Armin Petras verlässt das Gorki-Theater – Rezension

Zum Abschied des Intendanten Armin Petras vom Gorki-Theater in Berlin, dessen Intendant er sieben Jahre lang war, gab es achtzehn Premieren und Revolutionslieder am Stück.

Der umtriebige Petras und sein Team zeigten hier noch einmal was sie können: Schnelligkeit, Abwechslung, Literaturadaptationen, Sozial- und Kapitalismuskritik. Ein Abschied mit Wehmut, weil nur einige der Schauspieler mit ihm nach Stuttgart gehen, die anderen dem Ungewissen der neuen Intendanz entgegengehen. Shermin Langhoff, die ein völlig anderes Theater anbieten wird, “Diversity”, wie sie es nennt, zu deutsch: Türkisch-deutsche, multikulturelle, moderne Produktionsvielfalt, macht dem Stammteam Angst, denn was wird aus ihnen? Und wird sich die Idee kreuzberger “Diversity”  nach “Unter den Linden” verpflanzen lassen? All das gilt es abzuwarten.

Die letzten Stücke

Die letzten Stücke von Petras waren: »Gladow-Bande« und »Leben des Galilei«. Die Gladow-Bande ist dabei ein großer Wurf gewesen. Zusammengestellt aus Originaldokumenten und den Erzählungen von Überlebenden ist das Stück nur vordergründig eine Kriminaltragikomödie. In Wahrheit geht es um die Frage, wie Hitlers Kindersoldatengeneration, hochgezüchtet in einem Massenmordprogramm, nach dem Krieg dem guten Bürger, in den sich die allesamt angeblich völlig unschuldig gebliebenen Erwachsenen flugs wieder verwandeln wollten, im Weg war.

Mimik und Gestik des Milan Peschel trifft punktgenau

Durch das Stück führt »Diamanten-Sohni« (Milan Peschl), der die Geschichte als Rückblende (nach einer tatsächlich aufgeschriebenen Geschichte) von heute aus erzählt. Er ist der heimliche Star des Abends. Seine Mimik und Gestik trifft punktgenau den Halbwelt-Mann mit Alt-Berliner Schnauze, im Nu taucht man ein in eine undurchsichtige Nachkriegsära, wo auf den Straßen, an den Bahngleisen, beim Kohlenklau und beim Organisieren auf verschlungenen Wegen, erst mal Kinder und »Halbstarke« das Sagen hatten, weil die Erwachsenen in den Augen der Kinder verspielt hatten.

In stählerner Angststarre erzogen

Von den Nazis zur organisierten Gemeinheit und in stählerner Angststarre erzogen, mit dem einzigen Ziel, einen Größenwahnsinnigen anzubeten, sind diese Kinder und Jugendlichen nun (wehe, wenn sie losgelassen) zu egomanischen Einsamkeitskönigen geworden. Ihre Väter sind tot, abwesend oder verrückt geworden, die Unterstützung der meist abweisenden Mütter obliegt den Kindern. Womit aber? Mit Kleinschieberei, mit Betrug, mit »Geschäften«, wie es die Großen auch taten, aber die sitzen noch heute in höchsten Ämtern, während diese kleine Bande am Galgen endete.

Alle ins Büro

So sieht man dann im Programmheft den originalen, 19jährigen Bandenchef, Wolfgang Gladow, nach all seinen legendären Heldentaten, kurz vor seiner Enthauptung, im Flur des Gerichts, in die Kamera lachen. Zitat:  »Wenn ick weg bin, is alles wieder in Ordnung dann ist der Krieg zuende, dann können endlich alle ins Büro«. Das trifft es, jede Szene ist exemplarisch gestaltet: Dokubilder werden hinten eingeblendet, anschaulich wird die damalige Zeit ins Heute transportiert. Kontrastiert wird Werner Gladow durch den ehemaligen Henker, der nun ein angepasster Kriecher ist und den Kommissar, der nahtlos weitermacht, wie er es 12 Jahre lang betrieben hatte.

In einem Käfig hochgezüchtet

Die Kinder der Nazizeit störten, man hatte sie in einem Käfig hochgezüchtet. Der ist nun offen, doch Ausbrüche können nicht gestattet werden. Das Stück ist in jeder Hinsicht gut gemacht, im Sinne einer Gaunerkomödie ist es stringent und spannend durchkomponiert, im Sinne eines Historiendramas sind die Zusammenhänge und die Charaktere differenziert ausgestaltet, im Sinne der Aktualität gibt es viel Spielraum für Übertragungen in die Gegenwart.

Galileo dagegen leider nicht so überzeugend

Petras »Galilieo Galilei« hat mich dagegen nicht überzeugt. Diesem Stück merkt man die Hektik des Abgangs an, dramaturgische Verlegenheiten, Längen und Redundanzen. Spielerische Schwächen bei Peter Kurth als Galileo, den er nicht ausfüllt, gegen Ekkehard Schall kommt er einfach nicht an, die Mischung von Weisheit, Lebendigkeit, Größe und Witz muß erstmal erreicht werden. Aber auch die anderen Spieler, Sebastian Wendelin als Andrea, Karina Plachetka als Frau Sarti, oder Julischka Eichel als Virginia, Galileos Tochter füllen ihre Figuren leider nicht mit Auftritten, die man in Erinnerung behält. Schlimmer noch, die Figuren wirken wie Statisten, die durch Hektik, Hysterie und Übertriebenheit verwirrt werden. Hier hat sich Petras eindeutig verhoben. Schade.

 

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