Wolf unter Wölfen als Inflationsrevue am DT – Rezension

23.04.2013 / Feuilleton

Nach den »Buddenbrooks« und »Bully« Herbigs »Schuh des Manitu« hat John von Düffel nun einen Roman von Hans Fallada für die Bühne bearbeitet.  Seine Fassung von »Wolf unter Wölfen« wurde am Freitag in Berlin uraufgeführt, am Deutschen Theater, an dem Düffel seit einigen Jahren Dramaturg ist.

Inhalt

Falladas »Wolf unter Wölfen« ist ein Roman mit Überlänge, der im Berlin von 1923 spielt. In der Hauptrolle sorgt die atemberaubende Inflation für Spannung. Der junge Titelheld Wolfgang hat sich mit seiner Mutter, einer wohlhabenden Künstlerwitwe, überworfen und lebt mit seiner Freundin Petra zur Miete in einem kleinen Zimmer. Am Tag vor der Hochzeit sind beide völlig pleite. Die Suche nach Geld treibt ihn durch die Stadt, während sie von der Vermieterin aus der Wohnung geworfen und – halb verhungert, spärlich gekleidet – von der Polizei festgenommen wird. Er trifft einen ehemaligen Vorgesetzten vom Militär, wird Verwaltungsassistent auf dessen Gut. Hier gerät alles aus den Fugen (die Gutsbesitzerfamilie mit den Verhältnissen), und Wolfgang kehrt nach Berlin zur schwangeren Petra zurück, die im Knast Solidarität von Frauen erfahren und Arbeit gefunden hat. Das mag privatistisch und versöhnlerisch klingen, aber der Kollageroman ist sehr direkt aus den Blickwinkeln der Figuren geschrieben (was Fallada den Vorwurf fehlenden Klassenbewusstseins eintrug). Er entwirft ein so genaues wie umfassendes Gesellschafts­panorama, in dem sich das Typische aus dem Privaten ergibt.

Geldentwertung ins Absurde gezogen

Wie ist der Roman nun im Theater umgesetzt worden?
Als erstes französelt ein locker gekleidetes Revuegirl vor dem Vorhang Grundlegendes über einen Krieg, den der Staat nur zwei Monate lang finanzieren konnte, der aber vier Jahre gedauert hat, weshalb er also Geld drucken und die Bevölkerung beleihen musste. Anschauliche Beispiele der Geldentwertung werden wirkungsvoll ins Komisch-Absurde gezogen. Das Publikum lacht, und so wirkt dieser Auftakt nicht schulmeisternd.

Massenverelendung und Dekadenz als Leitmotiv

Falladas 1200 Seiten beginnen mit Geräuschen in einem Berliner Arbeiterhinterhof. Hier wird der Stoff in Form einer »Inflationsrevue« vergleichsweise laut und glitzernd aufgezogen. Die aktuell mal wieder bestätigte Regel, nach der Massenverarmungswellen einhergehen mit Dekadenz, Vergnügungs-und Verschwendungssucht, wird zum Leitmotiv der Aufführung, inhaltlich und gestalterisch: Spieler sind als Schattenrisse mit Silberglanz im Hintergrund um eine Band herum gruppiert. Arbeiterinnen, Knastfreundinnen, Polizeichefs etc. treten dann jeweils hervor in ihre Rollen, etwa durch Überziehen eines Kittels, aus dem noch der Revuefummel herausschaut. Außerhalb dieser Show gibt es nur das Liebespaar, das als Gegenentwurf wie im Buch zur Identifikation einlädt.

Wenn das kein gutes Geschäft ist, n´est-ce pas?

Die Profiteure des Grauens werden im bereits erwähnten Prolog vorgestellt: Kriegs-, Banken- und Anleihepolitik führten zu Staatsschulden in Billionenhöhe, die mit der Inflation zu Pfennigbeträgen schmolzen – wenn das kein gutes Geschäft ist! »N’est-ce pas?« Und wer muß es wohl ausbaden? Das wird im Laufe des Abends gespielt. Wer nicht weinen will, muß lachen und Geschäfte machen, sagen sich die kleinen wie die großen Leute. Man richtet sich in der Halbwelt ein, steht mehr oder weniger im Geldregen. Die Scheine sind bald weniger wert als das Papier, auf das sie gedruckt wurden. Verschiedene Bedrängnisse der Vermieterin und der Bewohner ihres Hinterhauses werden deutlich. Am schlimmsten ergeht es der schwangeren Petra, die von Meike Droste mit wenig Stimmkraft gespielt wird, aber sehr jugendlich und authentisch, einem kann dabei Berlin-Neukölln einfallen.

Katzenjammer nach dem Krieg 

Sehnsuchtsvoll wird an den verlorenen Krieg zurückgedacht, wo man noch wer war. »Schade, schade, schade, dass der Krieg vorbei ist!«, so denken nicht nur der Rittmeister und sein Leutnant, sondern auch das Revuegirl und der Polizeichef. Nach dem Krieg kommt der deutsche Katzenjammer. Das ist gut illustriert.

Zerrissenheit der Klassengesellschaft

Vom Elend der Arbeiter erfährt man nur indirekt. Sie werden von ihren Ausbeutern als Diebe beschrieben, die mit fremdem Geld abhauen oder als Zuchthäusler, die streng befehligt gehören. So wird das Proletariat, ohne selbst aufzutreten, als betrogene Klasse präsentiert, die in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit durch Vereinzelung zu verschwinden scheint, was an die »Überflüssigen« von heute denken lässt. Sehr deutlich wird die Zerrissenheit der Klassengesellschaft in einem Küchengespräch zwischen Petra, der Vermieterin und einer »gut situierten« Prostituierten.

Durchaus Erkenntnisgewinn

Großen Raum nimmt eine Fehde in der Familie des Gutsbesitzers ein. Der Kapp-Putsch ist ebenso herausgekürzt worden wie das dünkelhafte Gehabe des Töchterchens gegenüber den Bediensteten, die Düffel gleich ganz gestrichen hat. Unter den Schauspielern ragt Christoph Franken heraus als Croupier Zecke, Oberwachtmeister Marofke und alter Freunds Wolfgangs – seine Verbrecher sind so überzeugend wie seine zwangsneurotisch-speichelleckerischen Untertanen, man hat da durchaus Erkenntnisgewinn. Auch Peter Jordans Interpretation eines absteigenden Adligen mit Launen und Sorgen ist gelungen. Ole Lagerpusch bringt die Titelrolle köstlich verschlafen, der Widerspruch zwischen Herkunft und Lebenssituation läßt diesen Wolfgang in Dauerdepression verharren.

Königin am Premierenabend: Katharina Marie Schubert

Die Königin im Ensemble war am Premierenabend Katharina Marie Schubert (Frau von Prackwitz, Devisenvamp, Ida vom Alex, Koksnutte vom Kudamm…). Sie spielte mit hintergründigem Witz, die Dialoge purzelten ihr nur so aus dem Mund. Doch je länger man ihr und den anderen im zweiten Teil es Abends amüsiert zuschaute, desto mehr verlor sich der Sinn des Stückes. Einiges wird am Ende nicht mehr aufgenommen, darum erscheint das Ganze nicht rund und stringent. Statt eines ordentlichen Stückabschlusses gibt es eine Schrei­szene nach der anderen und Redundanzen, die einem lieber erspart geblieben wären.

Verdichtung ist nicht einfach

Fallada zu dramatisieren ist leicht, da er sehr dialogisch schreibt. Das macht die Stärke der Hinterhof-Dialektszenen im ersten Teil aus. Die Verdichtung der 1200 Seiten ist nicht immer ganz gelungen. Aber ihr Ansatz ist nicht schlecht. Die Gegenwart der Bankencrashs und himmelschreienden Unterschiede zwischen arm und reich schreit ja förmlich nach einer dekadenten Inflationsrevue.

Nächste Aufführungen: 28. u. 30.April, 3., 4., 21. u. 28. Mai,          19.30 Uhr

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