Volker Ludwig zum 75. Geburtstag

 jw / Feuilleton / 13.6.12

Du bist ein immer etwas nachdenklich dreinblickender Mensch, den man nicht nur auf Grips-Premieren sieht, sondern auch bei vielen anderen Grips-Aufführungen.

Die Kinder bringen Dich zum Staunen, zum Lachen, und Du läßt Dich durch sie immer wieder inspirieren. Wann immer man etwas aus deinem Munde zur Einschätzung kindlicher Seelen hört, so heißt es, sie seien ehrlicher, intensiver, ihnen könne man nichts vormachen, sie liebten die Wahrheit mehr als die Lüge. Du hast die Einstellung, daß man sich zu Kindern nicht hinab-, sondern hinaufbewegen sollte. Du sagtest einmal: »Ein Schauspieler darf Kinder nicht imitieren, er darf sich nicht verstellen und mit Babystimme sprechen.« Man findet bei Dir keinen Weihnachtsmann und kein Eiapopeia, keine Kindertümelei, keinen Kitsch, keine Mystik, keine angsteinflößenden Märchen.

Kindererziehung im Mittelpunkt gesellschaftlicher Kritik

Der wichtigste Satz, den ich von Dir gelesen habe, ist der, daß das Kind seine Klassenwidersprüche in der Beziehung mit seinen Eltern und anderen Erwachsenen erlebt. Der Satz verrät Deine Herkunft: Aus der 1968er Studentenbewegung, in der Rudi Dutschke eine »Neue Linke« definierte; eine, die sich in Abgrenzung zu den restaurativen 50er Jahren im Westen und den ebenso restaurativ erlebten 60er Jahren des Ostens entwicken sollte. Auf einmal wurde Westberlin, wo Du seit den 1950er Jahren wohntest, lebendiger.
Eine der Besonderheiten dieser »Neuen Linken« war es, daß die Kindererziehung in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Kritik geriet. Hier hatte alles seinen Ausgang genommen, hier war der Schlüssel zu suchen für die Deformation der Menschen einer Generation vor Deiner, die sich durch militaristische Einschüchterung zu sadistischen Mördern hatten machen lassen.

Dem “autoritären Charakter” entgegentreten 

Dem von Adorno, Fromm und anderen diagnostizierten »autoritären Charakter« sollte möglichst früh entgegengetreten werden. Eine selbstwertstärkende Pädagogik sollte praktiziert und den Bedürfnissen des Kindes nachgespürt werden. Den Kummer von Kindern ernst nehmen, statt ihn als nichtig darstellen, den Konflikten von Kindern auf den Grund gehen, ohne sie als Ungehorsam zu ahnden. Keine Unterordnung erwarten, Gleichwertigkeit leben und Liebe ohne Bedingungen geben, so daß sich ein starker Mensch entwickeln kann, das waren die damaligen Grundsätze, als Du als Kabarettist begannst, Dich ab 1969 mit Kindertheater zu beschäftigen.

Struwwelpeter beiseite geschoben

Eine großartige Entscheidung. Denn Du hast die Pädagogik mit Deinen Stücken, Liedern und Gedichten mehr beeinflußt als viele Universitätsprofessoren. Durch Dich wurden der Struwwelpeter, Max und Moritz, die Häschenschule und Hänsel und Gretel beiseite geschoben und das Grips-Liedergut etabliert. Durch das 1972 in Westberlin gegründete Theater wurden Generationen von Kindern mit aufmüpfiger Befreiungskultur gestärkt. Dafür möchte ich Dir im Namen der Erwachsenen danken. Das Grips-Theater war wie eine Schatzinsel, auf der es vor allem zu entdecken gab, daß Akzeptanz, nicht Verachtung eine lohnenswerte Eigenschaft ist. Es war nicht mehr wie in früheren Zeiten verboten zu weinen.

Dem Prinzip buckeln und treten die Solidarität entgegengesetzt

Wir selbst waren noch von unseren Eltern erzogen worden, die man seelisch verkrüppelt hatte, indem man glaubte, sie durch Gewalt zu härten und zu festigen. Sie waren vor lauter Angst steif und kalt gewordene Untertanen, die nach dem Motto lebten: Nach oben buckeln, nach unten treten. Und unten, dazu gehörten wir selbst. Wir sollten so lernen, daß man nur immer wieder einen Schwächeren finden mußte, um sich an allem zu rächen. Du hast diesem Prinzip die Solidarität entgegengesetzt, das Motto: Such dir Gleichgesinnte! In all Deinen Stücken ist das verwirklicht. Ebenso in Deinem Theater, wie ich mir habe vielfach berichten lassen.

Weg von all dem Trennenden

Du hast die Hälfte aller Grips-Theater-Stücke geschrieben, sie aus intensivem Beobachten und Erleben entwickelt. Stets geht einem Stück eine Recherchephase in Schulen und Kindergärten, auf Hinterhöfen und in Familien voraus. Im Detail real, im Ganzen fiktiv und in der Botschaft immer ein wenig von dem, wie es sein soll, ein Stück Utopie in Richtung mehr Gerechtigkeit, weg von den scheinbar unüberbrückbaren Mauern zwischen den Klassen, zwischen den Generationen, zwischen Männern und Frauen, weißen und andersfarbigen Menschen. Weg von all dem Trennenden.

Mit dem Lachen geht das Erlebte ins Gehirn

Dabei haben Deine Stücke viel Humor. »Mit dem Lachen geht das Erlebte ins Gehirn, mit den Tränen fließt es weg«, lautet eins Deiner liebsten Molière-Zitate. Du hast es in all Deinen Stücklen angewandt. Du hast den Erwachsenen das Lachen der Kinder beigebracht. Nirgends wird so viel und so echt gelacht wie im Grips-Theater, und nie ist es ein Lachen auf Kosten anderer Menschen, nie ist es hämisch, nie gemein.

Einfühlung wird wieder als Verwöhnen denunziert

Leider haben wir heute schon wieder eine sehr starke Tendenz zurück zum clownesken kindernachahmenden Witzboldgetue. Auch die schwarze Pädagogik kehrt in neuem Gewande zurück, man nennt es heute »Grenzen setzen«. Einfühlung in Kinder wird wieder als Verwöhnen denunziert. Um so wichtiger, daß das Grips nicht an Kraft einbüßt und daß Du noch lange weiter schöne Stücke schreibst. Sie sind immer ganz nah an den Problemen, die viele Menschen beschäftigen. Dem Volk wird aufs Maul geschaut, die subjektive Lage genau gestaltet und die objektiven Möglichkeiten werden mit viel Kraft antizipiert. Danke und herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag!

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