Stiller – Filmrezension

Will man etwas erfahren über die Feigheit des durch eine patriarchale Gesellschaft erzogenen Mannes, so muss man sich mit Max Frisch und seinen literarischen Stoffen beschäftigen. Die Feigheit zeigt der in das patriarchale Korsett gepresste Mann nicht vor dem Feind, vor Waffen, Krieg und Flugzeugabstürzen, sondern vor Frauen. Tiefe Gefühle ergreifen ihn im tiefsten Inneren, sein Herz schmerzt, sie verleiten ihn zur Hingabe, aber Hingabe erscheint ihm als eine unverzeihliche Schwäche. Sie widerspricht der überall zur Schau gestellten patriarchalen Forderung, immer sachlich, hart, kalt, mathematisch und allem überlegen zu sein. Sie widerspricht der Forderung immer vernünftig und niemals gefühlsgeleitet zu sein. Hierhin liegt der traurige Grund, warum es vorkommt, dass Männer schwangere Frauen verlassen, und dass sie manchmal, grade dann, wenn sie besonders stark lieben, plötzlich einfach verschwinden und abhauen. Später sind sie verzweifelt, bereuen, trauern, aber dann sind die Kinder aus dem Haus, die Frauen gestorben, die Lieben erkaltet. Endlos viele Romane sind mit diesem Stoff gefüllt worden.

Im Falle des Films STILLER , nach dem gleichnamigem Weltbestseller von Max Frisch, gedreht von Stefan Haupt (2025) taucht ein Mann nach 8 Jahren Abwesenheit wieder in seiner alten Umgebung auf und behauptet ein anderer zu sein. Alle erkennen ihn wieder, aber er schafft es, dass selbst der Zuschauer glaubt, dass es sich um zwei verschiedene Personen handelt. Ein sehr subtiles, leises Liebes-Drama von Liebe und Schuld. Glänzend umgesetzt in diesem großartigen Film. Der Hauptdarsteller Albrecht Schuch überzeugt durch eine unfassbar gute Darstellung zweier gegensätzlicher Charaktere in einer Person. Lohnt unbedingt anzusehen. Man versteht: Das Aufbrechen des patriachalen Korsetts ist eine Befreiung für den Mann, leider aber steht er sich dabei oft selbst im Weg. Max Frischs Anliegen war immer, dieses Korsett sichtbar zu machen, es gelang ihm leider nicht, sich auch selbst aus ihm zu befreien, jedoch war es ihm stets zu eng. Die Leser seiner Romane können den Erkenntnisgewinn ziehen, dass Männlichkeit auch anders denkbar ist, mit großen Gefühlen, die sich kraftvoll Bahn brechen dürfen und nicht unterdrückt werden müssen, inklusive Weinen, Hingabe, Weichheit. Ein Thema, dass auch heute wieder hochaktuell ist!

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