Theater-Stapellauf in Rostock

Im Rostocker Theater beginnt eine neue Zeitrechnung: Sewan Latchinian. Das Volkstheater war aufgegeben, das Haus am Stadthafen zugemacht, Spartenkürzungen sollten diese Woche greifen, Musik sollte wegfallen, Latchinian aber kämpft.

Darin hat er Übung. Er hat schon vor Jahren die Alternative Karriere oder Provinz in Richtung der Provinz entschieden und trotzdem Karriere gemacht. So hat er Senftenberg übereuropäisch bekannt gemacht. In Rostock ging er mit seinem Ensemble zunächst auf die Straße, dort gab er Tanzvorstellungen, dann in die Straßenbahn, dort wurden Szenen gespielt. Anderntags legte er sich mit dem OB Methling an: Keine Spartenkürzung, nichts, Musik bleibt am Haus. Haustarifvertrag erreicht. Ein Ensemble, was an einem Strang ziehend auf riesigen Plakaten prangt: „Wir trotzen dem Kulturabbau!“ und nun die Einladung: Erster Stapellauf. Neubeginn. Weiße Welle auf blauem Grund. In Rostock sieht man plötzlich blaue Straßenbahnen fahren.

Und Kerzen in Fenstern

Die Bevölkerung staunt nicht schlecht. Über das Theater, den neuen Intendanten und seine Crew. So einen Kämpfer brauchen die Rostocker schon lange mal. Zum Auftakt wurden die Bewohner rund um den zur Titanic umgebauten Theaterbau per Brief informiert, ob sie mittun wollten, da es noch hell sein würde, gemalte Kerzen in die Fenster kleben, dabei sein. Nun stehen alle Fenster auf, Leute schauen heraus. Überall gemalte Kerzen.

Eine Glocke: Vom Tagebau an die Küste

Auf dem Theatervorplatz ein Leuchtturm, auf dem Ziegelturm rechts oben eine Glocke, die Latchinian aus Senftenberg mitgebracht hat und an der er zu Beginn des Stapellaufpremiere die neue Zeit einläutet. Kraftsymbol, das Glück bringen soll. Glück der vergessenen Tagebergarbeiter an die vergessenen Küstenbewohner.  Wie auch schon in Senftenberg baut Latchinian in sein Theaterkonzept historische Regional-Bezüge an die Geschichte der arbeitenden Menschen ein, diese appellieren an die interaktive Kraft des Theaters, mehr zu bieten als das Fernsehen: Zusammenhalt. Gemeinsamkeit. Ausdruck der Kraft des Publikums. Deshalb wird es auch einbezogen.

Geschichte in Totenmasken

Der Stapellauf beginnt damit, dass die Zuschauer als Passagiere der 2. Klasse begrüßt und zum Mitmachen gebracht werden. Schauspieler spielen die 3. Klasse, das sind die Auswanderer, arme Menschen in grau, sie treten in Totenmasken auf. Ihre Geschichte, unsere Geschichte: 250.000 wanderten damals allein aus Mecklenburg und Pommern aus. Weil sie hier nicht einmal heiraten durften, wenn der Gutsbesitzer dagegen war. Sie singen, ihr Elend wird sichtbar.

Unter protzigen Roben gemalte Skelette

Nun kommen die feinen Leute über einen rot auf den Asphalt und die Treppen gemalten Teppich, sie fahren im echten Oldtimer vor.  Auch sie in Totenmasken, unter ihren protzigen Roben, weiße Knochen auf schwarzem Grund, gemalte Skelette. Gespielt wird: Der Untergang der Titanic, eine Oper von Wilhelm Dieter Siebert (1979), die sich mit Börsengier, kapitalistischer Allmacht, Wachstumsillusionen und Klassenwidersprüchen beschäftigt. Aufdeckend und anklagend. Witzig und ironisch. Das Publikum wird dabei in Bewegung gebracht. Die Musik modern, imitiert Maschinengeräusche, Emotionen, sichtbare und unsichtbare, drohenden Untergang, als der Eisberg schon gerammt ist, Übertünchung durch Kitsch. Lüge, Betrug, Gier. Die Absurdität einer immer  leerer werdenden Unterhaltungsmusik bis zuletzt. Die Hohlheit von Musik wird durch Musik karrikiert.

Wer Katastrophen hervorruft, will sich nachher meist als erster retten

Die Oper ist ein grandioses Ereignis. Im Ausklang werden weiße Raketen in den Himmel geschossen, findet alles wieder draußen statt. Anwohner können teilhaben. Die Bestechlichkeit des Kapitäns siegt über Fürsorge. Die Erkenntnis, dass das Unglück der Titanic einem Börsenspekulanten zu verdanken ist. Das Unglück von 2000 Menschen wird gegen Bakschisch in Kauf genommen. Die Heuchelei danach,  die kriechende Liebedienerei eines Journalisten, am Ende das gegenseitige Wegdrängen und Platzsichern der Haupttäter auf dem schwankenden Boot auf dem Theatervorplatz. Das Publikum erkennt: Das hier ist Wahrheit, auch heute noch, wer Katastrophen hervorruft, will sich nachher meist als erster retten.

„Ich bin eine Frau, ich bin eine Frau!“, schreit der verkleidete Journalist und springt auf das Frauen-Boot, ebenso drängt sich der Börsenmakler, sein Geld flattert zu Boden. Am Ende eine überaus starke Szene, in der der Chor der Auswanderertoten ein großes Lied in Moll singen: „So sind sie gesunken, tot und ertrunken!“

Uwe Johnsons Ingrid Babendererde

Nach dieser ersten Premiere folgt eine Pause, in der man u.a. in der Offizierscrew für 6.- das letzte Menü der Titanic speisen kann. Die zweite Premiere ist das Uwe-Johnson-Stück: Ingrid Babendererde. Ein „Sohn aus Mecklenburg“, den man nun „heimgeholt“ habe. Sein kritisches Stück aus der DDR-Anfangszeit, macht den schwierigen Prozess des Umbaus des Nazi-Bewusstseins der Erwachsenen-Generation in Ostdeutschland zum Thema. Die sozialistischen Ideen werden zu Parteiphrasen, die autoritär und militaristisch vorgetragen werden, wodurch sie leer und sinnlos werden. Wie sie denken sollen, wird den Jugendlichen aufgezwungen, weshalb die das Rennen machen, die nicht denken, nur nachplappern. Die dagegen aufbegehren, werden wegen Kleinigkeiten relegiert. Bei Shakespeare erkennen die Jugendlichen die Gesetze von Ausbeutung, Macht und Widerstand, dagegen zitieren sie Brecht und Marx. Im Namen der Partei disziplinieren die  Lehrer. Da kann was nicht stimmen.

DDR-Kritk aus sozialistischem Blickwinkel?

Doch im Westen, das beschreibt Ingrid Babendererde genau (sehr echt und gut gespielt von Inga Wolff), im Westen will sie auch nicht leben. Dort hätten ihre Verwandten Diener gehabt, die hätten strikt hinter ihnen gehen müssen,  die Tür des Autos hätte sie nicht mal allein öffnen dürfen. DDR-Kritik aus sozialistischem Blickwinkel?  Mir fällt es heute schwer DDR-Kritik aus dem Blickwinkel des Siegers anzuschauen, die Gefahr besteht, mit Leuten zusammen zu klatschen, die antiautoritäre Kritik zu ihrer machen, obgleich sie autoritäre Prinzipien sonst nie kritisieren.

Wohin aber ist die Gernation antiautoritärer DDR-Jugendlicher hin entschwunden?

Zu stark der Nebeneindruck der frohlockenden Sieger, die sich selbstgefällig über den Untergang einer Gesellschaft erheben, die von den Opfern tausendfachen Mordens gegen deren Täter aufgebaut wurde, währenddessen im anderen Teil Deutschlands Ausschwitztäter Blümchen pflanzen durften und die dortige Jugend zu Tausenden in Knäste und zu einem gewissen Teil auch zu Tode brachte, worüber ein großes Schweigen vorherrscht. Wohin ist die Generation der DDR-Jugendlichen hin entschwunden, die bis 1989 einen besseren, echteren Sozialismus durchsetzen, niemals aber kapitalistisch werden wollte? Eins wird aber klar und deutlich: Ingrid Babendererde wäre mit der heutigen Entwicklung  nicht einverstanden gewesen.

Singen gibt Kraft

Nach diesem Stück, gibt es nach einer weiteren Pause ein letztes Stück, diesmal wieder mit Musik, die Filmadaptation: „Wie im Himmel“, das eigenartig-einfallsreiche kleine Werk über einen Starmusiker, der sich mit Burnout in sein Heimatdorf zurückzieht und dort begreift, wie gemeinsames Singen Menschen Kraft geben kann. Wie mit Hilfe der Musik Erkenntnis reift, Nichtgesagtes sichtbar wird. Ein psychologisch-empathischer Stoff, glänzend umgesetzt.

Alle Stücke handeln von der Jean Paul Sartre´ischen Entscheidungsforderung dem Untergang im Großen und Kleinen zu trotzen. Hätte der Kapitän Nein gesagt, hätte der Lehrer Ingrid Babendererde zugehört und sie nicht relegiert…Stücke von der Chance des Mutes.

Das Rostocker Theater ist nicht tot, einer zumindest will seinem Untergang trotzen, man darf gespannt sein.

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