Ballhaus Naunynstraße Festival – Rezension

Kulturelle Bildung in der Naunynstraße ist die Selbstermächtigung der Ausgegrenzten!

Es gibt verschiedene Möglichkeiten auf soziale Ausgrenzung zu reagieren, man kann sich einen Panzer anschaffen und in der Gegend herumballern, man kann traurig werden, oder man kann ins Ballhaus Naunynstraße gehen und dort zum Theaterregisseur werden. Ayhan Sönmez, wählte in seinem Stück „Tag für Tag“, wo einer sich gegen entfremdete „Arbeit für andere“ auflehnt, den letzteren Weg, wie zahlreiche Künstler, denen das Team im Ballhaus seit Jahren Möglichkeiten schafft, sich künstlerisch zu verwirklichen um die Welt zu ändern, die es nötig hat.

Jeder kann ein Künstler sein

Wir machen echtes klassenübergreifendes Theater, so die Projektleiter Veronika Gerhard und Volkan T., die das Projekt „akademie der autodidakten“ im Ballhaus gemeinsam leiten, wir sind hier im Kiez tief verwurzelt und arbeiten mit Künstlern zusammen, die aus der bekannten Naunynstraße (Was will Nyazi in der Naunynstraße, Aras Ören) kommen und hier seit Jahren eine große Rolle spielen, weil sie sich zu Wort melden wollen. Kunst will aussagen und verändern, daran arbeiten wir, dabei nehmen wir die Botschaften der Kiezbewohner auf und lassen sie damit künstlerisch arbeiten, unser Motto: Jeder kann ein Künstler sein! Motti, die große Künstler wie Beuys und Hundertwasser beflügelt haben.

Viele Verlierer, wenige Gewinner: Zwei Klassen

Denn die was zu sagen haben, machen es uns vor, wir geben nur Unterstützung. Unsere Gesellschaft ist nicht ethnisch untergliedert, wie weißgemacht werden soll, sondern in zwei verschiedene Klassen aufgespalten, die sich immer krasser und gegensätzlicher gegenüberstehen und wo es eine Menge Verlierer und nur sehr wenige Gewinner gibt. Wir als postmigrantisches Theater geben denen Stimme und Ausdruck, die sonst nur wenige Chancen haben. Unsere Workshops sind kostenlos und arbeiten mit denjenigen, die selbst aus dem Kiez kommen und ihre Leute kennen (Regisseur Neco Celik, selbst aufgewachsen in der Naunynstraße, machte 15 Jahre im gegenüberliegenden Jugendzentrum Naunynritze Kulturarbeit, heute inszeniert er in Stuttgart „Gegen die Wand“ und macht sich um die Verbreitung des postmigrantischen Selbstverständnisses verdient.

Jeden zweiten Tag eine Premiere

Herausgekommen beim jüngsten Festival ist Sehenswertes. Denn wer Ausgrenzung und Rassismus täglich am eigenen Leibe erfährt, der durchblickt auch sonst einiges, was andere lieber verbergen wollen. Dazu kommt:  Menschen verändern, während sie spielen, sich selbst, sie gelangen zu mehr Kraft, als sie je hatten und Publikum wird verändert während es sieht. Alle Achtung, jeden zweiten Tag eine Premiere, an einem Tag sogar zwei hintereinander: „Tag für Tag“ (8.,9.,10.2.), Tod eines Superhelden (12.,13.,14.2., 19 Uhr), Fake Fiktion Real (12.2.,21 Uhr) und eine Kiez-Monatsschau über Roma und Sinti-Jugendliche (17.2.,20 Uhr), von ihnen selbst vorgeführt und aufgenommen.

Tag für Tag

In der ersten Premiere „Tag für Tag“ hat Ayhan Sönmez ein kleines, sensibles Zweimannstück auf die Bühne gebracht, indem er schafft, in einem einstündigen Monolog eindrucksvoll zu schildern, wie es den Postmigranten hierzulande geht. Seinen Betrachtungen, die exemplarisch aus seinem eigenen Leben genommen sind, wobei sich selbstironisch-traurige Prosa, Gesang, Deklamation und Gedicht abwechseln, wird dialektisch  eine zweite Person gegenübergestellt, Volkan T., ein an beiden Armen komplett tätowierter Mensch, der mit Glatze und in Rockerweste und E-Gitarre auf der Bühne den Brutalo-Punk gibt, der in einem Bauwagen schläft und darüber nachsinnt, welche Leute er heute noch plattmachen muss. Beide werden aufeinander bezogen, stellen verschiedene Lösungen der Ausgegrenzten dar, bekämpfen sich manchmal, umarmen sich dann wieder, zu Anfang liegen sie friedlich beieinander, ein kahler Baum ziert die abgedunkelte Bühne, die durch Begrenzungslinien grob unterteilt ist. Der Hauptdarsteller malt auf die Glatze des Freundes einen roten Irokesenstreifen, monologisiert nachdenklich: „Es regnet, ich habe Angst, ich habe so eine Angst zu werden, wie der Zucker, der ins Wasser getaucht wird, wie er sich sich auflöst, wie er durchsichtig wird, wie er verschwindet.“ Dann, lauter: „ Ein Punk hat keine Angst, er ist auf sich selbst gestellt, er wohnt in einem Wohnwagen, er läuft ganz vorn auf den Demos, er wird verhaftet, aber das macht ihm nichts aus… Plötzlich prügeln sich beide ganz kurz, gefrieren zum Standbild, Sirenengeheul ertönt, der Punk erwacht, steht auf, gibt einen Einblick in ein Punk-Konzert mit laut brüllender Gesangseinlage, danach schmeißt er die Gitarre weg und sagt, dumpf klingt es aus seinem mächtigen Körper: „Eine Arbeit, die man nicht gerne tut, ist eine Arbeit, die ich nicht mag, ich mag die Faulheit. Immer faulenzen, ich werde nie arbeiten gehen, ich werde immer zu spät kommen, immer faul sein…“

Nur auf die kleinen Dinge kommt es an

Ayhan Sönmez erhebt sich wieder, er hatte einen Hund gespielt, der dem Punk zu Füßen lag, sagt nun: „ nicht auf die große Wahrheit kommt es an, nur auf die kleinen Dinge“ und „wenn man nicht sucht, gibt es nichts Interessantes… Das Leben muss einen überraschen.“ Seine sich im Kreis drehenden Gedanken drehen sich um den Sinn des Lebens, um Selbstmord- und Allmachtsphantasien, um die Bewältigung von sozialen Situationen der Ausgrenzung, die zum Dauerzustand einer sich selbst zerstörenden Finanzoligarchie gehört und davon, dass die Ausgegrenzten einander nicht oder viel zu wenig als Gleiche erkennen. Der Punk (Volkan T.) verändert sein Gesicht, seine Augen sind plötzlich schwarz geschminkt, eine Blutspur führt aus dem Mund zum Kinn, er spukt auch Blut, redet von seinen vielen Aufgaben, wem er es heute noch heimzahlen muss. Dazwischen Kindererinnerungen: „Ich dachte immer, ich müsse die Welt retten…, Ayhan als Kind sinniert: Wenn ich groß bin, möchte ich ein Pferd haben, Volkan T. dagegen: Wenn ich groß bin, möchte ich einen Pittbull haben, Ayhan: Wenn ich groß bin, werde ich mir eine Frau suchen und mit ihr ein Haus bauen, Volkan T.: Wenn ich groß bin, werde ich mir einen Bauwagen suchen und ihn auf den Müll schieben…“ Klassenunterschiede werden zugespitzt, nicht aufgelöst, trotzdem mögen sie sich, seltsam die Episode, wo Ayhan über das Aufessen seiner Schwester und seines Bruders philosophiert, sehr stark der Satz: „Was ich bin, ist das, was andere mir gegeben haben, ich bin eine fortlaufende Lüge, sie umarmen sich, aus beiden wird ein Mensch.

Ein Mensch, der sich durchschlägt

Dicht, eigenwillig, stellenweise poetisch tragen hier die aus ihrer alten Klasse herausgetretenen Regisseure die Botschaft ihres Stadtviertels und damit der benachteiligten, prekarisierten, wie es auf neudeutsch heißt, Menschen vor, dabei ist das Gesicht Ayhan Sönmez dazu eindrucksvoll-sensibel und sehr ausdrucksfähig, auch humorvoll und witzig, während das Gesicht Volkan T´s immer mehr zu einer Maske wird, kein Opfer, nein, ein Mensch, der sich durchschlägt, Aussage: Seht her auf uns, ihr nennt uns Abschaum, ihr findet uns überflüssig, doch ihr selbst seid es, die uns erzeugt habt und doch nicht wahrnehmen wollt. Hingehen und die Reste des kleinen Kreuzberger Festivals im Ballhaus genießen, noch bis zum 17.2. Empfehlenswert!           

Tod eines Superhelden

Gespannt darf man auch auf Samstag sein, dort wird „Tod eines Superhelden“ gegeben, das bisher größte Unternehmen in der „akademie der autodidakten“, ein Stück, dass die globalisierte Finanz-Waren-Betrügerei direkt frontal angreift, es hat sich dahin entwickelt, sollte nicht so werden und es  ist doch so gekommen, die antikapitalistische Ausrichtung ergab sich einfach, man darf gespannt sein. Sicher ist eines: Keine Belehrung von oben, keine besserwisserische gutgemeinte Kultur-Integrationspolitik, Selbstermächtigung der Betroffenen, bestes Theater!

Zur Info:  Die „akademie der autodidakten“ im Ballhaus Naunynstraße ist ein die normalen Theaterproduktionen flankierendes Kulturelles Bildungsprojekt, das sich den ganzen Februar einem Festival widmet, wo die Ergebnisse des letzten halben Jahres in mehreren Premieren vorgestellt werden: „Tag für Tag“ (8.,9.,10.2.),  aber auch “Tod eines Superhelden”, “Fake Fiction Real” und die neue “Kiezmonatsschau” am Ende des Monats, außerdem ein Theaterprojekt mit einer Schule (Zusammenarbeit mit Nürtingengrund- und Röntgenschule, sowie vielen anderen Jugend-kiezprojekten) und mehrere Workshoptage, die den Jugendlichen die Möglichkeit geben mehr über das “Wie” in Theater und Musik zu lernen. Das Stück „Ferienlager“ aus dieser Produktion ist das bisher erfolgreichste Projekt der akademie, auch schon in New York gezeigt, handelt von Jugendlichen im Schlafsaal einer fiktiven Jugendherberge, die ihre Lebensläufe wie nebenbei Revue passieren lassen, Brüche, Chancenlosigkeiten, aber auch Aufbruch und Widerstandswillen eindrücklich darstellen und dabei gelernt haben, professionell Theater zu spielen.

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