Das Wunder von Schweden – Rezension

Wunder von schwedenEine musikalische Möbelsaga, von Erik Gedeon und Klas Abrahamsson, Uraufführung im Schauspielhaus Hamburg schon am 24. 9.2009. Das Wunder ist hier weniger der Aufstieg des etwas hysterischen, an „Die Kindheit eines Chef“ von Sartre erinnernden Menschen, der seine vielen guten Ideen im Kapitalismus verpulvert, sondern die Ironie, der Witz und die köstliche Typisierung, die hier gelungen ist, um der Mär vom Tellerwäscher zu Leibe zu rücken.

Der liebe und guten Kapitalist, der sich um Kinder und junge Familien bemüht, in dessen Häusern wir gerne billig Tee trinken, Hot dog essen oder dänische Kuchen, danach unsere Möbel einzeln zusammenbasteln, der wird hier in all seiner Widersprüchlichkeit gezeigt. Die Widersprüchlichkeit, in der eben dieses Gutsein nicht gelingen kann, das sich verschwistern muss mit Waffen- und Ausbeutungsgeschäften, ohne die das „Gutsein“ im Kapitalismus eben nicht zu haben ist.

Börse, Spekulantendramatik, Einfallssreichtum

Dazu hat Erik Gedeon hat eine Vielfalt nordischer Klänge zusammengetragen, die diese Widersprüchlichkeit, die Ironie, den Spott und das Drama des Kapitalismus hörbar machen und klanglich symbolisieren. Die Biografie des fiktiven Ingvar Kamprad also ist ironisch als Leidensgeschichte eines Erlösers aufbereitet, als Kreuzweg eines gläubigen Kapitalisten. Dabei werden die technischen Methoden des Kapitals, Börse, Spekulantentum, Konkurrenz, Bosheit, Neid, gegenseitiges Ausstechen, alles auf der Basis größtmöglichen gegenseitigen Bekriegens sowohl gesanglich als auch musikalisch gut umgesetzt. Rezitative, Chorszenen,  Volksweisen. Ein Spottgesang, der das Publikum zum Lachen herausfordert. Die Szenen der gescheiterten Börsenpekulationen passen wunderbar in die aktuelle Situation, das Publikum lacht schallend ob dieser Entlarvung. Beides gelingt: Aufklärung, Entlarvung, Desillusionierung und nebenbei wird noch etwas deutlich: Es sind die obersten Kapitalgründer mancher Konzerne durchaus bemerkenswert einfallsreiche Menschen, nur dass sie ihre Ideen dem Kapital zum Fraß vorwerfen, das ihnen dann diktiert, dass es nur gegen, statt mit dem Rest der Welt weiter ginge. Die Versuche des Kamprad seine Interessen mit denen der Allgemeinheit zu verschmelzen sind rührend und zum Teil auch erfolgreich, müssen sich aber dann doch den martialischen Gesetzen des Kapitals unterordnen, und somit kann eine tragische Entwicklung der Hauptfigur, die hier im Witz gebrochen wird, nicht verhindert werden.

Als Fünfjähriger Streichhölzer verkauft

Kurz zum Inhalt: „Im kargen, holzreichen Småland, dem Armenhaus Schwedens, steht 1926 die Wiege eines der Wunderkinder der freien Marktwirtschaft: Ingvar Kamprad. Als Sohn verarmter deutscher Einwanderer väterlicherseits und einer schwedischen Krämerfamilie mütterlicherseits, entdeckt Ingvar Kamprad schon als Kind die Faszination von Gewinnmargen. Als Fünfjähriger erwirbt er Streichholzschachteln im Hunderterpack, um sie einzeln mit einem Bruttogewinn von mehreren Öre pro Stück weiterzuverkaufen. Mit siebzehn gründet er ein Ein-Mann-Versandhaus, mit der Geschäftsidee, günstige, für jeden Geldbeutel erschwingliche Möbel zu verkaufen – zerlegbare Möbel, die die Kunden selber transportieren und zusammenbauen können: IKEA ist geboren. Innerhalb weniger Jahre wird die Firma zu einem der weltweit erfolgreichsten Unternehmen. In dem akribischen, für alle Filialen verbindlichen Verkaufskonzept steht Kostenbewusstsein an erster Stelle, es enthält aber auch einen Tugendkatalog für die Mitarbeiter, von denen Bescheidenheit und Sparsamkeit erwartet wird. Alle duzen sich, und Privilegien für leitende Angestellte sind abgeschafft. Kamprad, der es liebt, bei seinen Besuchen alle Mitarbeiter zu umarmen wie eine große Familie, weigert sich hartnäckig, mit seinem Unternehmen an die Börse zu gehen und überführt das gesamte Firmenkapital in eine Stiftung, um seinen privaten Reichtum zu beschränken. Ausdrücklich bekennt sich der IKEA-Gründer zur Idee eines verantwortungsvollen, sozialverträglichen, »guten Kapitalismus«“ In diesem Stück ist es gelungen, diese Entwicklung sowohl zu schildern, als auch ad absurdum zu führen. Großartig und witzig, gut gespielt, mit hohem Aufklärungswert in Bezug auf die „marktwirtschaftlichen“ Gesetze.

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