Frau Müller muss weg – Rezension

Stefan Fischer-Fels will das Gripstheater weiter in Richtung Erwachsenentheater ausweiten, davor kann ich nur warnen. Die Qualität könnte verwässert werden.

Die Welt-Bedeutung, die das Grips auf dem Gebiet des Kinder-und Jugendtheaters über alle Grenzen hinweg und mit Tiefenwirkung weit in die nächsten Jahrzehnte bis vielleicht Jahrhunderte, durch sein Text- und vor allem Liedgut erreicht hat, wird es niemals im Erwachsenenbereich erreichen, allein deshalb nicht, da es dort nicht dieses Alleinstellungsmerk-mal der kritischen, originellen und emanzipativen Kinderliteratur besitzt.

Kritisch und emanzipativ wollen die anderen auch sein und sind es auch mal mehr, mal weniger, in einem hauptberuflichen Kindertheater kann das Erwachsenengenre nur nebenbei gespielt werden und häufig muss es dazu komödiantisch sein. Das sind Einschränkungen, die dem Erwachsenengenre  schaden, aber, und auch, falls es zur Angewohnheit wird, der Ernsthaftigkeit des Kinder- und Jugendtheaters.

So merkwürdig das erscheinen mag, aber das Kinder- und Jugendtheater des Grips besitzt eine Ernsthaftigkeit und die liegt in seinem Anspruch, den Volker Ludwig vielfach formuliert hat, einer Parteinahme für die Schwachen, einer punktgenauen Recherche, sowie in der Einmaligkeit seiner Stücke.

Das moderne Elternbashing-Stück

Nun das neue Stück „Frau Müller muss weg“. Überall bejubelt, überall beliebt. Das moderne Elternbashing-Stück des Lutz Hübner, wo eine Lehrerin als Opfer karrierehysterischer Eltern-Egomanen inszeniert wird, stellt mE eine Neuauflage rückwärtsgewandter Erziehungsauffassung dar, die in dem Ansatz gipfelt, dass „Lehrer besser über ihre Kinder Bescheid wissen als deren Eltern“, und  ist momentan  das beliebteste Lustspiel derzeitiger Bildungsbürger auf Kosten von Kindern. 

Kinder sind kleine Biester ?

Kinder sind eben kleine Biester, Kinder nerven eben, Kinder quälen gern andere und Kinder sind heutzutage verwöhnt und egoistisch, das alles wird behauptet, ohne auch nur den Funken von Hintergrund aufzuzeigen, und das alles wollen neuzeitliche Eltern mit Gymnasialwunsch nicht verstehen und deshalb prügeln sie auf Lehrer ein.  Eine kinderpolitische Haltung, wie sie von Volker Ludwig noch vor Kurzem formuliert (Grips Chronik 1969-2009) heißt doch, man stellt sich auf die Seite der Kinder, gegen kinderfeindliche Bedingungen, aber hier wird sich auf die Seite der Lehrerin gestellt und gegen Kinder und Eltern. Das Stück ist nichts als das Widerkäuen des Mainstreams im Sinne vom anderen Elternbashing-Mode-Stück: „Der Gott des Gemetzels“.

Angeschnauzt, zurechtgestutzt

Hier wird Ursache und Wirkung verwechselt und derweil feiern autoritäre Erziehungsprinzipien fröhliche Triumphe. Das kann man sogar, wenn man nicht gänzlich blind ist, im Foyer des Grips selbst, aber auch in jeder Kita und jeder Grundschule beobachten, wo Kinder wieder in Zweierreihen gruppiert, angebrüllt, angeschnauzt und zurechtgestutzt werden, wo Struwelpeter und Max und Moritz gelesen werden, wo mit Bienchen gelobt und mit Ritalingaben gestraft wird und wo mE Eltern allen Grund haben sich über Erziehungsmethoden neuzeitlicher Grenzentheoretiker zu beschweren, die den verwöhnt-faulen Langeweile-Kindern mal ihre aufzeigen.

Das Wehren verkommt zum Psychoterror

Stattdessen wird sich ausgerechnet im Gripstheater auch noch lustig gemacht über Menschen, die  versuchen sich gemeinsam im Sinne ihrer Kinder gegen etwas zu wehren, das Wehren verkommt zum Psychoterror gegen die arme Lehrerin und die Sorge der Eltern zum Run auf die beste Zeugnisnote. Auf der Bühne keine differenziert dargestellte Klassengesellschaft, sondern verfeindete groß- und kleinbürgerliche Kotzbrocken, deren Karrieredenken und egozentrisches In-Schutz-nehmen ihrer „nervenden Blagen“ zum Gaudi aller karrikiert wird. Das Ganze bleibt ohne jeden Klassenstandpunkt für das Kind.

Konstruktion des verwöhnten Kindes

Kinder kommen keine vor in dem Stück vor, treten da nicht auf, schade eigentlich, das wäre mal eine Variante gewesen, aber wann immer von ihnen die Rede ist, sind sie Karrikaturen ihrer selbst, sie werden beschimpft und erniedrigt ganz im Sinne der Konstruktion des „verwöhnten Kindes“. 

Auch war es niemals üblich, im Grips Mainstreamstücke zu spielen, die schon überall woanders auch gerade gut laufen, dazu der bundesweit überschätzte Regisseur Sönke Wortmann, (Die Päbstin, Das Wunder von Bern), der in der Welt mit dem schönen Satz zitiert wird: „Lehrer können Kinder besser beurteilen als Eltern“, nein, es ist zu schade, dass das passiert ist. 

Es ist einfacher nach unten zu treten

Eltern, die sich meist nur unter schweren Nöten aufraffen, gegen Lehrer einzuschreiten, da diese, wie wir wissen, immer am längeren Hebel sitzen, allein schon durch die Noten (außer in teuren Privatschulen vielleicht), werden von dem Stück von Hübner beleidigt und entmutigt. Jedoch Lehrer, die heute mehr über „unmögliche Kinder“ als über  unmöglichen Schulräte stöhnen, weil es immer viel einfacher ist nach unten zu treten, haben mit diesem Stück ihr Kultstück entdeckt und da es sehr viele depressive, angeblich durch bösartige Kinder unterdrückte Lehrer in diesem Land gibt, die es schon lange mal „ihren“ Eltern so richtig geben wollten, fährt das Stück auch gute Zahlen ein. Das hat aber mit seinem künstlerischen Wert nichts zu tun. Das Stück wird vergessen werden, die Lieder aber, die auf der ganzen Welt Kindern Mut gemacht haben, sich zu wehren, die werden überleben.

Das Stück war witzig und gut gespielt, auch so differenziert es das Stück nur hergab, weil im Grips erstklassige Schauspieler sind, aber ich bin enttäuscht, dass solch ein Stück überhaupt ins Grips geraten ist, nein, da gehört es nicht hin, den Kelch hätte man vorbeiziehen lassen sollen.

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