Miral von Julian Schnabel – Rezension

MiralWir haben uns daran gewöhnt, Palästinenser als dunkelbärtige, grimmig dreinblickende, sich in unverständlichen Kehllauten ausdrückende Männer, tücherbehängt und bewaffnet vorzustellen, Julian Schnabel hat es geschafft, sie uns als Menschen zu zeigen.

 “Miral ist eine Blume, sie wächst am Straßenrand”, mit dieser Methapher beginnt sein Film, der die Lebensgeschichte einer 1973 in einem Waisenhaus in Ostjerusalem geborenen Frau nachzeichnet.  Der Regisseur des bahnbrechenden Films  “Schmetterling und Taucherglocke”, scheint Lust an tatsächlich erlebten Geschichten zu haben, ihn fasziniert, scheints, nicht der Roman, sondern das Erlebnis, er liebt es nicht, zu erfinden, sondern nachzuempfinden. Und das kann er. Niemals vor ihm hatte sich jemand die Mühe gemacht, die Seele eines beidseits gelähmten Patienten, der weder reden noch reagieren kann, auf die Filmleinwand zu bringen und dann noch mit der genialen Idee, die Kamera sozusagen aus dem Auge des Betroffenen heraus drehen zu lassen, mit all den quälenden Reaktionen der unverständigen Mitmenschen direkt vor der Kamera, die seine Reaktionsunfähigkeit für Lebensunfähigkeit nahmen. Das war sensationell und das hatte man noch nie gesehen und dafür hatte er Internationale Preise abgeräumt.  Nie auch hat einer eine solche, gleichsam körperliche Einfühlung filmisch realisiert. Ein großer Verdienst. Niemals vorher auch waren jene Menschen künstlerisch oder filmisch je beachtet worden, die man eher nur als “Hüllen” wahrnahm. Ja, er gab medizinisch bisher Aufgegebenen eine Stimme,  menschliches Gefühl, Witz, Seele und sogar Geist.

Der Film Miral schafft Nachempfinden auszulösen

Dasselbe macht er auch in diesem Film, nur sind es politisch Aufgegebene, denen er ein Gesicht gibt, Geist, Seele, Gefühl, und es passiert dasselbe, sie werden zu leibhaftigen Menschen, aber das, das darf nicht sein. “Dürfen wir mit Palästinesern mitfühlen?, fragte doch allen Ernstes einer der jüngsten Verrissrezensenten und findet sich dabei noch großzügig. Julian Schnabel schafft Nachempfinden zu ermöglichen  allein mit künstlerischen Mitteln,  auch diesmal mit den Mittel seiner bestimmten Kameraführung, die viele Nahaufnahmen kennt, die es flimmern lässt, wie Videomalerei, wo Handkamerasequenzen für mehr Lebendigkeit sorgen, wo Blendlichter einfallen… Insgesamt eine Art des gefilmten Nachempfindens, die man so noch nicht sah und immer wieder das von ihm entwickelte Stilmittel, die Kamera als Auge zu sehen, genau den Blickwinkel desjenígen einzunehmen, der gerade porträtiert wird oder was Entscheidendes erlebt. Sehr kunstvoll.

Mirals Geschichte

Die Geschichte beginnt, genau wie bei der Buchverfilmung des kranken Chefredakteurs der ELLE, mit genau den Worten, die die Buchautorin selbst gewählt hat, sie beginnt, indem sie sagt, dass ihre Geschichte eigentlich 1947 beginne und dann wird man nebenbei in eine eindrucksvolle Geschichtsstunde geführt, die mit Dokumentarszenen historisch zu erklären versucht, was wir heute als einen Herd ewig brodelnder Zusammenstöße und Ungerechtigkeiten kennen, für die die Lösungen so fern zu liegen scheinen. Die Handlung bettet sich in einen Rahmen, den Tod der Waisenhausmutter 1994, von dort aus wird alles in Rückblende erzählt, am Ende kehrt man wieder dorthin zurück und ein wenig darüber hinaus. Ja, es ist ein Film, in dem Partei für die Sorgen und Nöte der Palästinenser genommen wird, es ist eine Buchverfilmung eines Lebenslaufs durch genau diese Geschichte, es ist, was Drachenläufer für Afghanisthan war, was Machfuß war, es ist Geschichte der Palästinensischen Probleme aus dem Auge des Betrachters und der Betroffenen.

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