Endspiel in Stralsund – Rezension

Matthias Nagatis gab am Freitag in Stralsund sein »Endspiel«. Nach 14 Jahren wird der Schauspieldirektor des Theaters Vorpommern auf Geheiß eines neuen Intendanten »ausgewechselt«, noch bevor dieser überhaupt angetreten ist.

Mit Nagatis geht ein Großteil des Schauspielensemble, der Musikdirektor und etliche Sänger. Die Künstler ließen sich von der mit ihrem Abschied verknüpften Heilsbotschaft noch einmal zu absurdem Theater inspirieren.

Ihre Inszenierung von Samuel Beckets »Endspiel« (1956) beginnt optimistisch. Da macht einer, der aus dem Publikum kommt, eine Tür auf, und in einen dunklen Raum fällt diffus eine Art Sonnenlicht. Anschließend schlägt er sie aber erst mal wieder zu, der Raum wird stockdunkel. Dann wird die Bühne elektrisch erhellt und der Mann tapst mit einer Leiter herum, was komisch wirkt, da er zwei steife Beine hat.

Rechts und links von einem großen, blaßgrünen Holzkreuz stehen in gleicher Farbe Mülleimer, davor ein offener Zinksarg. Ein in ein Tuch gehüllter Leichnam raucht im Rollstuhl eine Zigarette. Der Steifbeinige, in Gestik und Kleidung Charly Chaplin nachempfunden, ist der Diener Clov, dessen Name, rückwärts gelesen, wie Volk klingt. Die rauchende Leiche entpuppt sich als sein Herr und Gebieter Hamm, was man am besten wie das englische Wort für Schinken ausspricht. Selbst blind und lahm schnarrt dieser Hamm noch Befehle, doch nicht mehr siegesgewiß, ernst, furchteinflößend, sondern, angesichts des nahen Untergangs der Menschheit, zynisch, grinsend, lachend. »Vernichte die Laus«, sagt er, »denn aus ihr kann sich eine neue Menschheit entwickeln«.

Sein Diener Clov, der zweimal mittels seiner Leiter aus winzigen Luken, die er erst umständlich öffnen muß, in irgendein »Draußen« schaut, ist eher depressiv angelegt. Er fragt sich beständig, warum er seinen Herrn nicht verlassen könne, kündigt es dauernd an, »ich werde dich verlassen!«, aber tut es nicht, erscheint sofort, wann immer der andere pfeift, weiß selbst nicht, warum. Dazu die Eltern von Hamm, Nagg und Nell, die sich wie Lemuren aus Mülltonnen erheben und ihren Brei verlangen, als gänzlich der Lächerlichkeit preisgegebenes Über-Ich.
In dem bereitgestellten Sarg streckt sich manchmal der Diener genüßlich aus. Er strampelt und träumt davon, den blinden Herrn mit einem Ziegelstein zu ermorden, aber solange dieser den »Schlüssel zur Speisekammer« nicht herausrückt, läßt er es bleiben.

In einem letzten Zimmer sind hier die autoritären Kräfte der 50er Jahre übrig geblieben, die zur Zeit der Entstehung des Stücks gerade wieder aus ihren Löchern gekrochen kamen. Sie haben die Welt zerstört, sie sind schon fast selber Staub. Draußen gibt es nichts mehr, keinen Menschen. Sie warten und stellen sich immer die gleichen, sinnlosen Fragen.

“Ich habe dich zuviel leiden lassen«, sagt Hamm überhaupt nicht reumütig zum untröstlichen Diener, der es nicht schafft zu gehen, was dem anderen Anlaß zu Spott und Späßen gibt, auch, um den Untergebenen schön klein zu halten. Clov hat seine Tricks. Er belügt und betrügt den Blinden und Lahmen, bringt statt des Fernrohrs den Ziegelstein, schiebt ihn nicht in die Mitte des Zimmers, sondern tut nur so, erzählt ihm, draußen seien Wiesen zu sehen, obwohl da nur Schuttwüste ist, über die er weinen muß. Durch Klassenzugehörigkeit getrennt, bleiben diese ziemlich besten Freunde aufeinander angewiesen.

Am Ende hat der Diener die Hand an der Türklinke, während der andere wenigstens mit einem Tuch zugedeckt werden will. »Willst du meine Augen sehen?« fragt Hamm tückisch. Es ertönt Marschmusik, Hamm gibt den Takt an, den Diener gruselt es: »Hast du damals viel geblutet?« Hamm lacht, verneint, es freut ihn, andere das Fürchten zu lehren. Schließlich lüftet er die Sonnenbrille, die er die ganze Zeit trug. Gelbe, völlig starre Augen blicken ins Publikum, ohne Regung, man kann in ihnen den Tod sehen, der einem bevorsteht. Der Blick läßt einen frösteln, aber man muß auch lachen. Wer sein Gefühl auszulöschen versucht, macht sich lächerlich.

»Wir sind gescheitert!« »Frisch voran!« ironisiert Hamm. Clov klagt: »Ich sehe mein Licht, das stirbt!« Hamm: Schau mich mal an! Sind deine Samenkörnchen aufgegangen?« Clov: »Sie haben nicht gekeimt! Ich lag zu deinen Füßen, du schicktest mich zum Teufel!« Hamm lacht, provoziert: »Ich werde dir nichts mehr zu essen geben!« Oder: » Nur gerade soviel, daß du nicht verhungerst«, darauf Clov: »Ich verlasse dich!« Hamm zynisch: »In deiner Küche?«

Da melden sich aus den Mülltonnen die Alten: »Erinnerst du dich an die Ardennen, als wir unsere Hacksen verloren?« Nagg und Nell machen Kriegsgeräusche nach, trompeten, schießen: »Da waren wir noch tatkräftig!« Hamm hält sich die Ohren zu: »Seid still, ich will schlafen. Wenn ich doch schlafen könnte!« Die Alten: »Es war auf dem Comer See«, nüchtern: »Wir hätten ersaufen sollen!« Zu Hamm: »Dann hätten wir dich nicht gekriegt, das wäre gut gewesen.« Clov abseits, zum Publikum: »Wenn ich ihn töten könnte, würde ich glücklich sterben!«

Draußen alles grau und schwarz. Man assoziiert: Atomwüste nach dem nächsten Weltkrieg. Hamm und Clov sind die letzten Clowns der mordenden, ermordeten Menschheit. Am Ende erreicht der Diener die Tür, ergreift die Klinke, reißt sie auf, Sonne kommt rein. Hamm pfeift, Clov kommt nicht, dunkel mit Sonnenlicht wie in der ersten Szene.

Rick Cluchy, der im San-Quentin-Gefängnis in den USA als Häftling einen Drama-Workshop gründete: »Es hat uns damals bei der Arbeit mit Beckett besonders beeindruckt, daß die Insassen von San Quentin alles völlig normal fanden, worüber das Publikum sonst überall in der Welt rätselt.« Die Ausgestoßenen und Durchgeknallten, die Bewohner unserer modernen Wüsteneien, das seien die wahren Beckett-Menschen.

Clov wird herausragend witzig gespielt von Markus Voigt, der damit in Stralsund auch sein Endspiel gibt, als Chaplinscher Diener zweier Herren und poetischer kleiner Mann, dessen unmerkliche Auflehnung irgendwann doch wirksam wird.

Nächste Vorstellungen: 6. u. 17. Juni in Stralsund, 11. u. 12. Juni in Greifswald

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