`Franziska´ und `Schande´ in den Münchner Kammerspielen – Rezension

jw / Feuilleton/ 7.1.14

Die Münchner Kammerspiele sind heute das einzige deutsche Theater im Jugendstil. Vertreter dieser Kunstrichtung verachteten jeden Protz, liebten das Spiel. Sie starben im Ersten Weltkrieg, waren im Faschismus verfemt. Besonders die Innenarchitektur des Hauses in der Maximilianstraße wirkt bis heute wunderbar eigenwillig und unkonventionell. Für den aktuellen Spielplan gilt das weniger, wie ich in zwei Inszenierungen erfahren mußte, »Franziska« von Frank Wedekind (Regie: Andreas Kriegenburg) und »Schande« nach dem gleichnamigen Roman des Südafrikaners J. M. Coetzee (Regie: Luk Perceval).

Puppenartige Karikaturen, die sich hopsend fortbewegen

Die Titelrolle in dem Wedekind-Stück wird von Brigitte Hobmeier gespielt. Sie ist als einziges erkennbar menschliches Wesen auf der Bühne umgeben von überdicken, puppenartigen Karikaturen, die sich hopsend fortbewegen, was zu großen Lachern führt. Offenbar wird damit die damalige Spießbürgerwelt auf den Arm genommen. Das Motiv wirkt ungemein redundant. Dazu sind die Gesichter der Nebenfiguren stark überschminkt. Umstellt von Gestalten mit verzerrten, comichaften Zügen übergießt sich Hobmeier am Ende unmotiviert mit einem Eimer roter Flüssigkeit und rutscht über die schräge Bühne auf das Publikum zu, während in hohem Bogen Kunstblut aus ihrem Mund spritzt.

Weißer Professor und schwarze Frau

Wedekind hatte viel für Prostituierte und das Zuhältermilieu übrig. Von dieser Affinität ist auch das Stück »Schande« nicht frei, das vom Südafrika nach der Apartheid erzählt, indem es Stereotype fast originalgetreu darstellt. Zunächst wird ein scheinbar biederer Professor, weiß, vor einer universitätsinternen Kommission für eine Affäre mit einer Studentin gerügt. Dann lernt man den Professor näher kennen. Regelmäßig »gebraucht« er eine schwarze »Nutte«. Einmal folgt er ihr, dringt in ihr Privatleben ein. Was treibt ihn? Liebe? Sie entzieht sich ihm. Da hält sich der einsame Mensch eben an eine weiße Studentin, die als alberner Teenager überzeichnet ist. Das bißchen Anmachen und der Sex gegen ihren Willen werden dem Macho von den Kollegen sehr übelgenommen. Seine Karriere ist futsch. Dagegen stört es niemanden, daß sich ihm schwarze Frauen verkaufen müssen, um die Miete und das Essen ihrer Kinder bezahlen zu können.

Schwarze Menschen als Puppenkulisse

Schwarze Menschen treten vor das geistige Auge dieses Profs nur als Nutten, Verbrecher und Diener. Luk Perceval hat dies eins zu eins umgesetzt und eine Menge lebensgroßer schwarzer Puppen auf die Bühne gebracht, zwischen denen die wenigen Schauspieler sich bewegen müssen. Die Idee ist nicht schlecht, aber alles bleibt ohne Dialektik. Die schwarzen Puppen werden nie aus ihrer Leblosigkeit befreit, bleiben immer Kulisse. So müssen dem Publikum die Weißen als die einzigen Menschen vorkommen, speziell die Tochter des Profs, die sich als seltsame Märtyrerin schwarzen Vergewaltigern opfert, um das Unrecht ihrer Ahnen zu sühnen.

Die Kontinuität des Überwunden-Geglaubten

Was hat das Publikum über Südafrika erfahren? Die Weißen haben es dort schwer. Mit den Schwarzen ist nicht gut Kirschen essen. Ich bin mir sicher, daß man aus dem Roman Besseres hätte machen können, in dem es wohl um die Kontinuität des Überwunden-Geglaubten geht. Auf der Bühne ist daraus etwas sehr Resignatives, verbrämt Rassistisches geworden. Immerhin wird einem der Prof als Prototyp des weißen, sich für aufgeklärt haltenden Intellektuellen im Verlauf des Stücks stetig unsympathischer. Doch leider bleibt durch das Fehlen auch nur einer schwarzen Gegenfigur, die kein Negativklischee darstellt, die Sympathie trotzdem bei ihm und seiner ätherischen Tochter, die eine Selbstopferung für das geeignete Mittel hält, mit den »bösen« Schwarzen auszukommen. Brigitte Hobmeier spielt auch diese Rolle wieder ungemein kraftvoll, leider ist sie ähnlich peinlich wie die der Franziska.

Nächste Aufführungen »Franziska« 25.1., »Schande«, 12. u. 21.1.

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