Almancı – Festival im Ballhaus Naunynstraße

31.8.11 / jw / Feuilleton

AlmanciDas Ballhaus Naunynstraße zwischen Kotti und Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg eröffnet heute mit dem Festival »Almancı! – 50 Jahre Scheinehe« die Theatersaison. Almancı ohne I-Punkt heißt »Deutschländer« und meint die türkischen Menschen, die mit dem Anwerbeabkommen in die BRD kamen, das am 31. Oktober 1961 in Bad Godesberg unterzeichnet wurde.

Kinder und Enkel dieser Deutschländer haben maßgeblich zur Etablierung des Ballhauses als einem postmigrantischen Theater beigetragen. 2008 erhielt das Haus keine Förderung und hatte einen Mitarbeiter. Heute wird ein 20köpfiges Ensemble mit 450000 Euro im Jahr gefördert. Diese Entwicklung ist laut Shermin Langhoff, die das Haus seit eben drei Jahren leitet, vor allem den Zuschauern zu verdanken, die fast durchgehend für volle Räume sorgten, während größere Bühnen bei vielfacher Förderung oft halbleer blieben.

 

Langhoff kam mit neun Jahren nach Nürnberg, wo ihre Mutter AEG-Gastarbeiterin war, und heiratete 1996 in die Theaterfamilie Langhoff ein. Sie kann vor der Saisoneröffnung kaum aufhören, von den Beteiligten zu schwärmen. »Theater muß politisch sein«, sagt sie. Es muß Stellung beziehen gegen rassistische Denkweisen etc. Sie ist schon eine besondere Intendantin, schmal und in Jeanshose steht sie da, ganz konzentriert auf ihr Haus, ihr Anliegen, ihr Wirken, keinerlei Dünkel, keinerlei von oben herab. Ihr Verhältnis zu Schauspielern, Dramaturgen, Autoren und Regisseuren ist von einer solchen ansteckenden Freundlichkeit, daß einem warm ums Herz wird. Man hört viel von flachen Hierarchien, hier ist nichts anderes als eine verschworene Gemeinschaft sichtbar, die Erfolg hat durch praktizierte Solidarität und harte Arbeit.

Das »Almancı«-Festival beginnt heute mit der Uraufführung des Stückes »Pauschalreise – Die 1. Generation«. Regie führte Lukas Langhoff, Gatte der Intendantin und Sohn der Ostberliner Regielegende Thomas Langhoff. Wie in den zwei Vorgängerstücken stehen Einwanderer der 1. und 3. Generation mit und ohne Schauspielerfahrung auf der Bühne. Geschrieben wurde das Stück von Hakan Savaş Mican, der in Berlin geboren wurde, aber bei seinen Großeltern in der Türkei aufwuchs. Eine typische Geschichte, in der zum Ausdruck kommt, daß die Eltern einen kürzeren Aufenthalt geplant hatten. Man wollte keinesfalls das ganze Leben an dieses Deutschland gekettet sein, nur einige Jahre, dann zurück, deshalb gab man die Kinder lieber dorthin, wo die Eltern waren und man sich zu Hause fühlte.

Mican kehrte erst mit 19 Jahren nach Berlin zurück, studierte Architektur und Filmregie. Vier Stücke hat er seit 2008 für das Ballhaus geschrieben, zwei davon inszeniert. Seine Texte sollen dem Schmerz der Deutschländer einen »produktiv-künstlerischen, keinen zerstörerischen Ausdruck« verleihen. Opfergeschichten will er auch über die Generation seiner Eltern nicht erzählen, die allerdings »eine Zeit verlorenen Lebens« zu beklagen hätten. »Sie sind mit Träumen gekommen, die sie sich nicht erfüllen konnten. Sie sind mit nichts gekommen und mit fast nichts auch wieder gegangen. Sie sind betrogen worden, und ihre Kinder und Enkel haben die Verantwortung, daß dies nicht vergessen wird.«

Am Freitag und Samstag wird Lukas Langhoffs Trilogie in zwei »Langen Nächten der Generationen« komplett aufgeführt. Zum Festival gehört neben weiteren Stücken noch die Lesereihe »Vibrationshintergrund«, die Deniz Utlu kuratiert hat. Der Titel spielt auf ein Wort an, das die Leute vom Ballhaus nicht mehr hören können, solange nicht auch die Sarrazins zum Beispiel als Menschen mit polnisch-russischem Migrationshintergrund bezeichnet werden.

Im nahe gelegenen Eiszeit-Kino läuft im Rahmen des Festivals eine dazugehörende Film-Reihe mit 50 türkisch-deutschen Filmen, wiedergefunden und aufgespürt von Tunşay Kulao lu. Das medium Film wurde schon früh benutzt um gesellschaftliche Probleme, die unter den Nägeön brannten auszudrücken. Absolutes Highlight: `Das Fest der schwarzen Tulpe´, ein Stummfilm mit Klavierbegleitung von 1920. Einen Auftakt sahen wir heute:  `Der Friseur´, der vor seinem privaten Haarschneidetisch von der Ankunft in Deutschland erzählt. Mit verträumtem Lächeln, imposanten Augenbrauen, einem Pony und einer Körperhaltung, die entfernt an Charlie Chaplin erinnert. Weil sein Friseurdiplom nicht anerkannt wurde und »Deutschland selbst genug Friseure hat«, mußte er auf einer Werft Nähte schweißen. Sein Kumpel strich Gastarbeitergeschenke ein, er baggerte schon mal eine Friseurswitwe an. 15 Minuten Lachmuskeltraining. Eröffnet wird die Reihe am Freitag von Fatih Akın, mit dem Ballhaus-Intendantin Langhoff schon zusammenarbeitete, lange bevor sie zum Theater kam.

Man darf gespannt sein, Näheres hier.

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