Der Dieb des Lichts – Rezension

jw/Feuilleton/15.4.11

Kirgisien, drei Revolutionen seit der »Unabhängigkeit«: Machthaber im Nadelstreifenanzug, Demonstrationen in den Großstädten, so etwas tangiert ein kleines Dorf in einer staubigen Steppe, von Bergen umgeben, wenig. Die Folgen allerdings schon.

Die Leute sind jetzt arm, während sie »früher angesehen und wohlhabend waren«. Besonders diejenigen Güter, die alle brauchen, sind teuer geworden, fast unbezahlbar, selbst Strom. Also läßt sich einer, der von Kindheit an gern auf Bäume kletterte, »um zu gucken, was hinter den Bergen ist«, sich etwas einfallen: Er läßt die Stromzähler rückwärts laufen. Gleichzeitig bastelt er aber auch an einer Dauerlösung, der Abkoppelung des Dorfes vom teuren Strom aus der Stadt, von den Gangstern der polit-ökonomischen Rackets.

Markenzeichen Steigeisen

Der beste Strom ist der, den man selbst produzieren kann. Man sieht den Mann des Lichts in seinem Freiluftlabor mit interessanten Vorrichtungen experimentieren. Sein Markenzeichen sind die Steigeisen, die immer an seinem Fahrrad klappern. Man holt ihn aber auch, wenn ein Kind sich auf einen hohen Baum verirrt hat, mit einem ebenso schlichten, wie einzigartigen Feingefühl beruhigt er oben auf dem Baum das Kind. Schlicht und einzigartig ist die ganze Figur, er sieht nicht besonders schön aus, aber man gewinnt ihn lieb, er spricht auch nicht viel, aber man versteht, was er denkt. Exemplarisch steht der Mann dieses Dorfes für den Erfindungsreichtum und die Klugheit des einfachen Volkes gegen die Mächtigen, die hier wechseln wie die Eintagsfliegen und uns in ihrer unmittelbaren Verbundenheit mit dem internationalen Finanzkapital äußerst bekannt vorkommen. Sie bestechen die Bürgermeister, um an Land zu kommen, sie manipulieren die Presse und streichen das Gemeindehaus neu, sie reden von Förderung der Kultur und meinen ihre eigenen schmutzigen Geschäfte.

Die Opfer wehren sich leise

Wer spricht hier von Hinterwäldlertum? Cowboyidylle? Nein, »Der Dieb des Lichts« ist ein Film darüber, wie sich alte Zeit und neue Zeit verbinden, und zwar in allen gesellschaftlichen Klassen. Die neuzeitlich Ausgebeuteten sind nicht die armen Opfer, sie wehren sich, und das im Ganzen nicht unklug, sie sind auch informiert, denn sie sehen ihre Zukunft darin, ihren Boden zu behalten und den Wind im Tal zu nutzen. Doch es ist keine Komödie, es ist eine »dokumentarische« Beschreibung von Menschen.

Ein Blick in die Zukunft

Die Zukunft gehört nicht denen, die nur ihren eigenen Vorteil im Kopf haben, diese verschwenden viel zu viel Zeit damit, ihre Vorteile gegenüber anderen zu sichern; die Zukunft gehört denen, die still im Hintergrund arbeiten, schmunzeln und sich ihren Teil selber austüfteln und niemals verlernt haben, selbst zu denken. Das Erstaunliche für uns großstädtische Kinobesucher in Westeuropa: Der munter auf dem Fahrrad dahinrollende Steigeisen-Mann, einfach und schlicht angezogen, ist, bewußt gegen die Autos der Neureichen gesetzt, nicht nur auf dem neusten Stand der Technik, sondern spricht uns beinahe wie ein Mensch aus der Zukunft an.
Deshalb taucht man sehr ein in die Welt dort, man meint, nicht im Kino, sondern eben in dem Dorf im Staub gestanden zu haben.

»Der Dieb des Lichts«, Regie: Aktan Arym Kubat, Frankreich/Kirgisien/Deutschland 2010, 79 min, bereits angelaufen

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