Durst – Ein Stück gegen die Wassermafia – Rezension

Das neue Stück im Grips in der Regie des Hannoveraners Florian Fiedler, legte von Anbeginn den Wert darauf, ein politisches Stück gegen die „Profitmaximierung“ des „blauenGoldes“ zu sein.

Die Schwierigkeiten, etwas als Kinderstück zu konstruieren, was nicht mal Erwachsene anschauen mögen, hat das Team eine lange Zeitdauer voller Recherche und Arbeit gekostet. Auf der Basis eines von Thomas Ahrens geschriebenen Urtextes ist dann ein Kollektivwerk des Ensembles entstanden.

Gelungene Einstimmung Indien

Auf der Bühne findet zunächst eine Einstimmung Richtung Indien statt. Auf dem Boden Sand wie an einem Strand, indische Klänge wie auf einer Entspannungs-CD, dazu bindet sich einer ( Robert Neumann als Diener Rahman) einen Turban aus einem auf dem Boden aufgerollten Tuch, als rolle er sich eine Schlange um den Kopf. Eine Frau (Nina Reithmeier als Dienerin Meena) in einem gelborangenen Gewand zündet Feuer über einem kitschigen Schrein an. Ein Tourist ( Florian Rummel als Malik) filmt alles wie eine Sensation, er selbst sieht dagegen langweilig aus, mit streng zurückgekämmtem Haar und Brille. Hinten schwanken graue Blüten, projeziert auf weiße Leinwand. Aua Kitsch, denkt der Zuschauer.

Die Idylle löst sich

Der Mann mit Turban beginnt den Sand zu harken, dass er glatt wie ein Kinderpopo wird. Plötzlich ein Satz, der nicht reinpasst: „ Weißt du, wann Mama kommt?“ Die Szene verändert sich apruppt, die Idylle löst sich. Der filmende Tourist wird zum Kind, das skypt und die beiden als Inder verkleideten, sind die Diener, die er laufend herumkommandiert: „Hol mir mal ne Flasche Wasser!“ Auf der Leinwand, hinten, eine Parallelhandlung in Europa, ein Mädchen (sehr wild Jennifer Breitrück als Pauli) sitzt mit ihrem Vater am Tisch und diese planen erst noch die Reise nach Indien.

Wie wenig man sich kennt

Eine gestresste Mutter, die auf ihrem Handy herumklickt tritt hinzu, eine typisch heutige Eltern-Kindkommunikation, in der sich niemand wirklich sieht und erreicht, spult sich ab, unsentimental wird hier neumoderne Vernachlässigung gezeigt, aus der der Sohn aber mittels des Skypens mit seiner Cousine einen Weg findet. Als die dann kommt, zeigt sich, wie wenig man sich real kennt, wenn man sich bisher nur vom Skypen sah. Dieser Enttäuschung versuchen die nun auf sich allein gestellten Kinder zu entfliehen, indem sie aufgedreht herumspringen, kurzfristige Vergnügungen suchen (Geil, machen wir ne Poolparty). Dahinein bricht die andere Seite der Realität, in der sich nämlich Meena um einen totkranken, vergifteten und verzweifelten Vater sorgt, weshalb sie fliehen will. Die Zuschauer kriegen mit, dass das wohl nicht geht, um Urlaub nachzufragen, denn als die Erwachsenen nach Hause kommen, haben die Diener zu gehorchen, als wären sie Leibeigene.

Möbel aus zusammengebundenen Plastikwasserflaschen

Schon sehr früh gibt es inhaltliche Einsprengsel über Berufliches, das irgendwie mit Wasser zu tun hat, der Vater sagt seiner Tochter, dass sie doch kein Leitungswasser trinken soll, da das seit der Privatisierung nicht mehr sauber sei , ein Hinweis auf das Bohren eines übertiefen Brunnens folgt und der Beruf der Mutter scheint es zu sein, Wasser zu säubern und es in Flaschen teuer wieder zu verkaufen. Spätestens da erkennt man, dass sämtliche indischen Möbel nur oberflächlich indisch bespannte Seltersflaschenkästen sind, und die Chaiselonge aus zahllosen zusammengebundenen leeren Plastikflaschen besteht.

Erkenntnisprozesse durch Umbrüche

Das Stück hat mehrere, sehr plötzlich erfolgende Umbrüche, die jedesmal Stimmung, Lichtverhältnisse, Bühne, Gesichter und Bewegungen der Spielenden komplett ändern. Damit werden Stück für Stück die schwierig konstruierten Erkenntnissprozesse in Gang gesetzt, die dieses Stück inhaltlich befördern will.

Das geschieht auf der Autofahrt durch die Stadt und durch das Land, als sie die flüchtige Meena suchen, das geschieht, als ein Monsunregen über das ausgedörrte Land niedergeht, danach ist der ganze Boden mit leeren Plaste/ik/flaschen übersäht, das geschieht, als die Kinder gewahr werden, was ihre Eltern in diesem Land anrichten und sie sie dann damit konfrontieren. Der letzte Umbruch ist ein stärkeres Umschlagen, da die Kinder sich nicht zufriedengeben mit den glatten Entschuldigungssätzen ihrer Mittelstandseltern, sondern einen gemeinsamen Zuschauerprotest konfrontativ anfeuern: „Bleib, wo du bist / Was geht dich ein andrer an /sorg dich nur um deinen Kram!”

Aber dann:  “Wir wollen wie das Wasser sein/ weiches Wasser bricht den Stein“ und am Ende: “Augen auf,.. Mund auf /Tu was, sag was! / Steht alle auf und macht Tumult / Wasser für alle!“ Laut, rhythmisierend.

Die letzten Szenen voller Wut und Aufruhr

Als die Eltern immer noch nicht einsehen wollen, dass hier was falsch läuft, heben die Kinder an, das durch die Eltern versuchte Wasser zu trinken! Da erst schreiten die Eltern ein, nehmen wahr, was die Kinder ihnen sagen wollen.

Die letzten Szenen voll Aufruhr heben das Stück aus der Reihe anderer Umweltstücke heraus, die dabei stehenbleiben, den Kindern gegen das Übel in der Welt das Mülltrennen zu empfehlen.

Die Informationen und Bilder über die himmelschreienden Zustände, die die internationale Wassermafia  in ehemals blühenden Gegenden hervorgebracht hat, die vorsätzlichen Vergiftungen, die Selbstmordzahlen, die Wasserarmut, die Verschuldungen, die durch tiefere Bohrungen dann nötig sind, die neue Verzweiflung hervorrufen, und über die sich insgesamt dadurch bis aufs Äußerste zuspitzenden Klassenwidersprüche zwischen arm und reich, das ist alles recht viel und zT zu theoretisch, und es wird ein moralischer Druck aufgebaut, der sonst nicht üblich ist im Gripstheater.

Die Altersangabe sollte  (ab 11) also unbedingt eingehalten werden. Allerdings ist dem Stück mit dem kämpferisch-wütenden Ende ein Schluss gelungen, der geeignet ist, der bei den Erwachsenen aufkommenden Resignation entgegenzuwirken.

Lösung daneben: Nicht zurücklehnen und das Gewissen bei Demeter beruhigen

Im Programmzettel ist von ungerechter und ausbeuterischer Profitmaximierung die Rede, aber am Ende wird als Lösung, und das fällt hinter das Grips zurück, das Umstellen auf Bioprodukte empfohlen.  Eine wunderbare gutbürgerliche Lösung. Denn solange die faire Bioindustrie nur die priviligierte Variante ist, um für die Massenprodukte ohne Proteste die Giftindustrie weiter auszubauen, ist diese Lösung engstirnig.  Es müsste das andere alles dazu verboten werden. Denn sonst erscheint ein solcher Apell den Prekarisierten im Lande als Hohn. Denn wer kann sich von 300.- monatlich Bioprodukte leisten? Niemand. Und das muss erwähnt werden, da sonst der Bürger sich doch wieder zurücklehnen kann, da sein Gewissen bei Demeter befriedet wird.

Wichtig ist, wie damit umgegangen wird

Zwei Jahre arbeitete das Team gemeinsam an der Ausgestaltung, herausgekommen ist ein intellektuell und moralisch leicht überladenes Stück, was aber trotzdem zum Nachdenken anregt.  Ich mag ja die Szenen, wo die Kinder wütend die Parolen rufen und diese den Zuschauern auf Tafeln gezeigt werden, wie bei einer Demo. An der Stelle, die stark appellativ ist, finde ich es weniger moralisierend, sondern auch witzig.

Der Regisseur meint es ernst, er hat nach eigenen Angaben schon als 5-jähriger in seinem Dorf eine Anti-Atomdemo angeführt, er hat keine Scheu, auch Kinder schon mit schweren Problemen zu konfrontieren. Als Kind von 68-iger Eltern ist er dabei geblieben und will auch Kindern schon etwas Kämpferisches einhauchen.  Er will nach eigenen Worten nicht nur sensibilisieren, sondern auch Resignation vorbeugen.

Eine große Gefahr bei diesem Stück ist, dass alles am Ende pädagogisch gewendet, zu moralischem Appell an die Kinder, statt an die Erwachsenen verkommt. Der Appell nach Biomarken enttäuscht zum Beispiel spätestens dann die Kinder, wenn sie älter werden, um sich blicken und sehen, wie, unabhängig von allen Biofabrikationen, das Vergiftungselend im Namen des Profits zu-, statt abnimmt.

Nächste Vorstellung: Montag 15.4. um 10 Uhr im Grips

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