Die Jungs vom Bahnhof Zoo von Rosa von Praunheim Berlinale – Rezension

Jungs vom bahnhof ZooRosa von Praunheim liebt Blumen. Zu Anfang seines Dokfilms »Die Jungs vom Bahnhof Zoo« blüht Rhododendron, dazu 20er-Jahre-Musik, Schwarzweißfotos von schönen Jungs aus Weimarer Zeiten, kurz sieht man einen Männerporno. Ab da ist Schluß mit kitschig. Mit Grauen erinnere ich mich an Sprüche wie: »Euch hat man vergessen zu vergasen!« Oder: »Unter Hitler wär das nicht passiert!«
Es folgt ein Ausschnitt aus einem Film der Westberliner Polizei von 1965. Bahnhof Zoo, Stimme des Polizeisprechers: Dies sei ein Tummelplatz für Strichjungen, sie kämen vor allem aus Westdeutschland, da Männer nur in Berlin mit Männern tanzen dürften. Diese kriminellen Elemente seien hoffnungslos verdorben. Wechsel ins Heute: wieder Bahnhof Zoo, diesmal in Farbe. Ein junger Mann, Dany, heute Vater einer Tochter, wird gefragt: »Also damals warst du hier anschaffen?« Danys Mutter mißhandelte ihre Kinder regelmäßig, kochte naßgepinkelte Bettlaken aus und ließ sie die Brühe trinken. Über das Jugendamt kam Dany in eine Pflegefamilie. Hier gab es Lichtschranken in der Wohnung und sexuellen Mißbrauch. Die nächste Station war ein Kinderheim. Im Film macht er das Tor auf, sagt, das sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen. »Dort gab es einen Erzieher, Zweimetermann, Holger, den hab’ ich geliebt! Nur er konnte mich beruhigen, der hat mich verstanden!« Nach dessen Weggang sei er abgerutscht, lernte in einem Heim das Autoknacken, das ihn in den Knast brachte. Wieder raus, stand er mit 15 das erste Mal am Bahnhof Zoo: »Ich sah aus wie acht.«

Um diese Jungs hat sich keiner gekümmert

Sozialarbeiter des Hilfeprojekts Subway erklären, daß Initiativen wie ihre erst mit der AIDS-Hysterie möglich wurden. »Wir sollen nur AIDS-Prävention machen, aber wir machen viel mehr«, sagt Streetworker Sergio, ein Rumäne, der sechs Sprachen beherrscht. um diese Jungs hat sich keiner je gekümmert, die wurden einfach vergessen. Lebensläufe werden parallel verfolgt. Einer, der als Kind vom Vater für das Auf-den-Strich-Gehen mit Benzin übergossen und angezündet wurde, wirkt völlig gebrochen. Er ist auf Methadon. Dann geht die Reise in ein rumänisches Dorf, das es nicht mehr gäbe, wären nicht alle seine Jungs als Stricher in Berlin tätig gewesen (Foto).

Die Sehnsucht der Kinder nach Akzeptanz

Keine Minute ist der Film langweilig, die Biographien sind miteinander verwoben, jede auf ihre Weise traurig. Die Darstellung ist subtil, frei von Exibitionismus. Die Konkretheit der aufeinander zugeschnittenen Interviewpassagen sorgt dafür, daß man sich diesen Menschen langsam nähert, schließlich scheint man sie gut zu kennen. Es kommen auch Freier zu Wort, sogar mit Namen und Gesicht, aber während die Sehnsucht der Kinder auf Akzeptanz, Beachtung, Zuwendung und Anerkennung gerichtet ist – Zärtlichkeitsbedürfnisse machen da den geringsten Teil aus, Sexualität erleben sie nicht als Bedürfnis, sondern als Dienstleistung –, sind die Sehnsüchte der Freier fixierter (Jungen von 16 bis 20), festgelegter, oft erleben sie sich als »Opfer« der Kinder (Diebstähle).

Zu früh mit Erwachsenensexualität in Kontakt

Die Jungs sind zu früh mit der Erwachsenensexualität in Berührung gekommen, erklärt die Ärztin von Subway. Sie konnten tagelang nicht sitzen, ekelten sich, hatten Schmerzen beim Wasserlassen. Später nahmen manche die Freier aus, um sich zu rächen – ein kompliziertes Feld, sehr eingehend und durchweg spannend analysiert.  Nach der Vorführung holt der Regisseur mit Blumen am Revers die Protagonisten auf die Bühne. Es gibt viel Beifall für den großen Mut der Beteiligten. »Wir wollten nicht mehr schweigen«, sagt derjenige, der als Sechsjähriger von einem Hausmeister mißbraucht wurde. »Wir wollten uns zu Wort melden, um für unsere Würde zu kämpfen.« Das ist gelungen.

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