Drei- Groschen- Oper im modernen Gewand Rezension

Das Berliner Ensemble (BE)  hat einiges hinter sich, kein Ereignis aber ließ es so aus den Fugen geraten wie die Wende.  Hatte Brecht zwar den Stalinismus immer kritisch gesehen, so war er doch in soweit Kommunist, dass er im kalten Krieg-Westen kein Theater machen wollte.

Nach Brechts Tod haben die Schüler Brechts und seine Schauspieler lange Zeit in seinem Sinne weiter gemacht.  Mit den damaligen Ideen, Kostümen, Bühnenbildern, Regieanweisungen und Texten. Nach der Wende wurde gesagt, dass sei „verstaubt“, zumindest unzeitgemäß und so wurde alles anders.

Wenn schon der „Palast“ des Volkes nicht mehr sein durfte, der doch ein harmloses Bauwerk war, dessen einzige  „Kapitalismuskritik“  in seiner kleinbürgerlichen Volksnähe bestand, wie stark musste also aufgeräumt werden mit einem kapitalismuskritischen Polittheater, dass seine Agit-Prop-Wirkung noch aus vormaligen Kapitalismus-Zeiten durch die kleinbürgerliche DDR hindurchgerettet hatte und also eventuell nun mit größerer Wirkung  entfalten konnte. Also mussten im neubesetzten Großdeutschland Zeichen gesetzt werden. Heiner Müller und Peter Zadek kamen dieser Aufgabe nach und die erledigten sie gründlich. Zuerst einmal wurden die Schauspieler dezimiert, das Ensemble auseinandergerissen. Einer Legende nach warf sich dabei einer der älteren Schauspieler aus dem dritten Stockwerk auf die Straße. Dann wurde das Gestühl verschrottet, das Haus umfänglich saniert und schließlich wurde Brecht „modernisiert“. Diese Modernisierung konnte man sehr gut am Arturi Ui mit Martin Wutke sehen, der Text so laut, dass man nichts mehr verstand, die Hauptperson eine lächerliche Karikatur, die mit blutender Zunge auf dem Boden herumkroch, ein Theater für die bürgerliche Dekadenz des Establishments mit gleichzeitiger Widerspiegelung ihrer eigenen kriecherischen und sadomasochistischen Impulse. Damals war es, wo man auf der Treppe des BE erstmalig den Ausspruch hören konnte, Brecht sei nichts mehr für heute. Habt ihr eine Ahnung, dachte ich mir damals, aber natürlich, wenn man ihn so aufführt…

Ab da haben wir Brecht im Theater 89 angeschaut, dort gab es in den Neunzigerjahren eindrucksvolle Aufführungen unterm Dach, sparsam, aufklärerisch, echt: Mann ist Mann, die Mutter, Furcht und Elend des Dritten Reiches und viele andere haben wir dort in einmaligen Inszenierungen gesehen. Diese haben dem Zeitgeist entsprochen, zu diesen Aufführungen musste man erst eine überaus gewundene Bodentreppe hochklettern, subventioniert wurde hier gar nichts mehr.

Von Freunden hatte ich gehört, es sei nun wieder besser mit dem BE geworden, die Intendanten hätten sich mehr wieder der Idee des epischen Theaters von Brecht verpflichtet gefühlt, man könne wieder hingehen.

Es fügte sich, dass ich Karten zur Dreigroschenoper geschenkt bekam. Erstmalig betrat ich wieder das BE, in das ich früher mindestens einmal im Monat gegangen war und in dem ich die Schauspieler einzeln kannte. Noch immer das alte Kassenkabuff, dachte ich, noch immer das dunkelmondäne Eingangsfoyer, es schien erfreulich unverändert. Bis auf die Preise. Meine geschenkte Karte für 35 Euro gehörte zur alleruntersten Grenze. Die Leute entsprechend. Großbürgertum aus Zehlendorf und Pankow in trauter Ost-Westverbrüderung.

Dann die Überraschung: Eine neue Methode: Brecht als Schwarzlichttheater. Alle Schauspieler trugen weiße Gesichter und weiße Handschuhe auf schwarzem Grund. Man wähnte sich in einer Prager Marionettenbühne. Das sah vielversprechend aus und ich harrte der Dinge, die da kommen mussten.

Ein weicher Meckie Messer kontakarrierte zunächst vielversprechend die Erwartungen und passte besser zur Rolle des verführerisch-narzißtischen Dandys als die sonst typischen Macho-Besetzungen. Eine Polly, die wie eine Puppe war, weibliche Unterwürfigkeit bis ins Lächerliche verzerrt. Die alkoholische Mutter, eine Gemeinheit an Frauenfeindlichkeit. Der Peachem, ein hölzerner Patriarch tyrannischen Ausmaßes und die Bettler, eine Ganovenarmee aus einem Mafiafilm. Alle Figuren tanzten auf schwarzem Grund, was erst neu und eindrucksvoll, im Weiteren Verlauf aber zunehmend langweilig wurde. Warum? Man konnte es nicht sagen. Es wurde viel Zeit damit vergeudet, die einzelnen Personen vor der Bühne im Gesangsdebüt zu zeigen. Dabei wurden Effekte aus dem Neonzeitalter im schwarzen Hintergrund als gelbblinkende Streifen zelebriert. Die weißen Gesichter und tanzenden Hände, die gekrümmten und zu Puppen stilisierten Figuren vor schwarzem Grund unterbrochen und hinterlegt mit gelben Neonstreifen, wurden einem einfach zuviel. Kam es, weil sie soviel Beifall vom Publikum einheimsten? Was war es, was mir den Inhalt des Stückes abhanden kommen ließ? Wann war eigentlich welche Szene gespielt worden?  Bald kam  ich dahinter: Zuviel Form, zuwenig Inhalt. Das war die Formel, auf die sich die Kritik an dem Stück zusammenfassen lassen konnte.  Es kam nicht an auf den Inhalt. Dass es sich um ein Stück über Armut handelte, das kam nicht heraus. Der Inhalt ging unter in der Ästhetisierung der Maskengesichter und Puppenfiguren. Etwas Hölzernes und Unlebendiges war in das Stück eingefügt worden, was ich nie vorher darin entdeckt hatte. Auch passten die Figuren weder zum Hintergrund, noch zu ihrer Wesensart. Man hatte sie, scheints, falsch verstanden.  Meckie Messer blieb die einzige sympatische Figur, die Homoerotik konnte narzistische Triumphe feiern. Alle anderen Figuren waren bis zur Lächerlichkeit weit von ihren Vorlagen entfernt. Nach einer Weile wurde mir klar:  Es langweilte. Mir fielen die  Augen zu. Die Bühnenbildner hatten sich etwas Feines ausgedacht oder waren sie nur einem üblichen Trend nachgegangen, sie hatten alle Formen des Ursprungsinterieurs in sparsam gesetzte gelbe, mal grüne, mal rote Neonlinien umgewandelt, die aus dem Dunkel leuchteten. Diese Linien bildeten den einzigen Kontrast zu den wiederkehrenden weißen Maskengesichtern, aber das war einfach zuviel des Leuchtens. Erst war es neu, dann wurde es gewohnt und erschöpfte sich.

Nicht mal das Futuristische, was man sich hier hineindenken konnte, entfernt an Raumschiff Orion erinnernd, kam wirklich zur Geltung. Die Inhalte verpufften, weil die Figuren sich selbst und ihr Outfit zu wichtig nahmen. Emotionen wollten sich nicht einstellen, es blieb alles blutleer. Narzißtisch wurde nicht nur die Hauptperson gespielt, sondern alle gaben sich diesen Anstrich. Und auch am Applaus, der schon während des Stückes, nach jedem Akt, den die weißen Gesichter im Schwarzen Hintergrund tanzend beendeten,  saalerschütternd aufbrandete, konnte man feststellen, dass das Narzißtische auch dem Publikum die größte Freude zu sein schien. Es interessiert sich nicht für das Elend der Bettler in Soho, es applaudierte der schwarzweißgeschminkten Karikatur, die dieses Elend der Lächerlichkeit preisgab. Man lachte nicht mit den Figuren über die Zustände, sondern über die Figuren und ihre Hässlichkeit, die oft bis zur Gemeinheit verstärkt war. Man fühlte keine Tragik in der Ballade der Jenny, sondern lachte böse über ihre puppenhafte Unterwerfung. Die Figuren wurden vollständig neu interpretiert und hatten dabei all ihre Würde verloren. Die Idee des Regiessieurs, alles im Schwarzlichtstil aufzuführen, wurde beklatscht bis zur Bewusstlosigkeit, dazu gab es Samt und Seide und Neon.

Als ich nachher wie betäubt durch die Friedrichstraße radele, werde ich von hellen Glitzreklamen geblendet. Ein Pariser Kaufhaus zeigt exakt die gleichen farbigen Neonlinien, wie ich sie eben im Theater sah. Ich schaue um mich, die ganze Straße ist voll davon. Hier hat der Bühnenbildner seine Anleihe genommen, wer hier einkauft, dessen Welt wurde eben auf der Bühne gezeigt. Die Armen waren die Puppen, die an den Fäden der reichen Leute das Tanzen lernten.

Theater für das Establishment – nichts anderes. Ohne jeden agitatorischen Wert und bestimmt keine Bettleroper mehr!

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