CARLOS Der Schakal – Rezension

Carlos

Der “Schakal”, das “Phantom”, schon die Untertitel sagen dir, was du denken sollst; über diesen Menschen und seine Zeit. Kommentatoren des Films sprechen flugs schon gleich von den “70iger Jahren”, dass man da wohl allgemein etwas “illusionär” war und unter Realitätsverlust gelitten habe, beinahe so, als stehe die Figur Carlos stellvertretend für die 70-iger Jahre Generation.  Das hat ja prima funktioniert, der Film hat seine Wirkung getan, wer da dachte, es ginge um den  Menschen mit Namen Illich Ramirez Sanchez, der hat sich wohl getäuscht, scheinbar geht es um etwas anderes, nämlich, die sozialkritischen Bewegungen der damaligen Zeit, wenn nicht  zu diskreditieren, so doch ein wenig für dumm zu verkaufen. Aber dazu später. Zunächst ist es interessant, dass das Phänomen Carlos in diesem Film zugleich verteufelt und heroisiert wird, vor allem, da er unser System sozusagen kopiert. Er genießt, und das macht der Film durchaus deutlich, wenn auch unabsichtlich, nur deshalb einen so hohen Medienwert, weil er dieses System in allen seinen Haupttugenden unverschleiert repräsentiert: Skrupellosigkeit, Angeberei, mehr Schein als Sein, über Leichen gehen, kalt und herzlos sein, nur an sich denken, usw.  Diese Tugenden werden unseren Kindern heutzutage in Wirtschaftsseminaren an den privatisierten Bachelor-Unis beigebracht, nur die Leichen hinterlässt man vorerst noch in den Rohstoffländern. Für diese “Globalisierung” genannten imperialistischen Vorgänge, benötigen wir, laut scheidendem Bundespräsident, der eine ehrliche Haut war, wie ihm nachträglich vielfach bestätigt wird, benötigen wir also unseren “Verteidigungshaushalt” in Milliardenhöhe, um die “Wege” dahin und zurück davon zu „sichern“ .  Im Klartext:  Freischießen und freibomben, mit teuren anzern, Flugzeuigen, Drohnen, vielfach den Tod bringende Geräte, wo an einem Tag das Mehrfache der Toten produziert wird, die das Phantom Carlos je erschoss, womit das Letzte nicht verkleinert werden soll. 

Ein Mann ohne Mimik aus dem Nirgendwo

Zurück zum Film: Ein Mann ohne Mimik und ohne Vorgeschichte tritt als erfolgreicher Flugzeugentführer aus dem Nirgendwo  ins Bild und tut sich groß, mit was genau bleibt im Dunkeln. Sein Charisma wird schon zu Beginn gleich sexualisiert, nackt erhebt er sich nach dem Attentat aus einem Bett, greift sich an den Schwanz, breitbeinig schaut er sich im Spiegel an, stellt sich, als onaniere er, vor ihn hin um alsbald mit einer Handgranate ein Mädchen zu befriedigen.    Das gefiel so den Flower-Power Girls aus den Siebzigern, sie litten nämlich an Realitätsverlust. Sagen tun sie im Film nichts, außer stöhnen und lachen, geben sie kaum einen zusammenhängenden Satz von sich, sie bleiben Beiwerk, und treten höchstens als Verrückte (Gabriele Kröcher-Tiedemann) ins Bild. Während sich die Motive der Hauptdarsteller allesamt aus dem heute herrschenden Ellenbogenegomanismus ableiten, der hier zur Erfindung der Terroristen wird, werden die Schreie der Opfer lange ins Bild gesetzt, wer will, kann sich dran weiden. Später wird auch das Morden zur langweilenden Routine, scheinbar auch für die wechselnden Opfer, gelassen sitzen sie im Flugzeug und debattieren mit den Entführern bei einer Tasse Kaffee, während diese langsam austicken, außer „Carlos“, der die Ruhe und den Überblick behält, ganz Räuberhauptmann.

Kaltblütige Mörder weinen, haben für ihre opfer keinerlei Mitleid

Sehr viel wert und Mühe wurde darauf gelegt, das Milieu nachzuzeichnen, wenn es um die friedliebenden Freunde geht, sie sitzen sämtlich in bunten Hippihöhlen und präsentieren ihren lächerlichen Pazifismus. Wohin sie sich entwickeln, machen die vorkommenden RAF-Mitglieder deutlich, die hier entweder alkoholsüchtig, ausgerastet und verrückt oder dumm wie die Schafe gestaltet sind, von Tragik und Dramatik keine Spur. Schnell beginnen aber die kaltblütigen Mörder zu weinen, während sie für ihre Opfer keinerlei Mitleid hatten. Oberster Vertreter dieser selbstmitleidig kalten Sentimentalität ist Carlos, dessen Gefühle niemals echt wirken und dessen Charakter daher nicht richtig ausgestaltet wurde. Welche bösen Charaktere hätte es in der Weltliteratur gegeben, die man sich zum Vorbild hätte nehmen können, wenn man einen Teufel gestalten wollte, Jago, Richard III, Macbeth, aber nein, Carlos, das Phantom bleibt blass und langweilig. Die Freunde ihm unterwürfig und die Mächtigen ihn hofierend, erfüllt sich hier einfach jedes Klischee. Carlos  wird nur oberflächlich  kritisiert, in Wahrheit gefährlich heroisiert. Doch die Darsteller spielen wie Puppen, die an unsichtbaren Fäden gezogen werden, die Frau aus Deutschland, die später seine Frau und Mutter seiner Tochter wird, verführt ihn durch stummes, stückweises Ausziehen, unterwürfig bis zum Erbrechen, beide bleiben kalt auch dabei. Lächerlich autoritäre Strukturen werden nicht hinterfragt, sondern auf die Spitze getrieben, deutlich wird vielleicht eins: Das autoritäre Prinzip hat gegen das antiautoritäre längst den Sieg davon getragen. Carlos aber ist mit den Waffen verheiratet, sie sind „wie seine verlängerten Arme“. Das mag ein Zitat sein, das weiß man nicht, die Gegenperson, der Kumpel, der ausstiegt, bleibt jedenfalls auch flach, blass, plakativ. Leider bleiben die internationalen Verflechtungen undurchsichtig, da hätte ich gern mehr gewusst, Frauen im Hippilook werden dafür häufiger gezeigt, dazu Waffen, Geballere, Tote, am Ende nur noch verstecken und nichts tun, als aus Spaß die eigenen Leute erschießen. Ostberlin steckt Papiere zu, hilft und ist damit gleich mit erledigt, er selbst ist nun nur noch Waffenhändler, jetzt moslemisch, wes Geld ich ess… Am Ende noch Freund von sadistischen Hahnenkämpfen, nervt es ihn, nichts zu tun zu haben, womit er morden meint, wer wen hier bezahlt hat, vielleicht von Anfang an, bleibt alles hübsch im Dunkeln, bis ihn endlich die Franzosen wegen den Polizistenmorden entführen und einknasten.

Alles Spinner, die auf bunten Sofas sitzen

Schlimmer als dieser Film mit dem Phantom Carlos umgeht, dies als angebliches Vorbild der illusionistischen Linken darstellt, wird den 70iger Jahre – Linken mitgespielt, alles Spinner, die auf Sofas sitzen, Gitarre spielen und zusehen, wie einer ihrer Freunde in ihrer Wohnung Bullen abknallt, das politische Draußen dringt nur sekundenhaft ein: einmal ist von Chile die  Rede, einmal von einem, der  Antisemitismus verweigert, einem Deutschen, alles ohne Zusammenhang. Es gab in den 70-iger Jahren auch eine andere Bewegung und das war die Mehrheit, es gab linke Strukturen, die sich nicht dem bewaffneten, sondern dem friedlichen Protest gegen unmenschliche Strukturen gewidmet haben und darin große Erfolge aufzuweisen hatten. Die muss man heute genauso kleinreden wie die Errungenschaften der DDR. Genau deshalb musste das Phänomen Carlos hier so gezeigt werden, als hätte es nur ihn und seine dorftrotteligen Gefolgsleute gegeben, die ihn allesamt angehimmelt haben. Um diese Bewegung, nicht um Carlos zu diskreditieren, ist dieser Film gemacht worden.

Literatur lebt von Tragik und Größe und das Böse wie das Gute muss stets motiviert werden aus seiner Entstehung heraus, dann enthält es eine innere Wahrheit, die uns etwas zu sagen hat, im Guten wie im Schlechten, dies ist hier nicht geschehen, ein nicht empfehlenswerter Film.

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