt dahinter? Bauer muss Angst vor Kersten Artus haben, warum sonst sollte er sich die Mühe machen. Unser Betriebsrat im Krankenhaus N. seinerzeit schlief meist und paktierte ansonsten mit der Betriebsleitung, von kleinen und größeren Geschenken wattiert, verstand keiner so gut abzuwiegeln wie er, der brauchte nicht wegen fehlender Abmeldungen hinausgedrängt zu werden, der wurde sogar immer wieder gewählt. Man verstand es gut auf der Klaviatur der Lüge und Einflüsterung zu spielen, Betriebsräte sind nicht immer unbequem für die Konzernleitung.
 
War ihr Denken und Handeln zu selbstbewusst?

Was also hat Kersten Artus gemacht, was steckt dahinter? Hat sie womöglich Unliebsames aufgedeckt, Menschen mutiger gemacht, aufzustehen, war sie Vorbild, ist ihr Einfluss zu groß, ihr Denken zu selbstständig, ihr Auftreten zu unanfechtbar? Kann man ihr mit Argumenten nichts mehr entgegensetzen? Wie man allein den Verdi-Informationen entnehmen kann, hat sich das Klima ganz gewaltig verändert bei Bauer, besonders seit Kersten Artus dort Konzernbetriebsrätin geworden ist.
Wichtig ist, solche Menschen brauchen unsere Solidarität!
Man kennt das alles: Ein Betriebsratsvorsitzender, den der Arbeitgeber von einem Detektiv beschatten lässt, eine Verkäuferin, der wegen zweier Pfandbons im Wert von 1,30 Euro gekündigt werden soll, vier Kassiererinnen, die ihren Job verlieren sollen, weil sie eine Trinkgeldkasse geführt haben. Drei Meldungen aus den vergangenen Monaten. Drei Meldungen, die zeigen, dass die Beschäftigten in diesen Zeiten Betriebs- und auch Personalräte dringender brauchen denn je, und Konzernchefs und Leitungspersonal diese dringender denn je feuern müssen. Aus einem einzigen Grunde: Weil sie Angst haben. Angst vor Kritik.

Was eine Gesellschaft weiterbringt ist die Kritik

Kritik entwickelt sich aus klugen Fragen, die eine Sache weiterbringen, aus dem Zweifeln erwächst das Denken, das wissen wir set Descartes, nur das Duckmäusen, Stillhalten und Nachplappern des Bestehenden bringt außer Geld, Macht und Einfluss, Brosamen links und rechts, nur Stillstand, Leere, Rückschritt und Ungerechtigkeiten. 
Was eine Gesellschaft wahrhaft weiterbringt, sind also immer die Aufrührer gewesen, die kritischen Köpfe, allerdings bringen diese weniger die Machthabenden weiter, die ihre Interessen nämlich meist gegen das Volk durchzusetzen versuchen, dafür aber umso mehr das Volk, dem sie Kraft und Selbstbewusstsein einhauchen. Kann es sein, dass auch Kersten Artus zuviel dieses Selbstbewusstseins repräsentiert? Früher hieß es: Geht doch nach drüben! Heute heißt es: Raus aus dem bürgerlichen Beruf, bürgerliches Recht gilt nur noch für staatstreue Abnickvolksgenossen.
Die Logik, der dies folgt, ist diejenige des Interessenvereins, der diejenigen, die Kritik äußern, auszuschließen in der Satzung verankert hat. Ähnlich wie es schon die Kirche einst mit ihren Ketzern tat, raus, auf den Scheiterhaufen mit ihnen. Wichtig: Nicht wegen ihrer Ämter ist Kersten Artus gefährlich geworden, sondern wegen ihrer unbeirrbaren Haltung, ihrem tatkräftigen Engagement für Schwächere, ihrer gefährlich selbstbewussten Vorbildwirkung. Die darf es heute möglichst nicht mehr geben, das gibt Schwierigkeiten im Ablauf eines Konzerngeschehens, das gehört abgestraft und dafür hat man sich auch die Mühe der 150 Seiten gemacht.

Ein Gedanke zu “Kersten Artus: Abstrafung einer linken Betriebsrätin

  1. …..da kommen mir schon wieder ganz komische gefühle….in welchem land leben wir eigentlich. wir sind im 21.jahrhundert und haben einen rechtsstaat und allerdings eine noch nicht so lange demokratische erfahrung.
    also kersten, mach weiter so, wir schauen auf dich und passen auf.
    ganz liebe grüße,
    rita schenkmann-raguse

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