Der Idiot im Hamburger Schauspielhaus – Rezension

„Der Idiot“ im Hamburger Schauspielhaus, in der Regie von  Karin Henkel ist mit Lina Beckmann in der Rolle des geschlechtslosen Fürst Myschkin eine überaus gelungene Inszenierung. Sie lebt durch ihre Hauptperson, die in ihrer Körpersprache die Dostojewski´schen Beschreibungen des Myschkin´schen Sonderlings minutiös nachempfunden und preisverdächtig ausgedrückt hat.

Einen 800-Seiten-Roman auf die Bühne zu bringen braucht dramaturgisches Geschick und Nachdichtung, daher ist es immer ein Wagnis. Im Hamburger Schauspielhaus ist es mit einer perfekten Besetzung (Lena Beckmann, Charly Hübner, Lena Schwarz, Markus John u.a.), einem passenden Bühnenbild (Muriel Gerstner, das Innere bürgerlicher Handelskontore) und einer einfühlsamen Regie (Karin Henkel) bravourös gelungen. Meines Erachtens ist dieses Stück, was bisher nur selten gespielt wurde, die beste Literaturadaptation des Jahres 2014.

Vor Peinlichkeiten keinerlei Hemmschwelle

Die Art, wie dabei die Hauptperson getroffen ist, ist grandios: In der Art seiner Bewegungen, Zuckungen, Absonderlichkeiten, in der besonderen Schnelligkeit und Unmittelbarkeit seiner beredten Sätze, in der Art des Witzes seiner Antworten, denen stets etwas Beflissenes, Unterwürfiges anhaftet, dass aber vollkommen gutwillig daher kommt und offen, seine Naivität, sein Wohlwollen, seine Güte, die selbst den Mörder entwaffnet, seine Offenheit, die vor Peinlichem keinerlei Hemmschwelle zeigt. Dazu all seine Tics, seine Ängstlichkeit, sein vermeintliches Ungeschick,  seine Freundlichkeit, der eine  Liebeszugewandtheit zu jedermann innewohnt, sein Mitleiden mit denen, bei denen er Leiden aufspürt, seine Bewunderung allem Können gegenüber –  es ist ungeheuerlich, wie gut Lina Beckmann dies alles in Bewegung, Ausdruck, Mimik und Gestik gestalten kann. Kein bischen altertümlich. Moderne Variante eines armen abgerissenen Menschen, der anders ist als die durch Vernunft gehemmten Normalbürger und der dazu die Weisheit eines Geisteskranken zeigt.

Einer der Erniedrigten und Beleidigten auf der Bühne

Vielleicht durch die Vielschichtigkeit der Gestaltung der Hauptperson, vielleicht durch die Kostümierung, vielleicht durch die Bühne, die nicht aufdringlich modernisiert wirkt, ist die Aufführung sehr aktuell und damit wird sehr auf das Werk neugierig gemacht.  Ziel ist einen sonst stets „Erniedrigten und Beleidigtem“ auf die Bühne zu bringen und ihm, entgegen allen Erwartungen zu Würde zu verhelfen.

Bote aus einer anderen Welt

Hier steht er, der „Idiot“, in abgewetzten Kleidern, zotteligen Haaren, mit einem schmutzigem Stoffbeutel in der Hand.  Das Publikum erblickt sich selbst in ihm. Offen und ungeschützt liegt seine Seele da, zuckt und windet sich in jedem Aufschrei und jeder Angst.

Unter einer liegenden Jesusfigur

Das Stück beginnt zunächst mit der letzten Szene, Rogoschin und Myschkin sitzen bei einer Frauenleiche und Myschkin schlottert am ganzen Körper. Dass da eine Leiche ist, lässt sie erstaunlich ruhig, sie unterhalten sich über ihre Beziehung, der eine sachlich, nüchtern, der andere, Myschkin zitternd, verwirrt. Über ihren Köpfen ein Bildnis einer liegenden Jesusfigur auf dem Totenbild, die entfernt an Holger Meins erinnert. Unten die beiden auf dem Bett mit der Frauenleiche.  Myschkin äußert Mitleid, Rogoschin sagt, er solle nicht so schlottern. Zerstreut spielen sie Karten, es wirkt makaber. Ein Arm der Leiche steht hoch, sie stoßen daran an. Die Szene trübt sich ein, Geräusche, wie das Steigern des Schlotterns ins Krampfen. Die Hauptperson verschwindet, die Erzählung beginnt: Myschkins Ankunft am Bahnhof, die Figur seines Mitreisenden Rogoshin, die Familie der entfernten Verwandten, die weiteren Figuren sind jeweils Prototypen einer hierarchisch- patriarchalischen Gesellschaft. Ein Panorama von Ausbeutung, Geldgier und Selbstentfremdung, von Langeweile, Resignation und Sinnentleerung. Sämtliche Konventionen haben ihren Sinn verloren und in Dickens´schen Szenen werden zunächst nur gesellschaftliche Gruppen und deren Leiden gezeigt und überspitzt offengelegt.

Wir sind sehend geworden

Zu den vorkommenden Figuren und ihren Umständen ist die Figur des Fürsten so angelegt, dass er Widerspruch provoziert und in einen solchen immerzu gerät, so dass alles, was passiert,  durch ihn auf die Spitze, zur Katastrophe hin, hochgesteigert wird.  In zwei Frauen, in denen das Muster `Heilige und Hure´ kritisch reflektiert wird, bricht Liebe zu ihm aus, sie dringt durch die Konventionen und verwirrt Beteiligte wie Leser. Myschkin liebt sie beide, das hat keine Chance. Auch der Fürst scheitert am Ende, nur wir sind sehend geworden.

Ohne jede Gemachtheit

Lina Beckmanns Spiel ist ohne jede Gemachtheit, sie bringt ihre Figur in einem lebendigen, choreografisch ausgefeilten Spiel, wo jede Geste ihrer nervös fliegenden Finger stimmt, wo die Mimik ihres Gesichts die offenherzige Kindlichkeit der Emotionen spiegelt. Die Bewegungen ihrer Hände verraten, zeigen, bringen zum Ausdruck. Man fühlt sich erkannt, gemeint, gezeigt. Kindlichkeit gibt hier Antwort auf Verletzung.

Konzentrisch um die Hauptfigur konzipiert

Kein Mensch merkt, wie zwei, drei Stunden vergehen. Die Handlung tobt, ohne hektisch zu sein, Katastrophen entstehen unmerklich. Myschkin ruft sie hervor. Durch seine Unverstelltheit, seine Angst, seine unerwarteten Reaktionen. Einen Sonderling wollte sich der Romanschriftsteller zur Hauptperson nehmen, daran könne man dann Wahrheit abbilden. Das ist gelungen, Karin Henkel hat das Stück konzentrisch um ihre Hauptfigur herum, geradezu gläsern konzipiert. Sie gibt dem Fürsten Fleisch und Blut, Humor und Ernsthaftigkeit, Trauer und Größe. Ganz neu begreift man diesen Roman.

Das Revolutionäre an ihm liegt im Aufdecken

“Die Grundidee ist die Darstellung eines wahrhaft vollkommenen und schönen Menschen“ so hat Dostojewski es einst in einem Brief formuliert (Zitat nach Programmheft), dies ist hier vorbehaltlos und mit allen Brüchen gelungen.  Den anderen Figuren im Stück kommt die Aufgabe zu, an dieser  Wahrhaftigkeit zu wachsen oder zu zerbrechen, sie bewähren sich nur zeitweise. Myschkin endet. Nicht am Kreuz, in lang anhaltenden Verzweiflungs- und Angst-Krämpfen. Wir trauern um unseren Sympathieträger.  Eine moderne Christusgeschichte. Das Revolutionäre an ihm liegt im Aufdecken. Nichts Verstecktes lässt Myschkin gelten, kein Heucheln, kein Übertünchen. Er sieht und fühlt alles, gibt allem Gesehenen und Gefühlten sofortigen Ausdruck. Wir erschrecken darüber, denn wir sehen wie in einem Spiegel unsere marode Gesellschaft.

Nach dem Ansehen des Stückes rast man, wo man gerade ist, zum nächsten Bücherregal, reißt das Buch heraus, schlägt es auf, findet die Seiten, liest, verschlingt, liest die ganze Nacht.

Nächste Aufführung am 25.1.14, weitere Infos hier

Ein Gedanke zu “Der Idiot im Hamburger Schauspielhaus – Rezension

  1. Herzlichen Dank für Ihre lobenden Worte, die ich aus vollem Herzen nachempfinden kann (wir waren in der gleichen Vorstellung). Ein Besuch in Hamburg lohnt aber nicht nur für dieses Stück. Lina Beckmann ist z. B. noch in “John Gabriel Borkmann” und “Die Ratten” mit ihrem grandiosem Spiel zu sehen. Weitere herausragende Schauspieler wie Maria Schrader, Joachim Meyerhoff, Julia Wieninger oder Michael Wittenborn begeistern in Ihren Rollen.
    Also, jederzeit herzlich willkommen in Hamburg!

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