Unschuld im Staatstheater Cottbus – Rezension

Neben Elfriede Jellinek und Yasmina Reza gehört die 1964 in Bayern geborene Dea Loher zu den Großen in der deutschen Theaterkunst. Ihre Stücke sind freie Assoziationen zu heutigen Gegenwartsproblemen, in denen skurrile Personen ein Spiegelbild unserer Gesellschaft abgeben. 

Im Fall des Stückes „Unschuld“, unter der Regie von Wulf Twiehaus, geht es um Flucht, Selbstmord, Schuld und Mord. Es werden Blicke in die seelischen Abgründe von Figuren geworfen, die jeweils etwas Gescheitertes, etwas Verzweifeltes, etwas Unglückliches und auch etwas Böses und Verrücktes verkörpern. Am Ende merkt man, dass daraus die sogenannte „Normalität“ besteht und sich kein Mensch davor schützen kann, schuldig zu werden, sich also in jedem Moment des Lebens immer von Neuem bewähren muss. Der Ansatz ist also sowohl ein surrealer, als auch ein existentialistischer, hat auch etwas vom absurden Theater, am Ende leuchtet aber auch etwas Versöhnendes auf. Die Handlung ist in einzelne, sich überlappende Szenenfolgen untergliedert, die zunächst äußerst fragmentiert wirken, ein Zusammenhang erschließt sich erst zum Ende hin, indem sich manche der Figuren begegnen und sogar anfreunden, wie im Falle des Flüchtlings Elisio und der Frau Haberstatt.

Es beginnt mit dem Anlanden zweier Flüchtlinge, die aber nicht, wie heute üblich, inmitten von Massen anderen Gestrandeten ankommen, sondern als ungleiches Freundespaar. Sie begegnen als erstes einer Selbstmörderin, die sie versäumen zu retten, neue Szene: Eine übergriffig-aufdringliche Alte klingelt bei Familien, die ein Kind durch Mord verloren haben und gibt sich bei ihnen als Mutter des Mörders aus, die um Vergebung bittet. So werden in verschiedenen, einander abwechselnden Szenenfolgen einsame Menschen sichtbar, deren Existenzen um Tod, Selbstmord und Mord herum  kreisen und die jeweils besonders skurrile und absurde Verhaltensweisen zeigen. Da ist Tragik manchmal auch witzig. Zusammen aber bilden all die Szenen ein Bild einer Gesellschaft, in der sich der Einzelne betrogen, enttäuscht, missverstanden, nicht geliebt, zu viel geliebt, erdrückt, erwürgt und missachtet fühlt, so dass er das Leben lieber wegwerfen will und sich woanders hin wünscht. Alle Personen eint, dass sie sich schuldig fühlen, obgleich sie doch gar nicht schuldig sind. Oder was ist Schuld? Das wird verhandelt, auch Hass und Mordlust wird gezeigt, eine alternde Philosophin hat ein Buch geschrieben über die zufällige Bedingtheit der Welt. Das widerlegt jegliches Gottprinzip, aber widerlegt es nicht auch das Prinzip Schuld? Diese jedenfalls knallt am Ende des Stückes überraschend ihren Ehemann gegen die Wand, dass dieser tot zusammenbricht, macht sich also wirklich schuldig. Und sind die anderes es nicht? Die einzelnen Szenen fügen sich nach und nach zusammen, die fremden Personen begegnen sich und solche Begegnungen schaffen manchmal auch eine Atmosphäre der Heilung und des Trostes. Sehr gut gelungen ist die Figur der zuckerkranken Frau, ihre Dialoge, mehr Monologe, sie redet ihre Tochter und deren Mann zu, sind messerscharf und witzig und sehr gut getroffen für die Altersgruppe der heute 70-jährigen, Kriegskinder, Weltverbesserer, Emanzipative, Raucher, Tatmenschen, aber bettelarm.  Ein weiteres Highlight ist der Autofahrer, ein Mann der nur durch die Art seiner Kommentare zeigt, dass er unter einer Autobahnbrücke in einem Stau warten muss, da über ihm, auf einer Brücke eine Frau hinunterspringen will, die man noch versucht zu retten. „Spring!“, schreit er, „Spring endlich!“ und enthüllt in weiteren Worten dieser Szene viel neuzeitliche Menschenverachtung. Nein, die Menschen sind kalt zueinander, gleichgültig, das bißchen Wärme ist eher Anspruch an den anderen, die ewig unerfüllbar bleibt.  Das Sartre-Wort fällt einem ein: Die Hölle, das sind die anderen.  Geschliffene Sprache, ein malerisch-abstraktes, leicht surreales Bühnenbild, mit großer Tiefenwirkung nach hinten, spielte das Stück fast nur im Subproletariat einer gedachten Gesellschaft. Interessant fand ich die Art der Szenenwechsel. Die Personen der grade gespielten Szene blieben hinten oder an den Seiten des Raumes „kleben“, erstarrten, rollten sich weg, bewegten sich manchmal noch wie in Zeitlupe, während die neuen Personen diagonal über die anderen hinweg in die Mitte der Bühne traten, so dass es wie ein Bild wirkte, was im selben Moment gezeichnet und gemalt wird. Sehr schön!

Manchmal in Teilen etwas unverständlich, daher die Gefahr zu starker intellektueller Abgehobenheit, kein Brecht´sches Lehrstück, eher ein Stück magischer Realismus.

2 Antworten auf “Unschuld im Staatstheater Cottbus – Rezension

  1. Hallo Anja,
    ich war sehr erfreut dich kennenzulernen. Da ich aber auf diese Website keine Emailadresse gefunden habe, benütze ich die Kommentarspalte, damit ich dir eine Email schicken kann, mit der Hoffnung, dass du sie lesen kannst.
    Wir haben uns auf der Demo am 6.3. getroffen. Wir waren zwei Aktionistinnen für die Abschaffung der Prostitution. Auf der 2.Bild dieser Onlineseite sind wir abgebildet: http://www.morgenpost.de/berlin/article207127689/Demonstration-zum-Weltfrauentag-in-Berlin.html?__pwh=yY8B3iOTryI6VsH0VgY2Yg%3D%3D
    Du sprach von eine Lesung aus dem Buch von Rachel Moran. Ich habe darüber nachgedacht und kann mir gut vorstellen dies mit einer Benefizausstellung zugunsten Sisters e.V. z.B. zu organisieren. So könnten wir in einer Galerie sie veranstalten.
    Was hältst du davon?

    Schöne Grüße,
    Hélène

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