Integrier mich, Baby – Rezension

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7.11.11 / Feuilleton jw

Bernadette La Hengst ­inszeniert das Mitmachstück »Integrier mich, Baby!« am Thalia Hamburg. La Hengst, nach Selbstauskunft »Rampensau«, ist über Hamburg hinaus bekannt für ihre eigenwilligen Performances, Chansonauftritte und Theaterprojekte, in denen sie Stellung gegen Globalisierung, Kriege und Sozialraub nimmt.

In ihrem neuen Stück »Integrier mich, Baby!« läßt sie einen multimusikalischen Integrationskurs für alle los: Wir schreiben das Jahr 2033, in Altona sind nur noch 20 Prozent der Deutschen »richtige« Deutsche, also ohne jeden »Wanderungshintergrund«. Und die Zuschauer stehen für diesen Kurs an, werden in drei Sprachen (türkisch, spanisch, afrikanisch) von ihren »Lehrern« begrüßt, bekommen eine Nummer in die Hand, werden dann fotografiert und zum Platz gewiesen. Da sich Hamburg als Integrationshauptstadt Europas bewerben will, kann es nicht angehen, daß es noch Menschen ohne Wanderungshintergrund gibt, die nicht zweisprachig sind. Daher nun dieser »Kurs«. Zu Beginn werden gleich erste Prüflinge auf die Bühne gebeten, um eine Familie nachzustellen: Ane, Baba und Dede (Mutter, Vater und Opa) und deren Eltern: Anane und Babane. Man darf sich einen Namen ausdenken und ein Land, aus dem man kommt.

“Ich sehne mich so nach unserem Dorf…”

Eine Zuschauerin meldet sich, sie komme aus Kolumbien, habe aber einen deutsch-jüdischen Vater, dessen Deutschsein würde gerade noch anerkannt, ihres aber nicht, weshalb ihr Schauspielstudiensabschluß nicht anerkannt sei. Eine Frau aus dem Publikum steht auf und verliest einen wunderschönen Brief ihres türkischen Vaters an sein Heimatdorf, zwei Jahre nach der Anwerbung: »Ich sehne mich so nach unserem Dorf zurück, was macht die Ernte? Ich verdiene hier 400 DM, 300 Miete, 50 für die Genossenschaft, 50 für mich, ich würde so gern wiederkommen, aber muß erst noch sparen…«

Die Eltern sind stolz auf ihre Kinder, die im Ausland leben

Ein älterer Mann erzählt, er käme aus Nigeria, wo man vor keinem Fremden Angst habe, da viele immer im Ausland leben. »Die Familien sind stolz auf ihre Kinder, die im Ausland arbeiten.« Nun wird klar, daß die drei »Erzähler« aus dem Publikum Schauspieler sind, die im Laufe des Stückes die Geschichten der Lehrer oben auf der Bühne spielen. Im weiteren entschlüsselt sich, daß diese drei »Integrationslehrer« in Wirklichkeit Laien sind, die Bernadette Hengst direkt aus noch laufenden Deutsch-Integrationskursen auf die Bühne geholt hat. Rollentausch also auch zwischen Darsteller und Objekt, der oder die Betroffene wird hier nicht nur als Sprechchor wie bei Götsch ins Spiel integriert, sondern zum eigentlichen Akteur, zum Subjekt, zum Lehrer fürs Publikum. Bernadette Hengst selbst, die sich das Ganze ausgedacht und arrangiert hat, spielt als »Integrette Bernadette« im grau-türkisen Raumschiff-Orion-Kostüm eine zukünftige Superwoman, die jede Szene durch wild getanzte Chansons untermalt, mal als kleiner Falter auf der Bühnenleinwand herumflattert, in die jeweiligen Herkunftsländer fliegt und dort die Geschichten auch bildlich verortet, mal das Publikum zum Tanzen animiert.

Die Welt auf dem Kopf

Man sieht: Es geht wild zu in diesem Integrationskurs. Nebenbei erfährt der Unkundige, daß an der Schengen-Grenze Europas mitten im Frieden zwischen 1988–2008 nicht 250 oder 500 Tote produziert wurden, sondern 15000, also eine komplette Kleinstadt. Es werden noch viele Einzelgeschichten erzählt, die den »richtigen« »Deutschen« ein wenig Weltkultur vermitteln sollen. Dies ist das Ziel des Integrationskurses Europa: Raus aus dem verschlafenen Blickwinkel eines einzigen Landes!  Insgesamt also eine witzige, unterhaltsame und soziale Beziehungen fördernde Aufführung, in der das Publikum nicht mehr bloß Publikum ist, die Schauspieler nicht mehr bloß Schauspieler, die Laien nicht mehr bloß Laien sind und nur Bernadette immer Bernadette bleibt. Ideenreich und mit einer Stimme wie die frühe Nina Hagen. Unbedingt empfehlenswert!

* Nächste Vorstellungen: 7.11., 1.12., Thalia Hamburg, jeweils 20 Uhr

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