Was einem in Prag passieren kann

Tagelang hatte uns unsere nette Wirtin gesagt, dass Diebe unterwegs seien, ich hatte mir auch brav mein Geld in die Hosentasche gesteckt, aber meine Freundin hat sich dann doch am letzten Tag ihr Portemonai mitten aus dem Rucksack klauen lassen. So kamen wir in den Genuss eines Besuchs bei der deutschen Botschaft, die hinter übermannsgroßen römischen Türen tagt. Das verwestlichte Prag mit seinen Glanz und Glorienbildern des Neokapitals, schien viel eher Hamburg auf der Reperbahn ähnlich als dem Prag, welches in unserer Erinnerung spukte. Überall Neppläden, Ce und Aa, Dönerbuden und Ha und Em, sämtliche Marken, die man schon vom Kudamm kennt.

In Radio höre ich gerade, dass wieder 250 unserer „Jungs“ in Afghanisthan als „schnelle Einsatztruppe“ zum Schutz der Aufbautruppen entsendet werden sollen. Was die da blos aufbauen? Ha und Em, Ce und Aa, Mc Dag-o-bert?

Wir waren jedenfalls von Prag enttäuscht, der Blick auf die Karlsbrücke war zwar vernebelt wie immer, was sehr schön aussah, das Kafka-Museum, die naive Emaillekunst, der jüdische Friedhof und viele Gebäude oberhalb der Werbetafeln, waren beeindruckend und schön wie immer. Die Eroberung aber auch dieser uralten Stadt durch die Heuschrecken des Neokolonialismus war vollzogen. Übertritt man allerdings den imaginären Ring um die Altstadt-Touristenzentren und landet da, wo die Normalmenschen leben, trifft man auf entsetzliche Armut. In unserer Verzweiflung verkrochen wir uns im Untergrund und fotografierten das wohl allerletzte Refugium sozialistischer und werbefreier Kunst, die Regenbogen-Architektur der zwei ältesten U-Bahnlinien.

Dann passierte uns aber, als wir es gar nicht erwarteten, im Museum für moderne Kunst das Schlimmste diesen Urlaubs, was uns aber genauso in New York, Wien oder Berlin passieren hätte können, nur hatten wir es hier eben wohl doch nicht erwartet. Neben eindrucksvollen tschechischen Künstlern, hängen dort im hinteren Winkel des ersten Stockes, einige Bilder der modernen Neuzeit, eines Menschen, der mir völlig unbekannt war bislang, der aber hier in diesem bizzarren Prag, auf mich eine erdrückende und sozusagen ins Entsetzliche weisende, in eine immer stärker gewalttätig werdenden Zukunft schon die Richtung gebende Wirkung hatte.

Es handelte sich um drei riesenhafte Bilder des Malers Hermann Nitsch. Einer der Modernen, der bestimmt erst nach der Wende hierher getragen wurde. Vielleicht, weil sie diese Bilder in Wien, Berlin oder New York doch langsam peinlich fanden, womöglich, weil irgendwer sie los sein wollte. Sicher hatte man dem Museumsdirektor von Prag dafür viel Geld abgeknöpft, sicher hat man ihm gesagt, dass das eben nun moderne westliche Kunst sei und nun dazu gehören würde. Wie auch immer, es handelte sich um drei Bilder, in denen man auf den ersten Blick nur Blut sah. Auf dem ersten Bild war ein Schwein an die Wand genagelt und ein Mann dabei, es gerade aufzuschneiden mit einem Schlachtermesser. Das Blut lief dem Mann über das Messer, das Hemd, den Bauch und das war das Bild und sonst nichts.

Das zweite Bild zeigte eine liegende Frau, der man die Beine gespreizt hatte und deren  Geschlecht man zwischen ihren geöffneten Beinen darbot. Über ihr hatte man ein weiteres Schwein geschlachtet, oder war es eine Kuh, gar ein Mensch? Unerkennbar. Man sah nur Blut und aufgeschnittenes Fleisch, das in Fetzen hing. Das Blut rann literweise über die Frau, über ihren Bauch, in ihren Schritt. Im dritten Bild sah man nun dieselbe Frau, dieselbe Haltung der Frau mit dem offenen Schoß, dasselbe Blut überall, oben das geschlachtete, zerschnittene Wesen. Aber im zweiten Bild waren im Vordergrund zwei Männer von hinten zu sehen, die mit ihren Händen direkt der Frau zwischen die Beine in ihr Geschlecht fassten und dort dieses noch weiter sichtbar zu machen versuchten, indem sie Schamlippen der Frau aufhielten um das Innere dem Publikum wie eine Trophäe darzubieten. Die Frau dabei wehrlos, hilflos, ausgeliefert, als sei sie angefesselt, vielleicht schon tot, selbst geschlachtet? Wäre es nicht fotografiert worden, man könnte annehmen, dass es sich um eine tatsächliche Menschenschlachtung handelte. Tatsache ist, dass dieses als Happening bezeichnet Bild unser blankes Entsetzen hervorrief. Später fanden wir diesen Maler bei Wikipedia als eine internationale Koryphee genannt. In Prag schienen uns diese Bilder sinnbildlich dafür zu stehen, dass von nun an Gewalt, Ausbeutung und Abschlachtung das Prinzip nicht nur der Kunst, sondern auch des Alltags und der ganzen weiteren Zukunft sein würden. Unten im Foyer fanden wir Kinder vor, die mit ihren Müttern ebenfalls im Museum gewesen waren. Sie spielten harmlos. Doch uns grauste bei dem Gedanken, dass sie hätten sehn können, was wir gerade gesehen hatten. Dürfen sadistisch-pornografische, kriegs-und gewaltästhetisierende, zutiefst frauenfeindliche Machwerke in öffentlichen Gebäuden hängen? Sie dürfen. Alles ist möglich im neoglobalisierten armen Prag.

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