Theater Ramba Zamba: Mit 200 Sachen ins Meer – Rezension

Dem Ensemble am Ramba-Zamba-Theater ist eine besonders gute Inszenierung gelungen, ein Anti-Psychiatrie-Stück: „Mit 200 Sachen ins Meer“: Ein junger Mann kommt in die geschlossene Abteilung und begegnet dort Patienten, die ihn wieder aufbauen, einziger Verrückter: Der Cocktails schlürfende, Hawaiihemd tragende Arzt.

Eine Karrikatur mit Tiefsinn. Die Bühne einfach, schwarz mit acht rollenden leeren Türrahmen, behängt auf der einen Seite mit einer schwarzen, auf der anderen Seite mit einer weißen Jalousie zum Hoch- und Runterziehen. Wer dahinter steht, ist nur noch wie „hinter Gardinen“ sichtbar, manchmal wird hindurchgelugt, manchmal wird die Jalousie hochgezogen, manchmal runtergelassen, oft werden die Türen als Raumteiler benutzt, manchmal an die Seite gestellt, manchmal wird mit ihnen getanzt. Ansonsten nichts. Ein leeres Fensterglas wird zu Anfang und zum Schluss, ohne Rahmen, von oben in die Mitte herabgelassen und von einem tanzenden Putzteufel zu Anfang und Ende des Stückes gewischt. Wie durch dieses Fenster blicken wir in die Geschichte dieser Menschen. Keine weiteren Requisiten außer die Kostüme. Ein „Neuer“ wird eingeliefert: Guten Tag?“ sagt er, Newton im Rollstuhl (Sven Normann), der ständig mit zwei Brillen hantiert, antwortet: „Versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können“ und andere Weisheiten, dazu lässt er, wenn er lacht, seinen spastisch verkrümmten Körper wild im Rollstuhl aufbäumen. Dann bringt er einen köstlichen Song über den verordneten Optimismus à la Kreativität, der heutzutage in Psychiatrien `in´ ist, ebenso das Fasching feiern und andere Tollheiten, mit denen man die künstlich durch Haldol Betäubten wieder zu erwecken versucht. Diese interessieren sich aber mehr für den Schlüssel, mit dem sie `raus´ und die Liebe, wie sie die beim nächsten Mal besser hinkriegen könnten.

Du verstehst nicht, was in dir ist

Denn als nachts, wenn sie nicht schlafen können, alle ihre Geschichten zu erzählen beginnen, …„alles begann damit, dass ich plötzlich erwachte: Wie lange hatte ich schon nicht mehr die Haut einer Frau gestreichelt?“, fällt auf, dass nicht wenige nach einer gescheiterten Liebesbeziehung hier gelandet sind und anderen `natürlichen´ Ursachen, wie sie unsere „Gehorsamkeits-Gesellschaft“ so mit sich bringt, gegen die man sich nach Ansicht der Anstaltsbewohner auflehnen sollte, wie das Orakel dem Neuen klarmacht: „Du verstehst nicht, was in dir ist, geh‘, spiel mit den Hunden, wenn du den Wolf nicht kennst!“

Was wird aus uns werden?

Zu Beginn eher unauffällig, steigert sich die Intensität der Inszenierung kontinuierlich. Es wird immer mehr zu einem politischen Musiktheater mit Songs, die an die Dreigroschenoper und Georg Kreisler erinnern und die den `Patienten´ mehr und mehr Gesicht verleihen und Tiefe. Kay Langstengel, Autor und Musiker, der seit 2010 am Theater RambaZamba seine eigene Gruppe leitet, hat den Text seinen Schauspielern buchstäblich auf den Leib geschrieben, er sah sie beim Schreiben vor sich und sie haben sich alle darin wiedergefunden. Herausragend der große Monolog „Was wird aus uns werden?“, einem Rap-artigen Sprechgesang ähnlich, den Björn Wunsch (der Neue) mit fragenden Augen authentisch und eindringlich rüberbringt: „… Werden wir so geworden sein, wie wir wurden, weil wir nicht geworden sind, was wir werden sollen?“ Und am Ende: „…und werden wir werden, was wir werden würden, wenn wir werden, wie wir werden müssen, um das zu werden, was wir werden wollen?“ konterkarierender Kommentar dazu von Shaggy (Sebastian Kuhnt): „Geiler Scheiß. Der braucht nix von mir. Der ist auch so völlig durch.“

Wenn die Gäste die Reste liegenlassen

Wunderschön der Tanz des Putzteufels, der den Hygienewahn in medizinischen Institutionen karikiert, in Ermangelung eines Freundes oder einer Liebsten, tanzt Sascha Perthel auf wunderschöne Weise einen Walzer mit seinem Wischmob. Tobias Kreßmanns Nummer, wo er den „Neuen“ untersucht, ihm übergriffig auf der Brust herumkriecht, seine Knie auf Reflexe hin traktiert, ist herrlich zutreffend für die oft zu beobachtende ärztliche Arroganz. Ulrike Lührs Song: „Ick steh uff mir“ ist reif für die Oper, das Publikum ist vollständig gebannt, Christian Behrend gibt den `Wolf´, einen vor Kraft strotzenden Mann, der Zeugnis ablegt von seinem Lebenshunger, seinem Appetit, seiner unglaublichen Lebenslust: „Wenn die Gäste ihre Reste liegenlassen, nehm ich mir das Beste noch vom Tisch!“, aber das Highlight ist fraglos `Gingers Tanz´, „Wenn dein Leib sich im Dunkeln biegt“, eine Komposition von Enya Hutter, in diesem Stück zusammen mit Kay Langstengel die musikalische Leitung übernahm. Kolja Seifert, als ihr Freund Fred, der sie nicht verlassen hat, führt hier Sophie Schöffler in der Rolle der Ginger zu einem `integrativen Tanz´ besonderer Schönheit. Er holt die halbseitig gelähmte Freundin aus dem Rolli hoch, kickt ihn beiseite und bewegt die Stehende in sanftester Art in die eine und andere Richtung, hockt sich neben sie, nimmt sie leicht auf sein Knie und tanzt weiter mit ihr in minimalistischen, wie in sie überfließenden Bewegungen.

Verbildlichung eines Liebesaktes

Dieses ist ein Niederknien vor den Menschen, die andersfähig sind, und denen, die mit ihnen leben und sie verstehen, Verbildlichung eines Liebesakts. Menschen mit sogenannten Behinderungen wollen nicht betreut, gepflegt, behandelt und bespaßt werden, sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen und brauchen Menschen und Bedingungen, die ihnen das ermöglichen, hier wollen sie auch mithelfen, dieses einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Am Ende befreien sie sich mittels eines Schlüssels, den der Maniker Schraube (Heiko Fechner) immer schon in der Tasche trug. Der Schlussgesang wird von einer imaginären Klippe aus gesungen, wo die schäumende Gischt Newton und Goldie (Gabi Helmdach) ins Gesicht weht. Der Song: „Mit 200 Sachen ins Meer!“ steht für die Leidenschaft und das Risiko sich einem Leben `draußen´ hinzugeben und die Selbstbestimmung zu wagen.

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