Thomas Brasch im BE – Rezension

5.1.11 / jw-Feuilleton

Thomas Brasch

 

Als es die DDR noch gab, kämpften ihre Dissidenten in enger Verbundenheit zu den West-68ern für Frieden, Freiheit und Basisdemokratie, selbstverständlich waren sie gegen den Kapitalismus. Nach ’89 zerfiel das. Ost und West- Protestler sprachen nun oft verschiedene Sprachen

Umso interessanter ist Thomas Brasch. In der DDR war er für Sympathiebekundungen mit dem »Prager Frühling« in den Knast gekommen, dafür hatte sein Vater als stellvertretender Kulturminister gesorgt; 1976 ging Thomas Brasch in den Westen, ließ sich da aber nicht kaufen. Nie hat man von ihm ein Wort gehört, das im Sinne der Apologeten des Kapitalismus verwendbar wäre. Es ging ihm um das Suchen nach Wahrheit, nach Erklärungen, seine Sprachkraft war einmalig.

Angst und Wut öffentlich machen

Nach ’89 wohnte er lange direkt am Berliner Ensemble, wo er seit seinem zehnten Todestag am 3. November ausführlich gewürdigt wird, mit diversen Aufführungen und einer Ausstellung samt aufwendigem Katalog. Für das Stück »Vor den Vätern sterben die Söhne« hat Regisseur Manfred Karge den gleichnamigen Prosaband um Stück- und Gedichtauszüge ergänzt. Den Titel dieser Collage sollte man nicht zu sehr auf Brasch beziehen, auch wenn in ihm etwas gestorben sein muß, als ihn sein Vater zum Staatsfeind erklärte. Vorher wie nachher war Thomas Braschs Anliegen vor allem, die Welt verstehbar zu machen, » Angst und Wut öffentlich« zu machen

Nicht kleingekriegt

Zu sperrig für den westdeutschen Buchmarkt, passte er sich nicht an. An seiner Absicht, der größte deutsche Dichter nach Brecht zu werden, hielt er fest. Daß eine ganze Vätergeneration dagegen stand, hat ihn nicht kleingekriegt, doch früh sterben lassen, eingemauert in Tausenden »undruckbaren« Seiten

Da lerne er Gemeinschaftsgeist

In dem Stück von Karge wird Braschs lyrisches Ich von drei jungen Leuten verkörpert, die an Gittern lehnen, während ein älterer Mann an einem Tisch vorliest. Brief vom Vater an den Sohn in der Kadettenanstalt: Er könne sich durch eine militärische Erziehung sehr wohl auf den Beruf eines Schriftstellers vorbereiten, da lerne er Gemeinschaftsgeist. Auf einer Leinwand darüber ein Foto von Thomas Brasch als Kind in einem übergroßen Uniformmantel. Das dreigeteilte Ich erklärt synchron: »Ich kann nicht aus meiner Haut, ich kann nicht in Deine Haut, gebt mir eine neue Haut.« Und später: »Die Erde – ein kalter Stern, mit dem wir um die Sonne fliegen!« Die drei spielen kaum, sie stehen nur da und blicken das Publikum anklagend, wütend und trotzig an. Sie klammern sich an die Gitter, nie aneinander, stehen jeder für sich allein, sprechen dann als wieder andere: Fremde, Bekannte, Schaulustige: »Jetzt soll er sehen, wohin er fällt, von dem haben wir uns getrennt, das ist einer, der in die Kissen flennt, einer, der sich selbst ausbrennt.« Der innere Monolog dazu: »Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, wo ich sterbe, da will ich nicht hin, bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.«

Ich war mittendurchgebrochen

Später Szenen in einer Fabrik. Die Figuren zeigen, wie ein Werkstück im Akkord gemacht wird, oben ist Chaplin am Fließband zu sehen: »Im Schlaf kämpfen die Arme noch mit Eisen! – Ich war wie mittendurchgebrochen. Die Fabrik hört nie auf, wo immer auch ihr Ausgang ist.« Braschs Worte senken sich »wie Steine auf den Boden« jedermanns Seele, man merkt sie sich, sie hallen in einem wider, zum Beispiel: » In euren Akten werdet ihr alle ertrinken

Komm in den Steingarten

Handlung ist in dem assoziativen Stück nicht erkennbar. Einer liest in einem Wohnzimmer etwas vor, jüngere stehen an Eisengittern. Es sind Traumfetzen, Erinnerungen an Wut und Verzweiflung, oft gereimt: »Nacht oder Tag oder jetzt / will ich bei dir liegen / vom schlimmsten Frieden gehetzt, zwischen zwei Kriegen / Ich oder wir oder du, denken ohne Gedanken / schließ deine Augen zu, siehst du die Städte schwanken / Traum oder Tod oder Schlaf, komm in den Steingarten / Wo ich Dich nie traf, will ich jetzt auf Dich warten

Allereigenste Enge

Insa Wilke hat in ihrer Brasch-Dissertation geschrieben, er wolle mit seiner Kunst in die »allereigenste Enge«. Er selbst hat einmal festgestellt: »Wer schreibt, der treibt, so oder so«. Das macht Karges sparsame Bearbeitung sichtbar. Ihr sollen weitere folgen

Nächste Vorstellungen: 13. und 26.1., 19.30 Uhr

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