Verwanzt in Konstanz

In Konstanz findet man, diesmal weitab im Süden, ein ebenso politisch-sozialkritisches, wie witziges Theater wie in Rostock: Das Theater des Intendanten Christoph Nix: Politisches Theater im Spiel, Engagement in Afrika und der Flüchtlingspolitik, linke Präsentation des öffentlichen Auftritts in der Stadt. 

In die Stadt wurde ich gelockt durch Che Guevara, dessen Konterfei mit dem Satz: “Hasta la viktoria siempre, wie man eine Revolution macht!”, in der ganzen Stadt auf riesigen Bannern zu sehen war. Das Stück problematisiert die Gefahren der Revolution, die sich aus ihr selbst ergibt, ihre Fragwürdigkeiten, aber auch immer wieder ihre Notwendigkeit gegen das Elend.

Psychologisch spannend ist das kleines abenteuerliches Kammerspiel: „Verwanzt“ , in der Regie von der in Rostock ausgebildeten, gebürtigen Geranerin: Anja Panse.

Ein Telefon klingelt, keiner antwortet: Drecksau!

Helle Möbel vor einem grauen Vorhang, 2 Gummibäume, niedrige Regale, das Innere einer modernen Wohnung, großes aufgedecktes Doppelbett, junge Frau in Glitzerkette, billigem T-Shirt, auf dem Tisch Utensilien zum Koksen und Shit rauchen. Ein Telefon klingelt, sie nimmt ab, keiner antwortet, das passiert mehrmals, nach einer Weile brüllt sie ins Telefon: „Drecksau!“  Eine Freundin kommt, es wird klar, der Exmann  ist es, der grad aus dem Knast entlassen wurde,  nun verfolgt und bedrängt er sie.  Danach schaut sie sich ängstlich im Zimmer um, lauscht unbekannten Geräuschen.

Hinter ihrem burschikosen Stärkegehabe enthüllt sich starke Angst, Einsamkeit.  Als der Ex-Mann plötzlich nachts in der Dusche steht, kippt ihre schnoddrige Art in hilflose Schwäche ab, sie lässt sich prügeln und demütigen, danach geht die Mauer vor ihr wieder hoch.

Zwischen Wahnsinn und Irrsinn

Eine starke Milieuschilderung, sehr passgenau und gut getroffen. Das Stück „Verwanzt“ ist eine Dramatisierung des Romans „Bug“ von Tracy Letts, und behandelt die neuzeitliche Gefahr der allseitigen Beeinflussung geschwächter Einzelindividuen. Technische Möglichkeit, die zwischen Wahnsinn und Irrsinn changiert und die wir erst dann glauben, wenn wir durch Edward Snowden u.a. drauf gestoßen werden. Bespitzelung, die sich nicht mehr altertümlicher Methoden bedient, wo Männer in Nebenwohnungen an verschalteten Telefonen saßen oder mit steifen Hüten zu Versammlungen kamen.  Die Sache ist undurchschaubarer geworden. Man führt heute Kriege aus  virtuellem Shatroom, mit ferngesteuerten, biochemischen,  elektronischen Mitteln. Man studiert dies, forscht dazu. Man baut dagegen leise vor, gezielt, scheinbar unsichtbar.

Von seinen Vorgesetzten missbraucht

Ein Soldat besucht eine Kellnerin und erzählt, wie er  von seinen Vorgesetzten als Versuchsperson missbraucht, gequält und in die Psychiatrie gesteckt wurde. Wie er dann von dort floh und „sie“ seitdem hinter ihm her seien. Und all das klingt zunächst überaus glaubwürdig.

Wanzen unter der Haut

Durch die Lebenstraumata (Verlust eines Kindes und einem eben entlassenen Knacki als Brutalo-Ehemann)  geschwächt, mit Alk und Drogen mühsam betäubt, im Grunde eigentlich tapfer, hat die Frau zunächst Mitleid mit dem schüchtern-verhaltenen Peter und es entwickelt sich Zuneigung in ihr zu ihm. Eher wie probehalber landen sie als ein Liebespaar miteinander im Bett und schon am nächsten Tag enthüllt der Es-Soldat eine noch viel stärkere irreale Verfolgungsangst. Er glaubt sich von „Wanzen“ unter der Haut besiedelt, die Signale aussenden.

Interessant: Die Nähe des Wahnsinns zur Realität

Im Weiteren wird die stetige Zunahme seiner Verfolgungsideen bis zur Katastrophe geschildert. Agnes bleibt zunächst im Reich der Vernunft und wehrt sein Wahnssystem mit Hilfe des gesunden Menschenverstands ab, scheitert aber zunehmend, da er immer plausibler argumentiert. Und es wird deutlich: Die Nähe seines Wahnsinns zur Realität bis zur völligen Überschneidung der Ideen moderner Verschwörungstheorien (Bilderberger etc.) mit echten Geheimdienst- und militärischen Plänen, ist zu frappierend.  Dadurch steigern sich seine Wahnideen und mit ihnen seine Suggestivkraft in Richtung der Kellnerin, die schließlich mit ihm zusammen hineingezogen wird in eine gefährliche „Folie a deux“ (Psychiatrischer Ausdruck für „Verrücktheit zu zweit“, Fachausdruck dafür, dass ein Paranoiker einen Nichtkranken mit sich zieht).

Die Wahnhaftigkeit als Experiment der Militärorganisationen

Das Stück enthält gute Schilderungen von neuzeitlicher Verlorenheit und Ausgeliefertsein, nicht nur, dass die Begründungen des wahnhaften Ex-Soldaten einleuchten, sondern dass auch die Wahnhaftigkeit selbst als Militär- und Geheimdienst-Experiment erscheint. In der in der letzten Szene geht unten, am unbeleuchteten Rand der Bühne, ein Mann entlang, stiller Beobachter.

Geheimdienstmethoden als Irrsinn

Es scheint, als ob sich in dem Stück Wahn und Realität ständig gegenseitig überholen, ihren Rang streitig machen, es gelingt plausibel, ein  Indizieren von Irrsinn. daher kommen die Hauptpersonen am Ende zu dem Schluss, dass der Wahn selbst Teil des Verschlüsselungsprozesses ist. Das Publikum erkennt dabei, dass die Geheimdienstmethoden selbst ein Stück Irrsinn und Wahn sind, schlimmer und größer als jede Wahnerkrankung.

Nun beginnt der Thriller

Im Laufe des weiteren Stückes handeln dann Peter und Agnes immer realitätsferner, sie wickeln sich in Alu ein, da das „die Codes entschlüsseln“, sie wickeln die Möbel in Plastikplanen, sie besprühen alles mit Desinfektionszeug, verbarrikadieren sich gegen mögliche Eindringlinge, sie schneiden sich die angeblichen Tiere heraus, damit diese kein Unheil anrichten. Und doch scheint ein Begründungszusammenhang zwischen Wahninhalt zu realen Möglichkeiten noch möglich. Ganze Landstriche mit Bakterien zu verseuchen, diese in Menschen zu züchten, um Völker zu dezimieren, es ist geschehen, auch dass Biokampfstoffe und Drogenreaktionen an Soldaten erforscht und erprobt wurden. Was heutzutage technisch möglich ist, ist im Dienste bestimmter Interessengruppen machbar.

Fazit

Die wahren Wahnsinnigen sitzen in unseren Geheimdienst-, Wirtschaftsmagnaten- und Regierungszentren, sind unkontrollierbar. Deren Protagonisten sind allerdings kalt, ruhig und normal, während die beiden verrückt Gewordenen immerhin soviel Verantwortungsbewusstsein besitzen, dass sie sich am Ende selbst entleiben, da sie sich von so viel Fremdgesteuertem infiziert fühlen, dass sie Angst haben, am Ende die Menschheit auszurotten. Um das zu verhindern, wird ihr Suicid zu einer letzten freiheitlichen Entscheidung gegen die Mächtigen.

Highlight Frederike Pöschel als Agnes: Mut, Kraft, Echtheit

Das Stück ist gut dramatisiert, spannungsvoll und dicht. Im ersten Teil schnell und atemlos, im zweiten Teil wird es dann etwas blutig, da wird einem klar, dass es nach einem Thriller verfasst ist. Highlight, wie echt Friederike Pöschel die Hauptperson Agnes gibt, sie findet perfekt Ausdruck und Sprachduktus für die Verlorenheit, für Mut und Kraft ihrer Figur. Selbst als diese schon tief hineingezogen war in den Wahn, selbst da hatte sie noch eigene Präsenz als Typus einer um ihr Leben betrogenen und doch kämpfenden und zu Liebe und Verantwortungsgefühl fähigen Frau.

Auf nach Konstanz

Das Konstanzer Theater unter der Intendanz von Dr. Christoph Nix, hat ein tolles, originelles Programm mit vielen politischen Themen: Armenien, Afrika, Amerika, es gibt viele originelle Projekte (Theaterzeitung Trojaner: Subversiv-impulsiv-implexiv), vieles für viele Altersstufen, es hat seit 1990 allein 160 Stücke für Kinder und Jugendliche aufgeführt,  es hat sich zum Ziel gesetzt, etwas in der Stadt zu bewegen, die Menschen aufzurütteln und zu überraschen. Es lohnt eine Reise in diesen südlichen Zipfel Deutschlands, man ist in einer Nacht aus Berlin oder Hamburg da, gemütlich, per Liegewagen. Da kann man auch Häuser aus dem 11. Jahrhundert bestaunen!

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