Der Sturm von Shakespaere im Acud – Rezension

acud theater17.8.11 / Feuilleton / junge welt

Im dritten Sommer in Folge ist das Acud – ein Haus am Prenzlauer Berg, das lange besetzt war und bis heute so aussieht – ein Freilufttheater. Zwei Wochen lang ist hier noch »Der Sturm« von Shakespeare zu sehen.

 

Sehr sympathisch: Regisseur Felix Goldmann reißt selbst die Karten ab, da »alle anderen im Urlaub sind«. Er sitzt auf einem Stühlchen vor der geschlossenen, vollgesprühten Tür des siebenstöckigen Hinterhauses, dessen riesige Dimensionen sich erst auftun, als man über eine Treppe auf eine Galerie geführt wird, wo von vier Seiten aus, über alle Etagen, das Stück gegeben wird.  Zunächst blickt man nach ganz unten auf den Rücken einer Knieenden. Das ist Prospera, Shakespeares Prospero als Frau. Zwölf Jahre vor Beginn der Handlung wurde die Mailänder Herzogin verbannt und mit ihrer Tochter Miranda in einem wurmstichigen Kahn auf dem Meer ausgesetzt, seitdem leben die beiden auf einer einsamen Insel. Ihr Bruder tat sich für den Staatsstreich mit dem König von Neapel zusammen.

Antje Görner besticht durch Augenspiel

Sind es Spukgestalten oder Wahnideen? Prospera ist umgeben von der »Hexentochter« Caliban und dem »Luftgeist« Ariel, der ihr Diener ist, für seine Freilassung kämpft und ein Schiff mit ihren Widersachern aus Italien an den Ufern der Insel stranden läßt. Ariel wird sehr unwirklich und witzig von Antje Görner gespielt. Vor allem besticht ihr Spiel mit den Augen, die in der Inszenierung auch sonst sehr betont werden: Prosperas sind rot umrändert und sehr zusammengekniffen – Zeichen für ihr anscheinend unstillbares Verlangen, endlich Rache zu nehmen. Als ihre Tochter Miranda (Sabine Roßberg) den ersten Gestrandeten zu Gesicht bekommt, betont ihr Blick dagegen das Erstaunen über diesen Menschen. Um ihre Augen ist etwas Blasses, Kränkelndes, passend zu einer, die Kindheit und Jugend in der Einöde darbte. Shakespeares großartiger Dramaturgie, die unserem Jahrhundert weit voraus ist, wird gut Rechnung getragen, Transfer ist möglich, Mystik nie Selbstzweck, statt dessen Ausdruck von Unbewußtem, lange vor Freud.

Ick häv mol en hamburger Fährmeister sehn

Zu Beginn des Stückes schaut man erst in die Tiefe, dann gleich nach oben, wo auf einem Dachgeländer die sich der Insel nähernden Seeleute singen: »Ick häv mol en Hamburger Fährmeister sehn!« Sie wiegen sich im Wind, während Caliban die blasse Miranda vor sich her jagt: Schreiend und schimpfend bewegen die beiden sich über alle Stockwerke und Galerien hinweg stetig nach unten. Die zeitlichen und räumlichen Entfernungen werden in dem engen Hinterhaus und seiner verwinkelten Architektur genial umgesetzt, die Spannung steigt, die Neugier des Zuschauers wird durch Fragen von Miranda auf hintergründige Zusammenhänge gelenkt, die einem noch vollkommen unklar sind.

Es kommt einem windig vor

Als Prosperas Bruder, der König und ihre Begleiter stranden, werden die Wrackteile, auf denen die Schiffbrüchigen sich durch die Brandung kämpfen, mit Holzkisten dargestellt, die von hinten nach vorn durchgegeben werden, in einer Art schwankendem Gleichgewichtsgruppenspiel; eine Idee des Bühnenbildners Jens-Uwe Behrend. Im Anschluß werden die Zuschauer auf ihre Plätze ins unterste Stockwerk geführt, direkt neben die Darsteller, wo die Musik einer dreiköpfigen Band (Alejandro Marulanda Gomez, Anders Kamp und Daniel Larsson) so eindrucksvoll den »Sturm« vertont, daß es einem windig vorkommt.

Den Schrecken in Lachen auflösen

Ein Highlight ist der König, ein eher Molierscher Trottel. Seine Macht ist im Abstieg begriffen, über seinen Kopf hinweg erheben schon die Nachfolger die Steine, mit denen sie morden werden, aus demselben Grund, aus dem er einst Prospera mit beiseite schaffte: Machtgier, mehr haben wollen, Ausweitung des Territoriums. Der Geist Ariel verzaubert, da er unbedingt aus Prosperas Bann befreit werden will, alle Anlandenden in harmlose Kreaturen (sehr witzig gegeben), und die zwei Verschwörer läßt er im Alkohol versinken. So wird alles glücklich gewendet, mit Witz, der die Tragik besiegt, ohne sie zu nivellieren. Angesichts der halbtoten Herrscher, die Stricke um die Hälse tragen und von Ariel an jeder freien, meist mordlustigen Handlung gehindert werden, wünscht man sich unsere Machthaber bei ihren Feldzügen in Afghanistan oder Libyen auch mal so ähnlich dastehend. Man würde so gern alles Schreckliche in Lachen auflösen wie hier und das Machtstreben durch Wunschzauberkräfte der Lächerlichkeit preisgegeben.

Vielleicht immer Shakespeare in Hinterhofbühnen übereinander spielen?

Nichts an diesem Stück ist konservativ, althergebracht, nichts pathetisch, aufgeblasen oder unmodern. Statt dessen ist in jeder Szene eine spannungsreiche Dialektik zu spüren. Bis zur Auflösung im letzten Akt gibt es noch Überraschungen, sei es, daß Prospera nicht umgebracht wird oder daß sie auf Rache verzichtet. Dieser Modernität Ausdruck gegeben zu haben, kann sich das Zygmunt Wolski Theater – ein Ensemble mit Mitgliedern aus zehn Nationen – in Kooperation mit dem Acud rühmen. Vielleicht sollte man Shakespeare nur noch auf engen Hinterhofbühnen übereinander spielen, hatte man etwa zu seiner Zeit schon große, subventionierte Bühnen?

Auch die Kostüme sind schlicht und passend, zum Beispiel trägt Prospera ein ehemals sicher hochherrschaftlich festliches Kleid. An Armen und Beinen aufgekrempelt, damit auch seiner Eleganz geraubt, unterstreicht es das An- und Zupackende ihrer Rolle.

Keine Power Point, kein raffiniertes Glitzerlicht

Bescheiden in Form und Ausstattung, sehr angenehm, kein großer Firlefanz, keine Filmkameras oder Power-Points, keine starr in die Menge brüllenden, kalten Figuren, die nicht miteinander spielen, kein raffiniertes Glitzerlicht. In allem das blanke Gegenteil von dem, was wir den Sommer über ständig überall geboten bekommen: gefährlicher Kitsch, großspuriges Gehabe, ununterbrochene Selbstbeweihräucherung, nicht nur in der Politik, sondern exemplarisch auch im – für mich jedenfalls – alljährlichen Brechmittel namens Bayreuther Festspiele.

Nächste Aufführungen: 18.–20./25.–27. August, jeweils 20.45 Uhr im Acud, Veteranenstraße 21

 

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