Capitalista, Baby – Rezension

17.9.11 / jw Feuilleton

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Wie kommt es, dass Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, die im vorigen Jahr den Hacks inszenierten, sich nun Ayn Rand zuwenden, einer Apologetin des Kapitalismus?

Die 1982 verstorbene Bestsellerautorin hatte noch die Oktoberrevolution miterlebt, in der Sowjetunion studiert und war 1926 in die USA umgesiedelt, wo sich heute beispielsweise die Tea-Party-Bewegung positiv auf sie bezieht. Kühnel und Kuttner sagen, daß sie die Extreme reizen würden und sie die beiden stärksten Gegenpole in der heutigen Kultur zeigen wollten.

In den Kammerspielen des DT Berlin geben sie »Capitalista Baby« nach dem 1943 erschienenen Roman »The Fountainhead« von Rand. Schon während die Zuschauer den Raum betreten, ist Rand in einem Interview auf der Leinwand zu sehen, mit ernstem, ein wenig angespanntem Gesichtsausdruck. Egoismus ist für sie die einzige kulturell vorwärtstreibende Kraft, und die USA sind das heilige Land. Dementsprechend ist die Bühne als ein Berg in Form eines stilisierten goldüberzogenen Dollarzeichens gestaltet. Wer kommt rauf, wer fällt runter? Für Rand gibt es »Könner« und »Loser«, letztere nennt sie nur »die Schmarotzer«.

Einer solcher »Schmarotzer« ist der Architekt Peter Keating (Felix Goeser), der nichts gelernt hat als Anpassung und Andienerei. Angstvoll sitzt er allein vor einem leeren Blatt. Wenn er nicht genau weiß, was von ihm erwartet wird, bringt er nichts zustande. In solchen Momenten hilft ihm stets sein Freund und früherer Mitstudent Howard Roark (Daniel Hoevels), der leider überall durch Eigensinn aneckt und rausfliegt, sich mit Arbeiten im Steinbruch durchschlagen muß, und doch unbeirrbar an seinen eigenen Vorstellungen festhält. Roark zaubert Keating dann flugs eine Idee aufs Blatt, daraus strickt der dann seine Karriere. Eine Frau ist auch im Spiel. Die Tochter des einflußreichsten Architekten der Stadt zu ehelichen macht sich Keating zur Lebensaufgabe. Erobert wird sie aber von Roark, der stets breitbeinig, Hände in den Hüften, auftritt. Natürlich erreicht er zum Schluß auch die Spitze des Dollarbergs und der Anerkennung. Und selbstverständlich ist sein Zorn fürchterlich, als er, was er entworfen hat, auch selbst zerstören zu dürfen glaubt, wenn es nicht nach seinem Sinn geht, egal, wieviel Leute dabei draufgehen. Man hört Hitler in seinen letzten Zuckungen, der sagte, »sein« Volk sei es nicht wert gewesen, daß es überlebe.

Gestaltet ist Roark aber irritierenderweise zunächst wie ein Widerständler. Degradierungen lassen ihn kalt. Auf seinen Vorteil scheint wirklich er nicht bedacht: »Ich baue nicht, um Auftraggeber zu haben, sondern ich habe Auftraggeber, um zu bauen!« Er will nur eines: unentfremdet arbeiten. Wer will das nicht? Der Fehler besteht darin, daß hier dargelegt wird, dies können und wollen nur Auserwählte. Keating aber fordert Roark auf, seinen Eigensinn zugunsten der Karriere abzulegen: »Du wirst rich, du wirst famous, du wirst one of us!«. vergeblich. Roark lehnt ab, kommt aber trotzdem hoch. Für Rand war Opportunismus eine scheußliche, aber unabänderliche Eigenschaft. Sie glaubte, diese würde durch »Kollektivismus«, durch gegenseitige Rücksichtnahme hervorgerufen, nicht durch das Gegenteil, durch Unterdrückung und Angst.

Mit Schöpferkraft verwechselt

Folglich sah sie den Kapitalismus als Hort der Unabhängigkeit und Charakterstärke, als Wiege der Schöpferkraft und des Genius. Bekanntlich ist das Bürgertum immer fasziniert von dem Maß an individueller Freiheit, das es sich selbst gewährt auf Kosten der vielen anderen, die es nicht mitzählt. Diese Freiheit, hier Egoismus genannt und mit Schöpferkraft verwechselt, wird von Rand als einzige moralische Daseinsform angesehen. Entsprechend zeigen ihre Figuren keinerlei Entwicklung, sie wurden als Sieger und Besiegte schon geboren. Von Siegern und Besiegten künden auch täglich die Nachrichten. Und davon, wie fragil das herrschende Finanzsystem geworden ist, das sich nur noch mittels neokolonialer Kriege aufrechterhält. Man kann den beiden Regisseuren zugute halten, daß sie ironisch agieren.

Nächste Vorstellungen: 17.9., 19.9., 24.9.

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