Warten auf Godot im Gefangenentheater aufBruch – Rezension
Das Warten ist die grausamste Vermengung von Hoffnung und Verzweiflung, durch die eine Seele gefoltert werden kann. Sully Proudhomme, 1922
Mit dem Stück „Warten auf Godot“ (Samuel Beckett, 1953) ist mal wieder ein großer Wurf des legendären Gefängnistheaters aufBruch in Berlin gelungen, das Stück soll überhaupt, laut WELT, das meistgespielte Stück in den Gefängnissen der Welt sein. Kein Wunder, wartet nicht jeder Gefangene tagtäglich 24 Stunden lang? Die Umsetzunmg im aufBruch war entsprechend gut, die Premiere führte zu standing ovations.
Das Stück, normalerweise ein Zwei – Mann – Stück zweier Landstreicher, Didi und Gogo, wird hier gekonnt von sieben Schauspielern gespielt. Diese sind, durch lediglich etwas angestaubte schwarze Straßensachen, allerdings nur wenig als Obdachlose erkennbar. Auch das hat seinen Reiz, sie erinnern daher tatsächlich eher an sich selbst, an Gefängnisinsassen.
Diese sieben Personen werden nun in wirklich kunstvollen Wechsel-Dialogen miteinander in Kontakt gesetzt und spielen sehr originell, mit großer Körperkraft und originellen Tanz- und Sing-Einlagen. Die Besonderheiten und Originalität der Umsetzung mit dem Gefangenen – Ensemble des aufBruch-Theaters ist gut gelungen. Das Warten, das Quälende des Wartens, die kleinen Ablenkungen, die Wut, der Frust, die sich aufstauen, die Zeitdehnung, all das wird hier sehr gut dargestellt und die Gefangenen spielen es mit großer Leidenschaft. Die Spieler, alle samt Gefangene aus Plötzensee, bringen das Thema und die sehr abstrakte, schwer zu lernende Sprache, mit großer Authentizität auf die Bühne. Es ist etwas, was uns angeht, wir kennen das, sagt einer der Spieler später auf der kleinen Premierenfeier.
Auch politisch aktuelle Sätze fallen: „Man ist der Geldwirtschaft satt bis zum Ekel, jetzt beginnt der Cäsarismus, er wächst auf dem Boden der Demokratie, seine Traditionen reichen aber weiter zurück!“
Das Problem des sinnlosen, des hoffnungsvollen und manchmal trostlosen und schrecklichen Wartens findet sonst eher selten im Theater als Quälmethode Erwähnung, wir sehen es in manchen Stücken als Sinnbild von Langeweile, etwa bei Tschechov, aber hier wird vom Ensemble das Quälerische von Beckett betont. Die Erweiterung des Zwei-Mann-Ensemble auf sieben Leute wirkt hierin sehr günstig verstärkend.
Sowohl die Hoffnung auf einen Retter, als auch die Angst vor einem plötzlichen Diktator, als auch das leere Warten ins Nichts hinein bis zum Ende des Lebens wird hier mit sehr fein herausgearbeiteter Intensität, in einzelnen getrennten Episoden dargestellt. Einzelne Talente des Ensembles stechen sehr heraus, Moxx zum Beispiel überzeugt durch eine gleichzeitige Talentiertheit im Ausdruck, in Gesang, Gelenkigkeit, Körpersprache und Pantomime. Wirklich, der geborene Schauspieler! Besser als jeder professionelle Schauspieler. Auch das einfache Schuhe – an- und Ausziehen entfaltet eine ganz besondere Symbolik. Die Gefangenen sprechen auch eigene Texte, Assoziationen zum Thema Warten: „Sie sagen, Godot kommt nie, doch wir stehen trotzdem da. Weil das Hoffen uns hält und nicht das, was mal war. Vielleicht sind wir selbst das, worauf wir warten, Gefangene im Kreis aus den eigenen Taten!“ Moxx. Und Alex sagt: „Ich warte auf ein Leben ohne Türen, die keine Klinke haben. Auf ein Leben, in dem ich entscheide, wann und was ich einkaufe…warte darauf, endlich nach hause zu können und meine Kinder von der Schule abzuholen“
Das Publikum von Beckett 1953, teilte grausame Kriegserfahrungen, die vergessen und nicht erwähnt werden durften. Beckett schreibt in dem Stück aber keine Zeile über den Krieg. Das aufBruch-theater lässt eine Dia-schau laufen, ein immerwährender Krieg seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Ist der Mensch verdammt zur permanenten Wiederholung von Furchtbarem, weil gelähmt, weil von Autoritäten eingeschüchtert? Der aggressive Pozzo hat diese Rolle, aber auch er ist nicht Godot. Godot tritt nicht auf, weder als Retter, noch als Strafender. Auch Beckett kannte ihn nicht, aber ein Bote scheint ihn zu kennen. Doch ist dieser, ähnlich wie die Boten in Kafkas Schloss, sehr eingeschüchtert.
Eindrucksvolle Gesichter sieht man als Spieler im aufBruch Theater, großartige Qualität der Darstellung. Die Dialoge allesamt bravorös gegeben. Auf einer Leinwand läuft ein kleiner filmischer Parkour durch die deutsche Geschichte bis heute an Kriegen und Gewalt gegeben hat. Schwerpunkt dieser filmischen Szenen liegt auf dem immer wieder Vorkommen der Ungerechtigkeiten, der Verfolgung von Schwächeren, die Gewalt des Krieges und der Gewalt in Gefängnissen. Das Warten wird also in einen dialektischen Bezug zur Gewalt gesetzt, wie es auch Beckett vorgesehen hat. Gogo und Didi erinnern an zwei Kinder, wie auch Kinder sehr häufig oft in sehr langen Warte-Situationen ausharren müssen, ohne dass die Erwachsenen sich darüber überhaupt Gedanken machen, so kennt jeder das zeitziehende Warten eines Kindes auf seine Mutter auf seinen Vater, wenn zum Besuch zu spät kommen, und weil das alle Menschen kennen und die Hilflosigkeit eine stärkere Massenerfahrung ist, als die Selbstwirksamkeit, deshalb fasziniert dieses Stück immer wieder. Das ganze Leben ein Warten. Nie habe ich diese Parabel Becketts besser verstanden als gestern in der Premiere im aufBruch – Gefängnistheater in Berlin, unbedingt hingehen!