Lost Love Lost – Shakespaere im Ramba Zamba Theater – Rezension

jw Feuilleton / 23Lost Love Lost.12.11

Ein Spiel »mit« Shakespeare ist das neue Stück des Berliner Theaterensembles Ramba Zamba.

Eine Schauspielertruppe strandet an der Insel des verbannten Prospero, der sie auf Tod oder Leben Shakespeare spielen läßt. Den grün geschminkten Magier gibt der körperbehinderte Sven Normann, der seine dünnen Beine nicht versteckt wie allgemein üblich. Im Rollstuhl spielt er wie auf einem Menschheitsthron. Er kann, wie es aussieht, nur einen Arm bewegen, den schleudert er mit umso größerer Kraft gebieterisch nach vorn. Selten ist die Macht des Bösen, das aus erlittenem Unrecht kommt, so greifbar. Der Zauberer sitzt allein auf einer Empore über dem Abgrund, in dem gespielt wird, und führt durch das Stück. Sein Gefolge ist eine Armada von Rollstuhlspielern mit überdimensionalen weißen Totenmasken, die schon beim Einlaß zu unheimlicher Sphärenmusik herumgeistert.

Ein spannendes Stück aus einem Guss

Erstmals spielt in einem Ramba-Zamba-Stück das gesamte Ensemble aus körperlich und geistig Andersfähigen mit. Die Rahmenhandlung basiert auf »Der Sturm«. Um ihr Leben spielen die Gestrandeten zum Teil stark veränderte Szenen aus »Hamlet«, »Othello« und »Richard der III.«. Regisseurin Gisela Höhne und Dramaturg Hans Nadolny haben mit dem Ensemble ein spannendes Stück aus einem Guß entwickelt. »Lost Love Lost oder Laßt mich den Löwen auch noch spielen!« ist sein vollständiger Titel. Premiere war am 15. Dezember.  400 Jahre nach Shakespeare darf Lady Anne (großartig: die gehörlose Rosemarie Walter) sich dabei der Verführung durch den Vater- und Gattenmörder widersetzen. »Die versteht man ja gar nicht!« meckert ein Spieler, das bezieht sich auf ihre Gebärdensprache, die daraufhin einer der Rollstuhlgeister in verständliche Worte kleidet. Andersrum übersetzt der Luftgeist Ariel (Joannis Bacharis) in einzigartiger Choreographie alles Gesprochene für die Gehörlosen. Es gibt in diesem Stück keine Beschönigungen, kein umständliches Bemühen um Normalität, alles wird offen und klar gezeigt, nichts verborgen.

Hamlet verrückt – Ophelia schön – König Mörder

Ein Höhepunkt ist der Gebärdentanz aller Schauspieler, der zunächst nur Gebärden erklären will, aber dann wild und martialisch wird. Am Ende rücken alle deklamierend gegen das Publikum vor: » Hamlet verrückt – Ophelia schön – König Mörder!« Geiz, Machtgier, Mordlust der Mächtigen werden angeprangert. Desdemona und Ophelia sind mit Juliana Götze und Nele Winkler sehr gut und passend besetzt – wunderschön, wie Desdemona dem eifersüchtigen Othello ihre Liebe zeigt.

Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?

Ein weiterer Höhepunkt ist der Liebestanz zwischen Caliban und Emilia (Jan-Patrick Kern und Zora Schemm), die beide gedankenverloren über ihre Köpfe streichen, auf denen kein einziges Haar ist. Aus dem berühmten Shylock-Monolog wird zitiert: »Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?« Das tragen Menschen vor, die es nach Ansicht von Pränatalmedizinern nicht mehr geben sollte.

Spiel im Spiel

Vieles ist als Spiel im Spiel inszeniert. Gerade bei den Geistern wird klar: Die gibt es nicht. Da spielen nur welche – um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Das Finale ist großartig. Björn Wunsch, der vorher Laertes gespielt und den Shylock-Text rezitiert hat, fragt: »Wollt ihr denn ewig Sklaven sein, maulend und kotzend? Wollt ihr nicht endlich frei sein, Mensch sein?« Abspann: »Wir haben hier nur gespielt, dann unsere Rollen verloren, waren auf einer Insel gestrandet, wir froren, wir hatten Hunger, und deshalb spielten wir, Hamlet und Ophelia, Othello und Desdemona, Richard der III. und Lady Anne.«

Ein nachdenklich machendes Stück mit Profischauspielern

Ein großartiges Stück mit einer Tiefenwirkung über Tage und Nächte, wer will, träumt davon, sieht die Gesichter, die Masken, die Gesten und Tänze, hört die auf irrwitzigsten Instrumenten live gespielte Musik. Alles in allem ein nachdenklich machender Shakespeare-Abend mit Profischauspielern eines ungewöhnlichen Theaters, und einer deutlichen Botschaft: »Wenn ich der Herr hier wäre, dann gäb es keine Herren, keine Diener, keine Reichen, keine Polizei, kein Geld, keine Banken und allen ginge es gut.«

Nächste Vorstellungen: 4., 6., 7., 10. 1., 19 Uhr, 5. u. 9.1., 12 Uhr, Karten hier

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