Der weiße Heiland – Rezension

15.10.12 / jw feuilleton

Das Theater Vorpommern hat mit »Der weiße Heiland« ein vergessenes Hauptmann-Stück auf die Bühne gebracht.

Hernán Cortés erobert Mexiko und wird vom Aztekenkaiser Monezuma für einen seit Jahrhunderten angepriesenen Gott gehalten, der auf die Erde herabgestiegen sei, nur um ihm zu huldigen.
Die Anfälligkeit der allerobersten Herrscher für Götteraberglauben ist größer als die der Berater. Daswird hier als Resultat der Eitelkeit, weniger als Naivität und Unerfahrenheit gedeutet. Die Berater versuchen, den Kaiser vom Gegenteil zu überzeugen (»Sieh den Damm von Menschenleichen«), doch vergebens. Montezuma überläßt sein Land der Ausbeutung, die sein Volk auslöscht.

Alter Imperialismus, neuer Kolonialismus

Erstaunlich ist, daß dieses Stück seit seiner Uraufführung 1920 nur vier Mal in Deutschland gespielt wurde. Es erinnert an das Buch: »Die Weißen kommen« von Gerd von Paczensky (1985) und an das gleichnamige Theaterstück der Berliner Compagnie aus dem letzten Jahr. Spätestens seit 2001 erscheint der alte Imperialismus als neuer Kolonialismus auf westlicher Mission, mit beschwörend-bedrohlichen Begründungen, die die alten Losungen der Dritten-Welt-Solidarität einfach umdrehen: Hilfe zur Selbsthilfe, nachhaltiges Wirtschaften etc. immer mit vorgehaltener Waffe, falls das jemand nicht einleuchten sollte.

Waffen durch Klappstühle ersetzen 

Der junge Jan Steinbeck jedenfalls muß ähnliches im Sinn gehabt haben, denn er inszenierte das Stück in Stralsund als ein modernes Stück. Eine Gratwanderung, die ihm gelungen ist, weil er die Mittel sparsam eingesetzt hat. Die schwere Sprache Hauptmanns wurde durch einige Kürzungen eingängiger gestaltet. Genial der Einfall, die Waffen durch Klappstühle zu karrikieren. Wenn Montezuma schließlich gefesselt am Boden liegt und die Eroberer verflucht: »Fort mit dem Raubgesindel! Vertilgt sie von der Erde! Mordet ohne Gnade!« weiß der Zuschauer: Das wird das Ende jeder »Friedensmission« sein.

24.10. Stralsund, 25.10., Greifswald, 28.10. Putbus

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