Das Scheißleben des Andreas Altmann – Buchrezension

Wie der Krieg nach 1945 in den Familien weiterging, davon handelt das Buch von Andreas Altmann.

Mit dem sperrig-provokanten Titel: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ schien es nicht gerade prädestiniert, ein Bestseller zu werden, dass es doch einer geworden ist, überrascht nur den, der es bis jetzt noch nicht gelesen hat. Denn was Altmann hier schildert, ist unglaublich wahr und erhellend. Schon oft haben wir etwas gelesen über Kinder, die von ihren Eltern geschlagen, gequält, misshandelt und gedemütigt wurden, doch dieses Buch geht weit darüber hinaus, es schildert aus dem Abstand eines Analysierenden: „…mir würde für immer unbegreiflich bleiben, wie er den Frost in seinem Leben aushielt.“, eines lakonisch und messerscharf sezierenden Beobachters, der ein Auge so scharf wie Kafka im Brief an den Vater hat, nur weniger versöhnlerisch.

Altötting: Brutstätte hechelnder Bigotterie

Hier will einer zeigen und lehren und das explizit, er nennt beim Namen, verschönt nichts, nimmt nichts „in Schutz“, erklärt, aber verklärt nicht. Dabei sprachlich sehr bildhaft, immer treffend. Mit heftiger Kirchenkritik gegen das „Provinzloch Altötting“, wo der Vater nach 45 im vom Vater geerbten Besitz als Devotionalien-Verkäufer, in einer „Brutstätte hechelnder Bigotterie“ der „Rosenkranzkönig“ genannt wird, eine lächerliche Figur, die sich groß tut. Der Sohn stellt ihn so vor: „Eine himmelschreiende Jämmerlichkeit, mein Vater. Der besoffen seine Frau schwängerte. Der Ex-Playboy. Der Kinderschläger. Der SA-Mann. Der Ehebrecher. Der SS-Uniformträger. Der Kirchenchor-Tenor. Der Playboy- und Praline-Onanist. Der getreue Katholik. Der Russland-Frevler. Der Polen-Frevler. Der Bruder-Hasser. Der Nachbar-Hasser. Der CSU-Wähler. Der Frauen-Hasser. Der Männer-Hasser. Der Alle-Hasser. Der Kinder-Erniedriger. Der respektable Bürger. Der Ohne-Liebe. Der Ohne-Freude… Der Speisekammer-Verschließer. Der Tischgebet-Aufsager. Der Klingelbeutel-Spender. Der Niederbrüller, morgens. Der Niederbrüller, mittags. Der Niederbrüller, abends. Der Blumenliebhaber. Der viehische Liebhaber… Der Entwerter. Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein. Mein Vater.“

Wer die detaillierten Schilderungen der Brutalitäten des Vaters in diesem Buch liest, dem läuft es kalt den Rücken herunter, es wird ihm aber klar, das dies auf dem Boden einer massiven Kriegsschädigung entstanden ist. und daher beispielhaft ist für eine ganze Generation.

Dass Leben eines Kindes aus der Innenschau

Seine Sprache ist eindringlich, wütend, an anderer Stelle sachbuchhaft, geradezu medizinisch-kriminalistische Schilderung. Je grauenvoller die Situationen sind, je sachlicher wird sein Stil. Im Ganzen ein schonungsloses Buch, da es uns wie in einen Film entführt, der das Leben eines Kindes aus der Innenschau zeigt, das unschuldig auf die Welt kam und nicht weiß, wie ihm geschieht, als es erkennt, dass es für etwas bestraft wird, was es nicht verschuldet hat.

In Christen umgewendete Nazis

Der Krieg ist weitergegangen, so seine These, in den Familien, hier wie dort, in Altötting, aber auch in Hamburg-Barmbek, München, Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bayern, Österreich. Und ebenso im Osten, auch verlagerten sich die Kriegstraumata in die Familien.

Anders ist nicht zu erklären, dass die meisten meiner Schulkameraden, älteren Freunde, jüngeren Onkel, mit Altmann altersgleich, Väter hatten, vor denen sie in der einen oder anderen Weise zitterten. Die Familienathmosphäre war vergiftet in jener Zeit, die doch auf das „Traute Heim“ so viel gab und das Prinzip Volksgemeinschaft nun durch das Prinzip „Familie“ ersetzte, von den allerorten flugs in fromme Christen umgewendeten Nazis.

Mit den Knien am Boden und den Finger über der Fußleiste

Altmanns Begegnung mit seinem Vater erfolgt erst anlässlich eines angsterregenden Erlebnisses: „ Plötzlich vernahm ich seine Stimme. Ganz unvermeidlich, denn sie war schneidend und kalt, wenn sie nicht schrie. Vielleicht hatte er auf diese Weise, so lange konnte es nicht her sein, einer Horde Polacken Befehle erteilt.“  Er stellt hier selbst den Bezug zum Krieg und seiner Sozialisation zu Macht und Gewalttätigkeit. Dann beschreibt er den Vater, wie er täglich nachhause kommt und die „Arbeit“ der Mutter kontrolliert, mit den Knien auf den Boden und dem Finger einmal über die Fußleiste und der Mutter unter die Nase gehalten. Das entbehrt nicht der Komik, aber war damals durchaus ernst und grausam gemeint, weil es mit wütenden Beleidigungen verbunden war, gegen die die Mutter sich nicht zu wehren vermochte, weil es damals so gesellschaftlich intendiert war, die Frau hatte zu kuschen. Das Silentium bei Tisch, das stille Klappern der Gabel und Messer auf den Tellern, Begleitmusik zum Gemecker des Vaters übers Essen, alles bekannt für Gleichaltrige. Der Rapport am Nachmittag,  die Kindermitarbeit in der eigenen Firma, das Nörgeln über alles, was die Mutter tut und zu sagen wagt. Über andere Menschen wird hergezogen, alles wird schlecht gemacht, absolute Unterwürfigkeit wird verlangt, das ist hier dann wieder Kafkas Vater, alte wilhelminische Schule, auch schon militaristisch geprägt, Ausgeburt eigener Unsicherheit, die sich aufbläht vor Kind und Frau.

Entweder Hausarrest oder Hausverbot

Nicht bei jedem war es derart brutal wie es dann bei Altmann weitergeht, der Vater schlägt nicht selten die Kinder fast krankenhausreif, aber in der Familie meines Großvaters war das Heruntermachen seiner Frau, ebenso wie das seiner „missratenen“ Kinder eine Art sportive Freizeitbetätigung, vor dem anderen Großvater zitterte ich schon bei seinem Tür füllenden Anblick, erstrecht beim Anhören seiner Donnerstimme. Und das Hauptgesprächsthema meiner Jugendfreunde in den 60/70-iger Jahren war, wie sie verhindern könnten, von ihren Eltern, die ihnen real als Feinde entgegentraten, mit der Polizei abgeholt, ins Heim oder in die Psychiatrie eingewiesen zu werden, das Geld war ihnen bereits meist gänzlich entzogen worden, oft hatten sie entweder Hausarrest oder Hausverbot, waren abgehauen oder rausgeflogen, dem vorausgegangen waren entfesselte Prügelorgien wegen zwei Zentimeter zu langer Haare oder Schlaghosen, aber auch wegen angeblicher Widerworte, hämischem Grinsen, wegen unterstelltem Klauen, Lügen, Schulversagens. Die meisten galten als missraten, verkommen, „Versager“. Das war, wie bei Altmanns Vater, das damals am häufigsten benutzte Schimpfwort. Viele hatten sich die ganze Kindheit hindurch damit beschäftigt, die beste Taktik auszudenken, wie sie möglichst schnell und gewitzt den Schlägen entkommen und wohin, in welches Fleckchen des Gartens, sie sich dann zitternd retten konnten.  Die erwachsene Kriegsgeneration schien tobsüchtig zurückgekommen. Die damit aufwachsenden Kinder hatten zwei Möglichkeiten: Auflehnung oder Unterordnung.

Die meisten brachen ein

Das Posttraumatische Belastungssyndrom der Täter, schien sich auf die Nachkommen auszuwirken. Mit welchem Ergebnis? Die meisten brachen, knickten ein, unterwarfen sich, blieben dabei und beharrten darauf, um Liebe und Anerkennung zu bitten und zu betteln, den Vater zu heiligen, der doch nur ein Arschloch war und damit die ganze autoritäre Machart, die sie dann je nachdem, abgeschwächt reproduzierten oder selbstzerstörerisch gegen sich kehrten. Manche widerstanden, versuchten es zumindest, daraus ist die 68-iger Generation hervorgegangen. Doch viele von ihnen blieben auf halber Strecke oder schon auf dem ersten Drittel oder Viertel stehen, versanken in den Erwartungen derer, die sie einst geprügelt hatten, und die sie nie würden erfüllen können, sei erwürgten ihre eigene Kraft, und schönten fortan  ihre Eltern ohne Sinn und Verstand, sie nahmen manchmal sogar deren Ideen, deren Leitlinien, deren ganze zerstörte Moral wieder auf, die politischen und öffentlichen Karrieren sind voller solcher Leute. Sie fielen sich selbst in den Rücken.

Nicht so Altmann

Als einer der jüngeren 68-iger Jahrgänge (49) hatte er das Unglück eines schon sehr alten Vaters, der die Generation repräsentierte, die als 30-jährige dem Faschismus auf die Beine halfen und als 40-jährige, im vollen Mannesleben sämtliche Verbrechen mitgetragen, einschließlich Krieg und Massenmord, wann immer es erwünscht war, immer schön vom Rassismus profitiert und nun Pech gehabt, Alt-Ötting statt Großgutsherr im Wartegau. Altmann analysiert es genau.

Der Altmann Vater war der Krieg

Sicher war dieser Mann schwer psychisch krank, gewalttätig, cholerisch, ein „Geisteskranker“, ein „Folterer“, wie ihn Altmann sogar als Kind schon für sich nennt, sicher ist aber auch, dass der Faschismus seit 33 diesen Mann in den besten Jahren geformt hatte,  der faschistische Krieg und seine Vernichtungsideologie war seine „Lehrstelle des Grauens“ gewesen. Man kann das Buch von Altmann als Fortsetzung der Wohlgesinnten von Littell lesen.  Altmann schreibt, der Vater habe nie vom Krieg erzählt, das ist nicht ungewöhnlich, die Männer, die aus diesem Krieg kamen, protzten nur selten herum, mehr als Allgemeinplätze bekam wohl kaum einer erzählt. Umso mehr hörte man die Frauen klagen, die Bombennächte, die Flucht, die Ruinen, der Hunger. Der Altmann-Vater brauchte nicht vom Krieg erzählen, “er war der Krieg”, sein gesamtes Verhalten, wie es der Sohn beschreibt, ist der leibhaftige Kasernenhofdrill, ausgeübt an lebendigen „Untermenschen“, die zufällig seine Kinder waren, nichts anderes als das, in ewiger Wiederholung, penetrant wie eine Zwangshandlung.

Geistig stand halten

Altmann aber hat geistig stand gehalten, er ist nicht eingeknickt, hat nicht vergessen und sich selbst verraten, ist aber auch nicht zum Mörder an unschuldigen Anderen geworden, wohin sich seine Rachegefühle immerhin auch hätten retten können. Sehr eindrucksvoll schildert er, wie er als Jugendlicher seiner Mutter seine Vatermordphantasien gesteht, die ihm nur antwortet, das lohne nicht, denn er müsse nur noch wenige Jahre aushalten und hätte viel mehr Jahre anschließend im Jugendknast zu verbringen. Quantitativ mag es Unterschiede gegeben haben, aber qualitativ war die Generation der 68-iger beinahe flächendeckend solchen und ähnlichen Vätern ausgeliefert gewesen. Die Parallelen sind so augenfällig, dass ich glaube, wer immer das Buch liest, dem werden die Schuppen nur so von den Augen fallen und vielleicht, das könnte ein großer Erfolg dieses Buches sein, könnten es die Betroffenen schaffen, sich ihrer langjährig geschönten Elternimagos zu entledigen, vielleicht sogar den Mut finden, die Kugel aus Verdrängung in ihnen zu sprengen.

Eisern liefen sie durch das Land der Freudlosigkeit

Auch ein wichtiges Thema bei Altmann, ebenso exemplarisch, die Ehe der Eltern: „Eisern liefen sie durch Landschaften der Freudlosigkeit…nie beim Schmusen erwischt,… nie durchs Haar gefahren,…nie die Wange des anderen berührt,… nie sich gegenseitig die Tränen getrocknet,…nie um den Hals gefallen,…nie Entzücken,..nie aufgeheitert,…nie den Rücken massiert, nie die Stirn,…nie lebenslust,..nie den anderen bewundert, gepriesen…, nie zur Sinnenfreude geführt,…nie getröstet, nie einander beschützt, nie stark wie zwei, nie stark wie Liebe, nie.“

Die eigenen Wunden

Ist das die einzige Erklärung dafür, dass dieses Buch, seit es auf dem Markt ist, trotz des geradezu unverkäuflichen Titels, so reißenden Absatz findet? Nein. Ich glaube nicht. Es gibt noch einen weiteren: Altmann schildert schonungslos seine eigenen Wunden, seine Macken und Probleme, auch das ohne jedes Selbstmitleid und dezidiert. Er schildert sie, wie man es noch nie las, er beschreibt, wie er sich die Finger blutig biss, nach diesen die Zehen, nach jenen die Haare samt Kopfhautstücken, die er sich ausriss, wie er den Stuhlgang zurückhielt, bis er sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen konnte, wie er in der Schule schlechter wurde, wie er stotterte oder sich verhaspelte, wie er unterwürfig war, und immer noch seinen Vater lieben wollte, wie er starr und gelähmt am Esstisch saß, als unten die Mutter das Haus für immer verlassen musste, er schildert, wie er Hunger hatte, da die Speisekammer abgeschlossen wurde, wie er dann zu klauen begann, wie daraus eine Passion wurde, wie er log und betrog, damit er sich noch anders spüren konnte als ein dem Vater unterworfenes Nichts, ein Wurm unter seinen Füßen, ein Kafka´scher Käfer, ein „verhaltensgestörtes Kind“, dem man in unseren Zeiten, wo der Sozialkrieg nicht selten schon wieder zu ähnlichen Phänomenen führt, ein aufputschendes, vergessen machendes Medikament verabreicht.

Ein Pfahl trieb sich durch meinen Bauch

Er schildert dies alles und beschreibt dazu das Phänomen, dass die Störungen, als er endlich zuhause ausbrach und frei war, sich über lange Jahre verstärkten, es wirkte nach: „Die Angst hatte ich mitgenommen, wie ein Pfahl trieb sie durch meinen Bauch!“  Bernward Vesper hat Ähnliches in die Reise beschrieben, auch aus den jüngst veröffentlichten Briefen zwischen ihm und Gudrun Ensslin wird die Schwäche Vespers deutlich, sein mangelndes Zutrauen zu sich. Aber sie haben doch ihre Eltern noch immer und hoffnungslos geschönt, die Eltern-Identifikation ist eine starke Kraft, der man umso leichter entrinnen kann, je weniger hart man ihnen ausgeliefert war.

Rettung durch Lebenssinn

Im letzten Teil des Buches beschreibt der Autor seine Rettung über das Finden eines Lebenssinns, dem die Fortbewegung immanent ist und den er zum Beruf machen konnte, als ein Reisereporter bei GEO, doch er schildert auch, dass Liebe und Nähe für ihn ein Minenfeld ist.

Sonnenklar wird: Kinder werden, ohne dass sie dafür können und ohne dass man sie vorher gefragt hätte, in eine x-beliebige Familie geboren, die sie sich nicht aussuchen durften. Sie wurden nicht vorbereitet, sie wissen nicht, welche Kriege gerade geschehen sind, noch haben sie diese zu verantworten, sie wissen auch nicht und sind noch weniger dafür verantwortlich, was ihren Eltern gerade für Widersinnigkeit und Elend passiert ist, sie sind durch willentliche Entscheidung der Erwachsenen herangewachsen und sie kommen mit gutem Glauben an die Freude menschlichen Daseins in die Welt. Andreas Altmann hat diesen Kindern und sich selbst eine Stimme gegeben und dabei ein Stück bundesdeutscher Nachkriegs-Wirklichkeit erhellt.

Andreas Altmann: Das Scheißleben meiner Mutter, das Scheißleben meines Vaters und mein eigenes Scheißleben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.