Das Festival »Politik im Freien Theater« in Dresden – Rezension

2.11.11 / jw-Feuilleton
 
In Dresden findet momentan das mit Filmen, Ausstellungen, Dramen vollgepackte Festival »Politik im Freien Theater« statt – unter dem Motto »Fremd«. Am Donnerstag wurde es im Europäischen Zentrum in Hellerau mit dem Stück »Versus« von Rodrigo Garcia eröffnet. Der spanische Regisseur gilt in Dresden als »provokant«.

Eine Frau wälzt sich auf einem rot angeleuchteten Quadrat voller Zeitschriften, auf einer Leinwand dahinter entstehen Bleistiftzeichnungen, so als zeichne sie in diesem Moment in rasender Geschwindigkeit. Man sieht Kriegs- und Gewaltszenen, Panzer, die Menschen niedermähen, Flugzeuge, die in Hochhaustürme rasen, doch beim genaueren Hinsehen fliegen die Flugzeuge vorbei, und aus den Panzern steigen Männchen, die sich an den Händen nehmen und um die Panzer herumtanzen. Nebenan sitzen drei WG-Männer auf dem Sofa und essen Spaghetti. Die Szenen könnten vor ihnen im TV laufen. Aus den Spaghettinudeln holen sie Sprüche heraus und lesen sie vor. Kleine Lebensweisheiten, die in deutscher Übersetzung auf die Leinwand projiziert werden. Sprunghaft, belanglos, manchmal witzig, manchmal mit Tiefgang. Einer liest etwas über »Kurse«, die zu irgend etwas angeboten werden: Kunst, Babystillen, Reisen, Selbsterkennung und »Wie lebe ich mit einem Labrador?«. Dazu Gesprächsversatzstücke: »…neidisch auf Leute, die zuhören können«, »Mutter, Vater, Kinder, alle aus Plastik«, »Kurse zur Verbesserung der sexuellen Beziehungen, sowas kann man brauchen«.

Hinten zieht sich eine Frau aus und schlüpft in ein Fellkostüm, kommt auf die Bühne und wird sofort wie ein Schaf zum Scheren fertig gemacht und gefesselt. Anschließend: Folter. Dazu Bilder aus Pornos, in denen Frauen in den Mund gepinkelt wird. »Der Mord ist eine Selbstverständlichkeit von vielen.« Szenen aus Horrorfilmen, aus den täglichen Auslandsnachrichten oder aus unseren »Friedensmissionen« all over the world? Genau wird das nicht umrissen, klar wird, der Krieg findet täglich statt, zumindest zwischen Frau und Mann und schwachem Mann und starkem Mann. Krieg und Lust werden gern vermischt, damit man das Entsetzliche irgendwie aushält. Die Kirche in Spanien protestierte auch schon.
Aber das Stück geht nicht nah. Dass das Anschauen von Gewalt nicht mehr berührt, ist auch Ziel der Wissenschaft, die sich mit dem Abbau von Tötungshemmungen bei zukünftigen Soldaten beschäftigt.

Passend dazu gab es anschließend »Good morning Vietnam« von Constanza Macras. Ein Stück, bei dem »typisch« vietnamesische Gerichte gekocht werden, während das Leben dreier Vietnamesen durch die Befreiungskriege hindurch erzählt wird. Ein nordvietnamesischer Musiker ging während des Kriegs gegen die USA in eine Schule unter der Erde, begleitet vom Lärm der einschlagenden Bomben. Ein südvietnamesischer Mann erlebte nach der Wiedervereinigung seines Landes Hunger, Fremdbestimmung und Massenverdächtigungen, der Anschluß der DDR erschien ihm dagegen vergleichsweise friedlich, da »nicht auf dem Boden eines vom Krieg zerstörten Landes«. Die Speisen durfte man probieren, dazu wunderschöne Musik. Klingt folkloristisch, war es aber nicht, sondern voller Witz und Selbstironie, was das Reportagehafte milderte und künstlerisch werden ließ.

Im weiteren Festivalprogramm werden auch zwei Stücke aus dem Neuköllner und dem Kreuzberger Kiez gezeigt: »Verrücktes Blut« (Nurkan Erpulat), das Stück, mit dem das Ballhaus berühmt wurde, und »Arabqueen« (Heimathafen Neukölln), eine Romanadaptation nach einem echten Fall über das Doppelleben eines arabischen Mädchens. Beides ist unbedingt empfehlenswert.

Am Freitag nachmittag gab es eine »Passantenbeschimpfung« von God’s Entertainment aus Österreich. Handkes berühmte »Publikumsbeschimpfung« von 1966 wurde von wahllos ausgesuchten Passanten laut schimpfend über den Bahnhof laufend, anderen Passanten vorgetragen. Die meisten schüttelten irritiert die Köpfe, kaum jemand lachte: »…wenn die Zeit nicht gespielt werden kann, kann auch die Wirklichkeit nicht gespielt werden«.

Abends dann »Testament« von der Gruppe She She Pop aus Berlin und Hamburg. Eine bemerkenswerte Adaptation des »King Lear« auf neudeutsch, die Schauspieler haben ihre Väter auf die Bühne geholt, um mit ihnen die Bedingungen des Generationenwechsels auszuhandeln. Anfangs spielen die Töchter Lears in altertümlichen Kostümen, um sich im Laufe des Stückes die Klamotten ihrer Väter überzustreifen, die im weiteren Verlauf des Stückes in Unterhosen spielen mussten, was sie sympathischer machte. Alle sind sie »irgendwie links«, gehen aber nun auf die 70 zu, und waren jetzt mit der »Unkonventionalität« ihrer Kinder konfrontiert, die mit ihnen eine möglichst praktische Pflege- und Erbmöglichkeit verhandeln wollten. Alles wirkt original so, als würde es gerade erst im Moment entwickelt, an- und ausdiskutiert. Sehr beeindruckend.

Bei diesem Festival ist der politische Anspruch da, das Programm ist abwechslungsreich, Versus war nicht so mein Fall, die anderen fand ich gut, die Stücke werden bei den “Freien”  meist kollektiv entwickelt – was eine Chance ist.
noch bis 6.11.; www.staatsschauspiel-dresden.de

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