Muttersprache Mameloshn

jw/feuilleton/17.9.12

 

 

 

Ein feines psychologisches Stück ist Marianna Salzmann mit ihrer Generationenbeobachtung dreier Frauen gelungen: Großmutter, Mutter und gerade erwachsene Tochter wohnen auf einem Haufen zusammen und gehen sich auf die Nerven.

»Muttersprache Mameloschn« (ein Synonym) in der Regie von Brit Bartkowiak sieht am Berliner DT aus wie kurz vor oder kurz nach einem Umzug. Eine Kommode und ein Schrank sind der Großmutter zuzuordnen, der Mutter ein Sofa aus den Siebzigern und der Tochter einfache Küchenstühle, billig beklebt.

Die Mutter, zuviel allein gelassen, erdrückt die Tochter

Es beginnt mit dem jüdischen Witz, warum Juden keine Schmerzmittel nehmen: Weil der Schmerz dann vergehen könnte. Über das Festhalten geht es hier, um Erdrückung und Wut und Befreiung. Die Mutter, ein Kind der sechziger Jahre in der DDR, die vor allem viel allein gelassen wurde, erdrückt ihre Tochter durch Nicht-loslassen-können. Sie liegt depressiv auf dem Sofa, hat Kopfweh und ängstigt sich. Zwischendurch schreibt sie Briefe an die in New York lebende Tochter, warum sie sich nicht melde? Dabei ruft die jede Woche an. Die Großmutter ist Holocaust-Überlebende und schwärmt von ihrer früheren Zeit beim Kabarett. Sie beklagt, daß das realsozialistische Experiment nicht geklappt hat und sich hört ihre Tonbänder an, ein Symbol für Rückwärtsgewandtheit und Selbstverschlungenheit des Alters.

Die Tochter weist die Umarmungen zurück, wie auch die Mutter die Großmutter abweist

Die Tochter versucht, Erklärungen zu finden. Sie ärgert sich, daß ihre Mutter in ihren Sachen herumgeschnüffelt und ihr die Briefe ihres nach Israel in ein Kibbuz ausgewanderten Zwillingsbruders gestohlen hat. Sie weist die Umarmungen der Mutter zurück, wie auch die Mutter die der Großmutter abweist. Der Satz: »Das Schrecklichste, was einer Mutter zustoßen kann, ist, daß sich die Tochter ihr gegenüber genauso verhält, wie sie es ihrer Mutter gegenüber getan hat«, gibt die Perspektive vor.
Die Tochter wird durch die Anklammerungsversuche ihrer Mutter, die sich in ihrer Kindheit ungeborgen gefühlt hat, aus dem Haus getrieben. Die Mutter leidet. Die Großmutter hingegen vermag die familiären Mechanismen erkennen, weshalb sich die Enkeltochter ihr leichter annähern kann. Sie will von ihr jiddisch lernen, die Mutter tobt, die Großmutter nennt sie Judenhasserin. Grausame Verletzungen wechseln sich mit der Leichtigkeit jüdischen Humors ab. Und deutlich wird: Die Verarbeitung biografisch-historisch-prägender Bedingungen kann nur durch Verstehen gelingen.

Das Verstehen probieren

Einzig dadurch kann der Teufelskreis immer wiederkehrender Abwehr und Projektion durchbrochen werden. Ein solches Verstehen ist dagegen in postfaschistischen Täterfamilien im allgemeinen nicht erwünscht, dort ist die Thematiserung der Vergangenheit immer noch von Sentimentalität, Verleugnung und Fremdbeschuldigung geprägt.

Sie ist reingeworfen in eine Situation

»Muttersprache Mameloschn« ist sehr feinfühlig und gut besetzt, mit Gabriele Heinz als Großmutter, Anita Vulesica als Mutter und Natalia Belitzki als studierende, ins eigene Leben strebende Tochter. Über letztere hat die 1985 geborene Marianna Salzmann im RBB-Fernsehen gesagt: »Sie weiß sehr wenig über ihre Kultur, sie weiß sehr wenig über ihre Wurzeln. Sie ist reingeworfen in eine Situation, die eigentlich nicht mehr ihre ist. Dafür gibt es ein neues Wort, das heißt Post-Holocaust-Mentalität. Wir sind die dritte Generation, wir sind danach, eigentlich hat das nichts mit unserem Leben zu tun, aber natürlich hat das was mit unserem Leben zu tun.«

Nächste Vorstellungen: 22.9., 25.9

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