Eine Familie – August: Osage County – santinis production – Gastspiel Rezension

Wer hätte das gedacht, ausgerechnet im privaten „Theater am Kudamm“ spielt seit 22. Januar die Wahrheit-aufdeckende Komödie:  „Eine  Familie“, von Tracy Letts (unter der Regie Ilan Ronen), das an die Skurilität von „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ anknüpft, an die Dramatik von „Anna Karenina“, an den Humor von Tucholsky (Fang nie was mit Verwandtschaft an…)  und damit drei Stunden dem Kudammpublikum einen amusanten und bitteren Spiegel vorhält.

Der pensionierte Professor, gescheiterte Dichter und überzeugter Trinker Bev lässt seine Frau Violet ohne Nachricht in der Obhut einer neu engagierten indianischen Haushaltshilfe zurück. Aus allen Teilen des Landes reist daraufhin die Verwandtschaft an, um der Mutter beizustehen. Es versammeln sich die drei erwachsenen Töchter nebst Anhang, dazu Violets Schwester mit Mann und Sohn. Schon bald gerät das Treffen unter den schonungslosen  verbalen Anwürfen der tablettensüchtigen Matriarchin aus den Fugen und ein Krieg der Generationen wird sichtbar.

Dramatiker Tracy Letts schafft hier den Figuren Würde und Stolz zu geben, obgleich er sie oftmals hysterisch agieren lässt. Die Komödie vom Niedergang eines einstmals reichen amerikanischen Clans ist nicht nur verstörend, sondern verneigt sich vor allem vor der Wahrheit. Sie muss ans Licht, alles andere ist Betrug. Aber auch vor einer Matriarchin, deren Kraft erst in diesen Momenten der Endzeit deutlich wird. Gleichzeitig enthüllt sich auch die typische, aus Konkurrenz geborene bürgerlich-mittelständische Einsamkeit. Einzig positive Figur: Die indianische Überlebende der Tragödie. In ihren Armen findet am Ende die überstark-gewalttätige Mutter durch Regression Ruhe.  Symbol für das Ende der „Neuen Welt“, die einstmals schon das Ende der Geschichte darstellen sollte?

Das Stück gewann nach seiner Uraufführung am Broadway 2008 den Pulitzer-Preis und wurde 2013 unter anderem mit Meryl Streep, Julia Roberts und Ewan McGregor verfilmt.

Regisseur Ilan Ronen, Leiter des Habima National Theatre in Tel Aviv, hat „August: Osage County“ bereits 2009 sehr erfolgreich in Israel aufgeführt. Dies ist die erste Inszenierung in Berlin. Er hat dem Stück noch einen stärkeren Zug ins Absurde gegeben. Es spielen Annette Frier, Friederike Kempter und Ursula Karusseit in dieser freien Produktion im Theater am Kurfürstendamm. Herausragend:  Ursula Karrusseit, legendäre Ost-Ikone mit selbstbewusster Kaltschnäuzigkeit, die dieser überaus „unwürdigen Greisin“ ein modernes Gesicht verleiht.

Die Aufführung ist das Gegenteil eines Regietheaters, in dem sich der Regisseur mit verwegenen Ideen austobt und die Schauspieler  in einer Reihe aufgestellt, ihren Text von Zetteln ablesend ins Publikum brüllen. Hier wird noch und wieder miteinander gespielt und damit etwas erzählt, mit Witz, bitterem Humor und vielschichtigen Charakteren, die  ihre Masken zunächst zeigen, dann fallen lassen.

Nur noch bis 13. Februar!

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