SOS for Human Rights – Rezension

SOSVon Susanne Lipp in der Regie von Philipp Harpain, es spielen: Dalila Abdallah (Naischa), Adil El Bouamraoui (Kerim) und Veronika Naujoks (Jamila). Das Stück ist Teil einer größeren bundesweiten Kampagne von Jugend ohne Grenzen (JOG) und wird bundesweit touren.

Auf der Bühne links eine Art Badeplattform auf Holzbohlen, etwas erhöht, darauf zwei Liegestühle, Sonnenschirm, Kühlschrankattrappe, zwei große Wasserkanister, Colaflaschen, Rettungsring, mit Tau abgegrenzt. Im Hintergrund, die rechte Seite der Bühne vollständig ausfüllend, eine aus Papier zusammengeflickte weiße Landkarte, das Mittelmeer blau, darüber Europa ins Blaue hineinragend, mit Italien und Spanien, darunter der gewölbte Bauch Nord- und Mittelafrikas mit den verschiedenen Ländern in Weiß. Am unteren Bildrand ein roter Kreis (Ghana), weit oben ein zweiter roter Kreis, nahe Berlin. Dann Auftritt aller drei Schauspieler mit Mikros und Gesang, beschwingt, sie stellen sich und die Kampagne vor: „Wir sind hier, weil wir euch eine Geschichte erzählen wollen, ..eine wahre Begebenheit.., …wir sind Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland.“ Dann ein Musical ähnlicher Song: „..Du träumst so hin und her…willst an ´nen Strand am Mittelmeer, …die Schule nervt total, der Alltag wird zur Qual, einfach nur gehn, ..die Sonne sehn…“ . Szenenwechsel, Abriss der Musik: Der Junge liegt im Liegestuhl auf der Plattform, die beiden Mädchen kämpfen unten gegen die Wellen, Stille, Unterwasserblubbern, ähnlich einem Herzschlag, der ankämpft gegen das Ertrinken, die beiden Mädchen umklammern sich, mit letzter Kraft stranden sie auf der Plattform. Dort begegnen sie dem etwas angeberischen Kerim, der „gestern“ gekommen sei und ihnen Cola anbietet, als sei er ein Hotelferiengast. Die Szene mutet etwas irreal an. Die Mädchen sind erleichtert, es „geschafft“ zu haben, Naischa und Kerim singen eine Art Fernsehlied zum Traumland Europa, wie toll es dort sei, Dalila Abdallah schafft es dabei, ihrem Gesicht einen so köstlich zutreffenden Fernseh-Werbeplakat-Ausdruck zu geben, dass der ganze Saal brüllt vor Lachen. Diese kleine witzige Auftaktszene, mit der das Publikum sofort maximal gefesselt ist, leitet nun ein Stück ein, was derart viele traurige Wahrheiten enthält, wie man sie in einer Dokumentation kaum aushalten würde zu lesen. Der Trick dahin überzuleiten ist der: Jamila erhebt sich und ruft: Europa ist gar nicht so toll, da gibt’s auch arme Menschen und erzählt nun ihre Geschichte: „In Italien war ich noch nie, eigentlich kenn ich nur Deutschland, da lebe ich, in Potsdam, schon immer…  Ihre Geschichte beginnt harmlos, geradezu läppisch, sie sei 13 ½, ausführlich vom Kindergeburtstag, beste Freundin Lena, gefeiert, hochgeworfen, Schokokuchen… am frühen Morgen dann rausgeholt worden, die Polizisten werden von Naischa und Kerim „gespielt“ dabei spielt Dalila wieder mit ungeheurer Verwandlungskunst, sie gibt, eben noch Cousine, Mutter, Freundin Lena, den Brutalo-Bullen, der nicht mal das Duschen zulässt. Dann: Mutter zusammengebrochen, um sich geschlagen, getobt, die Kleinen eingekackt, geschrien, Vater und sie von ihnen weggezerrt, erst im Flugzeug habe sie begriffen, dass die Mutter und die Kleinen zurückgeblieben waren und sie in ein fremdes Land muss, Ghana, wo sie noch nie war und kein Wort versteht. Kerim greift ein (mich haben sie auch immer wieder weggeschickt, ich war schon drei Mal in Europa), er gibt einen RAP. Lied: „Abgeschoben, weggeworfen, wie Schrott auf den Müll, …weil mich niemand will….weggeworfen, abgeschoben, ich dreh mich im Kreis,…die Zukunft zwischen meinen Fingern zerrinnt, …dass ich wirklich existiere steht auf keinem Papier, nur ein Knast ( Pass) steht zwischen meinem Leben und mir!“.

Ich muss hier weg

Jamilas Leben in Ghana ist fremd und ärmlich, sie berichtet aus Sicht einer Potsdamer Schülerin, ist verzweifelt, Begegnung mit der etwas älteren Cousine, die ihr hilft, sie die Sprache lehrt, mit ihr arbeitet (Bananen an Touristen verkaufen), langsam wächst der Plan, nach Europa zu fliehen. Eindrucksvolles Lied der Naischa: „Ich muss hier weg“. Gekonnt wird jetzt die Aufmerksamkeit langsam auf die Situation der Flüchtlinge in ihren Heimatländern gelenkt, immer noch aus dem Blickwinkel der Potsdamer Schülerin.

Die unendliche Reise ins Nirgendwo

Den weiteren Verlauf des Stückes beherrscht die unendlich beschwerliche Reise, die die beiden antreten müssen, die harmlos anfängt und je länger sie dauert, immer grausamer in allen ihren konkreten, besonderen und bedeutungsvollen Einzelheiten wird. Tausendmal hat man darüber gelesen, aber nie sah man es derart vor sich, obwohl doch all das nur „gespielt“ wird, nämlich mit den Utensilien auf der Strandplattform, den Liegestühlen, die den vollgestopften Lastwagen geben, den Colaflaschen, die erst die Babys der Mutter zuhause, dann die Bananen darstellen, mit dem Rettungsring, der das Lenkrad gibt, immer wird das Exemplarische gehalten, nie wird die erste Szene verlassen. Immer schlüpfen Naischa und Kerim gekonnt und gewitzt in alle Nebenrollen und bestücken so die Erzählung Jamilas. Sie geben die Polizisten, die Grenzkontrolleure, die Schlepper und Lastwagenfahrer. Nachdem Naischa mehrmals mit ihrem eigenen Körper bezahlen muss, um die 13-Jährige Cousine vor Zudringlichkeiten zu schützen, verkleidet sie die Kleinere in den Jungen Jamal. Sie erleben immer hoffnungslosere Szenen, bald  müssen sie sich als Bettler durchschlagen. Doch in einer absolut humorvollen Szene einer Begegnung mit Berliner Touristen, wo sich Jamila als Potsdamer zu erkennen gibt, wird der Widerspruch zwischen dort und hier wird zu einem Abgrund über den man nur noch lachen muss, skuril, aber zutreffend karikiert Naischa die Touristin derart gut, dass der ganze Saal befreiend lacht, obgleich die Handlung auf dem Höhepunkt aller Grausamkeiten und Verzweiflungen angelangt ist, ein sehr guter Schachzug gegen jegliche Sentimentalität. Praktisch gelangen sie dadurch zu etwas Geld, sie fahren weiter, landen endlich am Meer und auf einem Boot. Es ist ein Schlauchboot. Noch voller als der vollgestopfte Lastwagen, von dem sie auf der Fahrt durch die Wüste zwei Leute verloren haben, ohne angehalten zu haben, wo Jamila das traurige Lied sang: „Ich hab noch nie den Tod gesehen!“  Ein Jahr dauert in der Regel solch eine „Reise“, überall lauern Soldaten, Betrüger, Vergewaltigung droht allerorten, Gefängnisse, Tod, Hunger, Durst. Am Ende ist da das Meer, es ist blau, die Wellen sind hoch, und dann ist da das Schlauchboot, in das man steigen muss.

wie das Wegziehen eines Schleiers

Auf dem Meer nähern sich FRONTEX-Soldaten, sie bewachen, bezahlt auch aus unseren Steuergeldern, die europäischen Grenzen, Zwischeneinlage Erklärung, was FRONTEX ist. Aus Lautsprechern tönt es: Drehen Sie bei, ein Fischerboot traut sich nicht zu helfen, der Sprit des kleinen Bootes wird konfisziert, sie werden aus dem Boot geworfen. Szenenwechsel, Bewegungen der Schauspieler wie das Wegziehen eines Schleiers von der Bühne, die Strandpromenade ist nun wie leergefegt, alle Utensilien liegen unten herum, Ausruf Naischas: „Jamila kommt niemals nach Hause! Die Rettungsinsel existiert nicht!“. Akklamation: Die da draußen sind, in den Lagern , in der Wüste… Und man sieht sie vor sich zu, Hunderte, Tausende, Hunderttausende, eine gespenstische Wirkung. Nein, wir sind nicht in die Geschichte getaucht wie in eine Illusion, wir sind hiergeblieben und haben gesehen, wie exemplarisch gespielt wurde, deshalb trauern wir nachher auch nicht um eine Einzelne sondern um alle und wir werden die Bilder der vor unseren imaginären Mauern strandenden Menschen in ihren Schlauchbooten nicht mehr los. Abschlusslied laut und kräftig: „Europa wo wir leben / macht immer weiter dicht / vergisst die Menschenrechte / zeigt sein wahres Gesicht / Mit Waffen / Minen, Drohnen…wir schauen nicht mehr zu / …den Fluchtursachen gilt die Kampfansage und nicht den Menschen, die fliehen…, …stoppt das Sterben in der Wüste und im Meer / wir wollen keine Festung Europa / SOS for Human Rights!“

Doch, das ist echtes Agit-Prop-Theater, aber nicht hölzern, nicht altbacken, jung, wild, tieftraurig, manchmal auch witzig, konsequent und kenntnisreich auf Seiten der Schwachen, es macht aber nicht nur deren Leid bewusst, sondern auch deren Mut, Kampfgeist und Kraft, ihnen, nicht den Mächtigen gehört die Zukunft, wann, das ist unter anderem auch von jedem von uns abhängig, absolut gelungen!   SOS for human rights / 2 Jahre Recherche / mit Jugend ohne Grenzen JOG / 30 Unterstützerorganisationen / Kampagnenstart 25.11.10.  Kampagne für die Menschenrechte von Flüchtlingen an den EU Außengrenzen und innerhalb der EU / Mobiles Theaterstück vom GRIPS Theater für Menschen ab 12   /  weitere Aufführungen siehe www.grips.de

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