Niklas Heinicke: Das Fest in Barmbek Rezension

Zinnschmelze

In der Zinnschmelze, einem Kulturtreffpunkt in Hamburg Barmbek hat sich eine Theatergruppe an ein tolles Stück gewagt: Das FEST, nach dem gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg, in einer Inszenierung von Niklas Heinicke: Eine gut gelungene Inszenierung, alle Achtung!  

Der Dogmafilm des großartigen dänischen Regiesseurs Thomas Vinterberg „Das Fest“, bei dem einer, der seinen Missbrauch auf dem 60-igsten Geburtstag seines Vaters enthüllt, am Ende siegreich ist, steht einzigartig in der Missbrauchsliteratur. Nicht nur gibt er Missbrauchopfern Mut, weil er ihre Aufgabe der Enthüllung mit all seinen Folgen dezidiert beschreibt, er entlarvt gleichzeitig die Mechanismen bürgerlicher Familienidylle bis in die kleinste Einzelheit, der ganze Film ist das Wegziehen eines Schleiers über der bürgerlichen Gesellschaft und der anschließende „Erfolg“, der darin besteht, dass der Vater für alle sichtbar und spürbar enttarnt ist, leistet auch einen Beitrag der Solidarität mit dem Enthüller, ein deutliches Parteinehmen. Davon existiert seit Längerem eine Bühnenfassung, sie wurde in Schleswig Holstein schon gespielt, Lübeck, Neumünster, auf kleinen Bühnen. Große Bühnen wagen sich leider nur selten an diesen Stoff. Das Interesse scheint von unten zu kommen. Am 22.10. feierte es im Barmbeker Erwachsenen-Theater „Zinnschmelze“ Premiere, eine kleine Bühne unterm Dach, darin ein im offenen U der Bühne zugewandter festlich gedeckter Tisch, an ihm 16 Gäste und 3 Hausangestellte. Der Kunstgriff des Regiesseurs Niklas Heinecke, die Gäste samt und sonders in schwarzweiß gekleidet, grau überpudert, auftreten zu lassen, nur den Enthüller in echten Farben, bei  Einzelszenen die ganze Gesellschaft einzufrieren und wie zu einem Schwarzweißfoto abzublenden, hat eine enorme, den Inhalt vertiefende und dramatisierende Wirkung.

Eine eigene Perspektive ist gelungen

Das Fest GruppeDie zusätzliche  Schwierigkeit die hohe Qualität der Schauspieler im Film mit anderen Gesichtern überdecken zu müssen, also gegen längst bekannte Darsteller in den Köpfen des Publikums anspielen zu müssen, war für die Hauptdarsteller eine schier unlösbare Aufgabe, sie haben es aber gut gemeistert, tatsächlich gelang es, die Filmschauspieler für diesen Abend kurzzeitig zu überdecken, gelang es eine eigene, vom Film losgelöste Perspektive zu finden, gelang es zu berühren und zu bewegen und etwas deutlich zu machen. In manchen Momenten war es zum Beispiel nicht möglich mitzuschreiben, da das Kratzen des Bleistift zu hören gewesen wäre. Als die Beleidigungen und ungeheuerlichen Grob- und Gemeinheiten des sich rächenden Vaters auf den Sohn einprasselten, erstarrt das Publikum hörbar. Wenn der Brief der toten Schwester verlesen wird: “Mein Vater stellt mir wieder nach, jedenfalls in meinen Träumen..”, wenn der Vater endlich sein wahres Gesicht zeigt: “Ist es meine Schuld, dass ich so unbegabte Kinder habe?” und auf die Frage des Sohnes, warum er es machte, endlich sagt: “Ihr wart nicht mehr wert!”, das sind große Szenen!

Den Schleier von Abwehr und Verdrängungen wegziehen

Man kann sagen, dass die Umsetzung dieses Stoffes gelungen ist, dass es sich lohnt, sich das kleine Theaterensemble in Hamburg Barmbek anzusehen und dass der Stoff aus dem Film „Das Fest“ etwas ist, das Menschen aller Klassen und Schichten interessiert und weiterbringt. Ich bin ein großer Fan diesen Stoffes, ich finde unbedingt, dass man sich mehr damit beschäftigen sollte, den Schleier von Verdrängungen, Abwehr, Projektionen und Identifikationen mit aggressivem Verhalten wegzuziehen, anders wird man sicher den modernen Familienzerrüttungen nicht auf die Spur kommen, die unsere Lebensqualität und unsere wahren Entfaltungsfähigkeiten einschränken. Solch eine Art der Befreiung ist wichtig und eine Voraussetzung dafür, selber freiere Verhältnisse zu schaffen.  Es ist kein Zufall, dass das Bedürfnis, diesen Stoff zu spielen, von unten kommt, aus den kleinen Theatern, aus Barmbek und der Provinz, unbedingt hingehen,  24.10. sowie am 29.10. 10, Zinnschmelze, U/S-Bhf Barmbek, Ausgang Wiesendamm, Hamburg, Tel: 040/20978939

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