Die Akte Carmen in der Neuköllner Oper – Rezension

Sieht man sich Bilder traditioneller Opernaufführungen der Oper Carmen an, so ist aus der Fabrikarbeiterin, die den Offizier verführt, sich aber nicht von ihm besitzen lassen will, eine Frau im aufwändig kostbar roten Kleid geworden, die Flamenco-Tänze aufs Parkett schmettert.  Dies hat die Neuköllner Oper anders konzipiert.

Sie hat die Oper sozusagen auf das zurückgeführt, was sie damals gewesen ist und Bizet eigentlich ausdrücken wollte, weshalb er auch einen Misserfolg erlitt, nämlich dass eine Frau aus einer untersten Gesellschaftsschicht, einer von Staat und Recht völlig ausgeschlossener Menschengruppe, einen Vertreter der staatlichen Macht erweicht,  sich von ihm lieben, aber nicht kaufen lässt.

Klassen- und Frauenemanzipationsdrama?

Dass sie nicht ihre Würde verliert, wird in den traditionellen Aufführungen meist in Richtung Feme fatal dargestellt, ihrer starken sexuellen Verführungskraft aufgerechnet, die ins Teuflische und Hexenhafte verzerrt wird. Dass es in Wahrheit aber um ein Klassen- und Frauenemanzipationsdrama geht, wird meist weniger sichtbar.

Leute mit ungeklärten Aufenthalts- und Grundrechten

Das haben David Mouchtar-Samorai (Regie) und Hans Peter Kirchberg/Insa Bernds(Musik) mit ihrem internationalen Ensemble schon von der Anlage her anders konzipiert.  Die „Zigeuner“  werden in eine Gruppe von Illegalen verwandelt ( „Leute mit ungeklärten Aufenthalts- und Grundrechten“), Zum Beispiel Carmen (Premiere: Farrah El Dibany/doppelbesetzt durch Valenta Stadler), und alle ihre Freunde. Ihnen hat er neuzeitliche SEK-Leute in schwarzer Montur entgegengestellt.  So beteiligt sich die Neuköllner Oper ganz praktisch an der Parteinahme für die Ausgegrenzten, die momentan mittels neuer völkischer Bewegungen, geschützt von Staat und Polizei schon wieder Ziele von extensiven Gewaltphantasien sind.

Überzeugend klare Haltung

Im Programmheft findet sich dazu:  „Für solches Drama braucht es eine klare Haltung“, es wurde bewusst ein Ensemble zusammengesucht, dass „aus der Schnittstelle zwischen Draußen und Drinnen stammt und mit seinen Lebenserfahrungen die Theaterarbeit fundiert“,  mit einem Israelischen Regisseur, einer ägyptischen und deutschen Hauptdarstellerin und weiteren aus den verschiedensten Ländern stammenden blutjungen Sängern und Darstellern sollte nicht nur ein Zeichen gegen Fremdenhass und Ausgrenzung  gesetzt, sondern auch Bizets ursprünglicher Konzeption einer Opera comique nahe gekommen werden, in der „das gesprochene Wort und die einfache, oft liedhafte Form des Singens, nah am Tanz“, einen natürlich-realistischen Ansatz liefert . Das ist gut gelungen. Aus der  Liebesgeschichte ist ein sozialgeschichtliches Drama um Ausgrenzung geworden und die Kraft der Schwachen, die letztendlich ihren Weg findet, die wurde überzeugend gezeigt.

Liebe muss sich neu definieren

Auch Liebe unter diesen Bedingungen muss sich neu definieren, kann nicht in alten Bahnen laufen. Die fast noch jugendliche Carmen macht deutlich, dass es nur einen Weg mit ihr und zu ihr gibt, und dass ist der völliger Freiwilligkeit. Doch ihr Nein nimmt er als zunächst fast noch als Ja und da wird ihre Abwehr immer stärker, und nichts wird hier grob gestrickt, er ist lieb, er ist zärtlich, flehend umwirbt sie der Abgewiesene. Komplimente, Küsse. Erst in der allerletzten Minute, als sie eindeutig bei ihrem Nein bleibt, da kippt es in die tödlich-verzweifelte Tat und enthüllt sich zugleich in seiner Tragik, die gelernt hat Liebe und Besitz gleichzusetzen.

Blau angestrahlte Fäden

Die Bühne ist, wie in vielen Carmen-Aufführungen üblich, dunkel gehalten, (im Hintergrund wechselnde abstrakt-zufällige Schwarzweißstrichmuster auf einer Leinwand, Straßen?), dazu blau angestrahlte dünne Fäden, die sich ins Bühnenhintere ziehen, gradlinig längs und quer aufgespannt wie eine Art Netzkarré. Durch dieses Fädengespinnst steigen die Figuren, in ihnen verfangen sie sich, durch sie werden sie am Fliehen gehindert, sie scheinen Wände und Straßen zu sein. Ihre discoartig-blaue Neonanstrahlung war mir allerdings eine Spur zu karnevalesk.

Würde und Selbstbestimmung nicht nehmen lassen

Die Requisite ist minimalistisch (Pappen, Kisten, Brett, Pistole, Messer) , das Kleid der Carmen zwar rot, aber schlicht, ihr Haar lang, weich fließend über die Schultern. Die Machart ist Realismus, der Gesang der Carmen atemberaubend, doch keine Spur von Flamenco und Feme fatal, einfach eine selbstbewusste junge Frau, die sich ihre Würde und Selbstbestimmung nicht nehmen lassen will. Sehr gut gelungen ist ein in der Mitte des Dramas eingefügter Sefardischer Gesang, mit dem ein weiterer historischer Bezug gesetzt wird. Die seit ihrem 14. Lebensjahr in Gesang ausgebildete junge ägyptische Mezzosopranistin Farrah El Dibany hat sich hier selbst übertroffen,  wunderbar dunkel singt sie das stolze, tief traurige Liebeslied Nani Nani.  Eine sehr gelungene Carmenoper. Autentisch, wirklich, gut! Mit wunderschöner Musik, mit vielen Bezügen zu historischer Ausgrenzungskultur.

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