Widerstandsideen – Gorleben soll leben

in jw, 10.11.08
Blockade im WendlandJe waffenstarrender der Schutz der Castortransporte nach Gorleben wird, desto phantasievoller wird die Protestbewegung der Wendland-Bewohner. Gorleben soll leben«, sagten wir früher, und das kleine Dorf an der Elbe wurde uns zum Symbol einer inzwischen über dreißigjährigen Beharrlichkeit, nicht aufzugeben, und erfolgreichen Widerstands. Da wurden Bulldozer aufgefahren und machten die selbstgebauten Dörfer kaputt, da rollten gigantische Wasserwerfer wie Panzer in Menschenmengen und verletzten viele, da trugen Polizisten Leute weg und schnitten sie aus Bäumen. Da mußten sie manche aus unterirdischen Tunneln – Arme und Beine in Beton gegossen – herausmeißeln, was viele, viele Stunden kostete.

Baumkronen

Immer wieder kamen neue Demonstranten nach Gorleben. Je größer die Polizeiaufgebote, je waffenstarrender die Geräte, die dem Gift den Weg ebnen, je dicker die Schutzanzüge der Polizisten, desto besser werden die Ideen des Widerstands. Da helfen kein blitzschnell gezogener Schlagstock, kein Schild, kein aufgezogener Helm, keine Marschkolonne, kein Greifen in Augen und Nasenlöcher. Die Menschen dreier Generationen, die hier inzwischen zusammengehen, verlieren nicht den Mut – in dem kleinen Dörfchen Gorleben, nahe der Stadt Dannenberg, zwischen Groß Gusborn und Gartow, hinter dem Fachwerkstädtchen Schnackenburg an der Elbe, wo eine einsame Fähre an diesem Tag viel Geld einnimmt. Auf den Feldern stehen die weithin leuchtenden schräg übereinander genagelten X-Kreuze, an jedem zweiten Haus, in jedem zweiten Fenster hängen die gelb-roten Plakate: »Atomkraft – Nein Danke« mit der kleinen emporgereckten Faust. Plakate hängen hoch in den Bäumen und quer über der Straße, junge Frauen mit Kletterausrüstung befestigen sie und hangeln sich durch die Bäume. »Wieviel Asse stechen Gorleben?« »Harrisburg 1979 – Tschernobyl 1986 – Biblis ???« Die Sätze auf den Plakaten werden jedes Jahr einfallsreicher, sind immer voller Witz. Die riesigen Traktoren haben ganze Bildaufbauten sorgfältig gemalter Aufklärungstafeln. Dicht an dicht säumen sie die Demoroute rechts und links, die Polizisten machen sich klein dahinter und ducken sich in den Wald. Ein älterer Mann läuft allein sehr langsam mit einem Schild überm Kopf an ihnen vorbei: »Ausblick in die Zukunft« steht da, und ein Foto eines sich an seinem Bettchen festhaltenden Kleinkindes ohne Arme und mit verwachsenen Beinen ist weithin sichtbar. Die Polizisten wirken wie eine Schutzmauer gegen sich selbst.

Ermutigung

»Es gibt hier kein Endlager«, ruft Kerstin Rudek, die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg mit heller, jugendlicher Stimme von einer Bühne herab. Die Kundgebung wird hundert Meter weiter über eine Riesenleinwand denen, die ganz hinten stehen, übertragen: »Sie stehen oberirdisch, vierzig Castoren… Nur Mut Leute! Willkommen im Wendland! Überall in den Dörfern könnt ihr unterkommen. Beteiligt euch durch phantasievolle Aktionen! Es muß immer schwerer werden, sie durchzubringen! … momentan ist es gelungen den Transport in der Südpfalz festzuhalten, es haben sich Leute dort eingemauert…« Sie erinnert daran, was schon geschafft wurde: »Die Castorhalle ist nicht voll, … es sollte ein Entsorgungspark erbaut werden, er wurde nicht gebaut! Wir haben schon viel erreicht… es wird noch mehr werden«.

Bäcker backen X – Kreuze

Die Bäcker backen X-Kreuze an diesem Tag, Kinder haben Gespenster in den Wald zwischen Gusborn und Gorleben gehängt, auf der Rückfahrt fährt vor uns ein Traktor, von dessen Dach eine lebensgroße mit Lumpen gefüllte weiße Puppe im Schutzanzug baumelt, sie ist fest aufgehängt und scheint doch zu schweben. Nie hat es aufgehört, wenn es heißt: Der Castor kommt. Zehntausende stellen sich einer Maschinerie entgegen, die für den Profit von dreihundert Prozent über sehr viele Leichen zu gehen bereit ist. Es gibt nichts Eindrucksvolleres, als diesen Volksaufstand live mitzuerleben – 400 Traktoren und viele tausend Menschen, die dichtgedrängt mehr als fünf Kilometer bis zum Zwischenlager laufen. Überall Performances, viele Aktionen. Die Medien boykottieren dieses gigantische Erlebnis von Rebellion weitgehend. Die Stimmung, die einen in Gorleben ergreift, kann ohnehin nur nachfühlen, wer einmal dabei war. Es ist größtmögliche Ermutigung.

Hier hofft keiner auf Posten

»Obwohl die Grünen zu diesem Treffen viel mobilisiert haben«, sagt abschließend ein Redner, »vergessen wir nicht, wie sie eben erst in Hamburg zusammen mit der CDU beschlossen haben, Krümmel nicht vom Netz zu nehmen!« Die Fahnen der Partei Die Linke trägt ein kleiner Trupp nebenher. Dies ist keine Parteienveranstaltung. Hierhin kommt keiner, weil er soll. Hierhin ist keiner delegiert worden, hier hofft keiner auf Posten.

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