Rolf Becker liest Texte über “Geld”

Rolf BeckerRolf Becker trägt nicht vor, er stampft mit den Füßen auf, er liest auch nicht, er tobt, er benutzt eine Sonnenbrille zum Hochklappen, einen Hut, einen Geldschein, seine Bühne ist ein Stehpult, aber man denkt sich einen Theatersaal, er macht es heute Abend, aber man sieht die Geschichte der ganzen Menschheit Revue passieren.

Was er zusammengetragen hat an Texten über die Machenschaften des entfesselten Geldes, von der Antike bis in die Jetztzeit, das kann sich hören lassen. Und es ist etwas Besonderes. Das besondere steckt im Detail, nämlich, dass einer, der sich empört, Texte aus der Zeit von 400 vor unserer Zeitrechnung vorträgt und sich das anhört, als hätte es gestern in der Zeitung gestanden. Normalerweise findet man schon Texte aus dem vorigen Jahrhundert altertümlich.

Ich weiß nicht wie es Rolf Becker gemacht hat, aber er zitiert Goethe und es ist nicht blumig, er zitiert Aristophanes und es hört sich nicht antik an, selbst die Bibel klingt nicht religiös und Marx nicht kompliziert. Scheinbar haben, wenn es um Geld ging, schon immer alle die gleiche Sprache gesprochen, vielleicht hat das Geld schon immer die gleiche Wirkung gehabt?

Tatsache ist, was Rolf Becker unter dem Motto: „So wird Geld verdient“ als Literarischen Streifzug durch die Geschichte der Ökonomie bezeichnet, ist ein amüsantes Greuelpanoptikum, man wusste es längst, aber man konnte es sich bis dato nicht wirklich vorstellen, Rolf Becker hat es einem super gut nahe gebracht.

Geld – man hat etwas begriffen darüber und das ohne das umfangreiche Sachbuch eines Politökonomen gelesen zu haben. Das vermag Literatur, und auch das zeigt uns Rolf Becker, nicht sie allein, es braucht jemanden, der ihren Worten Leben gibt, ihr körperlichen Ausdruck verleiht, gut und eindrucksvoll vorträgt. Das ist gelungen.

Kleines Ratespiel: 

Wendungen wie diese, aus welchem Jahrhundert mögen sie wohl stammen:  „…alles dreht sich um Dich, Einbrecher, Hausbesitzer, sogar beim Ehebruch bist du dabei… von wem sind die Bestechungsgelder? Auch Politiker wird man nur, seit man sich Diäten genehmigt hat, … von allem, was wir Menschen unternehmen, bist du die Ursache, alles ist Geschäft, wir meinen dich, wenn wir von Weltanschauung reden,…Du stehst dahinter, wenn ganze Völker zu Sklaven werden!“ (Lösung: 400 v. Z.)

Und wirken erstaunlich aktuell. Und das ist dann auch der rote Faden, der durch dieses Programm führt, Sophokles und Aristophanes, Brecht und Marx, die Bibel und Goethe, doch nie, nicht eine Minute, kommt Langeweile auf, denn Becker hat die Texte äußerst abwechslungsreich zusammengestellt, mal eher sachlich, mal voller Wut.

In Dir war alles Blut

An das Geld: „Deine Zauberei verführte alle, in dir war das Blut aller, die durch dich ausgeblutet wurden!“ ( Bibel) und dann Heinrich Heine: „Besitz? Das ist Betrug! Ohne Taschen in den Pelzen kamen wir zur Welt!“ unglaublich gut vorgetragen war das großartige Heine-Gedicht des Minher van Koek, der in einem Hafen mit Sklaven Geschäfte macht und die Sterblichkeitsrate auf seinem Schiff billig durch Tanz verringern will und am Ende zu Gott betend ruft: “Verschone ihr Leben um Christi Willen, …denn bleiben mir nicht dreihundert Stück, so ist mein Geschäft verdorben“ Und zu dem Satz: „Warum lügt der Zeitungsschreiber, verpanscht der Bauer die Milch?“, kann einem auch was Aktuelles einfallen.

Wie es zu Mord und Totschlag kommt

So ging es andauernd und auf alle Anwesenden des randvollen Saales der Ladengalerie der jungen welt, sprang eine Art Funke der Erkenntnis über. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber das Gehirn freut sich, wenn es gute Sachen zu hören, zu lesen, zu sehen bekommt, Sachen, die Denkprozesse anstoßen, die Zusammenhänge einleuchtend machen, die uns die Welt durchschaubar machen und die nicht Mord und Totschlag zu Heldentaten umdichten, sondern stattdessen erklären, wie es zu Mord und Krieg, Betrug und Ausbeutung kommt und wie man also vorbeugen können würde, was doch immerhin besser ist.

Die Menschen haben nichts Schlimmeres als das Geld erfunden

Dann gelingt es Rolf Becker hier auch, das Gefühl zu vermitteln, wir seien nicht wenige, die so denken, nein, wir sind und waren stets viele, wir haben Vorgänger bis in die Antike und durch alle Zeiten hindurch, und wir können, mit Hilfe dieses Programms, obgleich man in uns doch am liebsten den Gottseibeiuns sieht, die Großen der abendländischen Kultur als völlig auf unserer Seite befindlich konstatieren, wie etwa: „Die Menschen haben nichts Schlimmeres als das Geld erfunden, das Geld zerstört die Gemeinschaft, es zerstört Städte und Staaten, es vertreibt Familien von Haus und Hof, bringt auf schlechte Gedanken und macht zu allem fähig, das Geld macht aus Menschen Verbrecher!“ (Sophokles, Antigone, 442 v.u.Z.)

Ein Kurs in Politökonomie bitte

Doch auch Neuzeitliches gibt es genug und selbst schwierige ökonomische Prozesse, wie die Mechanismen des internationalen Schulden-Kreditwesens und die jüngsten KrisenKriegsPleiten hat man am Ende besser begriffen als vorher, wenn das nichts ist? Ein Kurs in Politökonomie bei Rolf Becker bitte! Ein Genuss für die Gehirnwindungen, schwere Kost für die Seele, denn grausam und düster ist die Geschichte des Geldes, aber am Ende wirkt Brecht aufgemunternd mit dem großen Gedicht “Die Moldau”: „Es liegen drei Kaiser begraben im Fluss…Es wechseln die Zeiten!“ Toll!  Anregend! Weitersagen! Rolf Becker liest dieses Programm als Soli-Aktion aus jeweils aktuellem Anlass, Streik, SuperGau, Kriegsausbruch, immer da, wo es mal wieder ums leidige Geld geht. Danke Rolf!

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