Sho Kman – Was noch – Rezension

27.9.11 / jw-Feuilleton

Das Freedom-Theater aus Dschenin/ Jenin ist wieder auf Europatournee, diesmal mit einer Performance von Jugendlichen aus der Zeit der zweiten Intifada. Unter der Leitung von Nabil Al Raee ist da ein Jungen-Ensemble unterwegs, das mit Tänzen, Raps und Lautmalereien auskommt.

Al Raee ist der Nachfolger des Theatergründers Juliano Mer Khamis, der sich als palästinensischer Jude begriff und im April vor seiner Spielstätte ermordet wurde. »Wir konnten nicht immerzu weinen, wir mußten weitermachen«, sagt Al Raee und: »wir haben beschlossen, uns nicht davon einschüchtern zu lassen, eine Frucht unserer Trauer ist dieses Stück«. Es heißt »Sho Kman – was noch?«

Vor der blanken Betonmauer

In der Berliner Schaubühne spielt das Ensemble vor der blanken Betonmauer am Ende des Saales. Aus dem Dunkel stürzen schwarze Gestalten in den relativ schmalen Spalt, der zwischen Mauer und Publikum gelassen wurde. Flackerlicht, die Gestalten werden wie Stürzende, Fliehende, von Granaten Getroffene in Standbilder zerhackt. Sie schreien, es herrscht Krieg. Das Publikum ist erstarrt. Die nächste Szene hüllt die Gestalten in rotes Licht, sie liegen am Boden zwischen Trümmern und stöhnen. Solche Szenen haben die Schauspieler selbst erlebt, in den von Israel besetzten Gebieten, verwaltet von der Autonomiebehörde der Palästinenser.

Energien künstlerisch statt gewalttätig ausdrücken

In seiner Vorrede hat der Regisseur erzählt, daß es in Dschenin ein großes Flüchtlingslager gibt, in dem viele Kinder an posttraumatischer Belastungsstörung leiden. Das Theater habe es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Kindern eine Möglichkeit zu bieten, ihre Energien künstlerisch statt gewalttätig auszudrücken. Das Freedom-Theater folgt der Methodik von Augusto Boal, dem »Theater der Unterdrückten«.

Die Allgegenwart der Angst

Die Gestalten am Boden werden zu Gefangenen in einem Kerker; sie hocken oder stehen mit auf den Rücken gefesselten Händen. Ein Wärter, sein Gesicht schwarz-unkenntlich gemacht, kommt mit einem Besen, Symbol für die Aufgeblasenheit der Macht. Er teilt Kopfnüsse aus und Tritte. Er pustet über den Besen, ein Staubnebel erhebt sich. Als der Wärter abgeht, fällt ein Apfel auf den Boden, über den die Gefangenen hustend herfallen. Es gibt Machogehabe, Gewalt, Vergewaltigung und Folter. Manchmal klingt die Musik wie ein Weinen, es geht um die Allgegenwart von Angst. Wenn die Gestalten anfangen zu brüllen, empfindet man das nicht als übertrieben, nicht als gewollt, nicht albern.

Wenn du selbst nicht unterdrückt werden willst, darfst du auch nicht unterdrücken

Neue Szene: Ein westlicher Politiker reist an mit Bodygard und Geldkoffer, es gibt arabisch-traditionelle Tanzvorführungen, nette Fotos, Versprechungen mit falschem Lächeln der Politiker. Der Geldkoffer wird genommen, das Volk zurückgedrängt, über die Straßen getrieben. Das einzige Mal wird auf arabisch gerappt, mein Nachbar übersetzt mir: »Wenn du selbst nicht unterdrückt werden willst, darfst auch du nicht unterdrücken, laß die Frau los!« Einer nach dem anderen wird durch Genickschuß erledigt, doch die Getroffenen stehen wieder auf, erheben sich und tanzen. Versprechungen, falsche Hoffnungen, Widerstand und Sand in die Augen. Am Ende wehen Fahnen in allen Regenbogenfarben, es fallen die Worte der ägyptischen Revolution. Doch die Fahnen werden zerbrochen, und die Menge wird zerstreut, schließlich wischen die Gestalten den Boden, und über ihnen spricht ein Redner, der wie ein Dirigent wirkt.

Subjektive Realitäten als veränderbar begreiflich machenIm anschließenden Publikumsgespräch mit den Schauspielern sagt der Regisseur, es sei das Ziel, den Kindern die subjektiven Realitäten als veränderbar begreiflich zu machen. Die Schauspieler, die eben noch auf der Bühne große Theaterschauspieler waren, sind nun auf den Stühlen da vorn wieder ganz normale Jugendliche geworden, sie sitzen da in Turnschuhen und Basecaps, als wären sie auf einem Sofa in einem Neuköllner Jugendzentrum.

Nächste Vorstellungen: heute, Berlin, Schaubühne; 28.9., 29.9. Hamburg, Kampnagel; 2.10. Bonn, Rheinisches Landesmuseum; 6.10. Schwalbach/Taunus, Albert-Einstein-Schule, 9.10., 11.10., Kiel, Werftpark

Spenden werden dringend benötigt, bitte hier: www.medico.de/freedomtheatre

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