Supergute Tage oder die seltsame Welt des Christopher Boone – Rezension

Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone, nach einem Roman von Mark Haddons: Hatte am 7.11. Premiere im Grips-Theater. 

Das Stück „Supergute Tage“ in der Regie von Barbara Hauck ist ein Erwachsenenstück,  ab Jugendalter.  Wie die meisten Grips-Stücke kennt es altersmäßig nur eine Unter- aber keine Obergrenze. Beeindruckend ist die Sensibilität seiner Figurenzeichnung und die Abstraktion von Dramatisierung und Bühne.

Es beginnt damit, dass ein Hund aufgespießt wird, eine Mutter stirbt, ein Vater seinen Sohn  dauernd kaltherzig anbrüllt, später kommt raus, dass der Vater  den Todesfall der Mutter dem Sohn nur vorgelogen, die Briefe der Mutter an den Sohn versteckt hat und auf all diese fürchterlichen Katastrophen reagiert  der Sohn völlig anders, als der Zuschauer erwartet.  Der 15-jährige Autist Christopher Boone will den „Mord“ an dem Hund aufklären, soll das aber nicht, er will  sein Mathe-Abitur machen, aber die Realität entführt ihn in eine Welt der Rätsel und Verstricktheiten. Die superguten Tage sind in Wahrheit bittere Tage. Christopher Boone entdeckt, dass er belogen wurde. Das eigentlich wie viele Kinder, die erwachsen werden, wo sie ihren Eltern auf die Schliche kommen. Christopher Boone ist ein Sonderling, zu Anfang unterscheidet er sich stark von anderen Menschen, am Ende hat man seine Andersartigkeit vergessen.

Die Bühne ist dabei ein aquamarinfarbener Hintergrund, auf dem rosafarbene Blasen blubbern. Sie besteht aus nichts, als weißen Plastikvorhängen, die Kante an Kante, von der Bühne herabhängen und sich auf den Boden ergießen. Sie werden angestrahlt von einander jagenden Sternen wie von den flirrenden Gedankengängen Boones, die sich in fernen Galaxien abspielen.

Über diese Vorhänge stolpern die Personen, hinter diesen verstecken sie sich, treten auf und ab, diese sortieren und rücken die Personen zurecht, besonders Christopher und die Eltern haben hier viel zu „ordnen“, mit diesen Vorhängen werden Landschaften und Requisiten durch Umschlagen skizziert, auf deren weißen Oberflächen werden abstrakte Bilder projiziert.

Die Szenen überlagern sich, Zeitsprünge ebenso, Erinnerungen durchspiegeln die Gegenwartshandlung. Personen sind auf unterschiedliche Art fremd. Man lernt: Christophers Vortrag über die Milchstraße, über physikalische Gesetze, über viele Einzelheiten, wo er sich auskennt. Immer neuester Stand der Kenntnisse, wusste man noch nicht. Dann aber sein scheinbares Kaltbleiben bei der Nachricht über den Tod der Mutter. Später sein Erstarren beim Finden der Briefe. Eine Lehrerin tritt auf (sehr gut gespielt von Alessa Kordeck), sie stützt Christopher, da sie von seiner Geistesschärfe beeindruckt ist. Sie macht seine Gedanken hörbar, die sie aus seinem Heft vorliest. Oft wird sie, laut vorlesend,  ganz zu ihm, wie eine Abspaltung seines Alter Egos. Denn in der Schriftsprache im Heft kann er genauer ausdrücken, was ihn bewegt.

Er einer, der „nicht lügen kann“. Er, der keine Metaphern und keine Ironie versteht, nicht den menschlichen Blick. Nicht Augensprache und Mimik. Wie kommt man da durch? Das wird nachfühlbar gemacht. Unprätenziös, ohne in Stereotypien zu verfallen.

Der 25-jährige Newcomer des Gripstheaters, Kilian Ponert, zeigt Autismus nach nur sechs Wochen Recherchezeit, (wo er sich, laut Programmheft, mit einer Autistin angefreundet hat) auf eine besonders, neue,  selbsteinfühlende Weise. Seine Mimik wirkt äußerlich starr, ist aber in Wahrheit sehr sprechend. Seine Augen halten keinen Blickkontakt, flirren und starren aber auf tausenderlei verschiedene Weise. Seine Gestik ist oft zwanghaft-stereotyp, aber doch abwechslungsreich, ausdrucksstark.

Nicht nur die Einfühlung in einen Autisten lernen wir hier und damit sei es allen Menschen, die von Inklusion quatschen, aber  Sparmaßnahmen verordnen, dringend empfohlen, sondern auch Einfühlung in uns, die angeblich „Nicht-Behinderten“.   Das Schauen auf uns mit dem Auge der Christopher Boone, wirft ein trübes  Licht zurück. Da die verwirrende Vielfalt menschlicher Zwischentöne, Gesichtsausdrücke, Bewegungen und Gesten, die uns eindeutig sind, für Christopher ein Mysterium bleiben, enthüllt sich dem Zuschauer Kälte, Rohheit und die Unechtheit  „normal“- gesellschaftlichen Beziehungen in Heuchelei, geheime Abwertungen, Lügen, Schmeichelein, Befehle, Gehässigkeiten und Angst.

Christopher Boone muss sich durchfinden, wie ein nichtbehinderter Junge in der Pubertät auch, er muss zwischen den sich streitenden Eltern, zwischen fremden Menschen in Bahnhöfen und Straßen einen Weg für sich finden. Und er findet. Und er strebt Ziele an, und er erreicht sie. Ein starkes Stück über Inklusion.

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